Ludwig Bechstein

Der heilige Kilian, des Frankenlandes Apostel

Das Licht des Christenglaubens war wieder erloschen, als sein letzter Glanz mit den Anverwandten der frommen Bilhildis zu Höchheim sich verloren hatte; die Oberhäupter des Volkes hielten sich zu dem Heidenkult des Thüringischen Herrscherstammes, bis der Höchste dem Lande neue Lehrer und Apostel erweckte.

Zu jenen Zeiten war in Schottland, Irland und England ein rühmlicher Eifer rege, die Heiden zum Christenthum zu bekehren, und es wurden aus der Geistlichkeit der dortigen Klöster fromme und gottbegeisterte Männer gewählt, die unter dem Namen Regionarii als Missionare den Christenglauben zu den Heiden aller Lande zu tragen bemüht waren. So fuhr denn auch ein als Regionar geweihter Bischof, Namens Killena (Kilian) mit noch eilf andern Gefährten im Jahr 685 auf das Festland herüber, um den deutschen Heiden das Evangelium zu predigen, zu welchem Amte sie in Rom Auftrag und Bestätigung einholten. Nachdem die Bekehrer sich in verschiedene Regionen vertheilt, blieben bei Kilian der Priester Kolonat und der Diacon Totnan, und pilgerten in das Frankenland, wo Kilians frommer Wandel nicht minder wie seine feurige Beredsamkeit ihm bald Jünger und Anhänger zuführte. Damals herrschte über Franken, im Namen des fernen Frankenkönigs, Herzog Gozbert, ein Sohn Hetans, welcher beschloß, den Apostel an seinen Hof zu berufen und dessen Lehre zu/ vernehmen. Herzog Gozbert hatte seine Residenz auf dem Berge über Würzburg, wo der Sage nach ein römischer Dianentempel stand. Kilian und seine Gefährten aber hatten ihren Wohnsitz in dem rauhen Rhöngebirge aufgeschlagen, und dort auf dem höchsten Berge das Zeichen der neuen Lehre und des neuen Bundes, das heilige Kreuz, errichtet. Davon zeugen noch im Frankenlande die vielen, allerwärts vorkommenden Kiliansberge und Kilianskuppen, sowie vornehmlich der Hochgipfel der Rhön, der heilige Kreuzberg.*)

Diese Höhenbenennungen erneuen das Andenken des fränkischen Apostels und nachmaligen Märtyrers Kilian fort und fort, und erinnern die Nachwelt, daß auch in den vaterländischen Gauen die Saat des Christenthums nicht minder wie zu den Zeiten der Apostel, mit dem Blute ihrer Verkünder gedüngt werden mußte, um zum segenreichen Palmenwald emporzusprossen.

*) Siehe Sagen des Rhöngebirges. (Verweis auf FSS Nr. 2.44, s.u., sk)