Man erzählt nämlich: Es war in früheren Zeiten und längst verflossenen Äonen in der Stadt Baßrah ein wunderschöner und wohlgewachsener Jüngling. Man nannte ihn Hasan aus Baßrah; sein Vater war ein sehr reicher Kaufmann und hatte ihm bei seinem Tod viel Geld und Gärten hinterlassen, wovon Hasan und seine Mutter die einzigen Erben waren. Hasan fing nun an, ein geselliges Leben zu führen, besuchte Frauen und Jünglinge, gab viele Monate lang Mahlzeiten in seinen Gärten und kümmerte sich gar nicht mehr um den Handel, den sein Vater getrieben, sondern dachte nur daran, sein Vermögen zu genießen. Nach einiger Zeit verlor er sein ganzes Vermögen, er hatte schon alle Güter seines Vaters verkauft und es blieb ihm gar nichts mehr übrig, weder wenig noch viel, und keiner seiner Freunde wollte ihn mehr kennen. Er und seine Mutter hungerten drei Tage lang zu Hause. Er ging dann aus, ohne zu wissen, wohin. Da begegnete ihm ein Freund seines Vaters und erkundigte sich nach seinem Befinden. Hasan erzählte ihm, was ihm geschehen.
Der Mann sagte: »Mein Sohn, ich habe einen Bruder, der Goldarbeiter ist, wenn du willst, kannst du zu ihm gehen und sein Handwerk lernen: es liegt nur an dir, ein sehr geschickter Arbeiter zu werden.« Hasan willigte ein, ging mit jenem, welcher ihn seinem Bruder empfahl, indem er ihm sagte: »Dieser Mann ist mein Sohn, unterrichte ihn mir zu Gefallen in deinem Handwerk.«
Hasan arbeitete nun bei diesem Mann und Gott war ihm gnädig. Eines Tages kam ein Perser mit einem großen Bart vorüber; er trug einen weißen Turban und sah wie ein Kaufmann aus, grüßte Hasan und dieser erwiderte mit Ehrerbietung seinen Gruß. Der Perser fragte: »Wie ist dein Name?« Er antwortete: »Hasan.« Er fragte wieder: »Hast du einen großen Schmelztiegel?« Hasan holte einen. Der Fremde warf Kupfer hinein und stellte ihn über das Feuer, bis das Kupfer zerschmolz. Zuletzt nahm der Perser etwas wie Gras aus seinem Turban hervor und warf ein wenig davon in den Schmelztiegel. Nach einer Weile wurde das Kupfer zu feinem Golde, woraus er eine Goldstange machte. Abermals fragte er Hasan: »Bist du verheiratet?« Er antwortete: »Nein.« Der Perser versetzte: »So nimm dies und heirate damit!« und ging fort. Hasan war außer sich vor Freude, sein Herz hing an dem, was er gesehen, und er erwartete die Rückkehr des Fremden. Am folgenden Tag kam er wieder und setzte sich vor Hasans Laden. Als nach Asser der Bazar leer wurde, kam er zu Hasan und grüßte ihn. Dieser erwiderte seinen Gruß und hieß ihn sitzen; er setzte sich und unterhielt sich mit ihm; endlich sagte er: »Mein Sohn, bei Gott! ich habe dich recht gern und meine Liebe ist göttlich rein, ohne Eigennutz; wenn mir Gott gnädig ist, so erkenne ich dich als meinen Sohn an. Gott hat mich eine Kunst gelehrt, die kein Mensch kennt, ich will dir sie mitteilen, du bleibst dadurch immer vor Armut geschützt, und bekommst Ruhe vor Feuer, Amboß und Hammer.« Hasan sagte: »Herr! wann willst du mich sie lehren?« Er antwortete: »Morgen, so Gott will, komme ich und mache in deiner Gegenwart aus Kupfer Gold.« Hasan freute sich und sprach mit dem Perser bis zum Nachtgebet; dann stand er auf, verabschiedete sich von demselben, ging zu seiner Mutter und grüßte sie. Sie brachte Lebensmittel und aß mit ihm. Hasan aß ganz besinnungslos, denn alle seine Gedanken waren bei dem Perser.
Seine Mutter fragte ihn, warum er so in Gedanken dasitze, und er erzählte ihr alles, was ihm der Perser gesagt. Als sie dies hörte, zitterte ihr Herz, sie drückte ihn an ihre Brust und sagte: »Hüte dich vor solchen Gauklern, Schwarzkünstlern und Alchimisten, sie suchen nur den Leuten ihr Vermögen aufzuzehren.« Hasan versetzte: »O meine Mutter! wir sind ja arme Leute, wir haben ja nichts, das sie bewegen könnte, uns zu betrügen, und der Perser ist ein alter Mann, der sehr fromm aussieht; Gott hat ihm Mitleid zu uns eingeflößt, und er hat mich als seinen Sohn angenommen.« Die Mutter schwieg betrübt, Hasan aber konnte vor Freude nicht schlafen. Als der Tag anbrach, stand er auf, nahm die Schlüssel, öffnete den Laden und setzte sich. Der Perser kam bald; Hasan stand vor ihm auf und wollte ihm die Hände küssen, er aber erlaubte es nicht, setzte sich und sagte zu Hasan: »Mein Sohn, mache den Schmelztiegel zurecht und lege den Blasebalg ans Feuer.« Hasan tat dies und machte ein Kohlenfeuer: dann fragte der Perser: »Hast du Kupfer?« Er antwortete: »Ich habe eine zerbrochene Platte.« Der Perser ließ ihn sie mit einer Schere in kleine Stücke zerschneiden; warf sie in den Kessel und blies das Feuer, bis das Kupfer ganz zerschmolzen war, streckte hierauf die Hand nach dem Turban aus, zog ein zusammengewickeltes Papier hervor, öffnete es und streute ein gelbes Pulver, ungefähr eine halbe Drachme, in den Kessel, und befahl Hasan, mit dem Blasebalg zu blasen; Hasan tat dies, und es wurde eine Goldstange daraus vom feinsten Gold.
Als Hasan dies sah, strahlte sein Antlitz vor Freude, er wurde ganz rasend; er nahm die Stange in die Hand und drehte sie darin herum, zuletzt nahm er die Feile, feilte daran und sah, daß es ganz feines Gold war. Er verlor darüber fast den Verstand und beugte sich vor Freude über die Hände des Persers, um sie zu küssen. Der Perser sprach: »Gib die Stange dem Makler und laß dir das Geld dafür geben, ohne daß jemand es bemerke.« Der Makler probierte die Stange und fand, daß es reines Gold war; er fing an, sie für zehntausend Dirham auszurufen, die Kaufleute aber überboten einander bis auf fünfzehntausend Dirham. Hasan nahm das Geld, ging damit nach Haus, erzählte seiner Mutter von dem Glück, das ihm widerfahren war, und sagte ihr: »Ich habe diese Kunst erlernt.« Die Mutter lachte und sprach: »Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott, dem Erhabenen!« und schwieg mit Schmerzen. Hasan aber nahm in seiner Unüberlegtheit einen Mörser und ging damit zum Perser, der vor seinem Laden saß. Dieser fragte ihn: »Mein Sohn, was willst du mit diesem Mörser?« Er antwortete: »Verwandle ihn in Gold. Der Perser lachte und sprach: »Bist du toll? willst du zwei Goldstangen an einem Tag auf den Markt bringen? Weißt du nicht, daß man Verdacht gegen uns schöpfen würde und daß wir ums Leben kommen können? Wenn du diese Kunst von mir gelernt haben wirst, mein Sohn, so übe sie nur einmal im Jahr aus, sie genügt dir von einem Jahr zum andern.« Hasan antwortete: »Du hast recht, Herr«, Er ging dann in den Laden und setzte den Schmelztiegel über das Feuer. Der Perser fragte ihn: »Was willst du tun?« - »Lehre mich die Kunst.« Der Perser lachte und sagte: »Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei dem erhabenen Gott! Du bist ein junger Mann ohne Verstand; eine so hohe Kunst kann man nicht so auf der Straße öffentlich lernen, die Leute würden sagen: Hier wohnen Goldmacher. Die Obrigkeit würde es erfahren und uns ums Leben bringen. Doch wenn du diese Kunst schnell im Geheimen lernen willst, so komm mit mir in mein Haus.« Hasan konnte nicht erwarten, bis er den Laden geschlossen hatte und mit dem Perser auf die Straße gehen konnte. Während er damit beschäftigt war, fielen ihm die Worte seiner Mutter ein; er dachte lange nach und blieb stehen.
Als der Perser sich umdrehte und Hasan stehend sah, sprach er: »Du Elender! was stehst du so nachdenkend? Ich bin dir im Herzen gut, und du denkst dir Schlimmes?« Als Hasan noch immer mit gebeugtem Kopf stehenblieb, sagte der Perser: »Wenn du mich fürchtest, so will ich mit dir in dein Haus gehen und dich dort meine Kunst lehren; geh mir nur voran.« Hasan nahm den Weg nach seinem Haus, und der Perser folgte ihm. Hasan benachrichtigte seine Mutter von dem Besuch des Persers; sie brachte die Wohnung in Ordnung und verzierte sie; als sie aber fertig war, sagte ihr Hasan, sie möchte einstweilen zu einem Nachbarn gehen und ihn mit dem Perser allein lassen. Sie ging fort und überließ ihnen das Haus, Hasan aber führte den Perser hinein. Als er im Haus war, nahm Hasan eine Platte, ging damit auf den Markt, um einige Speisen zu kaufen, stellte sie dem Perser vor und sagte ihm: »Iß, Herr, von meinem Brot und Salz, zum Zeichen unsrer Freundschaft, und Gott verlasse den, der dem Bunde untreu wird!« Der Perser erwiderte: »Du hast recht, mein Sohn.« Dann lächelte er und sagte: »Wer kennt die hohe Bedeutung des Brotes und des Salzes?«
Sie aßen dann miteinander und als sie gegessen hatten, sagte der Perser: »Mein Sohn Hasan, bring auch einige süße Speisen!« Hasan ging auf den Markt und holte zehn Tassen voll süße Speisen; als sie dies aßen, sagte der Perser: »Gott belohne dich dafür! Leute wie du verdienen es, daß man ihren Umgang suche, ihnen Geheimnisse vertraue und sie nützliche Dinge lehre.« Als sie genug gegessen hatten, sprach der Perser: »Bring nun die Gerätschaften!« Kaum hatte Hasan diese Worte gehört, so lief er wie ein junges Pferd, das man in den Klee läßt, in seinen Laden, holte die Gerätschaften und stellte sie dem Perser vor. Dieser zog aus seinem Turban ein Papier hervor und sagte: »O Hasan, bei dem Brot und bei dem Salz! wärest du mir nicht teurer als mein Sohn, so würde ich dir diese Kunst nicht mitteilen. Dieses Papier enthält alles, was ich noch von dem Pulver besitze, doch will ich die Materialien herbeischaffen und es vor dir bereiten und die Kunst offenbaren. Wisse, mein Sohn, wenn man zu zehn Pfund Kupfer nur eine halbe Drachme von dem Pulver nimmt, das in diesem Papier ist, so wird reines Gold daraus.« Weiter sagte er: »O mein Sohn Hasan! in diesem Papier sind noch drei ägyptische Ok; ehe sie verbraucht sind, werde ich wieder neues Pulver verfertigen.« Hasan nahm das Papier und fand das Pulver noch feiner als das frühere; er fragte den Perser: »Herr, wie heißt das, wo findet man es und in was wird's zubereitet?« Der Perser lachte und sagte: »Frage lieber, woher du ein vorwitziger Junge bist! mache nur dein Gold und schweige.« Hasan holte eine Kupferplatte aus dem Haus, zerschnitt sie mit der Schere, rührte sie im Kessel herum und streute etwas Pulver aus dem Papier darauf, bis eine feine Goldstange daraus wurde. Als er dies sah, freute er sich sehr und kam ganz außer sich vor Erstaunen. Während aber nun Hasan beschäftigt war, die Goldstange herauszuheben, zog der Perser einen Beutel aus seiner Kopfbinde hervor, der ein Stück Bendj aus Kreta enthielt, so groß, daß, wenn ein Elefant daran gerochen hätte, er von einer Nacht zur anderen hätte schlafen müssen. Er tat ein wenig davon in die süße Speise und sagte zu Hasan: »O Hasan, nun bist du mein Sohn und mir teurer als mein Lebensgeist zwischen meinen Seiten. Ich habe eine Tochter, so schön und wohlgewachsen, daß nie ihresgleichen gesehen worden; ich sehe, du allein passest für sie, und sie nur für dich; so Gott will, verheirate ich dich mit ihr.« Hasan sprach: »Herr, ich bin dein Sklave, was du mit mir beginnst, geschehe mit Gott!« Der Perser sagte weiter: »Mein Sohn, habe Geduld, es wird dir gut gehen.« Mit diesen Worten reichte er ihm die süße Speise mit Bendj; er nahm sie, küßte ihm die Hand und steckte sie in den Mund; denn er wußte nicht, was im Verborgenen seiner harrte; - der Herr alles Verborgenen offenbart Geheimnisse nur nach seinem Willen! - Sobald er sie aber geschluckt hatte, fiel er zu Boden.
Als der Perser ihn getroffen sah, stand er freudig auf und sprach: »Bist du endlich gefallen, du Hund von Araber! schon zwei Jahre suche ich dich vergebens.« Er umgürtete sich dann, band ihm Hände und Füße zusammen, legte ihn in eine leere Kiste, nahm auch die Goldstangen und legte sie in eine andere Kiste, die er verschloß. Er ging dann auf die Straße, holte zwei Träger und ließ die Kisten zur Stadt hinaustragen ans Ufer des Stroms, wo ein Schiff für den Perser bereitstand und der Schiffshauptmann ihn erwartete. Als der Schiffshauptmann und die Mannschaft den Perser kommen sahen, gingen sie ihm entgegen und trugen die Kisten auf das Schiff. Der Perser aber sprach zum Hauptmann: »Jetzt schnell fort! unser Geschäft ist abgetan, unser Ziel ist erreicht.« Der Hauptmann schrie den Matrosen zu, sie spannten die Segel und das Schiff lief mit günstigem Wind aus.
Das ist's, was den Perser und Hasan angeht; was aber seine Mutter betrifft, so hatte sie ihren Sohn bis abends erwartet; als sie nichts mehr von ihm hörte, ging sie in ihr Haus zurück, das sie offen fand. Da sie beim Eintreten niemand darin sah, die zwei Kisten und alles Gold vermißte, merkte sie, daß ihr Sohn verloren sei und daß der Pfeil des Schicksals ihn getroffen. Sie schlug sich daher ins Gesicht, zerriß ihre Kleider, schrie und jammerte: »O mein Sohn, mein Sohn! Frucht meines Herzens!« Sie sprach noch folgende erhabene Verse:
»Meine Geduld schwindet, mein Weh und mein Jammer nehmen zu, seitdem du fern bist! Bei Gott! wie soll ich ein ferneres Dasein ertragen, seitdem mein Heiligtum verloren ist. Wie soll ich schlafen, da mein Teurer mir entrissen worden? wie in solchem Elend fortleben? Du bist geschieden und hast das Haus und seine Bewohner öde zurückgelassen und mein klares Getränk getrübt. Du warst mein Beistand in jedem Unglück, mein Glanz, mein Stolz und mein Vermittler unter den Menschen. O daß es nicht Tag würde, solange du meinen Augen entzogen bist, bis ich dich zurückkehren sehe!«
Sie weinte und jammerte bis zum folgenden Morgen; da kamen die Nachbarn zu ihr und fragten sie nach ihrem Sohn; sie erzählte ihnen, was ihm mit dem Perser geschehen; und daß sie keine Hoffnung habe, ihn wiederzusehen; in ihrem Jammer lief sie im Zimmer auf und ab und weinte. Mit einem Male fielen ihre Augen auf die Wand, worauf sie zwei Zeilen geschrieben sah. Sie ließ den Rechtsgelehrten kommen, um sie zu lesen; der Inhalt der Verse aber war folgender:
»Ich sah Leilas Traumgestalt gegen Morgen umherwandeln, während meine Freunde in der Wüste schliefen, und ich erschrak, und als wir vor dieser Erscheinung erwachten, war die Wohnung leer und das Wiedersehen fem.«
Als Hasans Mutter dies hörte, schrie sie laut auf: »Ja, mein Sohn, die Wohnung ist leer und das Wiedersehen ist fern!« Die Nachbarn wünschten ihr Geduld und baldige Wiedervereinigung und verließen sie. Sie aber ließ mitten im Haus ein Grabmal bauen, schrieb Hasans Namen darauf und den Tag seines Verschwindens, und trennte sich nicht mehr von demselben.
Das ist, was Hasans Mutter angeht; wir kehren nun wieder zu Hasan und dem Magier zurück, denn dieser Perser war ein Magier, der die Muselmänner haßte und, so oft er konnte, einen Muselmann umbrachte. Er war ein Feueranbeter, ein Goldmacher, ein Astrolog, wie der Dichter sagt:
»Ein Niederträchtiger, Widerspenstiger, Sohn eines Hundes und einer schlechten Mutter, Sohn eines bösen Abtrünnigen. Es ist an ihm kein Fleck so groß, daß eine Mücke sich darauf setzen könnte, worauf nicht irgend eine Schändlichkeit haftet!«
Dieser Verdammte hieß Bahram; jedes Jahr opferte er einen Muselmann, um irgend ein Ziel zu erlangen. Als ihm nun seine List mit Hasan gelungen und er einen ganzen Tag mit ihm herumgefahren war, ließ er des Abends Anker werfen. Am folgenden Morgen befahl er seinen Sklaven, die Kiste herauszuholen, in der Hasan war. Er öffnete sie, zog ihn heraus, bespritzte ihn mit Essig und blies ihm in die Nase. Hasan mußte niesen, erwachte und lobte den erhabenen Gott. Er sah sich um und fand sich mitten im Meer, der Perser saß ihm gegenüber. Wie er nun merkte, daß der Verdammte ihn betrogen und daß er sich selbst in das Unglück gestürzt hatte, vor dem er von seiner Mutter gewarnt worden war, sagte er die Worte, deren sich niemand zu schämen hat: »Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott, dem Erhabenen! ich bin Gottes und kehre zu ihm zurück. O Gott, sei mir gnädig in deinem Beschluß und gib mir Mut in der Versuchung, o Herr der Welten!« Er wandte sich hierauf zu dem Perser und redete ihn sanft an: »Herr, was ist das für ein Verfahren? wo bleibt der Bund und der Eid, den du mir geschworen? Du bist dem Brot und Salz untreu geworden.« Der Perser sah ihn an und schrie ihm zu: »Du Hund! Sohn eines Hundes! Kenne ich Salz und Brot? Ich habe 999 junge Leute deinesgleichen getötet, mit dir werden es tausend sein.«
Hasan schwieg, denn er sah ein, daß der Pfeil des Schicksals ihn getroffen hatte. Der Magier ließ ihn losbinden und ihm ein wenig Wasser zu trinken geben. Der Verruchte lachte hierauf und sprach: »Bei dem Feuer und dem Licht! ich glaubte nicht, dich zu fangen, doch das Feuer hat dich mir geliefert und mich in den Stand gesetzt, mein Vorhaben auszuführen; ich will dich nun auch ihm opfern, damit es mit mir zufrieden werde.« Hasan sagte: »Du bist dem Brot und dem Salz untreu geworden.« Der Magier hob seine Hand auf und schlug Hasan, bis er weinend mit den Zähnen auf den Boden in Ohnmacht fiel. Der Magier befahl dann seinen Sklaven, Feuer anzuzünden. Hasan fragte: »Was willst du mit dem Feuer?« Der Magier antwortete: »Sieh dieses Feuer, die Quelle des Lichts und der Funken, betest du es an, gleich mir, so schenke ich dir die Hälfte meines Vermögens und gebe dir meine Tochter zur Frau.« Hasan schrie: »Wehe dir, du Magier! du betest das Feuer an und nicht den allmächtigen Herrn! das ist eine abscheuliche Religion!« Der Magier erzürnte sich, fiel vor dem Feuer nieder und befahl den Sklaven, Hasan auf sein Gesicht hinzustrecken. Er nahm dann eine lederne geflochtene Peitsche und schlug Hasan, bis seine Seiten wund waren. Hasan schrie um Hilfe, aber niemand half ihm; er hob daher sein Auge zum allmächtigen König und nahm seine Zuflucht zu ihm. Seine Tränen flossen heftig, er verlor allen Mut und sprach folgende Verse:
»O Gott! ich unterwerfe mich deinem Urteil: ich ertrage mein Schicksal geduldig, wenn du es so willst. Man tut mir Gewalt an und verurteilt mich mit Unrecht; vergib mir durch deine Gnade alle früheren Vergehen!«
Der Magier befahl, ihn aufrecht zu setzen und mit Wasser zu bespritzen; als dies geschehen war, ließ er ihm etwas zu essen und zu trinken geben, Hasan wollte jedoch nichts essen. Der Verruchte folterte ihn nun die ganze Reise durch; Hasan aber ertrug geduldig Gottes Ratschluß und flehte zu dem, der seine Lage kannte und über ihn wachte, während der Gottlose immer hartherziger gegen ihn wurde. Nach einer Reise von drei Monaten schickte Gott, gepriesen sei sein Name! einen kalten schwarzen Wind über das Schiff, das Meer war trüb und schlug mächtig Wellen; der Schiffshauptmann und die Matrosen sprachen. »Das alles geschieht dieses Jünglings willen, den der Magier so quält; das ist nicht Gottes Wille und nicht der seines Gesandten!« Sie vereinigten sich und erschlugen die Sklaven des Magiers, so daß nur er noch allein übrig war. Wie er dies sah, fürchtete er für sein Leben, nahm Hasan die Fesseln ab und entschuldigte sich bei ihm; er zog ihm seine schmutzigen Kleider aus und gab ihm andere dafür, versprach ihm auch, er wolle ihn die Kunst lehren und ihn in sein Land zurückbringen. Er sagte: »Mein Sohn, verzeihe mir, was geschehen, du sollst in Zukunft nur Freude erleben.« Hasan aber sprach: »Wie kann ich dir nunmehr noch trauen?« Er antwortete: »Gäbe es keine Schuld, wo bliebe die Verzeihung; ich habe dies nur getan, um dich zu versuchen und deine Standhaftigkeit zu prüfen; du weißt, daß alles in der Hand Gottes ist.!« Der Schiffshauptmann und die Matrosen freuten sich, ihn gerettet zu haben. Hasan betete für sie und dankte Gott; der Wind legte sich und wurde günstig, die Dunkelheit hörte auf und das Schiff segelte glücklich weiter. Hasan fragte den Magier: »O Herr, wo gehen wir den hin?« Er antwortete: »Nach dem Wolkenberg, wo das Elixier sich findet, das wir für unsere Alchimie brauchen;« und schwor bei Feuer und Licht, bei dem Schatten und der Hitze, er werde ihn nicht mehr betrügen. Hasan war vergnügt und frohen Herzens darüber, aß und trank und schlief mit dem Magier. So vergingen wieder drei Monate. Nachdem sie ein halbes Jahr auf dem Meer zugebracht, landeten sie an einer großen Wüste, die mit Steinen von weißer, gelber, schwarzer und blauer Farbe angefüllt war. Sobald das Schiff vor Anker lag, stand der Perser auf und sagte zu Hasan: »Komm, wir haben unser Ziel erreicht.«
Hasan ging mit dem Perser ans Land, nachdem dieser dem Hauptmann das Schiff empfohlen und ihm gesagt hatte, er solle ihn einen ganzen Monat erwarten. Als sie vom Schiff eine Strecke entfernt waren, nahm der Perser eine kupferne Trommel aus der Tasche, auf welcher allerlei Namen und Talismane gestochen waren. Er schlug darauf und es erhob sich auf einmal ein Staub aus der Wüste heraus. Hasan war ganz erstaunt, fürchtete sich und bereute es, das Schiff mit ihm verlassen zu haben. Als der Perser sah, wie er ganz blaß geworden, sprach er: »Mein Sohn Hasan, bei dem Feuer und dem Licht! du hast nichts mehr von mir zu fürchten, und müßte ich nicht mein Geschäft in deinem Namen verrichten, so hätte ich dich gar nicht mitgenommen; erwarte nur Gutes. Der Staub, den du siehst, ist ein Wesen, auf dem wir reiten und das uns helfen soll, diese weite Wüste zu durchziehen. « Nach einer kleinen Weile bildete sich der Staub zu drei vortrefflichen Kamelen; der Perser bestieg eins, Hasan das andere, und auf das dritte packten sie ihre Lebensmittel. Nach einer siebentägigen Reise kamen sie in ein großes bebautes Land, wo sie eine auf vier goldnen Säulen ruhende Kuppel sahen. Sie stiegen ab, traten darunter, aßen, tranken und ruhten. Als Hasan sich umsah, bemerkte er etwas, das sehr hochgelegen war; er frage den Perser, was es wäre. Dieser antwortete: »Es ist ein Schloß.« Hasan sagte: »Laß uns dahin gehen, es sehen und dort ausruhen.« Der Magier erzürnte sich und sprach: »Rede nicht mehr von diesem Schloß, denn dort wohnt mein Feind, mit dem ich ein Abenteuer hatte, das ich dir erzählen muß.« Mit diesen Worten ergriff er Hasan an der Hand, lief mit ihm weg und schlug die Trommel; sogleich kamen die Kamele wieder, und sie ritten wieder sieben Tage lang. Am achten Tag sagte der Magier: »Hasan, was siehst du?« Er antwortete: »Ich sehe Wolken und Nebel vom Osten bis Westen.« Da sagte der Magier: »Das sind weder Wolken noch Nebel, sondern das ist ein sehr hoher Berg, daß er die Wolken spaltet, denn keine kann sich über ihn erheben. Dieser Berg ist unser Ziel, droben findet sich, was wir suchen, dich aber mußte ich mitnehmen, weil ich es nur durch dich erhalte:« Hasan verzweifelte am Leben und sagte: »Bei dem, was du anbetest! bei deinem Glauben; was haben wir hier zu suchen?« Er antwortete: »Unsere geheime Kunst kann nur mit Hilfe einer Pflanze gelingen, auf die nie eine Wolke kommt, und ein solche findet sich nur auf diesem Berg; ich will dich nun hinaufbringen und dir das Geheimnis der Kunst mitteilen, die du lernen willst.« Hasan sagte vor Angst: »Gut, Herr!« Er gab jedoch alle Lebenshoffnungen auf und weinte über die Trennung von seiner Mutter und seinem Vaterland, auch machte er sich Vorwürfe, daß er gegen seine Mutter ungehorsam gewesen war, und sprach folgende Verse:
»Betrachte das Werk deines Gottes, wie er helfend dir Freude bringt. Verzweifle nicht in der Gefahr: wie vieles Wunderbare harrt dein, ohne daß du es siehst.«
Sie reisten vier Tage lang, bis sie an den Berg kamen; daselbst angelangt, setzten sie sich auf dessen Fuß. Da sah Hasan auf dem Berg ein Schloß, und er sprach zum Magier: »Wer konnte da oben ein Schloß hinbauen?« Der Magier antwortete: »Das ist die Wohnung der Djinn, der Werwölfe und der Teufel!« Mit diesen Worten näherte er sich Hasan, küßte ihn und sagte: »Verzeihe mir meine erste Treulosigkeit, ich schwöre dir, daß ich dich nicht mehr hintergehen werde; schwöre du mir auch, es geschehe, was da wolle, mich nicht zu verlassen und Glück und Unglück mit mir zu teilen!« Hasan sagte: »Recht gern.« Der Magier holte dann eine kleine Mühle, nahm Weizen aus einem Sack, mahlte ihn und knetete drei Laibe daraus, hierauf zündete er Feuer an und backte sie. Als dies geschehen war, nahm er die kupferne Trommel und trommelte, worauf sogleich die Kamele kamen; er schlachtete eins davon, zog ihm die Haut ab und sagte zu Hasan: »Höre, was ich dir anempfehle, sonst ist unser Tod unvermeidlich.« Hasan sagte: »Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott, dem Erhabenen! Sprich nur!« Der Perser sagte: »Ziehe diese Haut um dich, ich will sie zunähen und dich liegen lassen; der Vogel Rock wird dann kommen und dich auf die Spitze des Berges hintragen; bist du oben, so nimm dieses Messer, zerschneide die Haut, worauf die Vögel wegfliegen werden; ist dieses geschehen, so sieh auf mich herunter und ich werde dir sagen, was du zu tun hast.«
Mit diesen Worten gab er ihm die drei Laibe und einen kleinen Schlauch Wasser, nähte die Haut um ihn zu und ging weg. Sogleich kam das Junge eines Rocks und flog mit ihm auf den Berg und legte ihn nieder. Als Hasan merkte, daß er droben war, spaltete er die Haut, schlüpfte heraus und sprach mit dem Magier von oben herunter. Als dieser seine Stimme hörte, tanzte er vor Freude und sagte: »Geh ein wenig rückwärts und sage mir, was du siehst.« Hasan machte nur ein paar Schritte und erblickte viele morsche Gebeine und Holz daneben. Der Magier aber rief hinauf: »Nun ist der Zweck erreicht! nimm sechs Bündel von diesem Holz.« Als Hasan dies getan, sprach der Magier: »Du Tropf! du Hund! nun habe ich meinen Zweck erreicht, du magst nun sterben oder nicht!« und ging fort. Hasan sagte: »Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott, dem Erhabenen! Der Verruchte hat mich verraten.« Er setzte sich, seufzte und sprach folgende Verse:
»Die ewige Bestimmung hat es so gewollt; wohl konnte ich fehlen, aber nicht die Bestimmung, denn sie ist unabänderlich. Wenn Gott mit einem Mann etwas vorhat, der Verstand, seine Ohren und gute Augen hat, so macht er seine Ohren taub, sein Herz blind und zieht ihm seinen Verstand wie ein Haar aus, bis sein Spruch bei ihm durchdringt; dann gibt er ihm den Verstand zurück, daß er sich belehre. Wenn etwas geschehen ist, frage nicht: Wie? denn alles geschieht nach Gottes Ratschluß und Bestimmung!«
Hasan stand auf, wendete sich rechts und links und sprach: »Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott, dem Erhabenen!« Er ging auf dem Berg herum und dachte an den Tod. So kam er an das Ende des Berges und sah unter sich ein blauschwarzes Meer, das Wellen schlug, die hohen Bergen glichen. Hasan setzte sich, las einiges aus dem Koran, betete zu Gott, daß er ihm entweder einen leichten Tod gebe, oder ihn aus dieser Not befreie. Er sprach hierauf das Sterbegebet und sprang ins Meer. Der erhabene Gott ließ ihn glücklich vom Wind ins Meer tragen; der Engel der Meere bewahrte ihn auch im Wasser und brachte ihn wieder ans Land durch die Macht Gottes, gepriesen sei er! Hasan dankte Gott und ging umher, um Früchte zu suchen, denn ihn hungerte; da bemerkte er, daß er sich gerade wieder an der Stelle befand, wo er früher mit dem Magier gewesen; er freute sich über sein Entkommen und pries den erhabenen Gott. Als er weiter ging, sah er ein großes, sich hoch erhebendes Schloß; es war das, wovon der Magier ihm gesagt hatte, dort wohne sein Feind. Hasan ging hinein, denn er dachte: vielleicht finde ich hier Rettung; auch war die Tür offen und an dem Hausgang war eine Bank, auf der zwei Mädchen saßen wie Monde, sie hatten ein Schachspiel vor sich und spielten.
Als eine von ihnen den Kopf in die Höhe hob und Hasan sah, schrie sie freudig: »Bei Gott, ein Mensch! Ich glaube, es ist der, den der Magier Bahram dieses Jahr gebracht hat.« Als Hasan dies hörte, fiel er vor ihr nieder, weinte und sagte: »Es ist derselbe, Herrin! bei Gott ich bin jener Elende.« Hierauf sagte die jüngere der beiden Mädchen: »Ich nehme dich zum Zeugen, daß ich vor Gott mit diesem Manne einen Bund der Freundschaft schließe, daß ich Trauer und Freude, so wie den Tod mit ihm teilen will.« Sie umarmte und küßte ihn, ergriff seine Hand und ging mit ihm ins Schloß; ihre Schwester folgte. Sie zogen Hasan alle seine schmutzigen Kleider aus und kleideten ihn in die Gewänder eines Königs; dann stellten sie ihm kostbare Speisen vor, setzten sich zu ihm, aßen mit ihm und sagten: »Erzähle uns, wie es dir mit diesem Hund, dem ruchlosen Zauberer, gegangen, seitdem du in seine Hand gefallen, bis zum Augenblick deiner Befreiung; wir wollen dir dann auch unser Abenteuer mit ihm erzählen von Anfang bis zu Ende, damit, wenn du ihn wiedersiehst, du dich vor ihm hütest.« Als Hasan diese Worte hörte, und diese Aufnahme sah, beruhigte er sich und kam wieder zu seinem Verstand; er erzählte ihnen alles, was ihm widerfahren, sagte ihnen auch, er habe den Magier nach diesem Schloß gefragt, und derselbe habe geantwortet: Sprich nicht von diesem Schloß, es ist von Teufeln und von Iblis bewohnt. Die Mädchen gerieten in heftigen Zorn und sagten: »Macht uns der Hund zu Teufeln und Iblis!« - »Bei Gott«, sagte die Jüngere, »ich will ihn den schlimmsten Tod sterben lassen!« Hasan fragte: »Wie willst du zu ihm gelangen, um ihn zu töten?« Sie antwortete: »Er ist in einem Garten, Meschid genannt; dort will ich ihm in Bälde den Tod bereiten.« Die ältere Schwester aber sprach: »Bei Gott! was Hasan von diesem Hund erzählt, ist alles wahr; doch erzähle ihm nun auch unsere Geschichte, damit er sie auch beherzig.« Da sprach die Jüngere: »Wisse, mein Bruder, wir sind Töchter eines mächtigen Königs der Djinn, der viele Truppen und Verbündete und abtrünnige Geister zu Dienern hat; seine zwei älteren Brüder sind Zauberer. Er bekam sieben Töchter von einer einzigen Frau, aber aus Dummheit, Stolz und Eifersucht wollte er ihnen keine Männer geben. Er ließ einst seine Veziere und Freunde kommen und sagte ihnen: Wißt ihr einen Ort, der weder von Menschen noch von Genien besucht wird, an dem aber doch viele Bäume, Früchte und Bäche sind? Sie antworteten: Was willst du damit? Da ist der Wolkenberg mit einem Schloß, das ein abtrünniger Geist erbaute, der von unserem Herrn Salomo, Sohn Davids (Friede sei mit ihm!), dahin verwiesen worden ist; seitdem er umkam, ist es unbewohnt geblieben, weil es ganz einsam liegt. Rund herum sind Fruchtbäume, und Bäche fließen dort, deren Wasser süßer als Honig und frischer als Schnee ist; es hat noch nie ein Aussätziger davon getrunken, ohne davon geheilt worden zu sein. Als mein Vater von diesem Ort hörte, schickte er uns mit seinen Truppen dahin und ließ uns mit allen nötigen Speisen und Getränken versehen. Unsere fünf Schwestern sind jetzt auf der Jagd in diesem blumigen Tal, worin unzählbare Gazellen und anderes Wild umherstreifen. Es ist nun an uns die Reihe, für sie zu kochen. Wir haben stets zu Gott gebetet, er möchte uns doch einen Menschen bescheren, der uns Gesellschaft leiste; gelobt sei nun Gott, der uns mit dir zusammengebracht!«
Hasan freute sich, wurde frohen Herzens und dankte Gott, der ihn diesen Weg der Rettung geführt und ihm die Herzen zugeneigt. Die Jüngere, die ihn so gut aufgenommen, führte ihn in ein Zimmer, aus dem sie allerlei Stoffe und Teppiche herausnahm. Nach einer Weile kamen die übrigen Schwestern von der Jagd und freuten sich, als man ihnen von Hasan erzählte; sie gingen zu ihm, grüßten ihn und wünschten ihm zu seiner Rettung Glück. Er lebte in Freude, Genuß und Liebe, ging mit ihnen auf die Jagd, schlachtete was sie gefangen, und sie freuten sich seiner Gesellschaft. So wurde bald sein Körper wieder gesund, er heilte von allen Übeln, und wurde dick und stark von der Ehre, die man ihm erwies und von seinem Aufenthalt zwischen sieben Monden, die ihn auf alle Weise zu befriedigen strebten, in einem Schloß, das mit den wunderbarsten und kunstvollsten Arbeiten ausgeschmückt war, mitten zwischen blumigen Gärten, von gleich hübschen und wohlgewachsenen Mädchen geliebt, die ihm den süßen Wein ihres Speichels zu trinken gaben. Die jüngste Schwester erzählte den übrigen die Geschichte des Magiers, der sie für Teufel ausgegeben, und alle schworen, ihn umzubringen.
Im folgenden Jahr kam der verruchte Magier Bahram wieder mit einem gefesselten Jüngling, hübsch wie der Mond, in die Nähe des Schlosses. Hasan stand an einem Bach unter den Bäumen und sah ihn. Sein Herz klopfte und er wurde blaß; er ging zu den Mädchen und sagte ihnen: »Bei Gott, meine Schwestern, helft mir diesen Verruchten umbringen, den wir jetzt leicht ergreifen können, denn er ist wieder mit einem jungen gefangenen Muselmann da, den er auf alle Weise quält. Ich will nun meine Blutrache an ihm nehmen, ihn töten, mein Herz an ihm kühlen, und diesen Jüngling befreien, ehe er ihn, wie er mir getan hat, von einem Rock auf den Berg bringen läßt und sich dann von ihm entfernt. Ich eile nun, um eine belohnungswerte Tat zu vollbringen, und gebe diesen Jüngling seiner Heimat, seinen Verwandten und Freunden zurück: diese fromme Tat übe ich für euch, daß Gott euch dafür belohne.« Die Mädchen sagten: »Wir gehorchen Gott und dir, o Bruder Hasan.« Sie verschleierten sich, zogen Kriegsgewänder an, umgürteten ihre Waffen, brachten dem Hasan ein vortreffliches Pferd und eine vollkommene Kriegsrüstung mit einem guten Schwert, und gingen auf den Magier zu.
Als sie in seine Nähe kamen, sahen sie, wie er schon ein Kamel geschlachtet und ihm die Haut abgezogen hatte, wie er den Jüngling peinigte und ihm sagte: »Stecke dich in diese Haut!« Hasan aber nahte sich unbemerkt von hinten und schrie ihn an, daß er vor Schrecken erstarrte. Dann trat er zu ihm hin und sagte: »Laß ab von diesem Jüngling, du Verruchter! du Feind Gottes und der Muselmänner! du Hund! du Treuloser! du Übeltäter! du ruchloser Anbeter des Feuers und des Lichts! du, der bei Hitze und Schatten schwört!« Als der Verruchte sich umkehrte und Hasan sah, wollte er ihn wieder mit süßen Worten täuschen, und sprach zu ihm: »O mein Sohn, wie hast du dein Leben gerettet? wie bist du vom Berg heruntergekommen?« Hasan antwortete: »Derjenige, der dein Leben in meine Hand geliefert hat, war der Retter; ich will dich foltern, wie du mich gefoltert; du Ungläubiger! du Gottloser! der vom rechten Weg abgewichen, nun bist du verloren; dir hilft kein Bruder und kein Freund mehr, dein Tod ist gewiß! Hast du nicht gesagt: Wer dem Brot und dem Salz untreu wird, den verläßt Gott? und doch warst du treulos. Nun hat dich Gott in meine Gewalt gegeben, und dein Entkommen ist fern.« Der Magier sprach: »O mein Sohn Hasan! bei Gott, du bist mir teurer als mein Leben, o Licht meiner Augen!« Hasan aber ging auf ihn zu, zog das glänzende Schwert aus der Scheide, versetzte ihm einen Hieb auf die Schultern, so daß das Schwert von seinen Lebensgeistern glänzend hervorkam und Gott sandte schnell seine Seele in die Hölle; wehe einem solchen Aufenthalt! Hasan nahm den Sack, den der Magier bei sich hatte, öffnete ihn und zog die Trommel und den Schlegel heraus. Damit trommelte er, bis die Kamele wie der Blitz herbeigelaufen kamen. Hasan entfesselte den Jüngling, sattelte ihm ein Kamel, gab ihm Lebensmittel auf die Reise und nahm Abschied von ihm. So rettete der erhabene Gott diesen Jüngling aus der Not und führte ihn in seine Heimat zurück. Die Mädchen freuten sich, als sie den Magier von Hasan erschlagen sahen, und wunderten sich, daß Gott diesen Verruchten gerade durch ihn hatte sterben lassen; sie wünschten ihm Glück zu seiner Rettung und sprachen: »O Hasan, du hast hier eine Tat vollbracht, mit der du Kranke heilst und bei dem erhabenen König Wohlgefallen findest!« Hasan kehrte mit den Mädchen ins Schloß zurück und lebte mit ihnen sehr angenehm in Essen, Trinken, Spiel und Scherz; er gedachte nicht mehr seiner Mutter. Während sie nun das freudigste Leben führten, erhob sich auf einmal ein mächtiger Staub aus der Wüste, der die ganze Luft verfinsterte. Die Mädchen sagten zu Hasan: »Steh auf, geh auf dein Zimmer, oder verbirg dich im Garten zwischen den Bäumen und Reben, dann hast du nichts zu fürchten.« Hasan verbarg sich auf seinem Zimmer, das er hinter sich verschloß. Als dann der Staub sich legte, sah man, wie sich darunter eine Armee bewegte, die wie das Meer lärmte, es waren Truppen vom Vater der Mädchen. Die Mädchen hießen die Truppen absteigen und bewirteten sie drei Tage lang. Sie fragten die Kriegsleute, wie es ihnen gehe und was sie neues bringen? Sie antworteten: »Wir kommen, um euch zu holen im Namen des Königs. Einer der Nachbarfürsten wird seine Tochter verheiraten, und euer Vater will euch die Freude machen, dem Fest beizuwohnen.« Die Mädchen fragten: »Wie lange sollen wir abwesend bleiben?« Sie antworteten: »Mit der Hin- und Herreise und dem Aufenthalt einen Monat.« Die Mädchen gingen dann zu Hasan, benachrichtigten ihn davon und sagten ihm: »Hasan, dieser Ort gehört dir, laß dir wohl sein und sei heiter! fürchte nichts, es wird niemand zu dir kommen, hier sind die Schlüssel zu unserm Schloß. Nur bitten wir dich bei unserer Freundschaft, öffne diese eine Tür nicht, denn du hast es nicht nötig!« Sie nahmen Abschied von ihm und zogen mit den Truppen fort. Als Hasan allein im Schloß war, wurde sein Herz sehr beklommen, er wurde ungeduldig, mißmutig und hatte banges Gefühl, denn seine Trauer über ihr Scheiden war groß. Er erinnerte sich ihrer Gesellschaft und Unterhaltung, und sprach folgende Verse:
»Die ganze Ebene kommt meinen Augen eng vor und mein ganzes Herz ist betrübt; alle Freude ist vorüber, seitdem sie fern sind, und der Tränen Strom ergießt sich aus meinen Augenhöhlen. Der Schlaf flieht mein Auge, seitdem sie von mir gegangen, und mein ganzes Innere ist betrübt.«
Es sagt der Erzähler der wunderbaren und entzückenden Geschichte: - und Friede sei mit unserm geliebten Herrn Mohammed, der den, der für ihn betet, vor der Feuerpein bewahrt, Gott habe Wohlgefallen an seinen reinen, vortrefflichen Verwandten und Gefährten! Amen. - Hasan ritt jeden Tag auf die Jagd, schlachtete und aß, doch ohne Lust, zehn Tage lang. Nachher wurde seine Brust sehr beklommen, und er wußte nicht mehr, was er anfangen sollte. Er ging im Schloß umher und durchsuchte alle Gemächer, bis er in die Zimmer der Mädchen kam, worin er viele Schätze und Kostbarkeiten sah, doch hatte er wegen ihrer Abwesenheit keine Freude daran; auch brannte sein Herz wegen der Tür, die er nicht öffnen sollte. Er dachte bei sich: Gewiß hat meine Freundin mir deshalb den Zugang zu diesem Zimmer versagt, weil etwas darin ist, das niemand sehen soll. Indessen hat sie das Gold nicht verschlossen, allerlei Kostbarkeiten und Kleinodien liegen auch offen da, bei Gott, ich will die Tür öffnen und sehen, was in diesem Zimmer ist, und sollte ich auch sterben müssen. Er holte die Schlüssel und öffnete die Tür, fand aber nichts als mitten im Zimmer eine Treppe von jemanischen Steinen. Hasan stieg die Treppe hinauf auf die Terrasse des Schlosses und dachte: dies ist der Ort, den ich nicht sehen sollte. Er ging auf der Terrasse herum und sah unter dem Schloß schöne Wiesen, Gärten und Bäume, Blumen, Bäche, Wildbret und Vögel, die alle den einzigen allmächtigen Gott priesen; er sah auch das Meer, das hohe Wellen schlug. So ging er lange umher und sah sich nach allen Seiten um, bis er endlich an einen Pavillon kam, der mit allerlei Edelsteinen, wie Rubin, Smaragd und Diamanten, verziert war; er bestand aus zwei Lagen Gold und einer Lage Silber. Mitten in diesem Pavillon war ein kleiner See, voll mit Wasser, und darüber ein netzförmiges Gitterwerk von Sandel-, Aloe- und anderm wohlriechenden Holze, mit goldnen Stangen, die mit allerlei Edelsteinen und Perlen verziert waren und über demselben waren Reben mit Trauben wie Rubine, jede Beere so groß wie ein Taubenei. Auf der Seite des Sees sah man einen Thron von Aloeholz, mit Perlen, Edelsteinen und mit goldenen Stangen geschmückt; die Vögel zwitscherten auf den Bäumen in verschiedenen Sprachen und priesen den einzigen allmächtigen Gott. Als Hasan dies sah, war er höchst erstaunt und wußte nicht mehr, wo er war. Er setzte sich und sah verwundert umher, ohne jemanden zu entdecken, als Vögel und Tiere; er dachte: welchem König mag wohl dieser Ort gehören? oder ist das wohl der Garten Irem mit den Pfeilern, von denen man erzählt? Wer vermag so etwas herzustellen? Während er so in Verwunderung saß, kamen zehn Vögel aus der Wüste auf das Schloß zu; Hasan aber sah sie nach diesem Lusthaus fliegen, um Wasser zu trinken. Da er fürchtete, wenn sie ihn sähen, möchten sie entfliehen, stand er auf und verbarg sich vor ihnen. In einem Augenblick ließen sie sich um den See herum nieder, und er bemerkte einen von den Vögeln durch seine Schönheit vor den anderen hervorragen, und die übrigen neun umgaben ihn wie seine Diener. Der große Vogel pickte die anderen und quälte sie, bis sie vor ihm entflohen. Hasan sah allem aus der Ferne zu, ohne daß sie ihn bemerkten. Sie setzten sich dann auf den Thron, jeder Vogel aber zog mit seinen Krallen sein Kleid aus, und sieh da! es waren Federnkleider, aus denen zehn Jungfrauen schlüpften, schöner als der Mond. Sie stiegen alle in den See, badeten sich, spielten und lachten; der große Vogel aber hob sie in die Höhe und tauchte sie wieder unter, bis sie vor ihm entflohen und keiner hob die Hand gegen ihn auf.
Als Hasan sie sah, kam er ganz außer sich und verlor seinen Verstand. Er dachte, die Mädchen hätten ihm nur deshalb verboten, jene Türe zu öffnen; denn sein Herz wurde gefesselt, als er sie so ausgelassen im Wasser mit den übrigen spielen sah, und ungestört betrachten konnte, er bedauerte nur, sich ihnen nicht nahen zu dürfen. Er bewunderte besonders die Oberste der Mädchen und fiel in das Netz ihrer Liebespfeile, denn das Auge sieht, das Herz entflammt und die menschliche Leidenschaft führt zur Sünde. Er weinte und fühlte in seinem Herzen eine unauslöschliche Liebesflamme. Die Mädchen stiegen indessen wieder aus dem Bassin, der Unglückliche aber blieb immer in ihre Betrachtung versunken und bewunderte Gottes Geschöpfe: doch was kann Gott nicht schaffen! Wie sein Auge wieder auf die Oberste der Mädchen fiel, da flog sein Verstand ganz davon. Als alle aus dem Wasser waren, zogen sie ein mit Gold, Perlen und Edelsteinen besetztes Kleid an, nur die Oberste trug ein grünes Gewand. Der Glanz ihres Angesichts überstrahlte den Vollmond, und ihr schöner Wuchs alle Baumzweige; und das Verlangen nach ihr raubte jedem den Verstand; sie war, wie der Dichter sagt:
»Ein munteres Mädchen, von deren Wangen die Sonne ihren Glanz entlehnt, erschien in einem grünen Hemd, wie ein grünes Blatt mit Kirschen.«
Als sich die Mädchen angekleidet hatten, setzten sie sich, unterhielten sich miteinander und lachten; die oberste aber neckte immer die andern, fiel bald über diese und bald über jene her, und keine wagte es, die Hand gegen sie auszustrecken. Hasan stand auf glühenden Kohlen, ganz von Sinnen und vor Liebe außer sich, und sprach zu sich: »O hätte ich doch diese Tür nicht geöffnet, und diese Reize nicht gesehen. Wie willst du, Hasan, zu ihrem Besitz gelangen? wie willst du dir einen Vogel, der in der Luft fliegt, zueignen? Bei Gott, Hasan, du hast dich in ein bodenloses Meer geworfen und in eine Sache eingelassen, der du nicht gewachsen bist; du mußt nun aus Verzweiflung sterben, und niemand wird deinen Tod erfahren, wie sollten solche Reize mich nicht töten?« Er betrachtete dann noch einmal das schöne Mädchen, das alle Menschen an Schönheit übertraf. Und wie anders? ihr Mund war wie Salomos Siegelring, ihre Haare wie die finstere Nacht, ihre Augen bezaubernd wie die der Gazelle, ihre Nase wie die eines Adlers. Sie hatte Wangen wie Anemonen, Lippen wie Rubinen, Zähne wie Perlen in Korallen gereiht, eine Zunge voll Süßigkeiten wie ein königlicher Tisch, einen herrlichen Busen, kurz, alle ihre Reize waren vollkommen, wie der Dichter sagt:
»Ein schönes Mädchen! ihr Speichel ist wie Honig, ihr Auge schärfer als ein indisches Schwert; ihre Bewegungen beschämen die Zweige des Ban, und wenn sie lächelt, so gleicht sie der Arthemis. Du sagst, ihre Wangen seien wie Doppelrosen, doch sie empört sich darüber und spricht: Wer wagt es, mich mit einer Rose zu vergleichen? wer schämt sich nicht, zu behaupten, mein Busen sei so reizend wie die Frucht eines Granatapfelbaumes? Bei meiner Schönheit und Anmut! bei meinen Augen und schwarzen Haaren! wer wieder solche Vergleiche macht, den verbanne ich aus meiner Nähe und töte ihn durch die Trennung; denn findet er in den Zweigen des Ban meinen Wuchs, und in den Rosen meine Wangen, was hat er bei mir zu suchen?«
Die Mädchen lachten und spielten immer fort, Hasan aber bewunderte ihre Reize und vergaß seine Schwestern, deren Abwesenheit ihn so verstimmt hatte, bis zur Asserzeit. Da sagte die Schöne zu den übrigen: »O ihr Prinzessinnen! es wird spät, wir haben noch weit und sind schon müde, kommt, laßt uns aufbrechen!« Sie zogen hierauf alle zugleich ihre Federnkleider an und flogen, wie sie gekommen waren, als Vögel davon, die Schöne aber flog in der Mitte, und Hasan verzweifelte. Er wollte aufstehen, konnte aber nicht: er weinte, jammerte und sprach folgende Verse:
»Ich wäre ein Treuloser, wenn ich, nach eurer Entfernung, die Süßigkeit des Schlafes kostete. Seitdem ihr geschieden, haben sich meine Augen nicht mehr geschlossen, auch schmeckt mir keine Ruhe seitdem ihr fortgewandert. Es ist mir, als sehe ich im Traum euer Bild, o wären die Träume doch wahr! ich liebe den Schlaf nur in der Hoffnung, euch im Traum zu sehen!«
Er ging dann ein wenig und setzte sich wieder, konnte aber nur mit großer Mühe den Weg finden, um wieder in die untere Etage des Schlosses zu gelangen, dann schleppte er sich so fort, bis er an die Tür des Zimmers kam. Als er darin war, schloß er sie, legte sich hin, war aber ganz in Gedanken versunken, aß und trank nicht und konnte den ganzen Tag keine Ruhe finden. Als es Nacht wurde, weinte und seufzte er; er erwähnte den Namen unseres Herrn Mohammed, und sprach folgende Verse:
»Die Vögel flogen abends davon und schrieen: Wer aus Liebe stirbt, hat keine Schuld, solange man beisammen verweilt, kann man nicht von Liebe sprechen, wird aber die Sehnsucht heftig, so bleibt sie nicht mehr verborgen. Mir erschien das Bild derjenigen, deren Stirne dem Morgen gleicht, und sie verwandelt meine Nacht in Tag. Ich seufze nach ihr, wenn freie Menschen schlafen und den Kelch der Ruhe schlürfen. Ich bin freigebig mit meinen Tränen, ich gebe gerne all mein Gut, mein Herz und meinen Verstand, denn Freigebigkeit ist Gewinn. Was bleibt dem Liebeskranken übrig, als der Liebe alles zu opfern? Man sagt, es ist verboten, vergängliche Dinge zu lieben, und erlaubt der Liebenden Blut zu vergießen. So oft mir dein Bild vorschwebt, klage und seufze ich, denn was kann der Verzweifelte mehr tun, als klagen, da er doch ohne Flügel nicht fliegen kann!«
Als die Sonne aufging, öffnete er die Zimmertür und stieg wieder auf die Terrasse; er setzte sich an eine Stelle, dem Altan gegenüber und wich nicht bis abends; die Vögel aber kamen nicht, und er weinte solange, bis er ohnmächtig auf den Boden fiel. Als er wieder zu sich kam, stieg er hinunter. Er legte sich nieder, bis der nächste Morgen begann und die Sonne Berge und Täler beleuchtete, hatte jedoch keine Ruhe; die ganze Nacht schlief er nicht, konnte weder essen noch trinken; er war traurig und niedergeschlagen, weil er immer an seine Liebe dachte, und sprach folgende Verse:
»Sie beschämt die leuchtende Morgensonne und alle Baumzweige; o möge doch das Schicksal sie mir zurückbringen, damit sie den Trennungsschmerz mildere und mein Herz beruhige; o könnte ich des Abends sie umarmen und Wange auf Wange, und Hals auf Hals legen! Wer sagt, die Liebe sei süß? gewiß hat die Liebe gar zu bittre Tage!«
Als Hasan diese Verse vollendet hatte, sah er einen großen Staub sich aus der Wüste erheben; er ging schnell hinunter und verbarg sich, denn er dachte, daß es die Bewohner des Schlosses seien. Sehr bald darauf erschienen wirklich die sieben Mädchen mit Soldaten, die sich im ganzen Schloß verbreiteten. Sie zogen ihre Kleider und Kriegsrüstung aus, die Jüngste aber, Hasans Freundin, ging sogleich, ohne sich umzukleiden, auf sein Zimmer, fand ihn jedoch nicht; sie suchte solange, bis sie ihn in einem anderen Zimmer erblickte; er war schwach, mager und blaß und hatte hohle Augen, weil er weder gegessen, noch getrunken, noch geschlafen hatte, alles aus Liebe und Sehnsucht nach dem Mädchen. Als seine Freundin ihn in diesem Zustand fand, wurde ihr ganz unwohl; sie fragte ihn, was ihm zugestoßen, und sprach: »O erzähle mir's doch, ich gebe mein Leben hin, mein Bruder! um dir zu helfen.« Hasan weinte, bis er in Ohnmacht fiel, und sprach dann folgende Verse:
»Bleib fern von Zuständen, die gelbe Flecken erzeugen! von innen Verwesung, von außen Brand. Der Anfang ist Erinnerung und das Ende ist Kummer.«
Seine Freundin staunte über diese beredten Worte, und sagte zu ihm: »O mein Bruder! wann ist dir ein solches Unglück widerfahren, daß du solche Verse im Munde führst und so viele Tränen vergießt? Bei Gott und bei dem Brot, das wir zusammen genießen, erkläre mir deinen Zustand und verhehle mir nichts, sage mir, was dir in meiner Abwesenheit widerfahren, denn dein Zustand betrübt mich sehr.« Hasan seufzte und vergoß Tränen wie ein Platzregen; er sprach: »Ich fürchte, o Schwester! du wirst mir nicht beistehen in meinem Verlangen, und ich werde aus Verzweiflung sterben müssen.« Sie aber schwor: »Bei Gott, mein Bruder, ich verlasse dich nicht und kostete es auch mein Leben!« Hasan erzählte ihr, daß er die Tür geöffnet habe und was er gesehen, von Anfang bis zu Ende, wie ihn nun die Liebe zu dem Mädchen so unglücklich mache, daß er schon zehn Tage weder an Essen noch Trinken Freude habe; er weinte dann wieder und sprach folgende Verse:
»Gib mir das Herz zurück, wie es in meiner Brust war, gib meine Augen dem Schlaf zurück, dann scheide! glaubtet ihr, die Nächte würden den Liebesbund lösen? möge jeder untergehen, der ihn bricht!«
Er setzte seine Klagen solange fort, bis seine Freundin ihn bemitleidete und mit ihm weinte. Sie sprach zu ihm: »Sei frohen Herzens und heitere Auges! ich will jede Gefahr mit dir teilen und auf Mittel denken, wie du in ihren Besitz gelangst, müßte ich auch mein eigenes Leben dabei opfern! Verbirg jedoch dein Geheimnis vor meinen Schwestern, sonst sind wir beide verloren. Wenn sie dich fragen, ob du jene Türe geöffnet hast, so antworte: Nein, sondern ich bin niedergeschlagen von meiner langen Einsamkeit in diesem Schloß, es wurde mir in eurer Abwesenheit gar zu unheimlich.« Hasan sagte: »Dein Rat ist gut, ich will ihn befolgen.« Er heiterte sich wieder auf, öffnete jedoch aus Furcht vor den Mädchen die Tür nicht mehr, seine Lebensgeister aber kehrten wieder zu ihm zurück. Als seine Freundin dies bemerkte, brachte sie ihm zu essen und zu trinken, ging zu ihren Schwestern und sagte ihnen mit Tränen in den Augen, ihr Freund sei krank und habe schon zehn Tage lang nichts gegessen. Als sie fragten, was er für eine Krankheit habe, antwortete sie: »Sie entstand aus Verlangen nach uns, denn die Tage unserer Abwesenheit schienen ihm länger als tausend Jahre. Der Unglückliche ist zu entschuldigen, er ist hier fremd und mußte ganz allein bleiben, ohne Gesellschaft und Erheiterung; er ist noch so jung, ihn schmerzt die Trennung von seiner Mutter, die eine alte Frau ist und um ihn weint, und die er nur in unserer Gesellschaft vergessen hatte.« Als die Schwestern dies hörten, weinten sie aus Mitleid mit ihm; sie entließen die Truppen, gingen zu Hasan und grüßten ihn; ihr Kummer war groß, als sie sahen, wie seine Reize abgenommen hatten und wie mager sein Körper geworden war. Sie weinten, trösteten ihn und erzählten ihm alles Wunderbare, was sie auf der Reise gesehen, und was dem Verlobten widerfahren sei. So suchten sie ihn mit den süßesten Reden aufzumuntern: wie konnte er sieben Mädchen, schön wie der Mond, länger widerstehen? Doch war Hasan so sehr mit seiner Liebe beschäftigt, daß ihm die Gesellschaft der Mädchen gar nicht angenehm war, denn er wollte wieder aufs Schloß steigen. Die Mädchen verließen ihn aber einen ganzen Monat lang nicht, und bedauerten ihn sehr, da sie seine Krankheit täglich zunehmen sahen. Nach einem Monat hatten jedoch die Mädchen wieder Lust, auf die Jagd zu reiten. Sie fragten die Jüngste, ob sie mit wolle? Diese aber antwortete: »Bei Gott, meine Schwestern, ich kann nicht mit euch gehen, solange mein Freund in einem so kranken Zustand ist.« Die Mädchen lobten die gute Tat ihrer jüngsten Schwester, und sagten: »Du wirst gewiß einst den Lohn ernten für die Wohltaten, die du diesem Fremden erweist.« Mit diesen Worten verabschiedeten sie sich, nahmen Lebensmittel auf zwanzig Tage mit und ritten fort.
Sobald die Mädchen das Schloß verlassen hatten, ging die jüngste Schwester zu Hasan und sagte ihm: »Steh auf und zeige mir den Ort, wo du die Mädchen gesehen.« Voller Freude, weil er schon der Erfüllung seiner Wünsche entgegensah, rief er: »Im Namen Gottes!« und wollte mit ihr gehen. Er war aber so schwach, daß er gar nicht aufstehen konnte, und seine Freundin mußte ihn auf ihren Armen tragen. Sie öffnete die Tür, die zur Treppe führte, und stieg mit ihm auf die Terrasse. Als sie oben waren, zeigte ihr Hasan die Stelle, wo er die Mädchen nackt gesehen, sowie auch den Pavillon und das Bassin, in das sie gestiegen. Dann sagte sie: »Beschreibe mir das Aussehen deiner Geliebten.« Als Hasan sie beschrieb, wurde seine Freundin plötzlich ganz blaß. Hasan fragte: »Was hast du? Warum wirst du auf einmal so entstellt?« Sie antwortete: »Wisse, mein Freund, dieses Mädchen ist die Tochter des mächtigsten Königs der Genien, ihr Vater herrscht über Menschen und Djinn, über Zauberer und Wahrsager und über viele Stämme; auch unser Vater steht unter seiner Oberherrschaft. Er hat viele Verbündete und gebietet über weite Länder und Städte und Inseln, niemand kann ihn bezwingen, so zahlreich ist seine Armee, so groß sein Königreich und so unermeßlich sein Schatz. Er hat seinen Töchtern, die du gesehen, ein Land, das man in nicht weniger als einem Jahr durchreisen kann, übergeben; kein Mensch und kein Djinn kann dahin gelangen, denn es ist rings umher von einem Strom umgeben. Unter seinen vielen Truppen befindet sich auch eine Abteilung, die aus fünfundzwanzigtausend kriegerischen Mädchen besteht, welche, wenn sie ihre Pferde besteigen, die tapfersten Helden schlagen, und seine sieben Töchter haben mehr Mut und Kraft, als ein Löwe. In dem eben erwähnten Land, das eine Ausdehnung von einer jährigen Reise hat, regiert die älteste Prinzessin, welche so viel Klugheit, List, Tapferkeit, Ritterlichkeit und Zauberkünste besitzt, daß, wenn sie wollte, sie leicht unser Reich zerstören könnte; die Mädchen, die sie begleiten, sind die Großen ihres Reichs und ihre Leibwache, und die Federhäute, mit denen sie fliegen, sind Zauberwerk von Genien. Willst du diese Prinzessin, diese ausgezeichnete Perle, dir zueignen und an ihren Reizen dich ergötzen, so warte hier, denn sie kommt am Anfang jeden Monats hierher; wenn aber die Mädchen kommen, so verbirg dich recht sorgfältig, denn wenn sie dich erblicken, so sind wir verloren, wir alle samt unserem Vater. Merke dir nun wohl, was ich dir sage, bleibe in der Nähe irgendwo sitzen, wo du sie sehen kannst, ohne von ihnen gesehen zu werden; wenn sie dann ihre Kleider ausziehen, so gib acht, wo die Prinzessin ihr Federkleid hinlegt, nimm es und verwahre es wohl, denn nur mit diesem Kleid kann sie nach ihrem Reich zurückkehren. Laß dich aber ja nicht von ihr bereden, wenn sie es zurückfordert und sagt: ich bin ja bei dir, du kannst mich ja festnehmen; denn sobald sie ihr Kleid hat, bringt sie dich um, zerstört unser Schloß und tötet unsere Vater. Sehen dann die anderen Mädchen, daß das Kleid der Prinzessin gestohlen worden, so fliegen sie fort und lassen sie allein. Sobald du bemerkst, daß sie die Hoffnung, ihre Gefährtinnen wiederzusehen, aufgegeben hat, so gehe auf sie zu, ergreife sie bei den Haaren, ziehe sie zu dir hin, und führe sie in dein Gemach, denn du bist ihr Herr. Verwahre aber das Federnkleid wohl, denn solange du dieses hast, ist sie in deiner Gewalt. Ich rate dir daher, ihr gar nicht zu sagen, daß du es genommen.«
Als Hasan diese Rede seiner Freundin hörte, beruhigte sich sein Gemüt, er erhob sich neu gestärkt, küßte das Haupt seiner Freundin und betete für sie. Sie gingen dann wieder herunter und brachten die Nacht beisammen im Schloß zu. Sobald am folgenden Morgen die Sonne aufging, stieß Hasan wieder auf die Terrasse, die er bis abends nicht verließ, so daß seine Freundin ihm zu essen und zu trinken hinaufbringen mußte. So ging das fort, bis der Neumond ihm das erwartete Glück brachte; denn mit ihm kamen auch die Vögel wie der Blitz herangezogen. Hasan verbarg sich schnell an einem Ort, wo er sie sehen konnte, ohne von ihnen bemerkt zu werden. Sie ließen sich herunter und zogen ihre Federgewänder aus. Der große Vogel zog nach Gottes Bestimmung sein Gewand in der Nähe Hasans aus, und ging ins Bassin zu den übrigen Vögeln. Hasan machte sich ganz leise unter Gottes Schutz auf und nahm, während sie im Wasser untertauchten und allerlei Scherze trieben, ohne von ihnen bemerkt zu werden, das Gewand der Prinzessin weg. Nach dem Bad stiegen sie wieder aus dem Bassin, und jede zog ihr Gewand wieder an. Als aber die Prinzessin, welche zuletzt ausgestiegen war, ihr Federkleid nicht mehr fand, da stieß sie ein lautes Geschrei aus und schlug sich ins Gesicht; die anderen Mädchen kamen zu ihr und fragten sie, warum sie so jammere; und als sie hörten, daß sie ihr Federgewand vermisse, weinten sie mit ihr und wußten nicht, was sie von diesem Raube denken, noch was sie tun sollten. Da es indessen schon spät war und sie fürchteten, es möchte ihnen, wenn sie länger blieben, auch ein Unglück widerfahren, nahmen sie Abschied von ihr und flogen davon. Als sie sich entfernt hatten, sagte sie: »Ich beschwöre dich bei Gott, du, der du mein Kleid genommen, gib mir es zurück; Gott lasse dich nie einen solchen Verlust fühlen!«
Sobald Hasan diese Worte hörte, die süßer als Julep waren, bemächtigte sich seiner eine heftige Leidenschaft, die ihm alle Besinnung raubte; er stürzte gewaltig auf sie zu, faßte sie bei den Haaren, zog sie an sich, trug sie in sein Zimmer hinunter und warf ein seidenes Tuch über sie. Er schloß dann das Zimmer zu und ging, um seiner Freundin zu sagen, daß er nun seine Geliebte in seiner Macht habe, daß sie aber weine und vor Verzweiflung sich in die Hand beiße. Als seine Freundin dies hörte, ging sie mit ihm auf sein Zimmer und küßte die Erde vor der niedergeschlagenen Prinzessin und grüßte sie. Diese rief: »So schlecht behandelt ihr Prinzessinnen? Ihr kennt doch meinen Vater, seine Macht, sein Reich und seine Armee; ihr wißt, daß alle Könige furchtsam vor ihm zittern wegen seiner vielen Zauberer, Gelehrten, Wahrsager, Genien, Dämonen und Truppen, welche so zahlreich sind, daß nur der erhabene Gott ihre Zahl kennt, und dennoch beherbergt ihr einen Mann bei euch und macht ihn mit unsern und euren Zuständen bekannt. Wie seid ihr zu diesem hergelaufenen Fremden gekommen?« Hasans Freundin antwortete: »O Prinzessin, der Mann hat nichts Böses vor, die Weiber sind ja doch nur für die Männer, und die Männer für die Weiber geschaffen; er hat nur einen Blick auf dich geworfen, und dahin ist seine Gesundheit und Heiterkeit.« Sie erzählte ihr dann alles, wie sie es von Hasan vernommen, redete ihr freundlich zu und suchte sie zu trösten, aber die Prinzessin blieb eine Weile ganz bewußtlos.
Als die Prinzessin wieder zu sich kam, fiel Hasans Freundin teilnehmend über ihre Hände und Füße her und küßte sie. Dann holte sie ihr ein schönes Kleid und zog es ihr an, brachte ihr Speisen und aß mit ihr, suchte sie durch gute Worte aufzuheitern und ihr für Hasans Schicksal Mitleid einzuflößen: aber die Prinzessin weinte die ganze Nacht durch.
Am folgenden Morgen, als sie sah, daß ihr Jammern ihr keine Rettung verschaffte, hörte sie auf zu weinen, wurde ruhiger und sagte: »Gott hat nun einmal über mein Haupt beschlossen, ich soll in der Fremde, fern von meinen Verwandten und von meinem Vaterland, leben; ich muß den Ratschluß des Herrn mit Ergebung ertragen.« Hasans Freundin richtete ihr dann ein Zimmer im Schloß her, leistete ihr Gesellschaft und tröstete sie so lange, bis sie endlich ganz munter wurde und sich nicht mehr über ihre Trennung von den Ihrigen betrübte. Jene ging dann zu Hasan und sagte ihm: »Geh zu deiner Geliebten, küsse ihr Haupt und ihre Hände und sei recht zärtlich gegen sie.« Hasan besuchte sie, küßte ihre Füße, ihr Haupt und ihre Wangen, und sagte ihr: »O Herrin der Schönen, Leben der Seele, Freude des Auges! Sei doch ganz ohne Sorgen, ich werde dich nicht hintergehen, ich will dein Sklave sein bis zum Tode, und diese meine Freundin erbietet sich als deine Sklavin; auch fordere ich nichts, was den Geboten Gottes und seines Propheten (Gott sei ihm gnädig!) zuwider ist, ich will dich gesetzmäßig heiraten, und mit dir nach meinem Vaterland, nach Bagdad, reisen, wo meine teure Mutter wohnt, die dich mit ihren Augen bedienen wird; auch kaufe ich dir Sklaven und Sklavinnen. Sieh, unser Land ist hübsch und von schönen Menschen mit freundlichen Gesichtern bewohnt.«
Als Hasan so gesprochen, ohne daß sie ihm geantwortet, wurde an die Tür des Schlosses geklopft; Hasan ging, um zu sehen, wer draußen sei, und siehe, es waren die Mädchen, welche von der Jagd zurückkehrten. Hasan ging ihnen freudig entgegen, auch sie freuten sich sehr und wünschten ihm Glück zu seiner Wiedergenesung. Sie stiegen von ihren Pferden ab, und nachdem sie sich in ihren Gemächern umgekleidet hatten, ließen sie den Ertrag der Jagd herbeibringen, um einiges schlachten, anderes im Schloßhof herumlaufen zu lassen. Hasan nahm eine Schürze vor, um einiges zu schlachten, das noch auf Mittag gekocht werden sollte, und die Mädchen freuten sich, ihn in ihrer Mitte zu sehen. Hasan ging nun zur Ältesten und küßte ihr Haupt, dann auch zu den übrigen und küßte eine nach der andern. Sie sagten: »Laß doch, o Bruder, das sind wir dir schuldig, du bist gewiß vornehmer, als wir.« Da weinte und seufzte er. Die Mädchen fragten: »Was hast du? Warum weinst du und betrübst uns so durch deinen Kummer? Wenn du Heimweh hast, so wollen wir dich mit dem Nötigen ausstatten und du kannst in deine Heimat zu deiner Mutter zurückkehren.« Er sagte: »Bei Gott, ich habe keine Lust, euch zu verlassen.« Da sagten sie: »Warum bist du denn so niedergeschlagen?« Hasan schämte sich, ihnen etwas von der Prinzessin zu sagen, auch befürchtete er ihre Einreden.
Als er daher schwieg, sagte seine Freundin zu ihren Schwestern: »Er hat einen Vogel in der Luft gefangen, und ihr sollt ihm helfen, ihn zu verzehren.« Sie sagten alle: »Wir sind bereit, dir in allem beizustehen, erzähle uns nur deine Geschichte.« Hasan sagte seiner Freundin: »Erzähle du sie ihnen, denn ich schäme mich.« Als diese hierauf ihren Schwestern Hasans Abenteuer erzählte, und Hasan ihre Reize geschildert hatte, wünschten sie zu ihr geführt zu werden. Hasan ging vor ihnen her und öffnete die Tür seines Zimmers. Sobald sie diese schöne Prinzessin sahen, küßten sie die Erde vor ihr und bewunderten ihre herrliche Gestalt und ihre Reize, grüßten sie und sagten ihr: »O Prinzessin, wir schwören dir, daß wir von allem, was mit dir geschehen ist, nichts wußten; hat sich dir Hasan etwa auf eine unanständige Weise genähert?« Sie antwortete: »Nein!« - »Bei Gott«, fuhren sie fort, »wenn er das getan hätte, so wäre ihm der Tod aus unserer Hand sicher gewesen. Doch es ist natürlich, daß Männer Frauen lieben, und diese sind ja nur für jene geschaffen; hat er doch bei seiner heftigen Liebe nichts Unerlaubtes begehrt. Wüßten wir, daß Mädchen ohne Männer leben könnten, so würden wir ihn von seinem Begehren abzuhalten suchen; oder wüßten wir nicht, daß er das Federngewand verbrannt hat, so würden wir es ihm nehmen.« Dann befreundete sich eines der Mädchen ganz besonders mit ihr, gewann ihr Vertrauen und erlangte bald ihre Einwilligung, sie mit Hasan zu verloben. Das Brautpaar gab sich die Hand und der Hochzeitstag wurde mit vielen Festlichkeiten begangen. Als Hasan sich des Abends am Ziel seiner Wünsche sah, sprach er im Taumel der Liebe folgende Verse:
»Dein Wuchs hat mich bezaubert, dein weites Auge und dein Gesicht, das im Schönheitswasser perlt. Ich erblicke in dir die reizendste Gestalt. Die Hälfte deines Leibes ist von Rubinen, ein Dritteil von Diamanten, ein Fünftel von Moschus, ein Sechstel von Ambra, und du gleichst ganz einer Perle, bist nur noch strahlender. Weder unter Evas Nachkommen, noch in den Gärten der Ewigkeit ist eine vortrefflicher, als du! Es steht nun bei dir, ob du deinen Sklaven vor Liebe töten, oder ihm verzeihen willst. O Zierat der Welt, o mein höchstes Verlangen, wer kann mit Ruhe dein schönes Gesicht sehen?«
Die Mädchen, welche vor der Türe standen, als Hasan diese Verse rezitierte, sagten zur Prinzessin: »Hörst du die Worte der Liebe und tadelst uns noch?« Hasan rezitierte hierauf noch tausend andere Verse, welche die Prinzessin sehr entzückten. Vierzig Tage vergingen in allerlei Belustigungen und Festen, bei welchen Hasan von den Mädchen auf alle Weise erfreut und beschenkt wurde.
Die Prinzessin war vollkommen getröstet und fand so viel Wohlgefallen an diesem Aufenthalt, daß sie die Ihrigen ganz vergaß. Nach vierzig Tagen erschien Hasan im Traum seine Mutter, um ihn trauernd, ganz mager und blaß und entstellt, und sagte ihm: »Mein Sohn Hasan, du lebst noch in dieser Welt und hast mich vergessen? Mein Sohn, sieh, wie ich durch deine Trennung geworden bin; ich werde dich nie vergessen, bis zum Tod. Auch habe ich dein Grab in meinem Haus gebaut, weil ich dich nie vergessen will. Mein Sohn, wird mein Auge dich je wiedersehen? Werden wir, wie früher, vereinigt leben?« Bei diesen Worten erwachte Hasan, mit tränenden Augen, traurig und niedergeschlagen. Als des Morgens die Mädchen wie gewöhnlich ihn besuchten, sah er sie gar nicht an und ging ihnen nicht entgegen. Sie fragten die Prinzessin, was ihm fehle? Diese antwortete: »Bei Gott, ich weiß nicht, er hat mir nichts gesagt.«
Als sie dann dem Verlangen ihrer Freundinnen gemäß ihn fragte, erzählte er ihr seinen Traum, den sie den Mädchen wieder erzählte. Hasan sprach vor Wehmut und Mitleid mit seiner Mutter folgende Verse:
»Wir bleiben betrübt und verzweifelt, denn wir suchen deine Nähe und finden sie nicht, die Qualen der Leidenschaft stürmen über uns und das Liebesglück lastet schwer auf uns.«
Als die Mädchen diese Verse hörten, weinten sie aus Mitleid mit ihm und sagten ihm: »O unser Bruder, o Hasan! Niemand von uns wird dich abhalten wollen, deine Mutter zu besuchen, wir werden dir vielmehr noch mit allen unsern Kräften beistehen; doch unter der Bedingung, daß du dich nicht auf immer von uns trennst, sondern uns zweimal im Jahre besuchst.« Als Hasan hierzu recht gern einwilligte, machten sich die Mädchen auf und sorgten für seinen Proviant, sowie auch für allerlei kostbare Stoffe und Edelsteine für ihn und seine Gemahlin. Dann schlugen sie die Trommel, es kamen Kamele von allen Seiten her, aus denen sie die besten, die sie zur Reise brauchten, herauswählten; auch beluden sie fünf Maulesel mit verschiedenem Schmuck und Seltenheiten des Landes, und fünfundzwanzig mit Lebensmitteln und anderen Kleinigkeiten.
Die Mädchen bestiegen dann ihre Pferde und begleiteten die Prinzessin und Hasan drei Tage lang. Dann schwor Hasan, sie möchten jetzt zurückkehren, worauf sie Abschied nahmen. Hasans Freundin weinte heftig, als sie ihn umarmte, und fiel in Ohnmacht. Als sie wieder zu sich kam, sprach sie folgende Verse:
»Gäbe es doch keinen Trennungstag, denn er verscheucht den Schlaf aus den Augen! Wir müssen nun voneinander scheiden, und auf den Tag des Glücks folgt ein Schmerzenstag.«
Sie beschwor ihn dann noch einmal, wenn er seine Mutter gesehen und einige Zeit in der Heimat zugebracht habe, doch ja nicht zu unterlassen, sie wieder zu besuchen. »O meine Schwester, Seele meines Körpers!« rief Hasan, »ich gehe ja sehr ungern von hier fort, und tu es nur, um meine Mutter wiederzusehen; mein Geist bleibt bei euch, wie sollte ich euch vergessen und eure Entfernung mit Gleichgültigkeit tragen!« Dann sagte sie ihm: »Wenn du in Not und Gefahr bist, so schlage auf die Trommel des Juden, die Kamele werden zu dir kommen, besteige sie sogleich und kehre zu uns zurück.« Nachdem er nochmals geschworen, daß er wiederkehren werde, schieden sie endlich voneinander mit innigstem Bedauern, und besonders die jüngste Schwester konnte sich gar nicht fassen und hörte nicht auf zu weinen.
Hasan reiste indessen Tag und Nacht, durch Wüsten und Einöden, und rauhe Gegenden und Täler, bis ihn Gott glücklich nach Baßrah gelangen ließ. Als er an sein Haus kam, legte er seine Ladung vor die Türe und entließ die Kamele. Eben wollte er die Tür öffnen, da hörte er, wie seine Mutter mit schwacher, kläglicher Stimmt folgende Verse rezitierte:
»Wie kann die schlafen, welche die Ruhe verloren, die Nächte durchwacht, wenn andere schlummern? Sie war reich an Gütern, Familie und Ruhm, ist aber jetzt fremd und verlassen. Der Liebesgram hat sich ihrer bemächtigt, und offenbart, was sie leidet, trotz ihrer Fassung. Feurige Kohlen und Seufzer sind in ihrem Herzen und die heftigste Sehnsucht. Ihr Schicksal in der Liebe verkündet ihren Schmerz und ihre Trauer, und ihre Tränen bezeugen es.«
Als Hasans Mutter die Verse, welche ihren Sohn tief erschütterten, vollendet hatte, klopfte er heftig an die Tür. Sie fragte: »Wer ist da?« und Hasan antwortete: »Öffne nur!« Sie öffnete die Thüre, und als sie ihren Sohn vor sich sah, stieß sie einen Schrei aus, umarmte ihn und fiel in Ohnmacht. Hasan pflegte sie, bis sie wieder zu sich kam, dann umarmte er sie, führte sie ins Zimmer und ließ auch sein Gepäck hineinbringen, und die Prinzessin sah bald Hasan, bald seine Mutter an. Hasans Mutter rezitierte, als sie wieder zu sich kam, in ihrer Freude über die Ankunft ihres Sohnes, folgende Verse:
»Als wir uns wiederfanden, klagten wir einander einen Teil unserer Leiden, denn durch einen Boten bleibt jede Mitteilung unvollständig; gemietete Klageweiber weinen nicht wie selbstbetrübte, so könnte auch kein Bote dir sagen, was ich selbst fühlte.«
Dann setzten sie sich und die Alte fragte Hasan, wie es ihm mit dem Perser gegangen. Er antwortete: »Es war kein Perser, sondern ein Magier, einer, der das Feuer und nicht den allmächtigen Herrn anbetet.« Er erzählte ihr dann, wie er von ihm behandelt worden, wie er ihm entkommen und die Mädchen gefunden habe, sodann, wie er die Prinzessin gefangen, und zuletzt, wie er seine Mutter im Traum gesehen, wodurch ihn endlich Gott wieder mit ihr vereinigt. Seine Geschichte erstaunte sie sehr und sie dankte Gott für seine Rettung. Begierig wandte sie sich dann nach dem Gepäck, das Hasan mitgebracht hatte, und ließ sich beschreiben, worin es bestehe. Endlich näherte sie sich auch der Prinzessin, um sie näher kennenzulernen, und sie bewunderte die Schönheit ihres Gesichts nicht weniger, als ihren herrlichen Wuchs und anmutiges Wesen. Noch einmal dankte sie Gott für die Rettung und glückliche Rückkehr des Sohnes, setzte sich an die Seite der Prinzessin, küßte ihr die Hände und Stirn und gab ihr die freundlichsten Worte.
Am folgenden Morgen ging sie nach dem Bazar und kaufte ihr zehn Paar Kleider von den kostbarsten Stoffen der Stadt, schenkte ihr auch andere Kleinodien. Nachdem sie auch manches zur Hauseinrichtung sich angeschafft hatte, sagte sie zu ihrem Sohn: »Mein Sohn! wir können mit unserm vielen Geld nicht in dieser Stadt wohnen bleiben, denn du weißt, daß wir arm waren, die Leute werden uns daher als Chemiker (Zauberer) ansehen und uns nicht in Ruhe lassen; laß uns daher lieber in die Friedensstadt nach Bagdad ziehen; dort, wo wir unter dem Schutz des Kalifen leben, errichtest du ein Handelsgeschäft, führst dabei einen frommen Lebenswandel, wie es einem Mann ziemt, dem Gott ein so großes Vermögen geschenkt und den er auf eine so wunderbare Weise erhalten hat.« Hasan stimmte diesem Rat bei, ging sogleich an den Tigris und mietete ein Schiff nach Bagdad, ließ all sein Geld und seine Habe, seine Mutter und seine Gemahlin dahin bringen, verkaufte sein Haus, bestieg das Schiff und segelte in zehn Tagen mit günstigem Wind nach Bagdad. Sobald sie ankamen, ging Hasan in die Stadt und mietete ein Magazin in einem Chan, wohin er sein Gepäck und seine Leute brachte, um dort zu übernachten. Am folgenden Morgen kleidete er sich um, ging durch die Stadt und ließ sich zu einem Makler führen. Der Makler fragte ihn, was er von ihm wolle. »Ich will ein schönes, neues, geräumiges Haus kaufen«, erwiderte Hasan. Der Makler zeigte ihm die Häuser, die er feil wußte, und Hasan, dem ein Haus, das einem Vezier gehört hatte, am besten unter allen gefiel, kaufte es für 1050 Dinare, obgleich es 10.000 Dinare wert war, und bezahlte es. Er kehrte dann in den Chan zurück und brachte seine Leute und alles, was er dort hatte, in sein neugebautes Haus. Hierauf ging er wieder auf den Bazar und kaufte die nötigen Mobilien für das Haus und Sklaven zu seiner Bedienung.
Hasan lebte drei Jahre lang recht vergnügt mit seiner Frau, die ihm zwei Knaben gebar; den einen nannte er Naßir und den anderen Manßur. Nach dieser Zeit sehnte er sich nach seinen Freundinnen, den Mädchen, die ihm so viel Gutes erwiesen; er ging daher aus und kaufte allerlei Dinge, die er bei ihnen vermißt hatte: Süßigkeiten, Kleidungsstücke, Zucker, Früchte u.s.w., und brachte es nach Hause. Als seine Mutter ihn fragte, wozu er dies gekauft, sagte er: »Ich habe beschlossen, meine Schwestern zu besuchen, die mir so viele Wohltaten erzeigt und denen ich nebst Gott mein ganzes Glück zu verdanken habe; ich will meine Sehnsucht nach ihnen stillen, mich dankbar gegen sie zeigen, und, so Gott will, kehre ich bald wieder zurück.« Die Mutter bat ihren Sohn, nicht lange wegzubleiben. Hasan sagte seiner Mutter, wie sie sich gegen seine Gattin verhalten sollte, und bat sie, das Federnkleid, das er in einer Kiste unter dem Magazine verborgen hatte, wohl zu verwahren, daß seine Frau es nicht entdecke und mit ihren Kindern davongehe und nie wiederkehre. »Hüte dich«, sagte er, »mit irgend jemanden davon zu sprechen, denn wie leicht könnte es ihr wieder zu Ohren kommen. Du weißt, daß sie die Tochter eines großen Königs ist, der viele Truppen und Verbündete hat, und dem viele Priester und Wahrsager gehorchen. Erweise ihr alle möglichen Liebesdienste, aber lasse sie durch keine Tür, durch kein Fenster und durch keine Wand sehen. Auch lasse niemanden zu ihr kommen, denn ich fürchte sogar die Luft, die sie anweht. Stößt ihr durch deine Vernachlässigung ein Unglück zu, so töte ich mich vor Verzweiflung, schone aber auch dein Leben nicht.« - »Gott bewahre!« rief Hasans Mutter; bin ich denn von Sinnen, daß du mir derartiges anzuempfehlen brauchst? Reise nur ruhig fort und kehre in Frieden wieder, du wirst sie wiedersehen, und sie wird dir selbst erzählen, wie ich mich gegen sie benommen habe; ich bitte dich nur, bleibe nicht länger aus, als du zur Reise brauchst.«
Nun wollte die Bestimmung, daß die Prinzessin die ganze Rede unbemerkt mit anhörte. Hasan ging zur Stadt hinaus, schlug die Trommel, und es kamen zwanzig Kamele, die er mit allerlei Kostbarkeiten aus Irak belud. Er sagte dann seiner Mutter, seiner Frau und seinen Kindern, von denen das eine zwei Jahre und das andere ein Jahr alt war, Lebewohl. Noch einmal schärfte er seiner Mutter ein, wie sie sich verhalten sollte, dann bestieg er sein Pferd und schlug den Weg nach dem Schloß seiner Schwestern ein. Er reiste Tag und Nacht durch Täler und Berge und Wüsten zehn Tage lang, bis er endlich zu dem Schloß gelangte.
Hasans Besuch überraschte seine Freundinnen sehr angenehm, und nicht minder erfreut waren sie, als sie die kostbaren Geschenke sahen, die ihnen Hasan aus seiner Heimat mitgebracht hatte. Nach der herzlichsten Bewillkommnung führten sie Hasan wieder in sein altes Zimmer und erkundigten sich nach seiner Mutter und Gemahlin. Die jüngste Schwester, seine Freundin, war so glücklich, ihn wieder zu sehen, daß sie in ihrer Freude folgende Verse sprach:
»Ich atme die Luft ein, die von deinem Land herweht und des Morgens an dir vorüberstreifte. Ich frage den Wind nach dir, so oft er aus deiner Heimat kommt; außer dir aber fällt mir niemand ein.«
Hasan brachte drei Monate höchst vergnügt bei seinen Freundinnen zu, inzwischen ereignete sich folgendes in seinem Haus:
Am ersten Tag nach seiner Abreise sagte die Prinzessin mit weinender Stimme zu seiner Mutter: »O Herrin! ich bin nun schon drei Jahre hier und noch bin ich in kein Bad gekommen.« Hasans Mutter antwortete: »O meine Gebieterin, o Prinzessin! so Gott will, wenn dein Gemahl kommt, werde ich ihn bewegen, daß er dir nach Wunsch ein Bad einrichten lasse.« Sie setzte dann noch, als die Prinzessin weinte, hinzu: »O meine Tochter! weißt du nicht, daß wir hier fremd sind und keine Bekannten haben, daß ich daher sehr um dich besorgt sein muß; wäre dein Mann hier, so würde er dich selbst bedienen, so aber will ich dir Wasser wärmen und deinen Kopf waschen.« - »Teure Gebieterin«, versetzte die Prinzessin, »sprächest du so zu einer deiner Sklavinnen, so würde sie nach dem Sklavenmarkt verlangen und nicht länger bei dir bleiben. Doch die Männer sind zu entschuldigen, die sind eifersüchtig und ihr Verstand sagt ihnen, daß, sobald eine Frau ihr Haus verläßt, sie alles Schlimme begeht. Indessen sind nicht alle Frauen einander gleich; auch weißt du ja, daß wenn eine Frau etwas ernstlich will, sie unbesiegbar ist, und daß sie nur von ihrer Vernunft und ihrem Glauben sich leiten läßt.«
Die Prinzessin weinte dann und seufzte und jammerte über ihre Einsamkeit und Trennung von den Ihrigen solange, bis Hasans Mutter, die nichts gegen ihre Klagen einzuwenden hatte, sie bemitleidete und, sich in den Willen des erhabenen Gottes fügend, alles, was man zum Bad braucht, zusammenpackte und am folgenden Morgen mit der Prinzessin und ihren Kindern ins Bad ging. Als sie sich entkleideten, erstaunten alle anwesenden Frauen über die Reize der Prinzessin, alle standen um sie herum und bewunderten das edle Geschöpf Gottes und priesen den erhabenen Schöpfer. Bald sprach man in der ganzen Stadt so viel von ihr, daß die Frauen scharenweise ins Bad kamen, um sie zu sehen. Nun wollte die Bestimmung, daß unter den vielen Frauen, welche das Bad besuchten, auch eine Sklavin des Kalifen Harun Arraschid sich befand, welche Tochfat (Geschenk) hieß. Als diese ein Gedränge im Bad sah, daß man gar nicht durchkommen konnte, und vernahm, daß es einer Fremden willen geschah, näherte sie sich ihr, und auch sie bewunderte ihre Schönheit, denn so schön wie sie hatte selbst der Kalif kein Mädchen in seinem Harem. Tochfat fand so viel Wohlgefallen an der Prinzessin, daß sie nicht daran dachte, sich zu baden, sondern sie immerfort anstaunte, bis sie ganz gewaschen war und sich wieder ankleidete, wodurch ihre Reize noch erhöht wurden. Tochfat folgte ihr auch, als sie mit ihrer Schwiegermutter das Bad verließ, bis an ihr Haus und merkte es sich.
Als Tochfat ins Schloß des Kalifen zur Frau Subeida kam, fragte sie diese, warum sie solange ausgeblieben. Tochfat antwortete: »O meine Herrin, ich habe etwas Wundervolles gesehen, desgleichen ich nie, weder in diesem Schloß, noch in der ganzen Stadt Bagdad gefunden; das hat mich so beschäftigt und sich so ganz meiner Sinne bemächtigt, daß ich, bei deinem Haupte! mich nicht einmal gewaschen und nicht einmal einen Tropfen Wasser berührt habe.« Subeida fragte: »Und was war es denn?« - »O meine Herrin«, antwortete Tochfat, »ich habe ein Frauenzimmer im Bad gesehen mit zwei Kindern wie der Mond, ihresgleichen hat man nie, weder unter den Persern, noch unter den Türken, noch unter den Arabern gesehen. Bei deiner Huld, o Gebieterin! wenn der Kalif sie sieht, läßt er ihren Mann umbringen, um sie zu heiraten, und dann wird er gewiß an allen anderen Frauen keine Freude mehr haben.« Subeida fragte: »Wer ist denn ihr Gemahl?« - »Er heißt Hasan aus Baßrah«, antwortete Tochfat; »ich bin ihr bis an ihr Haus gefolgt, es gehörte dem Vezier und hat zwei Tore, eins nach dem Fluß und eins nach der Stadt; ich fürchte, der Kalif möchte von ihr hören und trotz des Gesetzes ihren Mann umbringen lassen, um in ihren Besitz zu kommen.« Da sagte die Frau Subeida: »Wehe dir, o Tochfat, ist sie denn so schön, daß der Fürst der Gläubigen um ihretwillen seinem Glauben und dem Gesetz zuwiderhandeln wird? Bei Gott, die muß ich sehen, ist sie so, wie du sie geschildert, gut, wo nicht, so laß ich dir den Kopf abschlagen, du Verdammte! Hat nicht der Fürst der Gläubigen dreihundertundsechzig Mädchen in seinem Schloß, so viel als Tage im Jahr, und nicht eine sollte ihr gleichkommen?« - »Nein«, erwiderte Tochfat, »bei Gott! auch in ganz Bagdad, in ganz Persien und Deilam findet man ihresgleichen nicht, Gott hat gar keine mehr so wie sie geschaffen.« Hierauf ließ die Frau Subeida den Verschnittenen Masrur rufen und sagte ihm: »Weißt du wohl, Masrur, warum ich nach dir geschickt habe?« Er sagte: »Nein, bei deiner Gnade, meine Herrin!« - »Ich habe dich rufen lassen«, versetzte sie, »damit du mir das Frauenzimmer herbringst, das im Haus des Veziers wohnt, welches zwei Tore hat; geh schnell und bring auch die Alte und die Kinder mit, säume nur nicht, denn ich erwarte sie mit Ungeduld!« Mit den Worten: »Ich gehorche«, verließ sie Masrur, und ging sogleich nach dem Haus des Veziers und klopfte an die Tür. Hasans Mutter kam heraus und fragte: »Wer ist da?« Masrur antwortete: »Ein Diener des Kalifen.« Als sie ihm die Tür öffnete, begrüßte er sie, und auf ihre Frage, was er begehre, sagte er: »Die Frau Subeida, Tochter Kasems, Gemahlin Harun Arraschids, Abkömmlings Abbas, Onkel des Propheten (Gott sei ihm hold!), läßt dich und deine Schwiegertochter und ihre Kinder zu sich bitten. Die Frauen, die deine Schwiegertochter im Bad gesehen, haben ihr nämlich so viel von ihr erzählt, daß sie sie zu sehen wünscht.« - »O mein Herr Masrur!« rief die Alte, »wir sind hier fremd und ihr Gatte, der abwesend ist, hat mir streng verboten, mit seiner Frau auszugehen oder sie jemandem zu zeigen. Ich fürchte sehr, es möchte ihr was zustoßen, und wenn dann mein Sohn zurückkehrt, wird er sich umbringen. Ich erbitte mir als Wohltat, fordere nicht, was ich nicht gewähren kann.« - »O meine Gebieterin!« versetzte Masrur, »wüßte ich, daß dir irgend eine Gefahr droht, ich würde dich nicht zum Mitgehen auffordern; aber die Frau Subeida will euch nur sehen, dann könnt ihr wieder nach Hause gehen. Fürchte nicht, du möchtest es bereuen; ich werde, so Gott will, euch alle unversehrt zurückbringen.« Da die Mutter Hasans nicht widerstehen konnte, umschleierte sie die junge Frau und ging mit ihr und ihren Kindern vor Masrur nach dem Schloß des Kalifen. Masrur stellte sie der Frau Subeida vor, welche, sobald die Prinzessin sich vor ihr verbeugt hatte, ihr sagte: »Entschleiere dich doch, ich will das Gesicht sehen, das alle Frauen bezaubert hat.« Die Prinzessin küßte die Erde vor ihr und enthüllte ein Antlitz, das den Mond am Himmel beschämt. Gelobt sei der, der sie so beschaffen!
Die Frau Subeida und alle übrigen Anwesenden starrten sie mit Bewunderung an; ihr strahlendes Gesicht beleuchtete das ganze Schloß so, daß alle Frauen, die, wie Subeida selbst, in ihren kostbarsten Kleidern und mit dem reichsten Schmuck erschienen waren, ganz bezaubert wurden von ihrer Schönheit. Die Frau Subeida, welche auch das ganze Schloß hatte ausschmücken lassen, ging auf die Prinzessin zu, umarmte sie, ließ sie neben sich sitzen, hing ihr eine Halskette mit Diamanten um und sagte: »Du gefällst mir gar zu gut und machst mir viel Freude, o Herrin der Schönen! äußere nur einen Wunsch gegen mich, es soll dir nichts versagt werden!« - »Ich bitte dich, meine Herrin!« sagte die Prinzessin, »befiehl meiner Schwiegermutter, daß sie dir mein Federnkleid bringe, ich will es vor dir ankleiden, du sollst dann sehen, wie ich herumfliege und dir allerlei Spaß machen, worüber du dich wundem wirst, und wovon man sich von Geschlecht zu Geschlecht erzählen wird.« Die Frau Subeida fragte: »Wo ist dein Federnkleid?« - »Es ist bei meiner Schwiegermutter verborgenen,« versetzte die Prinzessin, »lasse dir es nur herbringen.« Die Frau Subeida beschwor die Alte bei ihrem Leben, ihr das Federnkleid zu holen, und versprach ihr, sie wolle ihr dasselbe wieder zurückgeben lassen. »Die Frau lügt«, erwiderte die Alte, »gibt es wohl einen Menschen, der Federn hat und fliegen kann?« Aber die Prinzessin sagte: »Bei deinem Leben, meine Herrin, es ist in ihrer Schatzkammer in einer Kiste verborgen.« Da nahm die Frau Subeida eine diamantene Kette von ihrem Hals und zog einen kostbaren Ring aus ihren Ohren und überreichte sie der Alten, indem sie zu ihr sagte: »Bei meinem Haupt, geh und hole ihr das Federngewand, daß wir uns eine Weile an ihr ergötzen, dann sollst du es wieder haben.« Als die Alte nochmals beteuerte, sie habe kein derartiges Kleid gesehen und wisse nicht, was sie meine, machte sich die Frau Subeida über sie her, schrie sie an, nahm ihr den Hausschlüssel, gab ihn Masrur mit dem Befehl, damit in ihr Haus zu gehen, die Tür ihrer Schatzkammer einzubrechen und darin so lang zu graben, bis er eine Kiste finde; diese sollte er aufbrechen und ihr alsbald bringen, was darin sei. Als Masrur mit den Schlüsseln fortging, folgte ihm die Alte traurig und bereute es, ihre Schwiegertochter ins Bad geführt zu haben, weil sie einsah, daß sie es nur aus Schlauheit gewünscht hatte. Sie öffnete selbst die Schatzkammer, und Masrur grub die Kiste hervor, nahm das Federnkleid heraus, legte es in ein Tuch und brachte es der Frau Subeida. Diese betrachtete es von allen Seiten und es gefiel ihr sehr, denn es war mit vieler Kunst gearbeitet. Sie fragte dann die Prinzessin: »Ist dies dein Federnkleid?« und als ihre Frage bejaht wurde, überreichte sie es ihr. Die Prinzessin freute sich sehr, als sie ihr Kleid noch fand, wie es war, sie entfaltete es, nahm ihre Kleider zu sich, umhüllte das Gewand und wurde nach des erhabenen Gottes Bestimmung wieder ein Vogel. Die Frau Subeida und alle Anwesenden waren höchst erstaunt, als die Prinzessin sich hin und her schwang, wie ein Vogel einherschritt und mit den Flügeln flatterte. Sie fragte mit klarer Zunge: »Gefällt euch dies?« Die Anwesenden antworteten: »O ja, Herrin der Schönen, was du machst, ist schön.« Da sagte sie: »Das ist aber noch schöner,« und breitete ihre Flügel aus und flog mit ihren Kindern auf die Kuppel des Schlosses und blieb auf dem Dach über dem Saal stehen. Voller Bewunderung riefen die Anwesenden abermals: »Bei Gott! was du tust, ist schön.« Die Prinzessin aber, die nach ihrer Heimat zurückfliegen wollte, sprach folgende an Hasan gerichtete Verse:
»Du, der du mich verlassen, um zu deinen Freundinnen zu eilen, der du bei ihnen recht vergnügt lebst und das Leben für klar und wolkenlos hältst, ich mußte allein, im Liebesnetze gefangen, zu Hause zurückbleiben und er flog davon. Er war im Besitz meines Kleides und glaubte mich ganz in seiner Gewalt zu haben. Er empfahl seiner Mutter, es wohl zu verwahren in einem verschlossenen Raum mitten im Haus. Doch ich hörte und merkte mir dies und freute mich sehr darüber. Darum wünschte ich ins Bad zu gehen, damit man von mir spreche, und so wurde ich auch in dieses Schloß geladen, in das wir mit Verwunderung eilten. Als man hier an mir Wohlgefallen fand, rief ich: O meine Herrin! o mein Herz! ich habe ein kostbares Federnkleid, ihr sollt Wunder sehen, wenn ich's anziehe, ihr werdet alle eure Sorgen darüber vergessen. Hierauf mußte Masrur es holen, und als er es eilig brachte, nahm ich es ihm ab und fand es noch unbeschädigt, ergriff meine Kinder und warf es um und flog auf die Terrasse des Schlosses. Nun sage ich dir, o Mutter Hasans, wenn Hasan zurückkehrt und mich noch liebt, so soll er schnell nachkommen.«
Als die Prinzessin diese Verse vollendet hatte, sagte Frau Subeida: »Komm jetzt wieder zu uns herunter, daß wir uns deiner Unterhaltung erfreuen, o Herrin der Schönheit. Gelobt sei Gott, der dir so viele Reize verliehen.« Aber sie antwortete: »Weit entfernt, die Vergangenheit kehrt nicht wieder!« Dann sagte sie, zur Alten sich wendend: »O Mutter des armen, traurigen Hasan! Bei Gott, es wird mir fern von dir unheimlich werden, was aber deinen Sohn betrifft, so sage ihm: wenn die Nächte der Trennung ihm lang scheinen, wenn er sich wieder mit mir vereinigen will, soll er zu mir auf die Inseln Wak-Wak kommen.« Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als sie mit ihren Kindern davonflog. Da schlug sich Hasans Mutter ins Gesicht und schrie und weinte, bis sie in Ohnmacht fiel. Als sie wieder zu sich kam sagte sie zu Frau Subeida: »Was hast du getan, o Herrin!« Diese antwortete: »Ich wußte nicht, daß es solche Folgen haben würde. Hättest du mir ihre Geschichte erzählt, und mich mit ihren Umständen bekannt gemacht, so wäre ich nicht auf meinem Wunsch bestanden; ich wußte ja nicht, daß sie fliegen kann, sonst hätte ich sie das Federnkleid nicht anziehen lassen, oder hätte sie die Kinder nicht zu sich nehmen lassen; doch jetzt hilft alles Gerede nichts mehr, ich bitte dich daher, mir darum nicht zu grollen.« Da die Alte sich nicht zu helfen wußte, sagte sie: »Ich spreche dich von jeder Schuld frei«, ging wieder nach Hause, schlug sich ins Gesicht, bis sie in Ohnmacht fiel und als sie wieder zu sich kam, sprach sie, voller Sehnsucht nach der Prinzessin, den Kindern und ihrem Sohne folgende Verse:
»Eure Entfernung von der Heimat entlockt mir bittere Tränen. Ich schreie laut wegen der Glut, welche die Trennungsschmerzen in mir angefacht, und die Tränen machen meine Augenlider wund. Das ist Trennung, gibt es eine Wiederkehr? Euer Scheiden hat mein Innerstes enthüllt. O, kehrtet ihr doch zur treuen Liebe wieder, dann würde sich die Zeit für mich verjüngen.«
Sie ließ dann drei Grabmäler in ihrem Haus bauen, und weinte darauf Tag und Nacht. Je länger die Abwesenheit ihres Sohnes dauerte, um so unruhiger wurde sie, und oft drückte sie ihre Gefühle durch folgende Verse aus:
»Dein Bild schwebt zwischen meinen Augenlidern, stets gedenke ich dein, wenn mein Herz pocht und wenn es ruht. Deine Liebe durchströmt alle meine Gebeine, wie der belebende Saft alle Früchte auf den Zweigen. An dem Tag, wo ich dich nicht sehe, wird meine Brust so beklommen; denn ich weiß nicht, wann ich dich wiederfinde. O du, dessen Liebe mein ganzes Herz erfüllt, so daß mein Wahnsinn noch größer als meine Liebe ist, fürchte den Allbarmherzigen, habe Mitleid mit mir und fühle die Brust, die eine rasende Glut verzehrt.«
So weinte die Alte immerfort, bis Hasan zurückkehrte. Dieser hatte den Mädchen gleich bei seiner Ankunft schwören müssen, daß er drei Monate bei ihnen zubringen wolle. Nach einem Monat versahen sie ihn mit Geld und Lebensmitteln, begleiteten ihn eine Strecke weit und nahmen ihm das Versprechen ab, daß er sie bald wieder besuchen werde. Dann nahm eine nach der anderen von ihm Abschied. Der jüngsten Schwester fiel die Trennung so schwer, daß sie in Ohnmacht fiel; Hasan drückte sie an sein Herz und küßte sie, bis sie wieder zu sich kam, dann sprach sie folgende Verse:
»Wie weh tut mir der Abschied! Welchen Schmerz bringt mir der Trennungstag! Wann wird die Sehnsuchtsflamme durch deine Nähe wieder erlöschen? Wann wird durch deine Rückkehr mir wieder ein freudiges Leben blühen?«
Als ihn hierauf die zweite Schwester umarmte, sprach sie weinend folgende Verse:
»Nimmst du Abschied, so ist mir, als müßte ich vom Leben scheiden, denn an dir verliere ich meinen besten Freund; bist du fern, so tobt die Hölle in meinem Herzen, in deiner Nähe blüht mir das beseligende Paradies.«
Die Dritte umarmte ihn dann und sprach folgende Verse:
»Wenn wir uns ohne Abschied trennen, so geschieht es nicht aus Mangel an Liebe oder Übersättigung; du bist mein wahres Leben und bleibst es stets, und wie könnte ich von meinem Leben Abschied nehmen?«
Als ihn dann die Vierte umarmte, sprach sie weinend folgende Verse:
»Verlasse uns nicht, denn wir können deine Entfernung nicht ertragen und haben weder Kraft, um von dir Abschied zu nehmen, noch Tränen genug, um sie auf der verwaisten Wohnung zu vergießen.«
Die Fünfte sprach folgende Verse, als sie ihn umarmte:
»Sobald die Kamele dich davontragen und heißes Verlangen nach dir mein Herz raubt, da sage ich: »Besäße ich doch ein Königreich, um mit Gewalt jedes Fahrzeug zu rauben!«
Die Sechste sprach folgende Verse, als sie ihn umarmte:
»In die Ferne zieht der, für welchen ich mein Leben hingegeben hätte, und mit ihm weicht auch der Schlaf aus meinen Augen. Wie schön war die Zeit, die ich mit ihm verlebt! O Herr, bring mir den Teuren wieder und wäre es auch nur im Traum.«
Zuletzt kam die Siebente und sprach folgende Verse:
»Eure Trennung ist mir ein bittrer Trank, mein Innerstes sträubt sich gegen den Abschied. Gott weiß, daß ich Euch nur deshalb ohne Abschied ziehen lasse, weil ich fürchte, Euer Herz möchte in Schmerz sich auflösen.«
Hasan sagte dann allen Lebewohl und sprach folgende Verse:
»Meine Tränen fließen am Trennungstag gleich Perlen, die zu einer Kette sich aneinander reihen. Mit dem Aufbruch der Karawane schwindet meine Kraft und meine Geduld, und mein Herz ist nicht mehr bei mir. Ich sagte ihnen Lebewohl, gab mich meinem Schmerz hin und mied den Umgang mit Freunden wie eine öde Wüste. Ich kehrte um, unglückselig war der Weg und nichts freute mein Herz als die Hoffnung des Wiedersehens. O Freund, höre die Worte der Liebe - Gott bewahre, daß ich zu dir rede und du nicht aufmerkest - O meine Seele, da du fern von ihnen bist, so sage auch den Freunden des Daseins Lebewohl und wünsche nicht die Trennung zu überdauern.«
Hasan reiste Tag und Nacht, bis er nach Bagdad kam, in die Friedensstadt und das Heiligtum der Abassiden; er wußte noch nicht, was in seiner Abwesenheit sich ereignet hatte. Als er zu seiner Mutter kam, fand er sie mager und abgezehrt vom vielen Wachen und Weinen und Fasten, sie sah wie ein Zahnstocher aus und war so schwach, daß sie ihm seinen Gruß nicht einmal erwidern konnte. Sie weinte und fiel in Ohnmacht, als er sie nach seiner Frau und seinen Kindern fragte. Hasan durchsuchte ungeduldig das ganze Haus, und da er keine Spur von ihnen fand, wurde sein Herz beklommen, und ganz außer sich lief er in seine Schatzkammer. Da fand er die zerbrochene Kiste in der offenstehenden Kammer und zweifelte nicht mehr daran, daß seine Frau ihr Federnkleid genommen habe und mit ihren Kindern davongeflogen sei. Er ging zu seiner Mutter, die indessen sich wieder ein wenig erholt hatte, und fragte sie noch einmal nach seiner Frau und seinen Kindern. Sie schwieg eine Weile, dann sagte sie: »Mein Sohn, Gott vermehre dein jenseitiges Wohl für diesen Verlust! Hier sind ihre drei Gräber.« Als er dies hörte, stieß er ein jämmerliches Geschrei aus, fiel in Ohnmacht und blieb von morgens bis mittags bewußtlos liegen. Seine Mutter blieb neben ihm sitzen und weinte über ihn, denn sie glaubte nicht, daß er wieder zu sich kommen würde. Endlich erwachte er wieder; da schlug er sich ins Gesicht und weinte, zerriß seine Kleider und durchsuchte noch einmal das ganze Haus und rezitierte folgende Verse:
»Andere vor mir haben schon über Trennungsschmerz geklagt, Lebende und Dahingeschiedene sind schon durch Entfernung von Geliebten erschüttert worden, doch nie habe ich ähnliches dem, was meine Brust birgt, gesehen oder gehört.«
Er nahm hierauf ein Schwert, ging auf seine Mutter zu und sagte ihr: »Wenn du mir nicht die Wahrheit gestehst, schlage ich dir den Kopf ab und bringe mich selbst um.«
Die Alte sagte zitternd. »Stecke dein Schwert ein und setze dich, ich will dir erzählen, was vorgefallen ist.« Als er dies getan, erzählte sie ihm die ganze Geschichte von Anfang bis zu Ende, dann setzte sie zu ihrer Entschuldigung hinzu: »Hätte die Prinzessin nicht so sehr geweint, daß ich fürchtete, du möchtest bei deiner Rückkehr mir zürnen, daß ich sie nicht ins Bad geführt, so wäre sie nie wieder zu ihrem Kleid gelangt; und auch dann hätte sie es nicht wieder erhalten, wenn nicht die Frau Subeida mit Gewalt mir den Schlüssel genommen und ihn Masrur gegeben hätte. Du weißt doch, daß niemand mächtig genug ist, um dem Kalifen zu widerstehen. So kam es denn, daß sie wieder ihr Federnkleid erhielt, mit dem sie samt ihren Kindern und dem von der Frau Subeida erhaltenen Schmuck davonflog. Doch sagte sie mir noch von der Terrasse herunter: Wenn die Nächte der Trennung deinem Sohne lang werden und der Wind der Liebe und Sehnsucht ihn anweht, so soll er zu mir nach den Inseln Wak-Wak kommen. Nun weißt du alles, was in deiner Abwesenheit vorgefallen ist. Friede sei mit uns!«
Als die Alte ausgeredet hatte, stieß Hasan einen lauten Schrei aus, fiel wieder in Ohnmacht und blieb bewußtlos, bis der Tag zu Ende ging. Als er wieder zu sich kam, schlug er sich ins Gesicht, krümmte sich wie eine Schlange auf dem Boden umher, und seine Mutter, welche weinend bei ihm stand, hörte, wie er gegen Mitternacht folgende Verse sprach:
»Haltet ein und betrachtet den Zustand des Verlassenen, vielleicht werdet ihr nach der Scheidung Mitleid fühlen. Er sieht so elend aus, daß ihr ihn verleugnen werdet, als hättet ihr, bei Gott, ihn nie gekannt. Die Liebe zu euch hat ihn dahin gebracht, daß er sich von den Toten nur durch sein Wehklagen unterscheidet. Haltet die Trennung nur für nichts Leichtes, sie ist dem Sehnsuchtsvollen bitterer als der Tod.«
Hasan ging dann fünf Tage weinend und jammernd im Hause umher, ohne etwas zu essen oder zu trinken, bis ihn seine Mutter beschwor, er möge doch aufhören zu fasten. Aber er hörte nicht auf sie, sondern fuhr fort zu weinen und zu jammern und sprach folgende Verse:
»Ich habe meiner Seele eine unerträgliche Liebesbürde aufgeladen. Meine Leiden vermehren sich mit jeder Stunde, ich lebe gedankenlos dahin, und Tag und Nacht sind mir ganz gleich; ehemals fürchtete ich den Tod, jetzt aber betrachte ich ihn als ein Heilmittel.«
Erst gegen Morgen schlief Hasan ein; da sah er im Traum seine Frau, welche sehr betrübt war und ihre Flucht zu bereuen schien. Hierauf erwachte er wieder und sprach folgende Verse (und wir beten für den Herrn aller Herren):
»Dein Bild verläßt mich keinen Augenblick, Ich habe ihm den besten Platz in meinem Herzen eingeräumt; ich lebte keine Stunde mehr, wenn ich nicht Wiedervereinigung hoffte, und erschiene mir nicht dein Bild im Traum, so würde ich nie schlafen.«
Des Morgens war Hasan noch niedergeschlagener als zuvor, und so lebte er einen ganzen Monat lang fort, schlief nicht bei Nacht, aß wenig, weinte viel und war sehr traurig. Dann beschloß er, zu seinen Freundinnen zu reisen, um bei ihnen Rat zu holen; er schlug die Trommel, da kamen die Kamele gelaufen, er bestieg eines derselben und belud die übrigen mit Kostbarkeiten Iraks als Geschenke für seine Freundinnen, empfahl seiner Mutter das Haus, nahm Abschied von ihr und ritt nach dem Wolkenberg vor das Schloß der Mädchen. Als er vor ihnen mit den Geschenken erschien, freuten sie sich und hießen ihn willkommen, doch fiel ihnen sein Kommen auf und sie sagten: »Da du uns erst vor einem Monat verlassen, so hat deine schnelle Rückkehr gewiß eine besondere Ursache.« Hasan antwortete ihnen weinend durch folgende Verse:
»Meine Seele ist mit dem Verlust der Geliebten beschäftigt und freut sich nicht mehr mit dem Leben und seinen Süßigkeiten. Für meine Krankheit kennt man kein Heilmittel, nur der Arzt selbst kann sie heilen. Geliebte, die du mich verlassen und des süßen Schlafs beraubt, so oft ein Wind geht, frage ich ihn nach dir, ob er dem Aufenthalt der Geliebten nahe war, dessen Lieblichkeit meine Tränen erregen. O Wind, der du in ihrem Land wehest, vielleicht kannst du mich mit ihrem Duft anhauchen. Möchte doch das launige Schicksal seine Zügel umlenken und mir meine Geliebte wiederbringen, meine Hoffnungen erfüllen und mir wieder selige Tage schenken!«
Er weinte dann wieder, bis er in Ohnmacht fiel, und als er zu sich kam, sprach er folgende Verse:
»Ich beschwöre dich bei Gott, o du Quelle meiner Leiden, kannst du deine Freude daran haben, daß die Liebe mich so peinige? Du hast mich verlassen, ohne daß ich etwas verbrochen habe; habe Mitleid mit dem, den die Trennung so schwer verwundet.«
Hasan blieb abermals eine Weile bewußtlos liegen, dann sprach er heftig weinend noch folgende Verse:
»Verlassen hat mich der Schlaf, die Nächte durchmachend vergieße ich immer mehr Tränen, o ihr Liebende, die Liebe hat in meine Brust ein brennendes Feuer geschleudert. und so oft ich meiner Geliebten gedenke, fließen Tränen, von Seufzern begleitet.
»O wüßte ich doch, ob ihre Liebe der meinigen gleicht, ob ihre Leiden so groß wie die meinigen sind! Gott verdamme jede Trennung, die so bitter ist! Und was will wohl von uns die Trennung? Stets schwebt ja dein schönes Bild vor meinen Augen, wenn wir auch noch so weit voneinander entfernt sind. Klagt mein Herz, so heile ich es mit deinem Namen und freue mich, wenn ich die Taube singen höre. Doch die Taube, die ihren Geliebten ruft, vermehrt meine Sehnsucht und meinen Schmerz. Ich weine und seufze zu jeder Stunde nach dir, o Geliebte, die ich schon so lange nicht gesehen. Doch hast du mich auch verlassen und die Treue gebrochen, ich bin dir stets nahe und treu; gewiß wird uns einst das Schicksal wieder vereinen.«
Als seine Freundin diese Worte hörte und ihn wieder in Ohnmacht sah, setzte sie sich neben ihn und weinte; auch die übrigen Schwestern weinten mit. Nach und nach erholte sich Hasan wieder, und nach wiederholten Fragen seiner Freundinnen nach der Ursache seiner Verzweiflung erzählte er ihnen, was in seiner Abwesenheit zu Hause vorgefallen, bis zu dem Augenblick, wo seine Frau mit ihren Kindern davongeflogen. Sie fragten dann, ob sie beim Wegfliegen ihrer Mutter nichts gesagt? Hasan antwortete: »Sie hat gesagt, wenn ich mich nach ihr sehne, so soll ich zu ihr auf die Inseln Wak-Wak kommen.« Die Mädchen winkten einander zu, als sie dies vernahmen, sahen einander an, schüttelten den Kopf, beugten ihn, hoben ihn dann wieder auf und sagten: »Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott, dem Erhabenen. Strecke deine Hand gegen den Himmel aus, und so wenig als du ihn erreichen kannst, kannst du wieder zu deiner Gattin und deinen Kindern gelangen.« Bei diesen Worten stürzten Hasans Tränen wie Platzregen auf seine Wangen herunter, und er sprach folgende Verse:
»Die schönen Augen und Wangen haben mich entzückt, meine Geduld schwand, als Schlaflosigkeit eintrat, und zarte Mädchen haben eine Liebesglut in mir angefacht, die meinen Körper so aufzehrt, daß kein Fleisch und kein Saft mehr an mir ist. Mädchen wie Gazellen auf Hügeln, mit einem Gesicht, in das sich die frömmsten Einsiedler verlieben müßten, sie kamen des Morgens majestätisch daher, wie ein junger Kata, jeder ihrer Schritte brachte mir herbere Liebespein, ich liebte eine derselben, von zarter Gestalt, und mein Herz geriet bald in Flammen. Eine liebliche, feingebaute Gazelle, aus deren dunklem Haar ein strahlendes Gesicht hervorleuchtet. Sie hat mich in Verwirrung gebracht, aber wie mancher Held ist schon von solchen Wangen und Augen verletzt worden?«
Als Hasan diese Verse vollendet hatte, sagte ihm die jüngste Schwester, die ihn noch tiefer als seine übrigen Freundinnen bemitleidete: »Fasse dich und verzage nicht, wer Geduld hat, erreicht sein Ziel; Geduld ist der Schlüssel der Erlösung, so hat ein Dichter auch gesagt:
»Laß dem Schicksal freien Lauf und kümmere dich um nichts! Denn in dem Augenblick, wo du dich über etwas grämst, kann Gott schon wieder alles geändert haben.«
»Darum«, fuhr sie fort, »fasse Mut und sei stark! Wer zehn Jahre leben soll, stirbt nicht im siebenten; das Weinen und Trauern macht nur krank, sei munter und gescheit und bleibe ruhig bei uns, bis ich, so Gott will, ein Mittel finde, dich mit deiner Gattin und deinen Kindern wieder zu vereinigen.« Hasan aber fuhr fort zu weinen und sprach folgende Verse (wir aber beten für unsern Herrn Mohammed):
»Wird auch mein Körper geheilt, so bleibt doch meine Seele krank: nur die Vereinigung mit dem Geliebten kann den Liebeskranken helfen.«
Er setzte sich dann neben seine Freundin, die ihn über die Ursache des Entfliehens seiner Gattin ausfragte, und als er ihr alles erzählt hatte, sagte sie: »Bei Gott, ich wollte dir raten, das Federnkleid zu zerreißen, da machte mich der Teufel daran vergessen.« Sie fuhr dann zehn Tage lang fort ihn zu trösten, er aber hatte weder Lust zu schlafen noch zu essen, und in seiner Trostlosigkeit sprach er folgende Verse:
»Die Liebe hat so tiefe Wurzeln in meinem Herzen gefaßt, daß mich kein anderes Wesen, außer meiner Geliebten, mehr erfreut; sie gleicht an Schönheit einer Gazelle, und mein Herz ist ihr Weideplatz. Ist meine Kraft und meine Geduld dahin, so weine ich, wenn auch meine Tränen nichts nützen.«
Als Hasans Freundin sah, wie er vor Liebe und Sehnsucht ganz außer sich war, ging sie weinend zu ihren Schwestern, fiel über sie her, küßte ihre Füße und bat sie, ihrem Freunde beizustehen, daß er wieder mit seiner Gattin und seinen Kindern vereinigt werde, und daher ein Mittel ausfindig zu machen, wie er nach den Inseln Wak-Wak gelange. Sie vergoß so viele Tränen, bis endlich ihre Schwestern voll Rührung ihr sagten: »Fasse Mut, wir wollen uns bemühen, ihn, so Gott will, wieder zu den Seinigen zu bringen.« Indessen mußte Hasan doch auf das nächste Jahr sich vertrösten lassen, denn nur durch einen vielvermögenden Onkel der Mädchen, welcher besonders seine älteste Nichte unaussprechlich liebte, so daß er ihr nichts versagte, konnte ihm geholfen werden. Dieser durfte aber, wenn er nicht von selbst erschien, nur jedes Jahr einmal durch Weihrauch, den er seiner Geliebten gegeben hatte, herbeigerufen werden. Als nun der Monat Muharrem des neuen Jahres vorüber war und der Onkel nicht ankam, sagte die ältere Schwester zur jüngeren: »Gib ein wenig Weihrauch her aus dem Beutel, den mir der Onkel geschenkt, und zünde Feuer an.« Die Kleine tat dies freudig, und kaum hatte die Ältere Weihrauch aufs Feuer gelegt und dabei an ihren Onkel gedacht, da erhob sich ein mächtiger Staub aus der Wüste, und es kam ein alter Mann zum Vorschein, auf seinem Elefanten dahertrabend. Die Mädchen freuten sich sehr mit ihm, grüßten, umarmten, küßten ihn, setzten sich um ihn herum und fragten ihn, warum er diesmal solange ausgeblieben? Er antwortete: »Ich war bisher beschäftigt, wollte mich aber eben auf den Weg machen, als ich euren Weihrauch roch, da warf ich mich schnell auf einen Elefanten und eilte hierher. Und nun, was wollt ihr von mir, meine Nichten?« - »Du weißt«, antwortete die Älteste, »wir haben dir einmal von unserem Freund Hasan erzählt, den der Magier Bahram hierher gebracht, und von der Prinzessin, die er geheiratet und in seine Heimat geführt hat.« - »Jawohl, ich erinnere mich«, versetzte der Onkel, »und was ist ihm denn geschehen?« - »Die Prinzessin«, fuhr die Nichte fort, »ist ihm untreu geworden und mit den zwei Kindern, die sie ihm geboren, davongeflogen, während er bei uns war. Beim Wegfliegen hat sie seiner Mutter gesagt: Wenn dein Sohn kommt und die Nächte der Trennung lang findet und sich nach mir sehnt, so komme er zu mir auf die Inseln Wak-Wak.« Als der Onkel dies hörte, schüttelte er den Kopf und biß sich auf die Finger, beugte den Kopf eine Weile zur Erde, kratzte den Boden mit seinen Fingern und sah sich nach Hasan um, der aber versteckt war, so daß er ihn nicht bemerkte, und verstummte. Da sagten die Mädchen: »O Onkel, gib uns doch eine beruhigende Antwort!« Aber er antwortete: »O meine Nichten, der junge Mann ist verloren, er hat sich schrecklich in die Gefahr gestürzt; er kann nie nach den Inseln Wak-Wak gelangen.« Die Mädchen riefen dann Hasan hervor, er grüßte den Alten, küßte ihm den Kopf und setzte sich neben ihn. Da sagten die Mädchen zu ihrem Onkel: »Erkläre Hasan selbst, was du uns eben gesagt.« Der Alte begann: »Mein Sohn, gib deine peinigenden Wünsche auf! Strecke deine Hand gegen den Himmel aus: kannst du ihn erreichen, so gelangst du auch wieder zu deiner Gattin und deinen Kindern. Niemals wirst du auf die Inseln Wak-Wak kommen, und hättest du fliegende Genien und wandernde Sterne bei dir; denn zwischen dir und diesen Inseln liegen sieben Meere, sieben Täler und sieben himmelhohe Berge. Wie willst du dahingelangen? Wer soll dich dahinbringen? Ich beschwöre dich bei Gott, laß von der ganzen Sache ab und denke dir, deine Frau und Kinder seien gestorben; kümmere dich nicht weiter ab! Das ist mein Rat, wenn du ihn annehmen willst.«
Als Hasan dies hörte, weinte er, bis er in Ohnmacht fiel; die Mädchen weinten um ihn herum, und die Jüngste zerriß ihre Kleider und schlug sich ins Gesicht, bis sie bewußtlos zu Boden sank. Der Alte, gerührt von ihrer Teilnahme an ihres Freundes Unglück, versprach ihnen seinen Beistand, und sich zu Hasan wendend, rief er ihm zu: »Fasse Mut und sei unverzagt, dann kannst du mit Gottes Willen noch zur Erfüllung deiner Wünsche gelangen. Folge mir nur!« Hasan machte sich auf, nahm von den Mädchen Abschied, die sich sehr freuten, daß ihr Onkel sich seiner annehmen wollte, und setzte sich hinter dem Alten auf den Elefanten. Nachdem sie drei Tage und drei Nächte so schnell wie der Blitz dahinflogen, kamen sie an einen hohen Berg, dessen Steine ganz blau waren. Mitten am Berg war eine Höhle mit einer eisernen Tür. Der Alte ergriff Hasans Hand, ließ den Elefanten los und klopfte an die Tür der Höhle. Da kam ein schwarzer, kahler Sklave heraus, der wie ein Teufel aussah, in der rechten Hand ein Schwert und in der linken einen Schild trug; sobald er den Alten erkannte, warf er Schwert und Schild weg und küßte ihm die Hand. Der Alte nahm dann Hasan mit in die Höhle, und der Sklave schloß die Tür hinter ihnen. Die Höhle, in welche sie eingetreten, war sehr geräumig, und ein überwölbter Weg führte sie in einer halben Stunde nach einer großen Ebene. Als sie diese durchschritten hatten, kamen sie an einen Winkel mit zwei großen Türen aus Messing gegossen. Der Alte öffnete eine Türe und sagte zu Hasan: »Bleib hier an der Tür sitzen; hüte dich aber, sie zu öffnen, bevor ich zurückkehre und dir das Nötige mitbringe.« Er ging nun zur Tür hinein, blieb eine Weile aus, kam dann mit einem schwarzen, rundleibigen, leichtfüßigen Pferd heraus, das so schnell lief, daß sein eigener Staub es nicht erreichen konnte, und schon gesattelt und gezäumt war. Dieses führte der Alte Hasan zu und ließ es ihn besteigen. Sie ritten dann miteinander durch die zweite Tür und kamen in eine große Wüste; hier zog der Alte einen Brief hervor und sagte zu Hasan: »Reite jetzt auf deinem Pferd fort, wohin es dich führt. Bemerkst du dann, daß es an der Tür einer Höhle, wie diese, stehenbleibt, so steige ab, lege ihm den Zaum auf den Sattelknopf und laß es frei; es wird dann allein in die Höhle gehen. Du aber mußt außen stehenbleiben und darfst fünf Tage lang nicht von der Stelle weichen. Am sechsten Tag wird ein alter, ganz schwarz gekleideter Greis mit langem, weißem Bart zu dir herauskommen, küsse ihm sogleich die Hand und berühre deinen Kopf mit dem Saum seines Kleides und weine vor ihm, bis er dich fragt, was du willst. Du gibst ihm dann diesen Brief, den er, ohne ein Wort zu fragen, dir abnehmen und dich wieder allein lassen wird. Du mußt abermals fünf Tage warten; kommt dann am sechsten Tage der Alte selbst wieder heraus, so wisse, daß dein Wunsch erfüllt wird, kommt aber einer seiner Jungen, so wisse, daß er dich umbringen will. (Friede sei mit uns!) Fürchtest du also für dein Leben, so begib dich nicht in diese Gefahr, besteige lieber meinen Elefanten wieder, der soll dich zu meinen Cousinen bringen, und diese werden dich mit den nötigen Lebensmitteln zur Rückkehr nach deiner Heimat versehen, wo dir Gott das Verlorene durch Besseres ersetzen kann. Du kannst tun, was du willst, doch weißt du wohl, mein Sohn, daß, wer nicht viel wagt, auch nicht viel zu erwarten hat.«
Hasan erwiderte dem Alten: »Wie kann mich das Leben freuen, solange meine Gattin und meine Kinder fern von mir leben? Nie werde ich Ruhe finden; bei Gott, ich kehre nicht zurück, bis ich sie wieder gefunden oder der Tod mich erreicht.« Er weinte und jammerte dann und sprach folgende Verse:
»Ich stand mit zerknirschtem Herzen hier und klagte laut über den Verlust meiner Geliebten. Vor Sehnsucht küßte ich den Staub, den der Wind mir zuwehte, doch konnte dies meine brennende Qual nicht lindern. Wenn mein Auge ihre leere Wohnung sieht, so zerreißt der Liebesgram mir das Herz. Gott stehe denen bei, die von mir geschieden, ich aber nicht vergessen kann, deren Entfernung mich dem Grab nahe bringt. Man sagte mir: »Habe Geduld«, aber sie ist mit ihnen verschwunden, und mir ist nun Jammer und peinlichste Sehnsuchtsglut geblieben. Nie hat jemand gleich mir geliebt, noch gleich mir solche Trennungsschmerzen empfunden. Zu wem soll ich meine Zuflucht nehmen, seit ich sie verloren, sie waren mein Trost in jedem Unglück. Aber ich will bei unserer Wiedervereinigung mich freuen! Die Erde will ich, Gott dankend, küssen und dem Freudenboten mein Herz schenken.«
Als der Alte diese Verse hörte, dachte er wohl, daß Hasan von seinem Vorhaben nicht ablassen und jeder Gefahr trotzen würde. Indessen sagte er ihm doch noch: »Wisse, mein Sohn, die Inseln Wak-Wak bestehen aus sieben Inseln; auf den ersten sechs befinden sich mächtige Scharen von Jungfrauen, die letzte aber ist von Geniert, Teufeln, abtrünnigen Geistern und Zauberern bewohnt, und bisher ist noch nie jemand zu ihnen gelangt und wieder zurückgekehrt. Drum beschwöre ich dich bei Gott, mein Sohn, reise wieder zu den Deinigen zurück, denn deine Gattin ist die Tochter des Königs der sieben Inseln; wie willst du zu ihr kommen? Gehorche mir, mein Sohn, vielleicht gibt dir Gott eine bessere statt ihrer.« Aber Hasan erwiderte: »Bei Gott, mein Herr, wenn man mich in Stücke zerrisse, würde ich sie doch nur immer mehr lieben; ich will nach diesen Inseln gehen und nicht anders als mit meiner Gattin und meinen Kindern umkehren, so Gott will.« Der Alte fragte zum letztenmal: »Willst du durchaus dahingehen?« Hasan, dessen Herz daran hing, das Pferd zu besteigen, antwortete: »Ja, ich bitte dich um deine Hilfe und dein Gebet für mich, vielleicht wird mich Gott wieder mit den Meinigen vereinen.« Er weinte dann vor heftigem Verlangen und sprach folgende Verse:
»Nur nach euch, Beste unter den Sterblichen, geht mein Verlangen, ihr seid mir wie mein Gesicht und Gehör. Ihr thront in meinem Herzen, das ist eure Wohnung, und verlaßt ihr sie, so bin ich trostlos. Glaubt nicht, daß ich eure Liebe entbehren kann, so unglücklich sie mich Armen auch gemacht. Mit euch entfloh auch alle meine Freude, und das Wachen wurde mir süßer als der Schlaf. Mit meinen Trennungsschmerzen sehe ich die ganze Nacht nach den Sternen hin, weine so viele Tränen, daß sie einem Regen gleichen. O Nacht, wie lange scheinst du dem von Liebe entbrannten Unglücklichen, der stets nach dem Mond und den Sternen blickt! Wenn du, o Wind, durch das Tal wehest, in welchem sie lagern, so bringe ihnen meinen Gruß - denn kurz ist das Leben - schildere ihnen einen Teil meiner Leiden, denn die Teuren sind ohne Nachricht von mir.«
Hasan fiel in Ohnmacht, als er diese Verse rezitiert hatte, und als er wieder zu sich kam, sagte ihm der Alte: »Mein Sohn, du hast eine Mutter, laß sie die Schmerzen deines Untergangs nicht empfinden!« Hasan schwor nochmals, er würde nie ohne seine Gattin und Kinder zurückkehren, lieber wolle er sterben. Weinend sprach er noch folgende Verse:
»Ich schwöre euch, die Zeit der Trennung hat nichts an meiner Liebe geändert, ich gehöre nicht zu denen, die dem Liebesbund treulos werden. Ich fühle so viel Liebe, daß, wenn ich sie schildern wollte, man mich für rasend halten würde. Nichts als Seufzer, Blut, Trauer und Sehnsucht: wie kann man in solchem Zustand länger leben.«
Es sagt der Erzähler dieser wunderbaren und entzückenden Geschichte - während wir alle für unsern geliebten Herrn Mohammed, den Herrn des Mantels und des Zepters, und für seine Familie und seine Gefährten, die Reinen, beten - als Hasan diese Verse vollendet hatte, wußte nun der Alte ganz bestimmt, daß er entschlossen sei, lieber zu sterben, als sein Vorhaben aufzugeben; er wünschte ihm Glück zur Reise, empfahl ihm noch einmal, was er tun sollte und überreichte ihm den Brief, indem er ihm sagte, er habe ihn in diesem Brief dem alten Sohn der Balkis, Enkel des verruchten Iblis, seinem Lehrer und Meister, empfohlen, dem Menschen und Genien ergeben sind. Hasan nahm dann Abschied und ließ dem Pferd die Zügel, und es flog mit ihm schneller als der Blitz zehn Tage lang fort. Da sah Hasan einen großen Berg, schwarz wie die Nacht, der den ganzen Horizont von Osten bis Westen einnahm. Als er in die Nähe des Berges kam, fing sein Pferd an, unter ihm zu wiehern. Da kam eine unzählbare Menge Pferde, so viel als Regentropfen, herbeigeströmt, die an seinem Pferd herumstrichen, so daß Hasan sich sehr fürchtete. Aber sein Pferd ging immer weiter, von den übrigen umgeben, bis es an die Höhle kam, die ihm der Alte beschrieben hatte. Hasan stieg vor der Tür ab und hing die Zügel um den Sattelknopf; das Pferd trat in die Höhle, und Hasan blieb außen stehen, nachdenkend, wie das wohl enden würde. So brachte er fünf Tage und fünf Nächte weinend, traurig und schlaflos zu. Er dachte an seine Entfernung von seiner Heimat und allen Seinigen und machte sich tausenderlei Gedanken. Er sprach dann folgende Verse:
»Wie lang soll ich mein Herz pflegen, das zerfließt, und meine Augen, die stets Tränen vergießen? Nichts als Trennung, Trauer, Sehnsucht, Einsamkeit, Heimweh und mächtige Liebe. Hat aber auch meine Liebe mich ins Verderben gestürzt, welchen Edlen verschont je das Geschick?«
Als Hasan diese Verse vollendet hatte, kam der Scheich Abu Risch, der schwarzgekleidete Sohn der Balkis, zu ihm; sobald dieser ihn sah und der ihm gemachten Schilderung nach erkannte, warf er sich ihm zu Füßen, legte den Saum seines Kleides auf seinen Kopf und weinte und jammerte. Der Alte fragte ihn: »Was ist dein Verlangen, mein Sohn?« Hasan antwortete: »Es ist in diesem Brief ausgedrückt«, und überreichte ihm das Schreiben. Der Alte nahm es ihm ab, sprach kein Wort und ging wieder in die Höhle zurück. Hasan blieb, wie ihm befohlen worden, an der Tür stehen und weinte fünf Tage lang und war sehr betrübt über seine Einsamkeit und rezitierte folgende Verse:
»Gepriesen sei der Herr des Himmels, jeder Liebende lebt in Qual, wer die Liebe nicht kostet, kennt den Schmerz nicht. Könnte ich meine Tränen sammeln, so würde ich Ströme von Blut vor mir sehen. Mancher Freund wendet sich von mir ab, und neigt er sich mir zu, so tadelt er mich, wenn ich von meinen Tränen spreche. Aber Vögel weinen über meine Einsamkeit und wilde Tiere der Wüste, Genien, welche auf Bergen hausen, weinen und alle Bewohner der Luft.«
Hasan weinte dann, bis der Morgen anbrach, da kehrte endlich der Alte weiß gekleidet zurück und gab ihm ein Zeichen, daß er ihm folge; Hasan ging freudig mit ihm in die Höhle, denn schon ahnte er, daß sein Verlangen in Erfüllung gehen würde. Nach einer halben Tagesreise kamen sie an eine gewölbte, mit Edelsteinen besetzte Tür von Stahl, mit Edelsteinen beschlagen. Der Alte öffnete und ging mit Hasan hinein. Da kamen sie durch sieben gewölbte Gänge und Zimmer mit goldverzierten Steinen; dann traten sie in einen großen Saal mit Marmor belegt, in dessen Mitte ein Garten war, mit allerlei Bäumen, Blumen und Früchten bepflanzt, die Vögel sangen auf den Bäumen und priesen die Macht des Schöpfers. In jeder Ecke des Saales war ein Springbrunnen angebracht mit goldenen Löwen, aus deren Mund Wasser hervorquoll. Auf jeder Seite des Saales war ein erhöhter Platz mit einem Divan, auf dem ein Scheich saß mit vielen Büchern und goldenen Rauchpfannen und Weihrauch vor sich, und um jeden dieser Scheichs bildete sich ein Kreis von anderen Männern, die in den Büchern lasen. Hasan und sein Führer wurden ehrerbietig empfangen, und dieser gab den Scheichs ein Zeichen, daß sie ihre Umgebung entlassen möchten. Als dies geschehen war, setzten sich drei Scheichs zu Abu Risch und fragten ihn, wen er bei ihnen einführe. Dieser sagte hierauf zu Hasan: »Erzähle du ihnen selbst deine Geschichte von Anfang bis zu Ende.« Hasan erzählte weinend alles, was ihm widerfahren. Als er zu Ende war, sagten die Männer: »Ist der es also, den der Magier Bahram in einer Kamelhaut von Adlern auf den Wolkenberg bringen ließ?« - »Ich bin derselbe«, wiederholte Hasan. Sie wendeten sich dann an den Führer mit den Worten: »O Oberster aller Scheichs! wie ist er vom Berg heruntergekommen, auf den ihn Bahram gebracht, und was hat er auf demselben gesehen?« Abu Risch sagte wieder zu Hasan: »Gieb diesen Scheichs Auskunft über alles, was du weißt.« Als dies geschehen war, sagten die Scheichs, über Hasans Erzählung erstaunt, zu ihrem Meister: »Bei Gott, dieser junge Mann ist zu bedauern, kannst du ihm nicht beistehen, daß er wieder zu seiner Gattin und seinen Kindern gelange?« Der Meister antwortete: »Das ist eine schwere Sache, ich habe ihm geraten, davon abzulassen, er hat aber meinen Rat nicht angenommen. Ihr wißt ja, wie schwer es ist, nach den Inseln Wak-Wak zu gelangen, ihr kennt ja die Macht des Beherrschers dieser Inseln; auch habe ich ihm geschworen, daß ich nie sein Land betreten, noch irgend etwas gegen ihn unternehmen wollte; wie kann ich ihn daher zur Prinzessin bringen?« Da sagten die Scheichs: »O Meister! dieser Mann ist unglücklich und will sich gern in jede Gefahr begeben, du mußt ihm helfen, da er dir einen Brief von deinem Freund gebracht hat.« Hasan küßte dem Meister die Füße, legte den Saum seines Kleides auf sein Haupt und rief schluchzend: »O Meister! vereinige mich mit meiner Gattin und meinen Kindern oder laß mich sterben!« Die Scheichs, welche an Hasans Schicksal den innigsten Anteil nahmen, sagten zu ihrem Meister: »O Herr! verscherze den himmlischen Lohn nicht, den du dir durch die Rettung dieses Fremdlings zuziehen kannst; überdies ist er dir ja auch von deinem Freund empfohlen. « - »Nun, so wollen wir ihm beistehen und, so Gott will, alle unsere Kräfte für ihn anwenden«, rief endlich Abu Risch. Als Hasan diese Worte hörte, küßte er voller Freude dem Meister und den übrigen Scheichs die Füße. Der Meister nahm hierauf Tinte und Papier und schrieb einen Brief, versiegelte ihn und überreichte ihn Hasan. Auch gab er ihm ein ledernes Beutelchen mit Weihrauch und sagte: »Gib wohl acht auf dieses Beutelchen, und wenn du in der Not bist, so nimm ein wenig Weihrauch heraus, gedenke mein und ich erscheine zu deiner Rettung.« Er befahl dann einem der Anwesenden, den fliegenden Genius Dahnesch herbeizuschaffen; diesen ließ der Meister nahe treten, sagte ihm etwas ins Ohr, worauf Dahnesch den Kopf schüttelte und sagte: »Ich gehorche, Meister!« Dann wendete sich dieser zu Hasan und sagte ihm: »Mein Sohn, reise mit diesem fliegenden Geist, und wenn er dich gen Himmel hebt und du hörst, wie die Engel Gott preisen, so sprich kein Wort, sonst geht ihr beide zugrunde. Am zweiten Tag deiner Reise wird er dich auf ein weißes Land, wie Kampfer, niedersetzen, auf dem du zehn Tage lang zu wandern hast, bis du vor das Tor einer Stadt kommst, in der du einkehren mußt. Du fragst dann nach dem König, und wenn du zu ihm gelangst, so grüße ihn und überreiche ihm diesen Brief und merke dir wohl die Befehle dieses Königs.« Hasan versprach zu gehorchen, nahm Abschied von den Scheichs, die ihn noch einmal dem Geist empfahlen, und dieser nahm ihn auf den linken Arm und flog einen Tag und eine Nacht so hoch mit ihm in die Luft, daß er die Lobpreisungen der Engel hörte. Am folgenden Morgen setzte er ihn auf ein weißes Land und verschwand wieder.
Hasan ging zehn Tage und zehn Nächte lang immer vorwärts, bis er an das Tor einer Stadt kam. Er ging in die Stadt und fragte nach dem König, und als man ihn vor ihn führte, küßte er die Erde vor ihm und grüßte ihn. Der König fragte ihn, was er wolle; da küßte Hasan den Brief, den er bei sich trug, und überreichte ihn dem König. Sobald dieser ihn gelesen hatte, sagte er einem von seiner Umgebung: »Führe diesen jungen Mann in das Fremdenhaus!« Dort bewirtete man ihn drei Tage lang, und die angesehensten Männer am Hof leisteten ihm Gesellschaft und ließen sich von seinen Abenteuern und seiner wunderbaren Reise erzählen. Am vierten Tag kam ein Diener und führte ihn zum König; dieser sagte ihm: »Der Meister schreibt mir, du wolltest nach den Inseln Wak-Wak reisen; aber, mein Sohn, ich kann dich jetzt unmöglich dahin schicken, du müßtest viele Gefahren ausstehen und furc