Gustav Meyrink

Der Engel vom westlichen Fenster

Sonderbares Gefühl: das verschnürte und versiegelte Eigentum eines Toten in der Hand zu halten! Es ist, als gingen feine, unsichtbare Fäden von ihm aus, zart wie Spinnengewebe, und leiteten hinüber in ein dunkles Reich.

Die Führung des oft verschlungenen Spagats, die sorgsame Faltung des blauen Umschlagpapiers darunter: das alles zeugt stumm vom zielvollen Denken und Handeln eines Lebendigen, der den Tod kommen fühlte. Der darum Briefe, Notizen, Schatullen, angefüllt mit einst Wichtigem, nun aber bereits Gestorbenem, vollgesogen mit Erinnerungen, die lange jetzt verweht sind, sammelt, ordnet, bündelt mit halben Gedanken an einen zukünftigen Erben, einen ihm fast fremden, fernen Menschen – an mich –, der von seinem Hingang wissen und ihn erfahren wird, wenn das geschlossene Bündel, verschollen im Reiche der Lebenden, den Weg in fremde Hand gefunden hat.

Die wuchtigen Rotsiegel meines Vetters John Roger sinds, die es verschließen, und sie tragen das Wappen meiner Mutter und ihrer Familie. Lang genug hatte dieser Mutter-Brudersohn bei Basen und Tanten schon 'der Letzte seines Stammes' geheißen, und dieses Wort klang in meinen Ohren immer wie ein feierlicher Titel hinter seinem ohnedies fremdartigen Namen, wenn es mit sonderbarem, ein wenig lächerlichen Stolz ausgesprochen wurde von den dünnen, verschrumpften Lippen, die rundum die letzten waren, einen abgestorbenen Stamm den Rest seines Lebens aushüsteln zu lassen.

Dieser Stammbaum – so wuchert das heraldische Wortbild weiter in meiner grübelnden Phantasie – hat seltsam verknorrte Äste über ferne Länder gestreckt. In Schottland hat er gewurzelt und überall in England geblüht; mit einem der ältesten Geschlechter in Wales soll er blutsverwandt gewesen sein. Kräftige Schossen faßten Boden in Schweden, in Amerika, zuletzt in Steiermark und in Deutschland. Überall sind die Zweige abgestorben; in Großbritannien verdorrte der Stamm. Einzig bei uns hier im südlichen Österreich schoß ein letzter Ast in Saft: mein Vetter John Roger. Und diesen letzten Ast hat – England erwürgt!

Wie hielt 'Seine Lordschaft', mein Großvater mütterlicherseits, an Überlieferung und Namen seiner Ahnen fest! Er, der doch nur ein Milchbauer war in Steiermark! – John Roger, mein Vetter, hatte andere Bahnen eingeschlagen, Naturwissenschaften studiert und als Arzt dilettiert in moderner Psychopathologie, weite Reisen gemacht, sich mit großer Ausdauer belehrt in Wien und Zürich, in Aleppo und Madras, in Alexandria und Turin bei diplomierten und gar nicht diplomierten, vom Schmutze des Orients starrenden oder im gebügelten Streifhemd des Westens glänzenden Kennern des tieferen Seelenlebens.

Wenige Jahre vor Ausbruch des Krieges war er nach England übergesiedelt. Soll dort Forschungen nachgegangen sein über Schicksal und Herkunft unseres alten Geschlechts. Aus Gründen, die ich nicht kenne; doch immer hieß es, er spüre einem tiefen, seltsamen Geheimnis nach. Da überraschte ihn der Krieg. Österreichischer Reserveoffizier, wurde er interniert. Verließ die Camps nach fünf Jahren als zerstörter Mann, kam nicht mehr über den Kanal, starb irgendwo in London, hinterließ nur geringe Habseligkeiten, die jetzt unter den Familienangehörigen zerstreut sind.

Mir blieb, mit etlichen Andenken, dies heute eingetroffene Paket; die steile Aufschrift lautet auf meinen Namen.

Der Stammbaum ist erloschen, das Wappen zerbrochen!

Das ist auch nur ein richtiger Gedanke von mir, denn kein Herold vollzog über der Gruft diesen düster-feierlichen Akt.

Das Wappen ist zerbrochen, – so sprach ich nur leise vor mich hin, als ich die roten Siegel löste. Niemand mehr wird mit diesem Petschaft siegeln.

Es ist ein starkes, prächtiges Wappen, das ich da – zerbreche. Zerbreche? Sonderbar, ist mir nicht plötzlich, als schriebe ich eine Lüge nieder?

Wohl breche ich das Wappen auf, aber wer weiß: vielleicht erwecke ich es nur aus langem Schlaf? – Im dreiviertelgespaltenen, überm Fuß gegabelten Schild steht im rechten, blauen Feld ein silbernes Schwert, senkrecht in einen grünen Hügel gestoßen – wegen der Besitzung Gladhill in Worcester unserer Ahnen. Im linken, silbernen Feld steht ein grünender Baum, zwischen dessen Wurzeln eine silberne Quelle hervorströmt – wegen Mortlake in Middlesex. Um im grünen Zwickelfeld überm Schildfuß, da steht das brennende Licht, geformt wie eine früh-christliche Lampe. Ein ungewöhnliches Schildzeichen, seit jeher von den Wappenkundigen mit Befremden betrachtet.

Ich zögere, das letzte, sehr schön ausgeprägte Siegel zu zerreißen; ein Vergnügen, es zu beschauen! – Aber, was ist das?! Das ist doch gar nicht die brennende Ampel überm Schildfuß! Das ist ein Kristall! Ein regelmäßiger Dodekaëder, von glorioleartigen Lichtstrahlen umgeben? Ein strahlender Karfunkel also, keine mattleuchtende Ölfunzel! Und wieder beschleicht mich ein seltsames Gefühl: mir ist, als wolle sich eine Erinnerung in mir zu Bewußtsein emporkämpfen, die schlafen gelegen seit – seit, ja seit Jahrhunderten.

Wie kommt der Karfunkel in das Wappen? – Und, sieh da: eine winzige Umschrift? Ich nehme die Lupe und lese: "Lapis sacer sanctificatus et praecipuus manifestationis."

Kopfschüttelnd betrachte ich diese unverständliche Neuerung auf unserem alten, mir sonst so wohlvertrauten Wappen. Das ist ein Siegelschnitt, den ich bestimmt niemals gesehen habe! – Entweder hat mein Vetter John Roger einen andern, zweiten Siegelstock besessen, oder – – ja, es ist klar: der scharfe, moderne Schnitt ist unverkennbar: John Roger hat sich in London ein neues Petschaft prägen lassen. Aber: warum? – Die Öllampe! Es will mir plötzlich wie selbstverständlich, fast wie lächerlich scheinen: die Öllampe war nie etwas anderes als eine späte, barocke Korrumpierung! Von jeher hat das Wappen einen leuchtenden Bergkristall geführt! – Was aber will die Umschrift sagen? – Merkwürdig, wie der Bergkristall mich so bekannt – irgendwie innerlich vertraut – anmutet. Bergkristall! Ich weiß ein Märchen von einem leuchtenden Karfunkel, der irgendwo zuoberst strahlt, – aber ich habe das Märchen vergessen.

Zögernd zerbreche ich das letzte Siegel und entknote das Paket. Was mir entgegenfällt, sind uralte Briefe, Akten, Urkunden, Exzerpte, vergilbte Pergamente in rosenkreuzerischer Chiffreschrift, Tagebücher, Bilder mit hermetischen Pentakeln, zum Teil halb vermodert, einige Schweinslederbände mit alten Kupfern, gebündelte Hefte aller Art; dann ein paar Elfenbeinkästchen voll wunderlichem Altzeug, Münzen, reliquienartig in Silber- und Goldblech gefaßte Holzteile, Knöchelchen, sodann, fettglänzend und kristallhaft scharf auf Flächen geschnitten: Proben bester Steinkohle aus Devonshire, und allerhand dergleichen mehr. – – Obenauf ein Zettel mit der steifen, steilen Handschrift John Rogers:

"Lies oder lies nicht! Verbrenne oder bewahre! Tu Moder zu Moder. Wir vom Geschlechte der Hoël Dhats, Fürsten von Wales, sind tot. – – Mascee."

Sind diese Sätze für mich bestimmt? – frage ich mich. Es muß wohl so sein! Ich verstehe ihren Sinn nicht, aber es drängt mich auch nicht, ihnen nachzugrübeln; so wie ein Kind sich sagen würde: was brauche ich das jetzt zu wissen! Ich werde später schon alles von selber erfahren! Was bedeutet aber das Wort "Mascee"? Es macht mich neugierig. Ich schlage nach im Lexikon. "Mascee = ein anglochinesischer Ausdruck." – so lese ich dort –, er heißt soviel wie: Was liegt daran! Es ist gleichbedeutend mit dem russischen "Nitschewo."

Es war spät in der Nacht, als ich gestern nach langem Sinnen über das Schicksal meines Vetters John Roger und über die Vergänglichkeit aller Hoffnungen und Dinge mich vom Tische erhob, um das genaue Durchprüfen der Hinterlassenschaft dem kommenden Tage zu überlassen. Ich ging zu Bett und schlief bald ein.

Offenbar hat mich der Gedanke an den Bergkristall auf dem Wappen bis in den Schlaf verfolgt; jedenfalls entsinne ich mich nicht, jemals einen so seltsamen Traum erlebt zu haben wie in jener Nacht.

Der Karfunkel schwebte irgendwo hoch über mir in der Finsternis. Ein Strahl, der bleich von ihm ausging, traf meine Stirn, und ich fühlte deutlich, daß zwischen meinem Kopf und dem Stein auf diese Weise eine bedeutsame Verbindung hergestellt war. Dieser Verbindung suchte ich mich, da sie mich ängstigte, zu entziehen und wandte deshalb den Kopf hierhin und dorthin zur Seite, aber es gelang mir nicht, dem Lichtstrahl auszuweichen. Dafür machte ich bei den wiederholten Wendungen und Drehungen des Kopfes eine mich befremdende Erfahrung: es schien mir nämlich, als stünde der Strahl des Karfunkels auch dann auf meiner Stirn, wenn ich das Gesicht nach unten in die Kissen grub. Und deutlich fühlte ich, wie mein Hinterhaupt die plastische Struktur eines neuen Vorderhauptes annahm: mir wuchs aus der Scheitelgegend hervor ein zweites Gesicht. – Es erschreckte mich nicht; war mir nur lästig, weil ich nun auf keine Weise mehr dem Lichtstrahl zu entrinnen vermochte.

Januskopf, sagte ich zu mir selber, aber ich wußte im Traum, daß das lediglich eine Bildungsreminiszenz aus dem Lateinunterricht war, und wollte mich mit dieser Erkenntnis zufriedengeben; doch es ließ mir keine Ruhe. Janus? – Unsinn, nicht: Janus! Aber was dann? – Mit ärgerlicher Beharrlichkeit heftete sich mein Traumbewußtsein an dieses "Was dann?" – Dabei wollte es mir nicht einfallen, "wer ich war". – Statt dessen geschah etwas anderes: der Karfunkel senkte sich langsam, langsam aus der Höhle, die über mir stand, herab und näherte sich meinem Scheitel. Und ich hatte das Gefühl, als sei er etwas derart mir Fremdes, Urfremdes, daß ich es in keiner Art hätte in Worte fassen können. Ein Gegenstand von fernen Gestirnen wäre mir nicht fremder gewesen. – Ich weiß nicht, warum ich jetzt, wenn ich mir den Traum überlege, an die Taube denken muß, die bei der Taufe Jesu durch den Aszeten Johannes vom Himmel herabgekommen ist. – – Je näher der Karfunkel rückte, desto steiler fiel der Lichtstrahl auf mein Haupt, das heißt: auf die Verbindungslinie beider Köpfe. Und allmählich empfand ich dort ein eiskaltes Brennen. An diesem nicht einmal unangenehmen Gefühl wachte ich auf. – – –

Der Vormittag nach jener Nacht ist mir im Grübeln über den Traum verlorengegangen.

Mühsam und zögernd löste ich sich mir aus frühestem Kindheitsgedächtnis eine halbe Erinnerung: das Gedenken an ein Gespräch, an eine Erzählung, an etwas Erdachtes oder Gelesenes – oder was es sonst gewesen sein mag –, in dem ein Karfunkel vorkam und ein Gesicht, oder eine Gestalt, die aber nicht "Janus" hieß. – Eine fast erblindete Vision tauchte da langsam vor mir auf:

Als ich, ein Kind noch, auf dem Schoß des Großvaters saß, des vornehmen Lords, der doch nur ein steirischer Gutsbesitzer war, da hat mir der alte Herr, während ich auf seinem Knie ritt, allerhand halblaute Geschichten erzählt.

Alles, was Märchen ist in meiner Erinnerung, das spielt auf den Knien des selbst fast märchenhaften Großvaters. – Und der Großvater erzählte mir von einem Traum. – "Träume", sagte er zu mir, "sind größere Rechtstitel als Lordschaften und Erbländer, mein Kind. Merke dir das. Wenn du ein rechtschaffener Erbe sein wirst, vermache ich dir vielleicht einmal unseren Traum: den Traum der Hoël Dhats." – Und dann erzählte er mir mit geheimnisvoll gedämpfter Stimme, so leise, als hätte er Angst, die Luft im Zimmer könnte ihn belauschen, und nahe an meinem Ohr, aber immer unterm hopsenden Auf- und Niederreiten seines Schenkels, auf dem ich saß, von einem Karfunkel in einem Lande, dahin ein Sterblicher nicht kommen könne, es sei denn, es geleite ihn einer, der den Tod überwunden hat, und von einer Krone von Gold und Bergkristall auf dem Doppelhaupte des, des – – –? – – ich meine, mich zu erinnern, daß er von diesem Traumdoppelwesen so sprach wie von einem Ahnherrn oder einem Familiengeist. – Aber hier versagt mein Gedächtnis ganz; alles liegt in einem dunkelhellen Nebel gehüllt.

Ich jedenfalls habe nie einen ähnlichen Traum gehabt bis – bis heute nacht! – War das der Traum der Hoël Dhats?

Es hat keinen Zweck weiter zu grübeln. Auch unterbrach mich her der Besuch meines Freundes Sergej Lipotin, des alten Kunsthändlers aus der Werrengasse.

Lipotin – den Spitznamen "Nitschewo" haben sie ihm gegeben in der Stadt – war ehemals Hofantiquar S. M. des Zaren, ist aber immer noch ein ansehnlicher, sehr repräsentabler Herr, trotz seines jammervollen Schicksals. Ehemals Millionär, Kenner, und Sachverständiger für asiatische Kunst von Weltberühmtheit: jetzt ein alter, rettungslos dem Tod verfallener, armer Winkelhändler mit allerhand zusammengeramschter Chinaware, aber immer noch zaristisch bis auf die Knochen. Ich verdanke seinem nie versagenden Urteil den Besitz einiger hervorragender Seltenheiten. Und – merkwürdig – immer, wenn ich eine besondere Sehnsucht, einen Wunsch nach einem Gegenstand, der mir schwer erreichbar scheint, empfinde, bald darauf kommt Lipotin mich besuchen und bringt mir Ähnliches.

Heute zeigte ich ihm, da ich nichts Bemerkenswertes zur Hand hatte, die Sendung meines Vetters aus London. Er lobte einige der alten Drucke und nannte sie "Rarissima". Auch ein paar gefaßte medaillonartige Gegenstände fanden sein Interesse: gute deutsche Renaissancearbeiten von mehr als handwerklicher Güte. Endlich besah er sich das Wappen John Rogers, stutzte und verfiel in Nachdenken. Ich fragte ihn, was ihn bewege. Er zuckte die Achseln, zündete sich eine Zigarette an und – schwieg.

Nachher plauderten wir von gleichgültigen Dingen. Kurz bevor er wieder ging, warf er noch hin: "Wissen Sie, Verehrter, unser guter Michael Arangelowitsch Stroganoff dürfte sein letztes Päckchen Zigaretten nicht mehr überdauern. Es ist gut so. Was sollte er auch noch versetzen? Es tut nichts. Das ist unser aller Ende. Wir Russen gehen wie die Sonne im Osten auf, um im Westen – unterzugehen. Leben Sie wohl!"

Lipotin ging. Ich dachte nach. Also Michael Stroganoff, der alte Baron, eine Kaffeehausbekanntschaft von mir, war nun auch soweit, hinüberzugehen in das grüne Reich der Toten, ins grüne Land der Persephone. Seit ich ihn kennengelernt habe, lebt er nur von Tee und Zigaretten. Als er auf der Flucht aus Rußland hierherkam, besaß er nichts, als was er auf dem Leibe trug. Darunter etwa ein halbes Dutzend Brillantringe und fast ebenso viele schwere goldene Taschenuhren: was sich eben beim Durchbruch durch die Kette der Bolschewiken in die Tasche hatte stecken lassen. – Von diesen Kleinodien lebte er sorglos und mit den Manieren des großen Herrn. Er rauchte nur die teuersten Zigaretten, die er aus dem Orient bezog, wer weiß, über welche Mittelsmänner. "Die Dinge der Erde in Rauch aufgehen zu lassen", pflegte er zu sagen, "ist vielleicht der einzige Gefallen, den wir Gott tun können." – Aber zugleich verhungerte er langsam; und saß er nicht in dem kleinen Laden Lipotins, so fror er in seiner Dachkammer irgendwo in der Vorstadt.

Also Baron Stroganoff, ehemals kaiserlicher Gesandter in Teheran, liegt im Sterben. "Es tut nichts. Es ist gut so," hat Lipotin gesagt. Mit einem gedankenvollen Seufzer ins Leere wende ich mich den Manuskripten und Büchern John Rogers zu.

Ich greife dies und das wahllos hervor und fange an zu lesen.

Nun habe ich den Tag hindurch John Rogers hinterlassene Dokumente durchstöbert, und das Ergebnis ist, daß es mir aussichtslos erscheint, diese Fetzen von antiquarischen Studien und alten Aufzeichnungen zu einem sinnvollen Ganzen zu ordnen: aus solchem Schutt ist kein Gebäude mehr zu errichten! – "Lies und verbrenne", raunte es mir immer wieder zu. "Moder zu Moder!"

Was geht mich auch diese Geschichte eines gewissen John Dee, Baronets von Gladhill, an? Bloß, weil der ein alter Engländer mit einem Spleen und vielleicht dazu ein Ahnherr meiner Mutter war?

Aber ich kann mich nicht entschließen, den Plunder fortzuwerfen. Bisweilen haben Dinge mehr Macht über uns, als wir über sie; vielleicht sind sie in solchen Fällen die Lebendigeren und stellen sich nur tot. – Ich kann mich nicht einmal entschließen, die Lektüre abzubrechen. Sie fesselt mich, ich weiß nicht zu sagen warum, von Stunde zu Stunde mehr. Es wächst da aus einem Wirrsal von Bruchstücken ein schaurig-schönes Bild aus alter Dämmerung hervor; das Bildnis eines hochgearteten Geistes. Eines furchtbar Getäuschten, eines Menschen: strahlend am Morgen, umwölkt am Mittag, verfolgt, verhöhnt, ans Kreuz geschlagen, mit Essig und Galle erquickt, niedergefahren zur Hölle und dennoch berufen, zuletzt in das hohe Geheimnis des Himmels entrückt zu werden wie nur je eine edle Seele, ein starker Bekenner, ein liebender Geist.

Nein, die Geschichte des John Dee, Spätenkels eines der ältesten Geschlechter der Inseln, der alten Fürsten und Grafen von Wales, Ahnherrn meines mütterlichen Blutes, – diese Geschichte soll nicht ganz verloren sein!

Aber ich vermag sie nicht so zu schreiben, wie ich möchte, das sehe ich ein. Es fehlen mir dazu fast alle Vorbedingungen: die Möglichkeit eigener Studien, dann das große Wissen meines Vetters auf Gebieten, die einige "okkult" nennen, andere mit dem Wort "Parapsychologie" beiseiteschieben zu können glauben. Es fehlen mir in solchen Dingen Erfahrung und Urteil. Ich kann nichts Besseres tun als mit gewissenhafter Mühe versuchen, Ordnung und einen immerhin verständlichen Plan in dies Durcheinander von Trümmern zu bringen: "behalten und weitergeben", nach den Worten meines Vetters John Roger.

Es entsteht freilich so nur ein brüchiges Mosaikbild. Aber ist nicht häufiger der Reiz der Ruine größer als der einer glatten Bildtafel? Rätselvoll springt da die Kontur vom Lächeln eines Mundes ab zu der tiefen Schmerzensfalte über der Nasenwurzel; rätselvoll starrt ein Auge unter abgesprengter Stirn hervor; rätselvoll leuchtet plötzlich ein Inkarnat auf aus bröckligem Hintergrund. Rätselhaft, rätselhaft – –.

Wochen, wenn nicht Monate wird es mich kosten, bis ich in peinvoller Arbeit diese notwendige Entwirrung des schon halb verrotteten Knäuels geschaffen haben werde. Ich schwanke: soll ich es tun? Hätte ich doch nur die Gewißheit, ein Innerer zwänge mich dazu, ich würde aus reinem Trotz ablehnen und das ganze Zeug in Rauch aufgehen lassen, um – "dem lieben Gott einen Gefallen zu tun".

Dazwischen muß ich immer wieder an den sterbenden Baron Michael Arangelowitsch Stroganoff denken, der seine Zigaretten nicht mehr aufrauchen kann, – vielleicht weil der liebe Gott seine Bedenken hat, sich von einem Menschen allzuviel Gefälligkeiten erweisen zu lassen.

Heute war der Karfunkel im Traum wieder da. Es ging damit wie in der vorigen Nacht, aber das eiskalte Gefühl beim Niedersteigen des Kristalls auf mein Doppelhaupt bereitete mir keinen Schmerz mehr, so daß ich davon nicht erwachte. – Ich weiß nicht: hing es damit zusammen, daß der Karfunkel schließlich meinen Scheitel berührte? Ich sah jedenfalls in dem Augenblick, in dem der Lichtstrahl beide Gesichter meines Kopfes gleichmäßig überstrahlte, daß ich selbst jener Doppelhäuptige – und dennoch ein anderer war: Ich sah mich, das heißt den "Janus", die beiden Lippen bewegen auf der einen Kopfseite, während die der anderen Schädelhälfte unbeweglich blieben. Und dieser Stumme war eigentlich "ich". Der "Andere" mühte sich lange umsonst, einen Laut hervorzubringen. Es war, als ringe er aus tiefem Schlaf nach einem Wort.

Endlich formten die Lippen einen Hauch und es wehten mich die Sätze an:

"Nichts ordnen! Nicht wähnen, du könntest es! Wo der Verstand ordnet, da bewirkt er die Umkehrung der Ur-sache und bereits Untergang. Lies, wie ich dir die Hand führe, und stifte nicht Zerstörung. – Lies, wie – ich – führe – –"

Die Anstrengung des Sprechens fühlte ich in meinem "andern" Haupt mit solcher Qual, daß ich wahrscheinlich davon erwacht bin.

Es ist mir sonderbar zumute. Was will da werden? Löst sich in mir ein Gespenst? Tritt ein Traumphantom in mein Leben? Will sich mein Bewußtsein spalten und werde ich – "krank"? Einstweilen weiß ich mich beim besten Wohlsein, und ich kann wachend nicht die geringste Neigung verspüren, mich "doppelt" zu fühlen; geschweige, daß mich irgend etwas "zwingt", so oder so zu denken oder zu handeln. Ich bin durchaus Herr meiner Empfindungen, meiner Absichten: ich bin frei! – – –

Wieder taucht da ein Stück Erinnerung an die Reiterunterredungen auf dem Knie meines Lord-Großvaters auf: er sprach mir davon, daß der Familientraumgeist stumm sei; einst werde er aber reden. Dann sei das Ende aller Tage des Blutes gekommen und die Krone schwebe nicht mehr über dem Haupte, sondern strahle aus seiner Doppelstirn hervor.

Beginnt der "Janus" zu sprechen? Ist das Ende des Blutes gekommen? Bin ich der letzte Erbe der Hoël Dhats?

Einerlei, die Worte, die mir im Gedächtnis haften, einen klaren Sinn haben sie:

"Lies, wie ich führe!" Und: "Der Verstand bewirkt Umkehrung der Ur-sache." – – – Sei es, ich werde dem Befehl gehorchen; doch nein, nein, es ist kein Befehl, sonst würde ich mich weigern, denn ich lasse mir nicht befehlen; es ist ein Rat, ja, ja, es ist ein Rat – nur ein Rat! Und warum sollte ich den nicht befolgen? – Ich werde also nicht ordnen. Ich werde aufzeichnen, wie meine Hand greift.

Und ich griff blindlings ein Blatt heraus, das die steile Handschrift meines Vetters John Roger trägt, und las:

"Alles ist lange vergangen. Die Menschen sind längst tot, die in diesen Schicksalsdokumenten mit Wünschen und Leidenschaften auftreten und in deren Moder zu graben ich, John Roger, mich nun unterfange. Auch sie haben im Moder anderer Menschen gewühlt, die damals ebensolange schon tot waren, wie die es nun selber sind, in deren Asche ich wühle.

Was ist tot? Was ist vergangen? Was einmal gedacht hat und gewirkt, das ist auch heute noch Gedanke und Wirkung: Alles Gewaltige lebt! Gefunden freilich haben wir allesamt nicht, was wir gesucht haben: den wahren Schlüssel zum Schatze des Lebens, den geheimnisvollen, den zu suchen schon Sinn und Wert alles Lebens bedeutet. Wer hat die Krone gesehen mit dem Karfunkel darüber? Gefunden haben wir alle, wir Suchenden: nur das unbegreifliche Unglück solle überwunden werden! Aber es ist wohl so, daß der Schlüssel im Abgrund des Stromes ruht. Wer nicht selbst hinabtaucht, der bekommt ihn nicht. War nicht unserem Geschlecht geweissagt der letzte Tag des Blutes? Keiner von uns hat den letzten Tag gesehen. War das unsere Freude? So war es auch unsere Schuld.

Mir ist der Doppelköpfige nie erschienen, so sehr ich ihn auch beschwor. Ich habe den Karfunkel nie erblickt. Mag es also so sein: wem der Teufel nicht mit Gewalt den Hals in den Rücken dreht, der wird auf seinem unaufhaltsamen Weg ins Land der Gestorbenen niemals den Aufgang des Lichtes erblicken. Wer aufwärts klimmen will, muß abwärts steigen, dann erst kann das Untere zum Oberen werden. Aber zu wem von uns allen aus John Dees Blute sprach denn der Baphomet?

John Roger."

Der Name "Baphomet" trifft mich wie ein Keulenschlag.

Um Gottes willen – der – Baphomet! – Ja, das war der Name, der mir nicht einfallen wollte! Das ist der Gekrönte mit dem doppelten Gesicht, der Familientraumgott meines Großvaters! Diesen Namen hatte er mir ins Ohr geflüstert, rhythmisch den Atem stoßend, als wollte er mir etwas in die Seele hämmern, als ich auf seinem Schenkel – ein kindlicher Reiter – auf und nieder ritt:

Baphomet? Baphomet!

Aber wer ist Baphomet?

Er ist das Geheimsymbol des uralten geheimen Ordens der Tempelritter. Der Urfremde, der dem Templer näher ist als alles Nahe und gerade deshalb ein unbekannter Gott bleibt.

Waren denn die Baronets von Gladhill Templer? fragte ich mich. Das könnte wohl sein. Der eine und andere von ihnen, warum nicht? Was die Handbücher, die überlieferten Gerüchte melden, ist abstrus: Baphomet sei der "untere Demiurg"; gnostisch entartete Hierarchientüftelei! Warum wäre dann der Baphomet ein Doppelhäuptiger? Und warum bin ich dann der, dem im Traum die beiden Häupter wachsen? Eines ist wahr von dem allem: Ich, der letzte Blutserbe dieses englischen Geschlechtes der Dees von Gladhill, ich stehe "am Ende der Tage des Blutes".

Und ich fühle ungewiß, daß ich bereit bin, zu gehorchen, wenn der Baphomet geruhen will zu sprechen. – – – Hier unterbrach mich Lipotin. Er brachte mir Nachricht von Stroganoff. Unter seelenruhigem Drehen einer Zigarette erzählte er mir, der Baron sei erschöpft vom Blutspeien. Ein Arzt wäre vielleicht nicht abzuweisen. Vielleicht auch nur, um das Ende zu erleichtern. "Aber" – Lipotin machte, träge die Achseln zuckend, die Gebärde des Geldzählens.

Ich verstand und zog eine Schreibtischschublade auf, in der ich mein Geld verwahre.

Lipotin legte mir die Hand auf den Arm, zog auf unbeschreibliche Art die schweren Augenbrauen hoch, als wollte er sagen: "Nur keine Barmherzigkeit", und zerbiß seine Zigarette: "Warten Sie, Verehrter." Er griff nach seinem Pelz und holte einen kleinen, verschnürten Kasten hervor und brummte:

"Letzte Sache von Michael Arangelowitsch. Er läßt bitten, wenn Sie die Güte haben wollen. Es gehört Ihnen."

Zögernd nahm ich das Ding in meine Hand. Ein kleiner, schlichter Kasten aus schwerem Silber. Mit einem System von Vexierschlössern, zugleich dekorativ und solide, überdeckt. Bänder und Schlösser zeigen Muster Tulascher Silberschmiedekunst eines frühen Jahrhunderts. Immerhin ein nicht uninteressantes kunstgewerbliches Stück.

Ich gab Lipotin einen nach meiner Schätzung anständigen Betrag in Scheinen. Er knüllte ihn nachlässig und ohne zu zählen zusammen und schob ihn in die Westentasche. "Michael Arangelowitsch wird anständig sterben können" – war alles, was er zu dieser Angelegenheit noch bemerkte.

Bald darauf ging er.

Ich habe nun einen schweren silbernen Vexierkasten in der Hand, den ich nicht öffnen kann. Ich probiere stundenlang: er geht nicht auf. Die starken Bänder weichen höchstens der Säge oder dem Brecheisen. Doch dann wäre der schöne Kasten zerstört. Lassen wir ihn also, wie er ist.

Gehorsam dem Traumbefehl, habe ich soeben das erste Faszikel ergriffen und beginne mit Auszügen daraus die Niederschrift der Geschichte des John Dee, meines Urahnen. Und auch diese Auszüge schreibe ich nieder genau so, wie mir die einzelnen Papiere in die Hände geraten.

Mag der Baphomet wissen, was dabei herauskommt. Aber ich bin nun einmal neugierig gemacht, wie die Ereignisse eines Lebens abrollen, und seien es auch nur die Schicksale in einem längst vergangenen Leben –, wenn man nicht mit seinem eigenen Willen eingreift und nicht mit dem bessernden Verstand das coriger la fortune versucht.

Schon der erste Zugriff der "gehorchenden" Hand möchte mich mißtrauisch machen. Ich muß da mit der Wiedergabe eines Briefes oder Aktenstücks beginnen, dessen Inhalt eine Sache betrifft, die auf den ersten oberflächlichen Blick mit John Dee und seiner Geschichte nichts zu tun hat. Es ist in diesem Bericht von einem Fähnlein der "Ravenheads" die Rede, die, wie es scheint, in den Religionswirren von 1549 in England eine gewisse Rolle gespielt haben.

Das Aktenstück lautet:

Bericht eines Geheimagenten mit Chiffre ) + ( an S. Lordschaft, den Bischof Bonner in London, seinen Herrn:

Im Jahre 1550.

"– – – Obschon Eure Lordschaft, Herr Bischof, wissen, wie schwierig es ist, einem der satanischen Ketzerei und des krätzigen Abfalls so verdächtigen Herrn wie dem gewissen Sir John Dee auf die Finger zu sehen, wie Ihr mir befohlen habt, – und Euer Lordschaft wissen, daß sogar S. L. der Herr Guwerneur selbst leider mit nur zu gutem Grunde sich diesem schimpflichen Verdachte täglich mehr aussetzt – wage ich es dennoch, Euer Lordschaft diesen geheimen Bericht aus meiner derzeit angenommenen Kanzeley durch sicheren Boten zukommen zu lassen, damit Euer Lordschaft erkennen, wie eifrig ich ihr zu gefallen wünsche und damit meine Verdienste im Himmel sich mehren. Eure Lordschaft haben mir mit Ihrem Zorn, mit Bann und Folter gedrohet auf den Fall, daß es mir nicht gelänge, den oder die Anstifter jüngster Frechheiten des Pöbels wider unsere allerheiligste Religion auszumachen. Bitte nun flehentlichst Euer Lordschaft mit dero schrecklichem Gericht über mich armen aber getreuen Diener noch ein kurzes zu verziehen in Ansehung ich heute schon Etzliches zu vermelden habe, daraus die Schuld zweier Bösewichter klar hervorgeht.

Euer Lordschaft ist das schändliche Verhalten der gegenwärtigen Regierung unter S. L. dem Lordprotektor wohl bekannt, auch wie durch Lässigkeit des obersten Herrn – um nichts ärgeres zu sagen – die giftige Hydra des Ungehorsams, der Empörung, der Schändung der heiligen Sakramente, der Kirchen und Klöster, immer finsterer das Haupt in England erhoben werden darf. Nun sind gar in diesem Jahre des Heils 1549, Ende Decembri, in Wales ganze Banden von aufrührerischem Gesindel, als wie vom Erdboden ausgespien, ans Licht getreten. Es sind zuchtlose Schifferknechte und Landstörzer, aber auch schon einige Bauern und hirnwütige Handwerker darunter, eine angewürfelte Bande, ohne Zucht und raison, die sich ein Banner gemacht haben; und ist darauf ein greulich schwarzes Rabenhaupt abgeschildert, ähnlich dem Geheimzeichen derer Alchymisten – davon sie sich selber die "Ravenheads" zubenennen.

Ist da zuvörderst eine grausamer Haudegen, seynes Zeichens ein gewesener Metzgermeister aus Welshpool, heißet Bartlett Green, welcher als ein Hauptmann und Anführer der Bande herfürtritt, gar grausame Reden wider Gott und den Heyland, fürnehmlich aber entsetzliche Lästerungen wider die allerseligste Jungfrau Maria tut, sagend, die heilige Himmelskönigin sey nicht besser, den eine creatura und Aftergeschöpf der allergrößten Gottheit oder besser Abgöttin und Erzteufelin, so er die "schwarze Isaïs" nennet.

Hat selbiger Bartlett Green auch solche nie gehörte Frechheit und Courage, daß er öffentlich aussaget, es habe seine Abgötzin und Teufelshure, die Isaïs, gänzlich unverwundbar geschaffen und trage er von ihr zur Gabe einen silbernen Schuh, damit er, wohin er wolle, zu Sieg und Triumph schreite. Ist zu Gott zu klagen, daß auch wahrheitsgemäß selbiger B. Green samt seyner Bande allenthalben unter dem Schutz Beelzebubs und seiner Obersten zu agieren scheint, sintemalen ihm bis kürzlich noch kein Gewehr, Gift, Hinterhalt noch Scharmützel den geringsten Schaden zu tun vermögend gewesen ist.

Noch ist da ein zweites zu vermelden, obschon Gewisses zu eruieren mir bis dato noch nicht völlig gelingen wollte: daß nämlich auch nicht der grausame und erschröckliche Bartlett, sondern ein verborgener Meister die Anschläge, Raubzüge und wohl gar die Abreden mit übelgesinnten Herren im Lande, so von der Bande der Ravenheads ausgehen, dirigieret; auch mit allerley wirksamen Dingen, wie Geld, Brieffen und geheimen Ratschlägen, als ein wahrer Statthalter Satans fördert.

Müßte solch ein Rädelsführer und Strickezieher aber unter den Wohlgeborenen, ja: Mächtigen im Königreich gesucht werden. Mag wohl sein, daß der gewisse Sir John Dee einer von jenen ist!

Letzte Tage hat man es, um das Volk in Wales auf des Teufels Seite zu ziehen, Angriff auf die heiligste des Teuffels Seite zu ziehen, nämlich auf das Grab des heiligen Bischofs Dunstan zu Brederock, getan und selber gänzlich verwüstet, beraubt, die heiligen Reliquien ruchlos in alle Winde gestreut, daß es ein abgründiger Jammer ist zu melden. Dies aber darum, weil das ganze Volk der Sage anhing, es sei des heiligen Dunstans Grab in Ewigkeit unverletzbar und Zorn und Blitz des Himmels vernichte so bald jede Frevelhand, die daran zu tasten wage. Nun hat mit großem Hohn und Spott der Bartlett das Heiligtum ausgerottet und ist ihm davon viel törichtes Volks zugelaufen. – – –

Sage und melde ferner nun, was mir soeben zu Ohren kommt: es sei ein landfahrender Moskowiter, ein sonderbarer Gesell, mit mancherley Gerücht und Geraun vielenorts bekannt, nächstens heimlich zu dem Bartlett Green gestoßen und habe mit selbem mehrmals verdächtig conferieret.

Ist aber bemeldten Moskowiters Name nicht anders als: Mascee – welches ein Spitznam, weiß nicht, was es heißen soll. Und ist des Moskowitischen Zaren Magister, wie sie ihn titulieren, ein hagerer grau Männlein wohl über die fünfzig Jahre hinaus und von fast tatarischem Aussehen. Er soll als ein Kaufmann und Händler mit allerley merkwürdigen und kuriosen Seltsamkeiten derer Russen und Chinesen ins Land gekommen seyn, – solchen Handel noch heute obliegen. Ein verdächtiger Gesell, weiß keiner, von wannen er stammt.

Es ist bis dato leider mißlungen, des genannten Magisters habhaft zu werden, denn er kommt und schwindet wie ein Rauch.

Noch eins ist, das diesem Gesellen angehet und mag er uns zu seiner Handhabe dienen, ihn dennoch über kurz zu ergreifen: es haben Kinder zu Brederock sehen wollen, wie da nach dem ärgsten Tumult jener Moskowiter zu St. Dunstans geschändeter Gruft trat, daselbst zwischen die zerbrochenen Steinplatten griff und zwei schön geglättete Kugeln aus dem Grabe aufhob, eine weiße und eine rote, an Größe handlichen Spielbällen gleich und anzuschauen als wie aus glänzendem köstlichen Helfenbein gedrehet. Er soll solche mit Wohlgefallen betrachtet und dann, die Kugeln in seiner Tasche bergend, eilends von hinnen geeilt seyn. – Denke mir also mit gutem Grund, es werde der Magister selbige Kugeln um ihrer Rarität willen zu sich genommen haben und als ein Händler mit dergleichen curiosa sie baldigst an seinen Mann zu bringen suchen. – Habe demnach sotanen Kugeln scharff Nachfrage ausgehen lassen, inweilen ich aber den Magister selbsten nirgends mehr nachweisen kann.

Bleibet mir zum letzten ein Scrupel übrig, den ich Euer Lordschaft als mir von Gott bestelltem Beichtvater nicht vorenthalten mag. Kürzlich ist mir eine Brieffschaft meines bestellten Herrn, S. L. des Guwerneurs, zu Handen gekommen. Es schien mir ein Wink des Himmels und so nahm ich sie heimlich an mich. Ich fand darinnen einen Bericht eines gelehrten Doktors, derzeitigen Erziehers Ihrer Herrlichkeit, der Lady Elizabeth, Princessin von England, recht sonderlichen Inhalts. Daneben einen Streifen Pergaments, welchen ich, ohne Schaden und Gefahr eines Verdachtes, der Briefschaft entnehmen zu können glaube und lege ich ihn meinem gegenwärtigen Berichte in originali bei. Es meldet aber der Erzieher an S. L., den Herrn Guwerneur, bei kürzestem folgendes:

Es habe mit zur Zeit angelaufenem vierzehnten Lebensjahr bei der Lady Elizabeth alles beim besten gestanden. Wunderbarerweise habe die Princessin fast ganz von ihrem ehbevor bekanntem, ausartendem Wesen abgelassen und sich schicklicher Weibeshantierung zugewandt. Insbesonders habe Boxen, Klettern, Kneifen und Traktieren der Mägde und Gespielinnen, auch unterlaufendes Peinigen und Aufschneiden derer Mäuse und Frösche seinen Anreitz für die Princessin fast ganz verloren und sey sie sich gegangen mit Gebet und fleißigem Studio heiliger Schriften – wozu sie der Teufel und seine Gesellen verführet haben –.

Inmittels klagt dennoch Lady Ellinor, Tochter des Lords Huntington, jetzt bei sechzehn Jahre alt, es fasse sie die Prinzessin öfters unterm Spiel dermaßen heiß an, daß sie an ihrem Weiblichen grüne und blaue Mäler davon habe. Am verwichenen St. Gertrudis-Tage habe Lady Elizabeth von England einen Lustritt mit den Gespielinnen in den Moorwald von Uxbridge befohlen und sey die lockere Gesellschaft ohn alle Obhut dahin über die Heide gejagt – recht als der Hölle Gefolgschaft, ohne Zucht und Anstand, als wie die verdammten, heidnischen Amazonä getan!

Genannte Lady Ellinor hinterbrachte andern Tags, daß Lady Elizabeth dortselbst im Walde zu Uxbridge eine alte Hexe besucht und geschworen habe, sie wolle bei Christi Blut jene Vettel um ihr hochfürstliches Leben befragen, wie einst ihr hochseliger Ahnherr, König Macbeth, desgleichen getan.

Von der Hexe erhielt Lady Elisabeth, Princessin von England, nicht nur allerhand Sprüche, Gemurmel und Prophezeiung, sondern auch einen greulichen Trank, daran man fast an einen teufflischen Liebestrank denken müßte, den sie sogar soll ausgetrunken haben zu ihrer armen Seele Verderbnis. Es soll ihr auch hernach die Hexe ihre Weissagung auf ein Pergament geschrieben haben und wird beiliegendes corpus delicti kein anderes seyn, als die Schrift der Hexe, davon ich indessen kein einziges Wörtlein verstehen mag, es ist vielmehr in meinen Augen ein verfluchter Gallimatthias. Der Zettel auf Pergament liegt angeheftet hier bei.

Möchte solches Euer bischöflichen Gnaden zu nötiger Observation dienstwilligst kund getan haben und verharre u. s. w."

Unterschrift: ) + ( Geheimagent.

Der Pergamentstreifen, den der Geheimagent seinem Brief an den berüchtigten "Blutigen Bischof Bonner" im Jahre 1550 angeheftet hat, lautet wörtlich wie folgt – mein Vetter John Roger hat als Erläuterung hinzugefügt, daß es sich hier offenbar um eine Prophezeiung der Hexe von Uxbridge an die Prinzessin Elizabeth von England, spätere Königin von England, handeln müsse –:

Pergamentstreifen.

"Habe Gäa, die schwarze Mutter befragt, bin getaucht in den Spalt über siebenmal ziebenzig Stufen: "Guten Muts, Queen Elizabeth!" – hat die Mutter gesagt. "Hast das Heil Dir getrunken!" – hört ich die Hüterin rufen. "Es scheidet, es bindet aufs neue mein Trank; er scheidet das Weib vom Manne. Das Innen ist heil, nur das Außen ist krank: Das Ganze besteht, wenn das Halbe versank, Ich schirme – ich füge – ich banne!" Dir ins Brautbett führ ich den Jüngling zu: Werdet eins in der Nacht! Werdet eins in künftigen Tagen! Nicht zu trennen mehr im Lügen des Ich oder Du! Nicht hienieden, nicht drüben zu scheiden die königlich ragen! Das Sakrament meines Liquors macht endlich aus Zweien den Einen, der da vorwärts und rückwärts schaut in die Nacht, der nimmermehr schläft, der in der Ewigkeit wacht, dem Äonen wie ein Tag scheinen. Sei getrost! Guten Muts, Queen Elizabeth! Gelöst ist der schwarze Kristall aus der Mutter! – versprochen, Daß er heile die Krone von England, die da – o seht! – im Anfang zerbrach – und seitdem liegt zerbrochen: Halb Dir, halb ihm, der mit silbernem Schwert auf dem gründenden Hügel sich freue! Der Schmelzofen harrt und der bräutliche Herd, daß Gold mit Golde den uralten Wert und die alte Krone erneue!"

Diesem Pergamentstreifen der Hexe ist folgende Nachschrift des Geheimagenten ) + ( beigeheftet. Sie besagt in kurzen Worten, daß der im Brief an den Bischof Bonner erwähnte Rädelsführer der Ravenheads: "Bartlett Green" gefangen und eingekerkert wurde. Sie lautet:

Nachschrift: Am Montag nach dem hl. Feste der Auferstehung Unseres Herrn. 1550.

"Die Bande des Bartlett Green ist niedergehauen, er selbsten aber gefangen, unverwundet, was bei dem grausamen Treffen schier wunderbar zu nennen. Dieser Schelm, Straßenräuber und Erzketzer lieget also in guten, sicheren Ketten über und über, tags und nachts bewacht, daß keiner seiner Dämonen, noch selbst seine schwarze Isaïs, sein Abgöttin, ihn daraus möge erlösen. Ist auch über jeder seiner Handschellen dreimal das Apage Satanas gesprochen und mit Kreuzzeichen und Weihwasser wohl salvieret worden. – –

Hoffe nun auch inbrünstig zu Gott, daß dennoch St. Dunstans Prophezeiung möge Kraft und Erfüllung haben, danach er den Schänder und Schändungsanstifter – vielleicht jenen John Dee? – seines heiligen Grabes verfolgen, peinigen und strafen werden bis an dessen unselig Ende. Amen!"

Unterschrift: ) + ( Geheimagent.

Das nächste Bündel, das meine Hand aus der Hinterlassenschaft meines Vetters John Roger blindlings greift, enthält – das sehe ich sofort – ein Tagebuch unseres Urahns Sir John Dee. Es schließt, das ist klar, an den Brief des Geheimagenten an und trägt fast dieselbe Jahreszahl. Das Faszikel lautet:

Tagebuchfragmente des John Dee of Gladhill, beginnend mit dem Tag der Feier seiner Ernennung zum Magister.

St. Antonii Tag 1549.

– – – Magisterfeier soll eine gewaltige Sauferei vor dem Herrn werden. Hoë! Was werden da die besten Geister von Altengland mit Stirnen und Nasen hervorleuchten! Aber ich will Ihnen schon zeigen, wer unter ihnen der Meister ist! – – –

– – – oh, verfluchter Tag! Verfluchte Nacht! – – – Nein, oh gebenedeite Nacht, wenn mir recht ist! – Die Feder kratzt erbärmlich, denn immerhin, meine Hand ist noch besoffen, ja besoffen! – Aber mein Geist? Klarheit über Klarheit! Und noch einmal: geh in dein Bett, du Schwein, und unterstehe dich nicht! – Eins ist klarer als die Sonne: Ich bin der Herr der Nachkommen. Ich sehe in endloser Reihe entlang: Könige! – Könige sitzen auf den Thronen von Engelland! – – –

Mein Kopf ist wieder hell. Aber es ist mir, als wolle er bersten, so oft ich der gestrigen Nacht gedenke und dessen, was sich begab! – Es geziemt Besinnung und genaue Rechenschaft. – Von Guilford Talbots Magisterfeier hat mich ein Diener heimgeleitet, weiß Gott wie. Wenn das nicht das schärfste Zeichen war, seit England besteht, so – – –. Nun gut, es genügt zu sagen, ich war besoffen, wie noch nie in meinem Leben. Noah kann nicht besoffener gewesen sein.

Es war eine laue Regennacht. Das gab dem Wein erst die rechte Schärfe. Ich muß wohl auf allen Vieren nach Hause gekrochen sein, davon reden die verdorbenen Kleider.

Als ich in meinem Schlafzimmer stand, jagte ich den Diener zum Teufel, denn ich mag nicht behandelt sein wie ein Kind, wenn ich mit den Weindämonen kämpfe, aber lasse auch keinen Mantel um mich breiten wie weiland der alte Noah.

Kurz: ich suchte mich zu entkleiden. Ich zwang es und trat darum mit Stolz vor dem Spiegel.

Da sah ich das elendste, jämmerlichste, dreckigste Gesicht, das mir je vorkam, mir entgegengrinsen: ein Kerl mit einer hohen Stirn, aber niedergestrichenen, kaum mehr braunen Locken, wie um anzudeuten die niedrigen Triebe, die aus einem entarteten Hirn niederströmen. Blaue Augen, nicht majestätisch gebietend, sondern vom Weindunst ölig und klein, aber frech. Ein breites, versoffenes Maul mit einem schmutzigen Ziegenbart darunter, statt der dünnen, zum Befehlen geformten Lippen eines Roderichenkels; dicken Hals, geknickte Schultern, kurz: das Spott- und Dreckbild eines Dee, eines Baronets von Gladhill!

Mich befiel eine kalte Wut; ich reckte mich gerade und schrie den Kerl in dem Glase an:

"Schwein! Wer bist du? Drecksau, die du bist, von unten bis oben mit Straßenkot besudelt, schämst du dich gar nicht vor mir?! Hast du nie den Satz gehört: Götter sollt ihr sein? Schau mich an: hast du noch nie die geringste Ähnlichkeit mit mir, dem Enkel der Hoël Dhats? – Nein, du mißratenes, verbogenes, verschmiertes Nachtgespenst von einem adeligen Junker. Du ausgeblasene Vogelscheuche von einem magister liberarum artium! – Du sollst nicht länger die Frechheit haben, mir ins Gesicht zu grinsen! Du sollst samt diesem Spiegel in tausend Trümmer vor mir niederstürzen! –

Und ich hob den Arm zum Schlag. Da hob auch der im Spiegel den seinen, und es war wie eine Gebärde um Mitleid, wenigstens schien es mir so in meinem dämpfigen Gemüt.

Ein plötzliches tiefes Mitleid erfaßte mich mit dem Spiegelgesellen, und ich fuhr fort:

"John, wenn du noch diesen Ehrennamen verdienst, du Schwein, – John, ich beschwöre dich bei St. Patricks Loch, geh in dich! Du mußt dich bessern – mußt wieder geboren werden im Geiste, wenn dir noch weiter an meiner Kameradschaft gelegen ist! Raff dich doch auf, verdammter Bursche – – –!"

Und in diesem Augenblick gab sich das Spiegelbild einen stolzen Ruck, wie ja nicht anders zu erwarten war, was mir und jedem bei nüchternen Sinnen klar ist; in meinem Besoffensein nahm ich aber die plötzliche Erraffung des Spiegelkerls für seinen gebesserten Willen und fuhr in äußerster Bewegtheit fort:

"Das also siehst du wenigstens ein, Bruder Drecksau, daß es auf diese Weise nicht weiter geht mit dir. – Und es freut mich, mein Lieber, daß du einer Wiedergeburt im Geiste entgegenstrebst; denn –"

und die Tränen tiefsten Erbarmens stürzten mir aus den Augen –

"– denn was wird sonst aus dir werden?"

Auch der also Angeredete im Spiegel vergoß nun reichliche Tränen, was mich in meiner unbegreiflichen Narrheit nur desto mehr bestärkte, etwas fabelhaft Wichtiges gesagt zu haben; und so rief ich dem Reuigen zu:

"Es ist ein Glück des Himmels für dich, mein gefallener Bruder, daß du dich mir heute in deinem Elend gezeigt und gegenüber gestellt hast. Erwache nun endlich und tue, so viel du vermagst, denn ich, das sage ich dir, ich werde – ohne deiner künftig zu achten – ich werde – – werde – – –"

– ein schluckender Krampf, von der Fülle des Weins in die Kehle empor getrieben, raubte mir mit Würgen meine Stimme.

Dafür kam – oh eisiger Schreck! – die Stimme meines Gegenübers mit gleichmäßig sanftem, aber wie durch eine lange Röhre gesprochenen Klang:

"– ich werde nicht ruhen, nicht rasten, bis bezwungen sind die Küsten von Grönland, hinter dem das Nordlicht scheint, – bis ich den Fuß gesetzt habe auf Grönland und Grönland untertan ist meiner Stärke. – Wem das Grönland gegeben ist zum Leben, dem ist das Reich gegeben jenseits der Meere und dem ist gegeben die Krone im Engelland!" –

Damit schwieg die Stimme.

Wie ich, der Betrunkene, zu Bette kam, weiß ich nicht mehr. Ein Taumel von Gedanken stürmte über mich her, es war kein Erwehren möglich. Die Gedanken brausten über mich hin, gleichsam ohne mich zu berühren.

Ich fühlte sie über mir und lenkte sie doch ab.

Von der Spiegelwand her schoß ein Strahl ab – – –, so etwa war der Kern aller dieser Gedankenschwärme: Sternschnuppen! – dieser Strahl hat mich getroffen und trifft, hinter mir, die Bahn der Zukunft entlang, nun alle meine Nachkommen! Eine Ursache ist geschaffen auf Jahrhunderte hinaus! – – – Etwas davon faßte ich auf und schrieb es mit schwankender Hand in mein Tagebuch. Dann nahm ich das Bild der langen Reihe von Königen, alle aus meinem Blut und rätselhaft in mir verborgen, mit in den Schlaf.

Heute weiß ich: wenn ich König von England werde – und was soll mich hindern, die wunderbare, übernatürliche und dennoch diesen meinen Sinnen gewordene Offenbarung zu verwirklichen?? – wenn ich König von England werde, dann werden Söhne, Enkel, Urenkel auf dem Thron sitzen, den ich besteige! Hoë! Ich habe nun mein Heil! Bei St. Georgs Fahne! – ich sehe auch den Weg! ich John Dee.

An St. Pauli Tag 1549.

Habe lange nachgedacht über den Weg zur Krone.

Grey und Boleyn sind Namen meines Stammbaums. Ich bin von königlichem Blut. Edward, der König, ist siech. Er wird sich bald zu Tode gehustet haben. – Zwei Weibern ist der Thron beschieden. Fingerzeig Gottes! Maria? –: in den Händen der Papisten. Die Pfaffen sind meine Freunde in alle Ewigkeit nicht! Außerdem: Maria hat den gleichen Wurm in der Brust wie ihr Bruder Edward. Sie hustet. Pfui Teufel. Ihre Hände sind kalt und feucht.

Also, abgemacht mit Gott und dem Schicksal: Elizabeth!! Ihr Gestirn ist im Aufgang trotz der Nachstellungen des Antichrist!

Was ist bis jetzt getan? – Wir lernten uns kennen. Zweimal in Richmond. Einmal in London. In Richmond brach ich ihr eine Wasserrose und verdarb mir dabei Schuh und Strümpfe im Moor.

In London – immerhin, ich hakte ihr eine Nestel über die Hüfte und sie schlug mir zum Dank ins Gesicht. – Ich denke, es genügt für erste.

Habe zuverlässige Boten nach Richmond gehen lassen. Es muß Gelegenheit gefunden werden. – – –

Gute Nachrichten von Lady Elizabeths Sinnen und Meinen. Sie ist der Magisterei müde und sucht Abenteuer. – Wenn ich nur wüßte, den Moskowiter Mascee aufzutreiben!

Heute kam eine Karte von Grönland aus Holland verschrieben, von der Hand meines Freundes und Meisters im Kartenzeichnen: Georg Mercator.

An St. Dorotheastag.

Heute stand auf einmal der Mascee in meiner Tür. Frug mich, ob ich nichts brauche. – Er habe neue, curiöse Wunderdinge aus Asia. – – – War nicht wenig erstaunt, ihn zu sehen, da ich noch vor kurzem vergeblich nach ihm gefragt. Beschwor mir auch, daß sein Kommen unbeschrieen geblieben ist. Seine Anwesenheit in meinem Haus ist jetzt kein Spaß. Es kann den Kopf kosten. Bischof Bonner hat seine Augen überall.

Er zeigte mir zwei Elfenbein-Kugeln, eine rote und eine weiße, je aus zwei Hälften, fein verschraubt. Es ist nichts besonderes daran. Ich kaufte sie ihm ab, teils aus Ungeduld, teils um seiner guten Laune willen. – – – Und er versprach mir seinen besten Willen. Ich bat ihn um einen kräftigen Hexentrank, der Liebe hervorbringt und Glück für denjenigen, der dem Trank den Segen mitgibt. Er sagt, er könne ihn nicht bereiten, aber ihn bringen. – – – Mir einerlei. Ich gehe den kürzesten Weg. Ich will rasch ans Ziel. – Was die Elfenbeinkugeln betrifft, so habe ich aus Laune Zeichen hineingekratzt. Dann hat mich plötzlich – wie sonderbar! – vor ihnen gegraut und ich habe sie zum Fenster hinausgeworfen!!!

Mascee, der Magister des "Zaren" (?) hat mich wegen des Liebestranks um Haar, Blut, Speichel und – – Pfui! – – – Er hat nun, was er braucht! Ekelhaft; aber gut, wenn es nur ans Ziel führt!

An St. Gertraudentag 1549.

Es fällt mir auf, daß ich heute von merkwürdig verliebten Gedanken an Lady Elizabeth gar nicht loskommen kann. Das ist mir neu. Eigentlich ist mir Lady Elizabeth bisher in meinem Herzen vollkommen gleichgültig gewesen. – Ich habe nur der Prophezeiung des Spiegels zu gehorchen. – Da war gewiß kein Betrug dabei. Die unerhörte Wirklichkeit jenes Vorgangs steht mir eingebannt in die Seele so frisch, wie am Morgen darnach.

Aber heute kreisen alle meine Gedanken um – – bei St. Georg, ich schreibe es nieder:

– – – um meine Braut! – Elizabeth!!!

Was weiß sie von mir? Vermutlich nichts. Möglicherweise: daß ich nasse Füße bekam, als ich nach Seerosen fischte; vielleicht: daß ich eine Ohrfeige von ihr besitze.

Mehr keinesfalls.

Und was weiß ich von Lady Elizabeth?

Sie ist ein sonderbares Kind. Hart und weich zugleich. Sehr aufrichtig und geradeaus, aber verschlossen wie ein altes Buch. Ich gedenke, wie sie mit ihren Kammermägden und Freundinnen umspringt. – Es war mir einigemale im Griff, als sollte ich einen kecken Buben in Weibskleidern züchtigen.

Aber das Kühne und Kräftige in ihren Augen hat mir wohlgefallen. Ich glaubte, sie tritt den Pfaffen auf die Hühneraugen, wo sie kann, und bezeigt Niemand großen Respekt.

Sie kann aber betteln wie eine Katze, wenn sie mag. – Wäre ich sonst in den Sumpf gekrochen?

Und die Ohrfeige war auch nicht gelinde, aber von der allerweichsten Katzenpfote.

In summa, wie die Logiker sagen: königlich!

Ich denke, es ist ein nicht unedles Wild, das ich beschleiche; und es geht mir heute bei dem Gedanken heiß auf.

Mascee ist wieder verschwunden.

Höre heute durch einen Getreuen von dem Ausritt der Princessin am Gertrudis-Tag. Es ist der Tag, an dem mir so wunderlich wurde. Die Princessin ist in den Uxbridger Forst geritten und Magister Mascee hat den Verirrten den Weg zu Mutter Brigitta im Moor gewiesen.

Elizabeth hat getrunken den Liebestrank! Gott im Himmel gesegne uns den Trank. –

Lady Ellinor von Huntington möchte uns wohl, beim ewigen Heil, die Hochzeit verderben: sie wollte in ihrem unziemlichen Hochmut der Princessin den Trunk aus der Hand schlagen. Aber der Anschlag mißlang.

Ich hasse diese hochmütige, kaltherzige Ellinor.

Ich brenne darauf, nach Richmond zu gehen. Sobald gewisse Geschäfte abgewickelt, gewisse Verbindlichkeiten gelöst sind, will ich den Vorwand finden, der mich nach Richmond bringt.

Dann –: Auf Wiedersehen, Elizabeth!

Am Tage Mariä Schmerzen.

Ich habe Sorgen. Die letzten Affären der Ravenheads mißfallen mir sehr!

An St. Quirins Tag.

Ich weiß mir die Lauheit S. L. des Guwerneurs von Wales nicht mehr zu erklären. Warum geschieht nichts zum Schutze, meinethalben zum Ersatz, der Ravenheads?!

Ist es zu Ende mit der evangelischen Bewegung? Verrät der Lord-Protektor seine Getreuen?! –

Ich habe vielleicht eine Dummheit begangen. Es ist nie gut, mit dem Pöbel gemeinsame Sache zu machen. Reißt mans nicht durch, so klebt Dreck an den Strümpfen.

Dennoch: – überleg ichs genau, so darf ich mich nicht tadeln. Zu sicher sind meine Nachrichten aus dem Lager der Reformierten. Es gibt doch auch für sie kein Zurück!

Den Lord-Protektor – – – (hier ist das Blatt abgerissen) – – – zur Eroberung Grönlands. Welche andere Truppe, als desparates Schiffsvolk und ausgediente Landsknechte brächte ich so rasch auf, wenn diese gewagte Expedition nach Nordland notwendig geworden sein wird?!

Und ich gehorche meinem Stern! – Es hat keinen Zweck, sich unnütze Gedanken zu machen.

Donnerstag vor dem heiligen Osterfest.

Diese verdammte Angst! Es wird von Tag zu Tag schlimmer damit. Wahrhaftig, wenn ein Mensch ganz und gar frei sein könnte von Angst, auch von der verborgenen in ihm wohnenden, – ich glaube, er würde allmählich zum Wundertäter. Ich glaube, die Mächte der Finsternis selbst müßten ihm gehorchen. – – – Noch immer keine Nachricht von den Ravenheads. Noch immer keine Nachricht vom "Magister des Zaren": Keine Nachrichten aus London!!

Die letzten Zuschüsse an die Kriegskasse des Bartlett Green – oh, daß ich diesen Namen nie in meinem Leben gehört hätte! – haben meine Mittel über Gebühr erschöpft. Ich komme ohne Unterstützung aus London nicht vorwärts! –

Heute lese ich von dem frechsten Raubzug, den der Bartlett je gegen ein papistisches Nest getan. – Der Teufel mag ihn hieb- und stichfest gemacht haben, aber darum sind es doch seine Leute noch nicht! Ein sehr unvernünftiges Unternehmen! –

Wenn Bartlett siegreich bleibt, wird die schwindsüchtige Maria nie regieren. Elizabeth! Dann im Fluge hinauf!

Charfreitag.

Ist das Schwein hinter dem Spiegel wieder erwacht? Glotzt mich wieder der Besoffene an? Wovon bist du besoffen, Dreckseele!

Von Burgunderwein? –

Nein, gestehe, Jammerlappen, du bist besoffen von Angst!

Herrgott, Herrgott! Meine Ahnungen! Es geht mit den Ravenheads zu Ende. Man hat sie umstellt.

Der Guwerneur – ich speie ihm ins Gesicht, ich spucke ihm zwischen die Zähne, – Seiner Lordschaft!!! –

Mensch, besinne dich! Ich werde noch einmal die Ravenheads mit eigener Faust anführen. – Die Ravenheads, meine Kinder, Hoë! Hoë!

Furchtlos, old Johnny, furchtlos! –

Furchtlos!!

Ostersonntag 1549.

Heute abend saß ich über dem Studium von Mercators Karten, da ging die Tür meiner Kammer gleichsam von selber auf und herein trat ein mir Unbekannter. Er war ohne Abzeichen, ohne Waffen, ohne Beglaubigung. Er schritt auf mich zu und sagte:

"John Dee, es ist Zeit, von hier zu weichen. Es steht nicht gut mit dir. Deine Wege sind mit Feinden besetzt. Dein Ziel ist dir verrückt. Es ist nur noch eine Straße offen; die geht übers Meer." –

Ohne Gruß ging der Mann hinaus, und ich saß gelähmt.

Endlich sprang ich auf, – Gänge entlang. Treppen hinab: nichts zu spüren von meinem lautlosen Gast. – Ich frug den Kastellan am Tor: "Wen hast du zu so später Stunde bei mir eingelassen, Bursche?"

Der Kastellan antwortete:

"Niemand, Herr, daß ich wüßte!"

Da ging ich wortlos ins Haus zurück und sitze nun hier und denke, denke – – –

Montag nach dem heiligen Feste der Auferstehung unseres Herrn.

Ich kann mich nicht entschließen, zu fliehen. – Übers Meer? Das hieße: fort von England, fort von meinen Plänen, Hoffnungen. – – – daß ich es doch lieber ausspreche: fort von Elizabeth!

Die Warnung war gut. Ich höre, die Ravenheads hatten ein unglückliches Treffen. – Hat die Entweihung des Grabes Dunstans also doch Unglück gebracht! – – – werden die Katholischen sagen. Wird sie mir Unheil bringen!?

Wenn auch! Nur Mut! Wer will mir nachsagen, ich conspirierte mit Banditen? – Ich, Baronet John Dee of Gladhill?!

Ich gestehe, eine Keckheit, – eine Eselei, meinetwegen – wars. – Nur sich nicht fürchten, Johnny! Ich sitze auf meiner Burg und betreibe humaniora, bin ein achtbarer Edelmann und Gelehrter!

Ich werde meinen Zweifel nicht los. – Wie vielgestaltig ist doch das Rüstzeug des Engels "Furcht"!

Wäre es nicht besser, auf einige Zeit das Land zu verlassen? –

Verflucht, ich bin zu entblößt durch diese letzten Subsidien! Dennoch! Wenn ich Guilford anginge? – Er leiht mir.

Abgemacht! Morgen früh werde ich – – –

Um Gottes und aller Heiligen willen, was ist das – – – da draußen? – – – wer will – – – was bedeutet das Waffenklirren vor der Tür? Ist das nicht die Stimme des Hauptmanns Perkins, die da kommandieret, des Hauptmanns Perkins von der Polizei des blutigen Bischofs?

Ich beiße die Zähne zusammen: ich zwinge mich zum Niederschreiben bis zur letzten Minute. Sie schlagen mit Hämmern an meine Eichentür. Nur Ruhe, so leicht ist sie nicht zu zertrümmern, und ich will, ich will, ich muß zu Ende schreiben.

Hier folgt eine Notiz aus meines Vetters, John Rogers, Hand, des Inhalts, daß unser Ahnherr Dee von dem Hauptmann Perkins verhaftet worden war, wie aus dem folgenden angefügten Originalbriefe hervorgeht:

Originalbrief aus John Dees Nachlaß und Anzeige des Hauptmanns Perkins der bischöflichen Polizei an S. L. den Bischof Bonner in London.

Datum unleserlich.

"Euer Lordschaft zu melden, daß wir den gesuchten John Dee Esq. in seinem Hause Deestone gefaßt haben. Wir überraschten ihn beim offenen Tintenfaß den nassen Gänsekiel über geographischen Karten. Fanden aber nichts Geschriebenes. Genaueste Durchsuchung des Hauses wurde angeordnet.

Überführung nach London ist noch in der Nacht erfolgt.

Ich brachte den Häftling auf No 37 unter, weil dies die festeste und sicherste Zelle ist im Tower. – Glaube so Arrestanten am zuverlässigsten abgeschnitten von seinen zahlreichen, einflußreichen und schwer zu übersehenden Verbindungen. Gebe aber als Kerker nötigenfalls 73 statt 37 bekannt, da die Macht einiger Freunde des Arrestanten allzuweit reicht. Auch ist auf die Kerkermeister nicht durchgehend Verlaß, maßen solche habgierig und vieles Geld der Ketzerischen umläuft.

Die Verbindung des John Dee mit der schändlichen Bande der Ravenheads ist wohl so gut wie erwiesen und wird peinliche Befragung durch die Folter das Übrige schon an den Tag fördern.

Euer Lordschaft gehorsamer

Guy Perkins, m. p. Hauptmann."

St. Patricks Loch

In die letzten Worte hinein, die ich soeben in John Dees Tagebuch gelesen habe, schrillt draußen die Flurglocke. Ich öffne. Ein halbwüchsiger Bote Lipotins übergibt mir einen Brief.

Ich liebe Störungen unter der Arbeit nicht und habe deshalb ein Nationalverbrechen begangen: ich vergaß im Unmut das Trinkgeld! Wie soll ich das wieder gutmachen? So selten mir Lipotins gelegentliche Mitteilungen durch Boten zukommen läßt: regelmäßig ist es wieder ein anderer, der sie mir bringt. Lipotin muß unter der streunenden Großstadtjugend zahllose dienstwillige Freunde haben.

Nun also das Billet. Lipotin schreibt mir:

"1. Mai. Am Tage des heiligen Socius.

Michael Arangelowitsch ist dankbar für den Arzt. Fühlt Erleichterung.

Apropos, ich vergaß: er bittet Sie, das silberne Kästchen mit tunlichster Genauigkeit in die Richtung des Ortsmeridians zu stellen. Und zwar derart, daß der über das Kästchen oben längs sich hinziehende ziselierte Ornamentstreifen, der das stilisierte chinesische Wellenmuster zeigt, mit dem Meridian parallel läuft.

Wozu das dienen soll, kann ich Ihnen wirklich nicht sagen, denn Michael Arangelowitsch bekam einen neuen Anfall von Bluthusten, als er mir diesen Auftrag an Sie gegeben hatte, und ich konnte ihn um Näheres nicht mehr befragen.

Offenbar hatte der alte Silberkasten das Bedürfnis, mit dem Meridian parallel zu stehen, und fühlt sich in dieser Lage am wohlsten, tun Sie ihm also möglichst den Gefallen! Das mag einigermaßen verrückt klingen, entschuldigen Sie, – wer aber, wie ich, sein Leben lang mit alten, greisenhaften Dingen Umgang gehabt hat, der kennt ein wenig ihre Gewohnheiten, und er bekommt ein Fingerspitzengefühl für die geheimen Anliegen und Hypochondrien solche altjüngferlicher Gegenstände. – Unsereiner nimmt darauf keine Rücksicht.

Sie meinen: so zartfühlend habe man sich weder im gegenwärtigen noch in unserm ehemaligen Rußland veranlagt gezeigt? – Ja, Menschen, die bekanntlich ohne jeden seelischen Wert sind, die mißhandelt man selbstverständlich. Aber alte schöne Dinge sind empfindsam.

Es ist Ihnen übrigens bekannt, daß das erwähnte chinesische Wellenband auf dem Tulakasten das alte, taoistische Symbol der Unendlichkeit, in gewissen Fällen sogar das der Ewigkeit bedeutet? – Das ist nur so ein Einfall von mir.

In Ergebenheit

Lipotin."

Ich warf Lipotins Brief in den Papierkorb. – –

Hm, das "Geschenk" des sterbenden Barons Stroganoff fängt an, mir fürchterlich zu werden. Ich bin gezwungen, meinen Kompaß hervorzukramen und umständlich den Meridianverlauf festzustellen: – natürlich steht mein Schreibtisch verquer. Dieses brave Möbel, so ehrwürdig es ist, hat sich noch niemals zu dem Anspruch aufgeschwungen, im Meridian stehen zu müssen, weil das zu seinem Wohlbefinden erforderlich sei!

Wie anmaßlich ist im geheimen doch alles, was aus dem guten Osten kommt! – – – – Ich habe das Tulakästchen also in den Meridian gerückt. – Und da gibt es noch Narren – ich zum Beispiel –, die behaupten, der Mensch sei Herr über seinen Willen! – Was aber ist die Folge meiner Gutmütigkeit? Alles auf dem Schreibtisch, dieser selbst, das ganze Zimmer mitsamt seiner ihm innewohnenden Ordnung, alles, alles kommt mir jetzt schief vor; der wertgeschätzte Meridian und nicht mehr ich scheint tonangebend geworden zu sein! – Oder der Tulakasten. Alles steht, liegt, hängt schief, schief, schief zu dem verdammten Produkt aus Asien! Ich schaue vom Schreibtisch aus zum Fenster hinaus, und was sehe ich? Die ganze Gegend draußen steht – "schief".

Das wird auf die Dauer so nicht weitergehen; Unordnung macht mich nervös. Entweder das Kästchen muß vom Schreibtisch verschwinden, oder – – um Gottes willen! – ich kann doch nicht meine ganze Wohnung umstellen im Verhältnis zu diesem Ding und seinem Meridian!!

Ich sitze, starre den silbernen Tulakobold an und seufze: Es ist – bei St. Patricks Loch! – nicht anders: das Kästchen ist "geordnet", es hat "Richtung"; und mein Schreibtisch, mein Zimmer, meine ganze Existenz liegt planlos drum herum, – hat keine sinnvolle Orientierung, und ich habe das bis heute nicht gewußt! – – Aber das ist ja Gedankenquälerei!

Um der wachsenden Zwangsvorstellung zu entfliehen, ich müsse noch in dieser Stunde vom Schreibtisch aus, wie ein Stratege, meine ganze Wohnung umzugruppieren und sie in eine neue Richtung bringen, greife ich hastig nach Rogers Papieren.

Und da fällt mir ein Notizzettel in die Hand, der seine steilen Schriftzüge trägt, und ich lese das Exzerpt; es ist überschrieben:

"St. Patricks Loch."

Was wuchert da in meiner Seele, daß ich vor wenigen Augenblicken noch eben mir diese heute gänzlich unbekannte Schwurformel zwischen den Lippen gehabt habe?! Sie legte sich mir auf die Zunge, und dabei hatte ich keine Ahnung, woher mir das kam! – – Halt! – In diesem Moment blitzt es wieder auf: das ist – das hat – ich blättere hastig in dem vor mir liegenden Manuskript zurück – da steht doch im Tagebuch John Dees: "John, ich beschwöre dich bei 'St. Patricks Loch', geh in dich! – Du mußt dich bessern, mußt wiedergeboren werden im Geist, wenn dir noch weiter an meiner Kameradschaft gelegen ist", ruft dort der Junker seinem Spiegelbild zu, – "bei St. Patricks Loch, geh in dich!"

Sonderbar. Mehr als sonderbar. Bin ich denn John Dees Spiegelbild? Oder gar mein eigenes, und starre ich mir entgegen aus der Verwahrlosung, Unsauberkeit und Nebeln des Rausches? – Ist denn schon Besoffenheit, wenn – wenn man seine Wohnung nicht – im – Meridian – – stehen hat?! – – Was sind das für Träume und Phantastereien am hellen Tage! Der Moderduft aus John Rogers Dokumentenbündel macht mir den Kopf benommen!

Also was ist es mit St. Patricks Loch? Ich greife in das Dokumentenbündel und halte – es überläuft mich kalt – als Erklärung in der Hand ein Notizblatt John Rogers, meines Vetters. Es besagt nach einer alten Legende:

"Der heilige Bischof Patrick bestieg, ehe er von Schottland nach Irland kehrte, daselbst einen Berg, um zu fasten und zu beten. Da sah er weit hinaus und bemerkte, daß das Land voll Schlangen und giftigem Gewürm war. Und er hob seinen Krummstab und bedrohte damit das Gezückt also, daß es geifernd und zischend entwich. Danach kamen Leute zu ihm herauf, seiner zu spotten. Da sprach er vor tauben Ohren und bat Gott um ein Zeichen, davon die Menschen erschreckt würden, und stieß mit seinem Stab auf den Felsen, der glich einem kreisrunden Loch und ließ Rauch und Feuer ausgehen. Und der Abgrund öffnete sich bis in das Herz der Erde und das Geschrei von Flüchen, die sind das Hosiannah der Verdammten, drang aus dem Loch hervor. Da entsetzten sich die, so das mitansahen, und erkannten, daß ihnen St. Patrick die Hölle aufgetan hatte.

Und St. Patrick sprach: wer darein gehe, dem sei keine andere Buße mehr not, und so etwas an ihm von gediegenem Golde wäre, das schmelze der Glutofen aus einem vom Morgen zum andern. Und gingen nochmals Viele hinein, kam aber selten Einer wieder. Denn das Feuer des Schicksals läutert oder verbrennt einen Jeden nach seiner Beschaffenheit.

Und das ist St. Patricks Loch, daran mag ein Jeglicher vernehmen, was an ihm ist, und ob er die Taufe des Teufels bestehen möge im ewigen Leben. – – – Unter dem Volk aber geht bis heutigen Tags das Geraune, das Loch sei immer noch offen, doch sehen könne es nur einer, der dazu gerichtet und geordnet ist und geboren am ersten Mai als Sohn einer Hexe oder Hure. Und wenn die schwarze Scheibe des Neumonds senkrecht über dem Loche stünde, dann stiegen zu ihr die Flüche der Verdammten aus dem Herzen der Erde empor wie ein inbrünstiges Gebet der Teuflischen aus der Verkehrtheit und fielen herab auf das Land wie ein Tropfen, und sobald sie die Scholle berührten, würden schwarze gespenstische Katzen daraus."


Meridian – sage ich mir vor – Wellenband! – Chinesisches Ewigkeitssymbol! – Unordnung in meinem Zimmer! – St. Patricks Loch! – Warnung meines Urahns, John Dee, an seinen Spiegelkameraden, falls er auf seine Freundschaft künftig noch Wert lege! – Und "es gingen Viele in St. Patricks Loch, kam aber selten Einer wieder"! – Schwarze gespenstische Katzen! –: das alles geht drüber und drunter in meinen aufgescheuchten Gedanken und erzeugt einen sinnlosen Wirbel von Vorstellungen und Gefühlen in meinem Kopf. Dennoch: es blinzelt daraus ein spitzer, schmerzender Sinn hervor, wie Sonnenstrahl hinter jagendem Gewölk. Versuche ich aber, diesen Sinn zur Formel zu verdichten, so fühle ich Lähmung und muß es aufgeben. – – –

Also ja, ja, ja, in Gottes Namen, morgen werde ich mein Zimmer "in den Meridian rücken", wenn es schon so sein soll, damit ich endlich Ruhe bekomme.

Eine nette Räumerei wird das geben! – Verdammter Tulakasten!

Wieder krame ich in dem Nachlaß: Vor mir liegt ein dünnes Buch, in giftgrünes Safianleder gebunden. Der Einband ist frühestens aus dem späten siebzehnten Jahrhundert. Die Schrift, die er einschließt, muß Handschrift des John Dee selbst sein; die Charaktere und der Duktus stimmen überein mit dem Tagebuch. Das Bändchen ist von Brandspuren verunstaltet, zum Teil ist die Handschrift dadurch völlig zerstört.

Auf dem leeren Blatt des Vorsatzpapiers finde ich eine winzige geschriebene Bemerkung. Aber von fremder Hand!! Sie lautet übersetzt:

"Zu verbrennen, wenn die schwarze Isaïs aus dem abnehmenden Mond hervorspäht. Beim Heil deiner Seele! – dann verbrenne!"

Es muß diese Warnung einmal einen späteren unbekannten (!) Besitzer des Buches sehr nahe angegangen sein, fühle ich. – Es muß ihn vielleicht die "schwarze Isaïs" aus dem abnehmenden Mond hervor angeschaut haben, darum wohl warf er das Büchlein ins Feuer, um es loszuwerden. Das würde die Brandspuren erklären. – – Wer, wer wohl mag es daraus wieder hervorgezogen haben, ehe es gänzlich verkohlte? Wer war der, dem es zuvor in den Fingern brannte?

Kein Zeichen, keine Nachschrift meldet davon.

Die Warnung selbst stammt sicherlich nicht von John Dees Hand. Ein Erbe also muß die Warnung als das Ergebnis eigener, böser Erfahrung niedergeschrieben haben.

Was von dem grünen Saffianband leserlich erhalten ist, das folgt hier als Rogers Notiz:

Diarium John Dees, datiert von 1553, – als 3 bis 4 Jahre später als das "Tagebuch".

Der silberne Schuh des Bartlett Green

Dieses ist aufgezeichnet nach ungezählten Tagen des Leidens von mir, dem Magister John Dee, – der ich vordem ein eitler Geck und recht vorwitziger Pfuscher war, – zu meinem eigenen Spiegel und Gedächtnis; und es soll bestimmt sein zu einer ersprießlichen Warnung für alle, die nach mir kommen werden aus meinem Blute. Sie sollen die verheißene Krone tragen; das weiß ich heute mit viel größerer Gewißheit als damals. Aber die Krone wird sie in den Staub drücken, wie ich in den Staub gedrückt worden bin, – wenn sie, in Leichtsinn und Übermut versunken, dem Feind nicht sehen, der stündlich umherschleicht und sucht, wie er uns verschlinge.

Je höher die Kron, je tiefer der Hölle Hohn.

Folgendes ist mit Gottes Zulassung am Tag nach dem heiligen Osterfest, das war in den letzten Tagen Aprils 1549, mit mir geschehen:

Am Abend jenes Tages, als meine Sorge und Ungewißheit über mein Schicksal aufs höchste gestiegen war, drangen Hauptmann Perkins und Bewaffnete des Blutigen Bischofs – wie man mit Recht jenes Scheusal in Menschengestalt genannt hat, welches als Bischof Bonner in London wütete – bei mir ein und verhängten Haft über mich im Namen des Königs: im Namen Edwards, des schwindsüchtigen Kindes! Mein bitteres Lachen erboste die Häscher nur noch mehr, und mit Not entging ich der Mißhandlung.

Es war mir gelungen, die Blätter, die ich soeben noch mit meinen Bedenken gefüllt hatte, vor dem polternden Eintritt der Knechte beiseite zu räumen und an dem sicheren Ort in der Mauer zu verbergen, wo zum Glück um diese Stunde alles an Verdächtigem schon geborgen lag, das mir etwa zum Verräter hätte werden können. Zum Glück hatte ich schon lang vorher die Elfenbeinkugeln des Mascee zum Fenster hinausgeworfen, was mir hernach ein nicht geringer Trost war, denn ich hörte noch in der Nacht aus einer plumpen Frage des bischöflichen Hauptmannes Perkins, daß nach solchen Kugeln zu fahnden sein besonderes Anliegen sei. Es muß also mit Mascees "curiösen Wunderdingen aus Asia" eine besondere Bewandnis haben; und ist die Lehre daraus zu nehmen, dem Magister des Zarens auch nicht in alle Wege zu trauen.

Es war eine schwüle Nacht und ein scharfer Ritt bei sehr rauher Eskorte, der uns am frühen Morgen bis Warwick brachte. Doch ist es unnötig, die Tagesreisen in vergitterten Stuben und Türmen zu beschreiben, bis wir endlich bei sinkender Nacht vor dem ersten Mai in London anlangten und ich von Hauptmann Perkins in eine halbunterirdische Zelle eingebracht wurde. Ich konnte ja aus allen diesen und anderen Maßnahmen, die gegen mich getroffen waren, erkennen, daß man sehr um geheimen Transport bemüht und in beständiger Besorgnis war, es möchte ein gewaltsamer Versuch meiner Befreiung – ich konnte mir damals kaum denken, von welcher Seite her – unternommen werden.

Der Hauptmann in eigener Person also stieß mich in das Verließ; und als die rasselnden Riegel von draußen wieder vorgelegt waren, fand ich mich zunächst, bei ziemlicher Betäubung der Sinne, in stiller Stille und Dunkelheit und mein tappender Schritt glitschte aus in feuchtem Moder.

Nie hätte ich mir vorstellen können, daß wenige Minuten schon in einem Kerker ein Gefühl so gänzlicher Verlassenheit in einem Menschenherzen hervorrufen. Was ich nie im Leben gehört: das Brausen des Blutes im Ohr, – es umfing mich jetzt wie das Rauschen der Brandung eines Meeres der Einsamkeit.

Auf einmal schreckte mich das Hallen einer festen und spöttischen Stimme auf, die aus der unsichtbaren Wand mir gegenüber zu kommen schien wie ein Gruß aus der schrecklichen Finsternis:

"Gesegneten Eingang, Magister Dee! Willkommen im dunklen Reiche der unteren Götter! – Schön bist du, Junker Gladhill, über die Schwelle gestolpert!"

Und dieser breit höhnenden Anrede folgte ein peitschendes Gelächter und zugleich murrte von draußen ein fernes Donnern herein, das sofort mit heftigem betäubendem Gewitterschlag krachend und dröhnend das unheimliche Lachen verschlang.

Gleich darauf zerriß ein Blitz jäh die Finsternis des Kerkers, aber was ich im Schwefelschein des Wetterfeuers nur einen Augenblick lang sah, durchzuckte mich wie ein eiskalte Nadel vom Scheitel des Kopfes bis tief hinab in die Wirbelsäule –: ich war nicht allein im Gefängnis; an der Quaderwand, gegenüber der Eisentür, durch die ich hereingestoßen worden, hing, angeheftet mit schweren Kettenringen, Arme und Beine weit gespreizt, in der Stellung des breiten Kreuzes des Heiligen Patrick ein Mensch! – –

Hing er wirklich dort? – Einen Pulsschlag lang – beim Schein des Blitzes – hatte ich ihn gesehen. Und schon hatte ihn die Finsternis wieder verschlungen. War es nicht nur Einbildung gewesen? Zwischen Lid und Augapfel eingebrannt sah ich das furchtbare Bild vor mir, als sei es niemals außer meiner wirklich gewesen – als sei es vielmehr ein inneres Bild in meinem Hirn, hervorgetreten im Reich meiner Seele und niemals körperliche Wirklichkeit gewesen. – Ein lebender Mensch, auf die gräßliche Folter des Kreuzes gespannt, wie könnte der jemals ruhig und spöttisch reden und höhnisch lachen?

Wieder Aufzucken von Blitzen; sie folgten so rasch aufeinander, daß zitternde Wellen fahlen Lichtes das Gewölbe erhellten. – Wahrhaftig, bei Gott, da hing ein Mann, es war kein Zweifel mehr: ein Hühne an Gestalt, das Gesicht fast verdeckt von rötlichen Haarsträhnen, – ein breiter, fast lippenloser Mund über roten wirren Bart halboffen, als wolle er gleich wieder loslachen. Kein Ausdruck der Pein in den Mienen trotz der Marterstellung der in den Eisenringen eingezwängten Hände und Füße. Ich brachte nur stammelnd die Worte hervor: "Wer bist du, Mensch, dort, an der Mauer?" – ein berstender Donnerschlag schnitt mir die Rede ab. "Hättest mich schon im Dunkeln erkennen sollen, Junker!" kam es heiter spottend zurück. – "Man sagt, wer Geld ausgeliehen hat, der erkennt seinen Schuldner schon am Geruch!" Kalter Schreck durchfuhr mich. "Soll das heißen, du seist – – –?"

"Jawohl, der Bartlett Green bin ich, Rabe der Rabenhäupter, der Beschützer der Ungläubigen in Brederock, der Sieger über St. Dunstans Großmaul und gegenwärtig Gastwirt hier zum kalten Eisen und zum heißen Holz für so späte verirrte Wanderer, wie du einer bist, großmächtiger Gönner der Reformation an Haupt und Gliedern!"

Ein wildes Gelächter, darunter die ganze Gestalt des Gekreuzigten erbebte, ohne jedoch, wie es wunderbarerweise schien, den geringsten Schmerz zu empfinden durch die Erschütterung, beendigte die grausige Rede.

"Dann bin ich verloren," lallte ich vor mich hin und brach auf dem schmalen schimmligen Holzschemel zusammen, den ich erblickte.

Mit aller Macht setzte nun das Gewitter ein. Selbst wenn ich gewollt hätte, in diesem Toben des Himmels wäre jede Rede und Gegenrede untergegangen, aber mir war nicht mehr nach Reden zumute. Ich sah meinen unvermeidbaren Tod vor Augen, denn offenbar war bekannt, daß ich der Drahtzieher der Ravenheads war. Nur zu genau wußte ich vom Hörensagen die Anstalten des blutigen Bischofs, die er "zur Vorbreitung und bußfertigen Bereitschaft seiner Opfer, das Paradies von ferne zu sehen", für nötig hielt.

Eine wahnsinnige Angst krallte mir die Kehle zu. Es war nicht Angst vor einem raschen ritterlichen Tod, – es war die unsägliche sinnzerstörende Furcht vor dem gräßlichen Herantasten des Henkers, – vor der ungewiß und unsichtbar sich mit Blutdunst heranwindenden Folter! Die Angst vor dem Schmerz, der dem Tode vorangeht, ist's, die die Wesen ins Fangnetz des irdischen Lebens zwingt: gäbs diesen Schmerz nicht, es gäbe auch keine Furcht mehr auf Erden.

Das Gewitter tobte, ich hörte es nicht. Bisweilen schlug ein Ruf, ein polterndes Lachen, von der Mauer herab, die so nahe mir gegenüber schwarz aufragte, an mein Ohr; auch darauf achtete ich nicht. Angst und wahnsinnige Entwürfe zu meiner nicht mehr zu denkenden Rettung füllten mich ganz aus.

Gebetet habe ich nicht eine Sekunde.

Als das Gewitter, ich weiß nicht mehr, ob in Stunden erst, nachließ, da wurden meine Gedanken ruhiger, besonnener, listiger. Als nächste Gewißheit stand vor mir die Tatsache, daß ich in des Bartletts Gewalt war, falls er nicht schon gestanden und mich verraten hatte. Von seinem Reden oder Schweigen allein hing das Nächste meines Schicksals ab.

Ich war soeben zu dem Entschluß vorgedrungen, mit Ruhe und Vorsicht die Möglichkeit zu ertasten, den Bartlett meiner Zustimmung des Schweigens geneigt zu machen, zumal er ja nichts zu gewinnen und nichts mehr zu verlieren hatte, – da schreckte ich auf von einem so unerhörten und entsetzlichen Vorgang, daß mir Pläne, Hoffnungen und Klugheiten in einem einzigen Aufruhr des Schreckens übereinanderfielen.

Der riesige Körper des Bartlett Green hatte sich aus eigenem Antrieb zwischen den Eisenfesseln seiner Gelenke langsam in schwingende Bewegung versetzt, wie einer, der tanzen will. Diese Schwingungen wurden immer stärker und geschmeidiger, so daß es in der ersten und aufregenden Dämmerung des Maimorgens nicht anders war, als mache sich der gekreuzigte Straßenräuber das behagliche Vergnügen des Schaukelns in einer weit ausschwingenden Hängematte zwischen Frühlingsbirken; nur daß dabei seine Sehnen und Knochen knirschten und knackten wie unter hundert grausigen Folterstricken.

Und da begann der Bartlett Green mit anfänglich beinahe wohlklingender Stimme zu – singen, wobei ihm der Gesang freilich bald in das Gellen eines schottischen Pibrochs und in ein, vor derber Lust überkippenden Gröhlens umschlug:

"Hoë ho! Was gehen die Lüfte so lau nach der Mauer im Mai! Hoë ho! Miau, meine Kätzin! Mein Kater, miau! Stimmt an euren Lai! Hoë ho! Auf dem Anger das Veilchen blüht Nach der Mauer im Mai! Hoë ho! Da habt ihr im Vorjahr den Ranzen verbrüht unter Katzengeschrei! Hoë ho! Hoë ho! Der Starmatz flötet vom Ast nach der Mauser im Mai! Hoë ho! Wir singen und schwingen vom obersten Mast Ho, Mutter Isaï! Hoë ho!"

Es ist nicht zu beschreiben, mit welch schüttelndem Entsetzen ich dem wilden Gesang des Obersten der Ravenheads zuhörte, denn ich meinte nicht anders, als er sei plötzlich in seiner Folter wahnsinnig geworden. Noch heute gerinnt mir, wo ich dies niederschreibe, beim Gedanken daran das Blut. – – –

Dann rasselten mit einemmal die Riegel an der eisengefütterten Kerkertür und ein Aufseher kam herein mit zwei Gehülfen. Die schraubten den Gekreuzigten von der Mauer los und ließen ihn wie eine vermähte Krott zur Erde plumpsen. "Die sechs Stunden sind wieder einmal um, Meister Bartlett", höhnte der Kerkermeister roh. "Schätze, den längsten Genuß von der Mauerschaukel werdet Ihr bald gehabt haben. Vielleicht noch einmal dürft Ihr schwingen, wenn Ihr mit des Teufels Hülfe dabei schon einen Genuß empfindet, dann aber werdet Ihr, wie Elias, im feurigen Wagen Eure Himmelfahrt antreten. Schätze, sie wird in einem großen Bogen zu St. Patricks Loch hinabgehen auf Nimmerwiederkehr!"

Bartlett Green kroch mit befriedigtem Grunzen auf seinen ausgedrehten Gliedmaßen zu einer Schütte von Stroh und entgegnete kräftig:

"Wahrlich, ich sage dir, David, du liebliches Himmelsaas von einem Kerkermeister, das du bist: Heute noch würdest du mit mir im Paradies sein, wenn es mir gefiele, jetzt schon dahin abzureisen! Aber, mach dir keine Hoffnung, es wird dir dort anders vorkommen, als du dir in deiner armen Papistenseele denkst! Oder soll ich dir in der Eile noch die Nottaufe verabreichen, mein Söhnchen?!"

Ich sah, wie die rohen Knechte sich vor Furcht bekreuzigten. Der Kerkermeister wich mit abergläubischer Scheu zurück, machte mit der Hand das Abwehrzeichen der Irländer gegen den bösen Blick und schrie:

"Tu dein verfluchtes Birkenauge von mir ab, du Erstgeburt der Hölle! St. David von Wales, mein guter Schutzpatron, den sie mir aufgebrummt haben, als ich noch in die Windeln machte, kennt mich. Er wird deinen bösen Segen kalt in den Erdboden ableiten!"

Damit stolperte er, mitsamt seinen Knechten und gefolgt vom dröhnenden Gelächter des Bartlett Green, aus der Zelle. Frisches Wasser und einen Laib Brot ließ er zurück.

Eine Zeitlang blieb es still.

In dem zunehmenden Tagesgrauen sah ich das Gesicht meines Mitgefangenen deutlicher. Sein rechtes Auge schimmerte weißlich mit milchig-opalenem Schein im Morgenlicht. Es war, als habe es einen selbständigen, starren Blick von abgrundiger Bosheit. Es war der Blick eines Toten, der im Sterben Grauenhaftes gesehen hat. Das weiße Auge war blind.

Hier beginnt eine Reihe brandgeschädigter Blätter. Der Text ist zunehmend gestört. Dennoch ist der Zusammenhang klar.

"Wasser? Malvasier ist es!" gröhlte Bartlett, hob auf geknickten Gelenken den schweren Wasserkrug und soff, daß ich für meinen geringen Anteil bange ward, denn mich dürstete sehr, – "es ist meinen umnebelten Sinnen nicht anders, als ein Zechgelage – – – huk –; ich habe auch niemals Schmerz – huk; – und Furcht?! Schmerz und Furcht sind Zwillinge! – Will dir da gleich etwas anvertrauen, Magister Dee, das hat dir auf allen hohen Schulen noch keiner zu wissen gemacht – – – huk – – – ich werde nur umso freier sein, wenn mein Körper abgestreift ist – – – huk – – – und ich bin gegen das, was sie Tod nennen, gefeit, ehe nicht mein dreiunddreißigstes Jahr vollendet ist. Am ersten Mai, wenn die Hexen Katzenweihe haben, ist meine Zeit um. – O daß mich meine Mama noch einen Monat länger bei sich behalten hätte, ich hätte darum auch nicht ärger gestunken und hätte jetzt noch eine Frist, dem blutigen Bischof, dem Stümper, seine Anfängergelüste heimzuzahlen! Du wirst ja an dem Bischof

– – – (Brandfleck im Dokument)

– – –

– – – worauf Bartlett Green mich unterm Halse antippte, – mein Wams war von den Soldaten aufgerissen worden und meine Brust stand nackt offen – – – er berührte mein Schlüsselbein und sagte: "das ist das mystische Knöchlein, das ich meine. Man nennt es den Rabenfortsatz. Darin ist das geheime Salz des Lebens. Es verwest nicht in der Erden. Darum die Jüden etwas gefaselt haben von der Auferstehung am jüngsten Gericht – – – es aber anders zu verstehen ist; – – – wir von denen, die das Geheimnis des Neumondes kennen – – – huk – – – sind ja längst auferstanden. Und woran ich das gesehen habe, Magister? Du scheinst mir noch nicht weit fortgeschritten in der Kunst, trotz deinem vielen Latein und Allermannswissen! Will's dir sagen, Magister: weil das Knöchlein leuchtet in einem Licht, das die andern nicht sehen können – – –" (Brandfleck)

– – – Wie leicht zu begreifen, kroch bei dieser Rede des Straßenräubers ein kaltes Grauen in mir auf, so daß ich kaum die tonlose Stimme zu beherrschen vermochte, mit der ich frug: "So trage ich also ein Zeichen, das mir in meinem ganzen Leben nicht selbst offenbar geworden?" – Worauf der Bartlett mit großem Ernst entgegnete: "Ja, Herr, du bist gezeichnet. Und gezeichnet bist du mit dem Zeichen der Hohen Lebendigen, Unsichtbaren, in deren Kette keiner eintritt, weil sie noch keiner verlassen hat, der ihr geboren war; ein Anderer aber kann den Eingang nicht finden vor dem Ende der Tage des Blutes, – – – sei also nur getrost, Bruder Dee, ob du auch vielleicht vom andern Stein bist und im Gegenkreis wirkst, ich werde dich niemals verraten an das Geschmeiß, das unter uns steht. Dem Pack, das nur das Außen sieht und lauwarm bleibt von Ewigkeit zu Ewigkeit, sind wir Beide seit Anbeginn überhoben!"

– – – (Brandfleck im Manuskript)

– – – auch gestehe ich, daß mir bei diesen Worten des Bartlett ein inneres Aufatmen nicht erspart blieb, wennschon ich insgeheim anfing, mich wegen meiner Angst zu schämen vor diesem ungeschlachten Gesellen, der so leichten Mutes noch mehr auf sich nahm und vielleicht furchtbarster Marter gewärtig sein mußte um seines versprochenen Schweigens und meiner Rettung willen.

"– – – bin eines Pfaffen Sohn," fuhr Bartlett Green fort. "Meine Mama war vom Stande – Fräulein Lendenzart, so nannte man sie, – was aber nur ein Übername ist, wie sich denken läßt. Von wannen sie kam und wohin sie gegangen, ist mir dermalen noch verborgen. Sie muß aber ein achtbares Stück Weib gewesen sein und war ihr Rufname Maria, ehebevor sie durch meines Vaters Verdienst vor die Hunde ging."

– – – (Brandfleck im Manuskript)

Worauf der Bartlett, auf seine seltsam fühllose Weise lachte und nach einer Pause fortfuhr: "mein Vater war der zelotischste, erbarmungsloseste und dabei feigste Pfaffe, der mir in meinem Leben vorgekommen. Er hätte mich, sagte er, aus Barmherzigkeit angenommen, damit ich für die Sünden meines mir unbekannten Vaters Buße täte, denn er ahnte nicht, daß ich insgeheim wußte, daß er es ja selbsten war. Und er hat mich zu seinem Ministranten und Weihwedelbuben aufgezogen. – – –

– – – Hernach befahl er mir, Buße zu tun und zwang mich, im Hemd bei grimmiger Kälte Nacht für Nacht in der Kirche stundenlang auf den steinernen Altarstufen zu beten ohne Unterlaß, auf daß meinem "Vater" die Sünden vergeben würden. Und brach ich zusammen vor Schwäche und betäubender Schlafsucht, dann griff er zur Geißel und schlug mich bis aufs Blut. – – – Ein schrecklicher Haß stieg damals in meinem Herzen auf gegen Den, der da gekreuzigt vor mir hing überm Altar; und alsbald, ohne daß es mir klar ward, wie das sein und von selbst geschehen konnte: auch gegen die Litanei, die ich beten mußte, so daß sie sich in meinem Hirn umdrehte und von rückwärts nach vorwärts aus meinem Munde kam, – ich also die Gebete verkehrt sprach, was mir zugleich eine heiße ungekannte Befriedigung in die Seele goß. – Lange merkte mein Vater es nicht, denn ich murmelte leise vor mich hin, dann aber kams ihm eines Nachts klar zum Erkennen, und da schrie er laut auf vor Wut und Entsetzen, verfluchte den Namen meiner Mama, bekreuzigte sich und lief um eine Axt, mich zu erschlagen. – – – Ich kam ihm aber zuvor und spaltete ihm den Schädel bis zum Kiefer, wobei ihm ein Auge herausfiel auf die Steinfliesen und mich anstarrte von unten auf. Und da wußte ich, daß meine verkehrten Gebete hinabgedrungen waren zum Mittelpunkt der Mutter Erde, statt aufzusteigen, wie die Jüden sagen, daß es die Winselgebete derer Frommen tun. – – –

Hab dir vergessen zu sagen, lieber Bruder John Dee, daß vorher in einer Nacht mein eigen rechtes Auge erblindet war von einem schrecklichen Licht, das ich urplötzlich vor mir gesehen, – mag auch wohl sein, daß es von einem Geißelhieb meines Vaters getroffen worden – ich weiß es nicht. – So war da, als ich ihm den Kopf zerschmettert hatte, das Gesetz zur Wahrheit geworden: Auge um Auge, Zahn um Zahn. – Ja, Freund, hab mir mein Birkauge, das dem Pack solchen Schrecken einjagt, gar wohl verdient mit Gebet!" – – – (Brandfleck)

"– – – damals eben vierzehn Jahre gewesen bin, als ich meinem Herrn Vater mit einem gedoppelten Haupt in seinem Blute vor dem Altar liegen ließ und über manche Straße nach Schottland entfloh, woselbst ich zu einem Metzger in die Lehre ging, denn ich dachte, es könnte mir nicht schwer fallen, denen Rindern und Kälbern eins vors Hirn zu hauen mit einem Beil, wo ich doch den Pfaffen, meinen Vater, so fehlerlos in die Tonsur getroffen –, aber es sollte nicht sein, denn so oft ich die Axt erhob, stand das nächste Bild in der Kirche vor meinem Auge und berührte es mich, als sollte ich diese schöne Erinnerung nicht durch Mord an einem Tiere entweihen. Ich zog darum fort und trieb mich lange in den schottischen Gebirgsdörfern und Meilern herum, wo ich auf einem gestohlenen Dudelsack den Bewohnern allerley gellende Pibrochs vorpfiff, dabei es ihnen kalt über die Haut lief, sie ahnten nicht warum. Ich aber wußte gar wohl, warum, denn die Melodeien gingen nach dem Text der Litanei, die ich einst vor dem Altar habe beten müssen und die jetzt bei solchen Gelegenheiten noch immer verkehrt, von rückwärts nach vorwärts, heimlich in meinem Herzen wiederklang. – – – Aber auch, wenn ich nächtens allein über die Moorhaide zog, blies ich auf der Bockspfeife; – insonderheit, so oft der Vollmond schien, überkam mich die Lust dazu und war mir dabei, als liefen die Töne mir durch den Rücken hinab wie Gebete der Verkehrtheit bis hinunter in die wandernden Füße und von da in den Schoß der Erde. – Und einmal um Mitternacht – es war gerade der erste Mai und das Druidenfest, und der volle Mond war im Abnehmen begriffen – da hielt mich aus dem schwarzen Boden heraus eine unsichtbare Hand am Fuße fest, daß ich keinen Schritt mehr weiter konnte; und ich stand wie angefesselt; und ich auch sofort aufhörte zu pfeifen. Kam da ein eiskaltes Blasen, wie mich bedünkte, aus einem runden Loch in der Erden dicht vor mir und hauchte mich an, daß ich erstarrte vom Scheitel bis zur Zehe, und da ich es auch fühlte im Genick, so drehte ich mich um und sah hinter mir stehen Einen, der war wie ein Hirte, denn er hatte einen langen Stab in der Hand, oben gegabelt wie ein großes Ypsilon. Hinter ihm eine Heerde schwarzer Schafe. Ich hatte aber vorher weder die Heerde gesehen, noch auch ihn, und so dachte ich, ich müßte wohl mit geschlossenen Augen an ihm und halb im Schlaf vorbeigewandert sein, denn er war keineswegs eine Erscheinung, wie man wohl meinen möchte, sondern leibhaftig wie auch seine Schafe, was ich merkte an dem Geruch der nassen Wolle ihrer Felle. – – – (Brandfleck) – – – Er deutete auf mein Birkauge und sagte: "weil du berufen bist." – – – (Brandfleck)

Ein schreckliches magisches Geheimnis muß wohl hier geschildert worden sein, denn von dritter Hand, mit roter Tinte steht über das verkohlte Blatt des Diariums geschrieben:

"Der Du Dein Herz nicht festzuhalten vermagst, lies nicht weiter! Der Du der Stärke Deiner Seele mißtraust, wähle: Hier Verzicht und Ruhe – dort Neugier und Verderben!"

Gänzlich verdorbene Blätter in dem grünen Saffianbändchen folgen. Wie aus kleinen Bruchstücken zu entnehmen ist, hat der Hirte dem Bartlett Mysterien enthüllt, die mit dem Kult der dunklen Göttin des Altertums und den magischen Einflüssen des Mondes zusammenhängen dürfen und mit jedem Ritus entsetzlicher Art, der heute noch in Schottland unter dem Namen "Taighearm" im Munde des Volkes lebt. Ferner geht aus den Stellen hervor, daß Bartlett Green bis zu seiner Einkerkerung im Tower vollkommen keusch gelebt hat, was um so merkwürdiger anmutet, als geschlechtliche Unberührtheit bei einem Straßenräuber wohl nicht häufig vorzukommen pflegt. Ob diese gewollt oder aus angeborener Abneigung gegen das Weib entstanden war, geht aus den geringen Textspuren nicht hervor. Von da an sind die Brandzerstörungen allmählich wieder geringfügiger und man kann folgendes klar lesen:

– – – Was mir der Hirte von dem Geschenk erzählte, das mir die schwarze Isaïs dereinst geben würde, verstand ich nur die Hälfte – war ich ja damalen selber nur ein 'Halber' –, denn wie mochte es zugehen, daß aus dem Unsichtbaren ein leibhaftiger Gegenstand herauskäme! – Als ich ihn fragte, woran ich erkennen könnte, daß die Zeit dazu gekommen wäre, sagte er: "du wirst den Hahn krähen hören." – Das wollte mir nicht aus dem Sinn; krähen doch jeden Morgen in den Dörfern die Gockel. Auch konnte ich nicht fassen, was es Bedeutsames sey, auf Erden Furcht und Schmerz nicht mehr zu kennen, maßen mir es ein geringes schien, denn ich glaubte, selber schon ein genug furchtloser Geselle zu sein. Aber als die Jahre des Reifwerdens um waren, hörte ich den Hahnenschrei, den er gemeint hatte, das ist: in mir selbst – – – habe bis dahin nicht gewußt, daß alles erst im Blute des Menschen geschehen muß, ehe es außen zur Wirklichkeit gerinnen kann. Ich bin auch sodann des Geschenkes der Isaïs – des 'silbernen Schuhes' teilhaftig geworden; ich hatte in der langen Wartezeit bis dahin gar seltsame Gesichte und Vorgänge am Leibe, als da sind: Berührungen nasser unsichtbarer Finger, Geschmack der Bitternis auf der Zunge, Brennen auf dem Scheitel, als senge ein heiß Eisen mir eine Tonsur in das Haupthaar, Stechen und Bohren in den Flächen der Hände und Füße und ein heimliches Miauen in den Ohren. – Schriftzeichen, so ich nicht lesen konnte, da ähnlich anzusehen gewesen wie die derer Jüden, tauchten von innen heraus auf meine Haut wie ein Ausschlag, vergingen aber alsbald wieder, wenn die Sonne darauf schien. Bisweilen mich auch ein heißes Sehnen überkam nach etwas Fraulichem, das aber in mir selbsten war und mir umso verwunderlicher schien, als ich von je ein tiefes Grausen gehabt vor denen Weibern und ihren Sauereyen, so sie mit den Männern allenthalben zu tun pflegen. – – –

Dann, nachdem ich den Hahnenschrei in meinem Rückgrat hatte hören aufsteigen und, wie mir vorausgesagt worden, als eine Taufen ein kalter Regen auf mich herniedergegangen, so doch keinerlei Wolken über mir zu sehen gewesen, ging ich in der Druidennacht des ersten Maien auf die Moorhaide der kreuz und quer, und stand, ohne zu suchen, alsbald vor dem Loch in der Erde. – – – (Brandfleck) – – – ich hatte hinter mir drein den Karren mit denen fünfzig schwarzen Katzen hergezogen, wie mir der Hirte angeraten. Ich mache ein Feuer an und, nachdem ich die Verfluchung des Vollmondes absolviert, wobei das Gefühl eines unbeschreiblichen Entsetzens in meinen Adern zu kreisen anhub, daß mir der Geifer vors Maul getreten, nahm ich die erste Katze heraus, spießte sie auf und begann den 'Taighearm', indem ich sie langsam drehend über den Flammen röstete. Etwan eine halbe Stunde gellte mir ihr fürchterlich Geschrei in den Ohren, wollt mir aber wie viele Monate scheinen, dermaßen sich die Zeit für mich ins Unerträgliche zu dehnen anfing. Wie erst, so sagte ich mir, würde ich das Entsetzliche fünfzigmal so lange aushalten können, wußte ich doch, ich durfte nicht innehalten bis zur letzten Katze und mußte scharf aufpassen, daß das Geschrei nicht abrisse. – Alsbald stimmten die im Käfig mit ein und wurde ein Chor daraus, daß ich fühlte, wie die Geister des Wahnsinns, die schlafend liegen in jedes Menschen Hirn, in mir aufwachten und Fetzen meiner Seele an sich rissen. Sie blieben jedoch nicht in mir, sondern wehten wie Hauch aus meinem Munde in die kalte Nachtluft hinein und stiegen empor zum Mond, einen schillernden Hof um ihn zu bilden. – Der Hirte hat mir gesagt, es sei der Sinn des 'Taighearm' der, daß alle Wurzelheimlichkeit der Furcht und des Schmerzes, die in mir stäke, übergehen müßte durch die Marter der Procedur auf die der Göttin geweihten Tiere, die schwarzen Katzen, und solcher verborgener Wurzeln der Furcht und des Schmerzes gäbe es fünfzig. – So, wie umgekehrt, der Nazarener alles Leid der Creatur auf sich habe nehmen wollen, jedoch der Tiere vergessen habe. – Und wenn Furcht und Schmerz aus meinem Blute durch den 'Taighearm' ausgezogen wären in die Außenwelt – die Welt des Mondes –, aus der sie stammen, dann läge auch mein wahres unsterbliches Wesen bloß, und für immer besiegt sei der Tod mit seinem Gefolge: als da sind das große Vergessen, wer ich einst gewesen, und Verlust jeglichen Bewußtseins. "Wohl soll auch", hat er gesagt – "später dein Leib von Flammen verzehrt werden wie der der Katzen, denn dem Gesetz der Erde muß Genüge geschehen, aber was kann dir viel daran liegen!" – – – Zwei Nächte und einen Tag hat der 'Taighearm' gedauert und ich habe dabei verlernt, zu fühlen, was Zeit ist, und ringsum ist das Haidekraut, so weit mein Blick reichte, schwarz gedorrt ob dem furchtbaren Jammer. Aber schon im Lauf der ersten Nacht begannen meine innern Sinne offenbar zu werden; es fing damit an, daß ich aus dem gräßlichen Chor der Angst derer Katzen im Käfig jede einzelne Stimme genau unterscheiden konnte. Die Saiten meiner Seele gaben's zurück als ein Echo, bis dann eine Saite nach der andern zerriß. Da ward mein Ohr aufgetan für die Sphärenmusik des Abgrundes; seitdem weiß ich, was 'Hören' ist, – – – brauchst dir die Löffel nicht aufzuhalten, Bruder Dee; ich schweig ja schon von den Katzen. Sie habens gut jetzt, spielen vielleicht im Himmel 'Mäusefangen' mit den Seelen der Pfaffen.

Ja, und der Vollmond stand hoch oben und das Feuer war erloschen. Mir zitterten die Beine, daß ich schwankte wie eine Binse. Mochte es wohl etliche Zeit so gewesen sein, als taumelte die Erde, denn ich sah den Mond flattern am Himmel hin und her, bis er in Dunkelheit ertrank. – Da erkannte ich, daß ich blind geworden auch auf meinem andern Auge, maßen keine fernen Wälder und Berge mehr waren, nur schweigende Finsternis. Weiß nicht mehr, wie es geschehen, sah ich plötzlich mit dem Birkauge, das doch tot gewesen, eine seltsame Welt, darinnen blaue fremde Vögel mit bärtigen Menschengesichtern in der Luft kreisten, Sterne mit langen Spinnenbeinen über den Himmel liefen, steinerne Bäume wanderten, Fische mit Händen einander stumme Zeichen gaben, und vieles andere absonderliche war da, das mich unbekannt anrührte und mir dennoch vertraut schien, als hätte ich von Anbeginn alles Erinnerns dort gestanden und es nur vergessen gehabt. War auch ein ander Fühlen des "Vorher" und "Nachher" in mir, als sei alle Zeit seitwärts abgeglitten. – – – (Brandfleck) – – – in weiter Ferne aus der Erden ein schwarzer Rauch emporstieg, flach wie ein Brett, und wurde immer breiter, bis er als tiefdunkel Dreieck mit der Spitze nach abwärts am Himmel stand, barst, und ein glutroter Spalt klaffte von oben bis unten, darinnen eine ungeheure Spindel sich drehte mit rasender Schnelle – – – (Brandfleck) – – – ich zuletzt die schreckliche schwarze Mutter Isaïs sah mit ihren tausend Händen Menschenfleisch weben am Spinnrocken – – – aus dem Spalt Blut herab sickerte – – – etzliche Tropfen, abspritzend von der Erden, mich trafen, so daß mein Leib gesprenkelt ward, wie eines von der roten Pest Befallenen, was wohl die geheimnisvolle Bluttaufe gewesen ist – – – (Brandfleck) – – – worauf der Namensruf der Großen Mutter wahrscheinlich ihr Töchterlein, das bis dahin schlummernd in mir gelegen als ein Samenkorn, auferweckt hat, womit ich durchgedrungen bin bis zum Ewigen Leben und immerdar verbunden mit ihr zu zwiefachem Sein. – – Ich habe auch bis damals nie die Brunst der Menschen gekannt, bin aber seitdem auf ewig dagegen gefeit, denn wie könnte von dem Fluch Einer ergriffen werden, der sein eigen weiblich Teil gefunden hat und in sich trägt! – Dann, als ich wieder sehend geworden mit dem menschlichen Auge, mir eine Hand aus der Tiefe des Loches in der Moorhaide ein Ding entgegenhielt, das glitzerte wie mattes Silber; – – – ich konnte es nicht lange ergreifen mit den irdischen Fingern, aber das Isaïstöchterlein in mir reckte danach den glatten Kätzinnenarm aus und reichte mir den Schuh hin: "Den Silbernen Schuh", der alle Angst nimmt von dem, der ihn trägt. – – – hernach mich einer Gauklertruppe anschloß als Seiltänzer und Tierbändiger. – – – Jaguare, Pardel und Panther in wildem Schreck fauchend in die Ecken flohen, wenn ich sie ansah mit dem Birkauge. – – – (Brandfleck) – – – auch Seiltanzen konnte ich und hatte es doch niemalen gelernt, denn, seit durch den Silbernen Schuh alle Furcht von mir genommen, ein Fallen und Schwindelgefühl unmöglich worden war und die "Braut" in mir zog die Schwere meines Körpers in sich hinein. – Ich seh dir an, Bruder Dee, du frägst dich jetzt: "warum hat ers nicht weiter gebracht, der Bartlett Green, trotz alldem, als nur zum Gaukler und Straßenräuber?" – Will dir antworten darauf: "ich werde erst eine freie Kraft sein nach der Feuertaufe und wenn sie an mir den 'Taighearm' gemacht haben werden. Dann aber werde ich sein der Oberste der unsichtbaren Ravenheads und will denen Papisten von drüben her einen Pibroch blasen, daß ihnen die Luser gellen sollen durch Jahrhunderte; und mögen sie auch getrost schießen mit dem Pummerlein – Pum, sie sollen euch nicht treffen. – – – Zweifelst wohl, Magisterlein, daß ich den Silbernen Schuh anhabe? – Schau her, Kleingläubiger!" – und der Bartlett stemmte die Fußspitze seines Krempstiefels gegen die linke Ferse, um ihn abzustreifen, da – hielt er plötzlich inne, zog die Nüstern breit wie ein Raubtier, fletschte die scharfen Zähne und schnupperte in die Luft. Dann kams spöttisch aus seinem Mund: "riechst du's, Bruder Dee? Der Panther kommt!" – Ich hielt den Atem an und es schien mir, als spürte auch ich Panthergeruch in der Luft. Gleich darauf hörte ich einen Schritt: draußen vor der Tür der Kerkerzelle. –

Einen Augenblick später knallten die schweren eisernen Riegel.

Hier brechen die Aufzeichnungen in dem grünen Saffianbändchen meines Urahns, John Dee ab, und ich überlasse mich grübelnden Gedanken.

Panthergeruch! –

Ich habe einmal irgendwo gelesen, daß an alten Dingen ein Fluch, ein Bann, ein Zauber haften könne, der den befällt, der sich solches Zeug ins Haus schleppt und sich damit abgibt. Wer weiß, wie man das anstellt, wenn man einem streunenden Pudel pfeift, der einem beim Abendspaziergang über übern Weg läuft! Man nimmt ihn aus Mitleid in seine warme Stube, und auf einmal schaut der Teufel aus dem schwarzen Fell hervor.

Geht es mir – dem Urenkel John Dees – wie einst dem Doktor Faust? Habe ich mit der modrigen Erbschaft meines Vetters John Roger einen Dunstkreis alter Weihungen betreten? Hab ich Mächte gelockt, Kräfte beschworen, die unnennbar in diesem Reliquienplunder hausen wie verpuppte Maden ihm Holz?

Ich unterbreche die Niederschrift meiner Auszüge aus John Dees grünem Tagebuch, um festzustellen, was soeben geschehen ist. Ich gestehe, daß ich es fast widerstrebend tue. Eine seltsame Neugier, ein Drang, in der Lektüre der Gefängnisaufzeichnungen meines Ahnherrn fortzufahren, hat sich meiner bemächtigt. Ich bin gespannt, wie nur irgendein aufgeregter Romanleser, den Fortgang der Ereignisse in dem Ketzergefängnis des blutigen Bischofs Bonner zu erfahren und zu wissen, was Bartlett Green mit seinem merkwürdigen Ausruf gemeint hat: "Es riecht hier nach Panther!" ...

Dennoch – daß ich es nur unverhohlen ausspreche –: ich kann seit Tagen das Gefühl nicht loswerden, in allem, was diese Angelegenheit der Rogerschen Hinterlassenschaft angeht, unter einem Befehl zu stehen. Ich spüre bis in die Fingerspitzen den einmal ausgesprochenen Entschluß, beim Niederschreiben dieser sonderbaren Lebensgeschichte eines meiner englischen Vorfahren nicht nach Gutdünken und nicht nach meiner Wahl zu verfahren, sondern zu gehorchen, wie der "Janus", oder meinetwegen der "Baphomet", mir im Traum befohlen hat: Ich lese und schreibe, wie – "er – führt". Ich mag gar nicht fragen, ob zu dieser Führung auch das gehört, was vorhin geschehen ist.

Indem ich die Feder wieder ansetze, wird mir sonderbar zumute. Es ist seit dem Augenblick, wo ich Bartlett Greens Unterredung mit John Dee aus den halbverbrannten Tagebuchnotizen wiederherzustellen mich bemühte, kaum mehr als eine halbe Stunde vergangen. Dennoch weiß ich schon jetzt nicht mehr genau zu sagen, ob ich mich an gewisse Sinneswahrnehmungen in dieser kurzen Spanne Zeit eigentlich richtig und genau erinnere, oder ob ich sie nur wie Halluzinationen, wie flüchtig und unwirklich über mein halbwaches Bewußtsein hinweggeglittene Erlebnisschatten bewerten soll? Hierher gehört vor allem: Es roch auch in meinem Zimmer auf einmal intensiv nach "Panther"; richtiger: ich hatte die unbestimmte Geruchssensation von Raubtieren, – erlebte in mir das Bild von den Käfigen in einer Zirkustierschau, wo hinter endlos gereihten Gitterstäben die großen Katzen ruhelos auf und nieder schreiten.

Ich schrak auf. Hörte ein hastiges Anklopfen an der geschlossenen Tür meines Arbeitszimmers.

Mein keineswegs freundlicher Hereinruf – ich erwähnte schon, wie sehr ich unzeitige Störungen bei der Arbeit hasse – wurde überholt von dem Aufspringen der Türe. Ich sah das ängstliche, erschrockene Gesicht meiner alten, sonst so gut von mir geschulten Haushälterin, das mich gleichsam stumm um Entschuldigung bat; aber zugleich, dicht an ihr vorbei: das ungestüme, federnde Hereinschnellen einer hohen, sehr schlanken Dame in dunkelblitzendem Kleid.

Wie komme ich dazu, das Eintreten der Dame, das freilich den Eindruck einer gewissen herrischen Unbekümmertheit, einer befehlsgewohnten Sicherheit machte, mit so übertriebenen Worten zu kennzeichnen? – Sie kommen mir nun selber reichlich romantisch vor, wie sie da auf dem Papier stehen. Aber sie geben trotzdem ziemlich genau den Eindruck wieder, den ich im ersten Augenblick von der mir völlig fremden Frau empfing. Eine Dame der großen Welt, wie sofort außer Zweifel stand. Es war, als dränge ihr schönes bleiches Haupt auf seinem Halse wie suchend vorwärts. Sie schritt, oder schwebte gleichsam, mit erhobener Stirn geradezu an mir vorbei und machte erst an der Ecke meines Schreibtisches halt. Ihre Hand tastete, wie Blinde zu tun pflegen, die gelernt haben, mit den Fingerspitzen zu sehen, auf dem Rand der Schreibtischplatte hin, als suchte sie nach einem Halt. Endlich lag sie still, und der ganze Körper der Fremden schien sich nun beruhigt auf die kräftig geschlossene Hand zu stützen.

Dicht daneben stand das Tulakästchen.

Mit unnachahmlicher, niemals erlernbarer Leichtigkeit überwand sie sofort das Eigentümliche, ja, ich könnte jetzt fast sagen: das Befremdliche der Situation, indem sie ein paar lächelnde Sätze der Entschuldigung mit unverkennbar slawischem Akzent in der Aussprache hinplauderte und alsbald meine verwirrten Gedanken in eine bestimmte Richtung zwang mit den Worten:

"– Kurz, mein Herr, ich komme mit einer Bitte. Werden Sie sie mir erfüllen?"

Ein Mann von Gesinnung kann auf eine solche Frage einer ungewöhnlich schönen, ungewöhnlich den natürlichen Stolz ihrer vornehmen Erscheinung zur lächelnden Bitte herabneigenden Frau nur eine einzige Antwort finden:

"– mit aufrichtigstem Vergnügen, meine Gnädigste, wenn die Erfüllung irgend im Bereich meiner Kräfte liegt."

Ich muß wohl so oder ähnlich geantwortet haben, denn ein rauher, unbeschreibbar sanfter, gleichsam im Vorbeigleiten anschmiegender Blick traf mich. Zugleich färbte ein leichtes, langsames, ungemein angenehmes Lachen ihre nächsten Worte, mit denen sie mich lebhaft unterbrach:

"Ich danke Ihnen. Befürchten Sie keinerlei entlegene Wünsche. Meine Bitte ist sehr einfach. Die Gewährung steht – nur – in Ihrem – allernächsten Willen" –, sie zögerte auf eine eigentümliche Weise.

Ich beeilte mich: "Dann, wenn ich hören darf, meine – –" Sie verstand sofort die Dehnung in meiner Stimme und rief: "Aber da liegt ja meine Karte auf Ihrem Schreibtisch schon seit –", und wieder das wohltuend hingleitende Lächeln.

Benommen schaute ich in die Richtung ihrer deutenden Hand, einer ungemein schlanken, nicht kleinen, aber weichen und doch straff geformten Hand – und sah in der Tat an der Schreibtischkante, dicht neben Lipotins russischen Vexierkasten, ein Kärtchen liegen; ich hatte auf keine Weise bemerkt, wie es dahin gekommen war. Ich griff danach.

Assja Chotokalungin

stand darauf in Kupferstich. Darüber eine bizarr geformte Fürstenkrone. Ich weiß: am Kaukasus, südöstlich des Schwarzen Meeres, gibt es noch Familien zirkassischer Stammeshäuptlinge, die, teils unter russischer, teils unter türkischer Oberhoheit, den Fürstentitel führen.

Der ostarische, zugleich an das griechische und an das persische Schönheitsideal gemahnende, strenge Schnitt der Gesichtszüge, den ich bei der Dame wahrnahm, war unverkennbar.

Ich verneigte mich also nochmals flüchtig vor meiner Besucherin, die nun in einem Lehnstuhl zur Seite meines Schreibtisches halb saß, halb lag, indessen ihre lässigen Finger manchmal weich über dem Tulakasten hinstrichen. Ich beobachtete das, denn der Gedanke durchlief mich plötzlich peinvoll, diese Finger möchten mir den Kasten aus dem Meridian rücken. Es geschah jedoch nichts dergleichen.

"Ihre Bitte ist mir Befehl, Fürstin."

Unvermittelt hob sich die herrliche Gestalt halb im Sessel hoch, wieder streifte mich der gelbschimmernde, unbeschreiblich wohltuende elektrisierende Blick, als die Fürstin begann:

"Sergej Lipotin ist ein alter Bekannter von mir, müssen Sie wissen. Er hat die Sammlungen meines Vaters in Jekaterinodar geordnet. Er hat die Liebe zu schönen Gegenständen von alter und besonderer Arbeit in mir geweckt. Ich bin Sammlerin von – von alten Erzeugnissen meiner Heimat, von Geweben, Schmiedearbeiten, von – insbesondere aber von Waffen. Von gewissen Waffen vor allem, die in meiner Heimat – ich darf sagen – sehr geschätzt sind. Es gibt da unter anderem –", ihre weiche girrende Stimme mit dem fremdmusikalischen, wundervoll den deutschen Wortklang mißhandelnden Akzent, stockte immer wieder, rhythmisch wie Wellengang, daß es mir ins Blut ging und dort mit kaum vernehmbarer Brandung zu antworten begann, wie mir schien. Was sie sagte, war mir, wenigstens zunächst noch, vollkommen gleichgültig, aber der Tonfall ihrer Rede erzeugte in mir einen feinen Rausch, den ich jetzt noch zu spüren meine und dem ich die Schuld gebe, daß manches von dem, was gesprochen, getan oder vielleicht auch nur zwischen uns gedacht wurde, mir nachträglich vorkommt, als hätte ich es vielleicht nur geträumt. Die Fürstin brach die Schilderung ihrer Sammlerneigungen jäh ab und sprang über:

"Lipotin schickt mich zu Ihnen. Ich weiß von ihm, daß Sie im Besitz einer – einer sehr edlen, sehr schätzbaren, sehr – altehrwürdigen Kostbarkeit sind: einer Lanze – ich will sagen: einer Lanzenspitze von seltenster Arbeit. Kostbar tauschiert, wie ich weiß. Ich bin genau unterrichtet. Lipotin hat mir die Beschreibung gegeben. Mag sein, Sie haben sie durch seine Vermittlung erworben. Einerlei – –" wehrte sie einen verwundert bei mir aufsteigenden Einwand ab, "– einerlei, diese Lanze wünsche ich zu erwerben. Wollen Sie sie mir überlassen? Ich bitte darum!"

Ihre letzten Worte überstürzten sich fast. Sie saß weit vorgebeugt, – wie zum Sprung bereit, mußte ich denken; und ich wunderte und lächelte innerlich einen Augenblick lang über die befremdende Gier der Sammler, die sich auf die Lauer legen und zum Sprung niederducken können, wo sie ein begehrtes Objekt sehen, oder auch nur zu wittern meinen –, wie beuteschlagende Panther. –

– – Panther!! – –

Wieder durchzuckt mich das Wort Panther! – – Bartlett Green ist eine gute Romanfigur in John Dees Leben, scheint mir. Seine Aussprüche prägen sich ein! –

Was nun aber meine zirkassische Fürstin angeht, so wiegte sich diese auf der äußersten Kante des Sessels, und über ihr schönes Gesicht liefen unverstellt geradezu Wellen von Erwartung, Dankesbereitschaft, zuckender Besorgnis und ausdrucksvoller Schmeichelei.

Ich war kaum imstande, meine ehrlich bekümmerte Enttäuschung zu verbergen, als ich ihr lächelnd und so sanft wie nur möglich antworten mußte:

"Fürstin, Sie machen mich in Wahrheit unglücklich. Ihre Bitte ist so geringfügig, und die Gelegenheit, einer edlen Dame, einer großmütig vertrauenden, bezaubernden Frau einen kleinen Wunsch erfüllen zu dürfen, so unwiederbringlich, daß ich es kaum vermag, Sie durch die Mitteilung zu enttäuschen: ich besitze weder die beschriebene Waffe, noch habe ich sie je gesehen."

Wider alle meine Erwartung lächelte die Fürstin unbefangen, und mit der geduldigen Nachsicht einer jungen Mutter, die ihr Goldjunge planlos anlügt, beugte sie sich noch näher zu mir herüber:

"Lipotin weiß es. Ich weiß es: Sie sind der glückliche Besitzer dieser Lanze, die ich zu erwerben wünsche. Sie werden sie mir – verkaufen. Ich danke Ihnen herzlich."

"Es ist mir fürchterlich, Ihnen sagen zu müssen, gnädigste Fürstin, daß Lipotin sich irrt! Daß Lipotin sich täuscht! Daß Lipotin irgendwie, irgendwen zu verwechseln scheint, kurz – –"

Wippend erhob sich die Fürstin. Sie trat auf mich zu. Ihr Gang – – ja, ihr Gang! – Auf einmal fällt mir ihr Gang in die Erinnerung. – Ihr Gang war lautlos, wie auf Zehenspitzen wiegend, federnd, manchmal fast schleichend, unerhört anmutig schleichend – – wo bin ich nur mit meinen Gedanken? Unsinn! –

Die Fürstin erwiderte:

"Es ist möglich. Natürlich, Lipotin wird sich geirrt haben. Die Lanze kam nicht durch ihn in Ihren Besitz. Das ist doch einerlei, Sie haben aber versprochen, sie – mir – – zu schenken."

Ich fühlte, wie mir Verzweiflung in die Haare emporkroch. Ich nahm mich zusammen, mit jeder Fiber bestrebt, das schöne Weib nicht zu erzürnen, das da voll beseelter Erwartung, mit weit geöffneten, wunderbar goldschimmernden Augen vor mir stand und mich mit der Kraft nie gefühlter Bezauberung anlächelte; ich konnte nur mit Mühe an mich halten, daß ich nicht ihre Hände ergriff, um Küsse oder Tränen der Wut darauf regnen zu lassen, – der Wut darüber, daß ich ihr den Wunsch nicht erfüllen konnte. Ich reckte mich krampfhaft zu meiner ganzen Länge empor, schaute ihr mit gerader Offenheit ins Gesicht und gab meiner Stimme jeden nur möglichen Ausdruck betrübter Ehrlichkeit, als ich sagte:

"Zum letztenmal, Fürstin, wiederhole ich, daß ich nicht der Besitzer der von Ihnen gesuchten Lanze oder Lanzenspitze bin, daß ich es nicht sein kann, da ich in meinem ganzen Leben – zwar mancherlei Liebhabereien gehabt, auch dieser und jener Sammlerneigung gefrönt habe, niemals jedoch und nach keiner Richtung Sammler von Waffen oder Waffenteilen, überhaupt von Schmiedearbeiten irgendwelcher Art – – –" Erschrocken hielt ich inne und eine Glutflamme falscher Beschämung stieg mir wider Willen in die Stirn, denn –: da stand die herrliche Frau vor mir, anmutig lächelnd, nicht im mindesten erzürnt, und ihre rechte Hand glitt spielend, unaufhörlich, wie magnetische Striche dem schön geschmiedeten Silber erteilend, über das Tulakästchen Lipotins, das, da es doch Schmiedearbeit war, meine Beteuerungen auf die plumpste Weise Lügen strafte. – Wie sollte ich in der Eile Erklärungen finden? – Ich suchte nach Worten. Die Fürstin wehrte mit erhobener Hand ab:

"Ich glaube Ihnen von Herzen gern, mein Herr; bemühen Sie sich nicht. Ich wünsche auch durchaus nicht, in die Geheimnisse Ihrer Liebhabereien einzudringen. Sicherlich irrt Lipotin. Auch ich kann irren. Nur bitte ich Sie nochmals mit aller – Ergebenheit, – – mit aller – – Unbeholfenheit eines – vielleicht allzu – – törichten – Hoffens – um die Waffe, von der mir Lipotin – –"

Ich fiel vor ihr auf die Knie. Es mutet mich jetzt selber ein wenig theatralisch an; doch mir schien's im Augenblick so, als bliebe mir kein anderer stärkerer und zugleich zarterer Ausdruck meiner zornigen, ratlosen Ungeduld übrig. Ich sammelte meine Gedanken zu einer unendlich sieghaft überzeugenden Anrede, – öffnete den Mund und wollte beginnen: "Fürstin" – da glitt sie mit leisem, weichen – ja, ich muß schreiben: betörendem Lachen an mir vorbei der Tür zu, wandte sich dort nochmals und sagte:

"Mein Herr, ich sehe, wie Sie kämpfen. Glauben Sie mir, ich verstehe und empfinde wie Sie. Denken Sie nach! Finden Sie den mich beglückenden Entschluß! Ich komme ein andermal wieder. Sie werden dann meine Bitte erfüllen. Sie schenken mir dann die – Lanzenspitze."

Und damit war die Fürstin verschwunden.

Nun ist der Raum um mich her erfüllt von dem eigentümlichen feinen Duft ihrer Gegenwart. Ein mir unbekanntes Parfüm: süß, flüchtig, wie fremdartige Blüten und – dennoch: ein Hauch dazwischen, scharf, seltsam aufregend, irgendwie, ich kann mir nicht helfen, irgendwie – tierhaft. Unerhört aufregend – widersinnig – beglückend – beklemmend – Hoffnungen ins Unbestimmte hinaus vorbeiwirbelnd – Unbehagen und – Furcht, daß ich nur gestehe, im Tiefsten hinterlassend: dieser Besuch!

Ich fühle, daß ich heute nicht mehr imstande bin, weiterzuarbeiten. Ich will einmal zu Lipotin gehen in die Werrengasse.

Zweierlei muß ich noch kurz notieren, weil es mir soeben wieder einfällt: als die Fürstin Chotokalungin mein Zimmer betrat, lag die Tür im tiefen Schatten des dunkeln, halb vorgezogenen Abendvorhangs an meinem Fenster hinter dem Schreibtisch. Warum bilde ich mir jetzt ein, die Augen der eintretenden Fürstin hätten in dieser Dämmernis den Bruchteil einer Sekunde lang geflimmert wie Tieraugen in phosphoreszierendem Schein? Ich weiß doch ganz genau, daß es keineswegs der Fall gewesen ist! Und dann: das Kleid der Fürstin war aus schwarzer Seide, mit unterlegtem Silber, wie ich meinen möchte. Es rieselte beständig Bänder und Wellen von gedämpftem Metallschimmer durch das Gewebe. Denke ich jetzt daran, so schweift mein Blick unwillkürlich zu dem Tulakästchen vor mir. Silber in Schwarz tauschiert – ich glaube, so ähnlich muß das Kleid gewesen sein.

Es war schon spät am Abend, als ich das Haus verließ, um Lipotin in seinem Laden in der Werrengasse aufzusuchen. Ich machte einen vergeblichen Gang: Lipotins Geschäft war geschlossen. Auf den herabgelassenen Rolladen fand ich einen kleinen Zettel geklebt mit der Aufschrift "verreist".

Ich gab mich nicht zufrieden. Eine benachbarte Toreinfahrt gestattete das Betreten eines dunklen Innenhofes, von dem aus ein Blick in die hinter dem Laden gelegene Wohn- und Schlafkammer Lipotins möglich ist. Ich betrat den Hof, fand das trübe Fenster Lipotins verhangen, aber mehrfaches Klopfen daran hatte den Erfolg, daß eine benachbarte Tür sich öffnete und eine Frau nach meinen Wünschen fragte. Sie bestätigte mir sogleich die Abreise des Russen, die am Morgen schon erfolgt sei. Wann er zurückkomme, wisse sie nicht; er habe zu ihr flüchtig von einem Todesfall gesprochen, – irgendein halbverhungerter russischer Baron sei gestorben, dessen Angelegenheiten nunmehr Herr Lipotin zu ordnen habe. Ich glaubte, genug verstanden zu haben: Baron Stroganoff hatte seine letzte Zigarette und sich selbst zur Auflösung gebracht! – Irgendwelche Reisen waren in dieser traurigen Lage für Lipotin notwendig geworden. – – Ärgerlich! Ich fühlte erst jetzt, vor dem verschlossenen Kammerfenster die Stärke und Dringlichkeit meines Anliegens: nämlich mit dem alten Antiquar über die Fürstin sprechen zu können und mir von ihm Aufklärung und womöglich einen Rat wegen der vertrackten Lanzenspitze zu erbitten. Scheint es mir doch das wahrscheinlichste, daß mich Lipotin entweder mit einem andern Käufer dieser Kuriosität verwechselt hat, oder daß er gar selbst noch im Besitz eines solchen Dinges ist und es nur in seiner gewohnten Zerstreutheit an mich verkauft wähnt. – In beiden Fällen wäre es aber dann möglich, dieser Lanzenspitze vielleicht noch habhaft zu werden; und ich muß gestehen: ich ließe es mich auch eine unverhältnismäßige Summe kosten, wenn ich den Gegenstand finden und kaufen könnte, um ihn der Fürstin Chotokalungin zum Geschenk machen zu dürfen. – Ich wunderte mich, wie sehr meine Gedanken um das Erlebnis des heutigen Tages kreisen. Dabei fühle ich: irgend etwas geht mit mir vor, aber ich werde mir nicht so klar darüber, wie ich möchte. Warum will mich der Gedanke nicht verlassen, Lipotin sei gar nicht verreist, habe ruhig in seinem Laden gesessen und meine Frage nach der Lanzenspitze, – die ich doch nur innerlich stellte, als ich vor seinem Fenster stand –, entgegengenommen und etwas darauf erwidert, was ich inzwischen vollkommen vergessen habe. Oder ich bin am Ende gar drin in seinem Laden gewesen und habe ein langes und brei