Ludwig Bechstein

Der Otterkönig

An einem schönen Sommertage fuhr ein Mühlknecht einen mit Mehl beladenen Karren nach Queienfeld, das keine Mühle hat und deßhalb in andern Ortschaften mahlen läßt, und kam unterwegs an einem hellen und klaren Bach vorüber. Es war in der Mittagsstunde, und er sah den Otterkönig, der schneeweiß war und eine goldene Krone auf dem Haupte trug, daherkommen, die Krone am Ufer ins Gras legen und zum Bade in das klare Wasser steigen. Er fuhr vorüber; aber da er noch mehrmals um die zwölfte Stunde hier vorbeikam, so sah er auch jedesmal des Otterkönigs Bad an; denn zur Sommerszeit badet sich der Otterkönig alle Tage in der Mittagsstunde. Endlich fiel dem Mühlknechte doch ein, sich den Besitz der goldenen Krone zu verschaffen. Eines Tages fuhr er etwas früher sein Mehl nach Queienfeld, belud dort seinen Karren wieder mit Korn und Waizen und fuhr zurück. Als er an den Bach kam, war der Otterkönig noch nicht da, darum zog er seinen weißen Kittel ab und breitete ihn ins Gras an der Stelle, wo der Otterkönig ins Bad zu steigen pflegte. Ueber eine Weile kam derselbe weiß und glänzend durchs grüne Gras dahergerauscht, legte die Krone auf den Kittel und begab sich ins Wasser. Schnell machte sich der Mühlknecht hinzu, schlug den Kittel zusammen, legte ihn auf den Karren und fuhr fort. Als er ein gutes Stück weiter gefahren war, stieg der Otterkönig aus dem Bad, und da er seine Krone nicht fand, schnellte er hinter dem/ Wagen drein. Er schlang sich um die Pferde, ringelte sich auf den Wagen, that den Rachen auf und zischte; aber der Knecht ließ die Krone nicht fahren. Endlich, als der Otterkönig sah, daß er so seine Krone nicht wieder erhalten würde, that er einen gellenden und durchdringenden Pfiff, den er einigemal wiederholte, und sogleich stellten sich alle Ottern und Schlangen im weiten Umkreis ein, raschelten heran, zischten, spieen Gift und krochen auf den Wagen, wühlten auf demselben herum und zerbissen alle Säcke, daß das Korn und der Waizen auf die Erde fielen. Wie aber der Mühlknecht sah, daß sie ihm seine ganze Ladung verdarben und auch Anstalt machten, über ihn selbst herzufallen, nahm er die Krone, die er in seinen Busen gesteckt hatte, und warf sie auf die Erde: flugs setzte der Otterkönig seine Krone wieder auf, kroch voraus, und die übrigen Schlangen und Ottern krochen hinterdrein, so daß in einigen Augenblicken alle fort waren, als wenn sie der Wind weggeweht hätte.