Im Dörfchen Frauenrode steht ein uraltes Kirchlein, und war vor Zeiten daselbst ein Nonnenkloster, das hatten Herr Otto von Botenlauben und seine Gemahlin Beatrix gegründet. Er, der Ritter, war ein geborner Graf von Henneberg, seine Gemahlin war eine Morgenländerin aus einem edlen Geschlechte und sehr nahe verwandt mit mehreren Königen von Jerusalem./
Eines Tages lustwandelten Herr Otto und Frau Beatrix auf ihrer Burg Botenlauben dicht über Kissingen. Da erhob sich ein starker Wind, welcher den Schleier der Gräfin von ihrem Haupte riß, und denselben hoch in die Lüfte entführte. Da sie diesen Schleier hoch und werth hielt, so that sie ein Gelübde, an der Stelle, wo er sich wiederfinden würde, ein Kloster zu erbauen, welchen frommen Vorsatz ihr Gemahl gern bestätigte. Es wurden nun thalaufwärts, wohin der Schleier seinen Flug genommen, Boten ausgesandt, doch fanden diese den Schleier nicht, wohl aber fanden ihn nach dreien Tagen einige Frauen in dem Thale, das von Burkartrode nach Waldaschach sich herabzieht, hängend auf einem blühenden Rosenstrauch. Als der Graf und die Gräfin davon Nachricht erhalten, begaben sie sich alsbald selbst an Ort und Stelle, und legten bald darauf zu dem Kloster den Grund, das sie Unser Frauen Rod nannten, auf Latein: Novale sanctae Mariae. Beide Gatten begabten das Kloster sehr reichlich, und als sie nach einem gottseligen Leben starben, (erst der Graf, dann später die Gräfin), sind beide im Kloster vor dem Altar begraben, und es sind ihnen steinerne Denkmäler errichtet worden. die noch heute in der Kirche zu sehen sind. Hierauf wurde ihr Sohn, auch Otto geheißen, welcher erst eine Dynastentochter des Geschlechts von Hiltenburg geheirathet, dann aber von ihr sich mit ihrer Bewilligung geschieden hatte, um sich ganz dem gottseligen Leben zu weihen, der Klosterfrauen zu Frauenrode Provisor.
Nachdem das Kloster, welches lange Zeit sich im besten Flor befand, und in dessen Kirche sogar mehrere/ Hennebergische Grafen, die es mit Schenkungen bedacht, sich begraben ließen, in Verfall gerathen, ist es endlich bis auf die Kirche ganz von der Erde verschwunden. Die Gebeine der Gründer aber sind nachmals wieder ausgegraben worden und in zwei Glaskästen auf dem Altar aufgestellt, während ein dritter Glaskasten, zwischen beiden, den Schleier enthält, welcher zur Gründung des Klosters den ersten Anlaß gegeben.*)
*) Vergl. unten S. 132 (= FSS Nr. 3.3: Von der Burg Botenlauben, sk)