Ludwig Bechstein

Die Adamstänzer

In der Mark, in Thüringen, auch sonst in Deutschland, in Böhmen (Sage Nr. 680), und in Holland erhob sich zu einer Zeit eine Sekte von Leuten, die gingen unbekleidet einher, weil der Urvater Adam auch keine Kleider gehabt, trieben allerlei seltsame Bräuche, andern Christen zum Aergerniß, sich selbst zur Schande, und nannten sich Adamiten. Sie führten Tänze auf, bei denen sie splitternackt einhersprangen. Eine solche Gesellschaft war auch im Dorfe Wirchow in der Neumark, die nahm zwei Fiedler und zwei Bierschänken mit, sie selbst waren sieben Paare, und Schänken und Fiedler mußten auch also nackend mitlaufen. Und der Tag, an welchem sie es thaten, war der heilige Pfingsttag, derselbe, an welchem der Herr auch die gottlosen Tänzer von Kolbek strafte. (Sage Nr. 314) Da huben die Adamstänzer und Tänzerinnen auf einen Plan vor dem Dorfe ihren gottlosen Reigen an, wild und sündlich und schändlich, aber als sie zum drittenmale antraten, geschahe ein Blitz und ein Donnerschlag bei hellem Himmel und der helle Himmel wurde plötzlich schwarz wie die Nacht, und den Tänzern und Tänzerinnen erstarrte vor Schreck das Blut in den Adern, und diese Erstarrung mehrte sich, und keiner regte mehr ein Glied, weder die Adamstänzer, noch die Schänken, noch die Fiedler. Sie waren allzumal zu nackten Steinen geworden, und müssen also stehen von Jahrhundert zu Jahrhundert, und nur ganz langsam sinken sie allmählich ein. Jetzt sind sie noch zwei bis dritthalb Fuß hoch, die Schänken in der Mitte des Kreises sind noch zwei Ellen hoch. An den Spielleuten, die außerhalb des Kreises stehen, erkennt man noch die Fiedeln. Das Volk nennt sie noch heute den Steintanz oder die Adamstänzer.

In Amerika giebt es noch bis heute eine zahlreiche Sekte, die Gott durch Tanzen und Narrensprünge zu ehren vermeint, wie einst die Adamiten.