Zu Venedig im Pfarrbezirke Santa Maria Zobenigo, hart an der Veronabrücke (Ponte della Verona), die von S. Fantino her über den Kanal, Rio menuo genannt, nach S. Benedetto und S. Lucia oder links hinüber nach S. Angelo und S. Stefano führt, stand noch im Anfange des 17. Jahrhunderts ein ansehnliches, palastartiges Gebäude. Die schmale, in den beiden oberen Stockwerken mit Balkonen und zierlichen Spitzbogenfenstern geschmückte Vorderseite der Veronabrücke zukehrend, reichte es doppelt, ja dreifach so tief in das enge, kaum fünf Fuß breite Gäßchen hinein, das den Rio mueno mit dem damals noch offenen, jetzt zugeworfenen und in eine Straße verwandelten Kanal Rio degli assassini verbindet. Ursprünglich dem patrizischen Geschlechte der Barozzi gehörig und von der Sage als der Ort bezeichnet, wo vor Jahrhunderten Tiepolo und seine Genossen zusammenkamen, um ihre hochverräterischen Pläne, sich selbst zum Verderben, zu beraten, gelangte das altertümlich finstere Haus an der Veronabrücke, damals allgemein kurz das Brückenhaus (Cá del ponte) genannt, später in den Besitz der Acotanti. Nach dem Aussterben dieser Familie aber fiel es zuletzt in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, als Vermächtnis eines Großoheims und als Lohn jahrelanger Krankenpflege an Cornelia Lando, die es ihrem Gatten, dem Handelsherrn Angelo Minelli, als willkommene Mitgift zubrachte, und es nun nach seinem Tode mit ihrer, noch allein ihr zurückgebliebenen Tochter Ambrosia in der tiefen Stille und Zurückgezogenheit bewohnte, die beschränkte Vermögensverhältnisse ihr zur Pflicht, die nie ruhende Gewissensbisse ihr, der Mörderin ihres Gatten, ihres Sohnes, zum Bedürfnisse machten. In der Tat war die Unglückliche, ob sie gleich kein Gerichtshof der Erde der Verbrechen, deren sie sich anklagte, schuldig erkannte hätte, doch nicht ganz von dem Vorwurfe freizusprechen, die schweren Verluste selbst herbeigeführt zu haben, die wie zerschmetternde Racheblitze des Himmels ihr Lebensglück und ihre Seelenruhe zugleich vernichtet hatten.
Ihr Gatte, Angelo Minelli, Kaufmann mit Leib und Seele und nur auf die Erweiterung seines Geschäftes und die Vermehrung seiner Handelsverbindungen bedacht, hatte nämlich bei zunehmenden Jahren das Bedürfnis gefühlt, sich zur Fortsetzung seiner Anstrengungen einen frischen, jugendkräftigen Mitarbeiter beizugesellen und demnach beschlossen, Carlo, seinen Sohn, bei der reichen Begabung und der Charaktertüchtigkeit, die den vielversprechenden Jüngling vor den meisten seiner Altersgenossen auszeichnete, zu seinem Gehilfen und Nachfolger heranzubilden. Carlo jedoch, hochstrebenden, tatendurstigen Geistes, hatte sich nur mit Widerwillen den Wünschen seines Vaters gefügt, und der Drang nach Leben und Bewegung, der sein ganzes Wesen durchglühte, war endlich so übermächtig geworden, daß er eines Tages dem Vater geradezu erklärte, er verabscheue den Handelsstand und gedenke sich dem Waffenhandwerk zu widmen. Minelli seinerseits war dieser Erklärung mit der unbedingten Weigerung entgegengetreten, in irgendeiner Beziehung von den einmal gefaßten Beschlüssen abzugehen. Der Starrsinn des Vaters, durch das beharrliche Andringen des ehrgeizigen Jünglings täglich nur noch mehr gesteigert, hatte den Sohn zuletzt zu offenem Widerstand empört, und so war binnen kurzem der Unfriede in dem stillen, dunklen Hause an der Veronabrücke zu solcher Höhe gestiegen, daß Carlo nach einem mißlungenen Fluchtversuche von seinem Vater den Tag über auf seiner Kammer versperrt gehalten, und ihm erst nachts, nachdem Minelli Haustor und Fensterladen sorgfältig verwahrt und verschlossen hatte, der Verkehr mit Schwester und Mutter gestattet wurde. Diese letztere, die vergebens mit Bitten und Tränen den Zorn des Gatten zu beschwichtigen, den Trotz des Sohnes zu beugen versucht hatte, sah verzweifelnd nur die Wahl zwischen zwei Übeln sich freigestellt: den geliebten Sohn vor ihren Augen von Kummer und Gram verzehrt dem Grabe zuwelken zu lassen, oder gegen den Willen ihres Gatten und gegen ihren eigenen Wunsch die Neigung des Jünglings zu begünstigen. Ihre mütterliche Zärtlichkeit entschied sich um so mehr für das letztere, als die Mittel zur Durchführung des einmal gefaßten Beschlusses ihr so nahe lagen. Ihr Schlafgemach, im Erdgeschoß des Hofraumes gelegen, stand nämlich mit einem der in Venedig häufig vorkommenden, in den heißen Sommermonaten als kühlen und der Plage der Nachtmücke unzugänglichen Ruheort sehr beliebten, fensterlosen Klosette in unmittelbarer Verbindung, dessen Wände und Decke noch aus der Zeit der Barozzi her mit altertümlichen, reich mit kunstvollem Schnitzwerk verzierten Holzgetäfel bekleidet waren. Ein Druck auf eine der Rosen dieses Schnitzwerkes aber öffnete, wie der Großoheim dereinst seiner treuen Pflegerin unter eidlicher Verpflichtung zu unverbrüchlichem Stillschweigen gelehrt, eine in dem Holzgetäfel verborgene Tür, durch welche man in einen schmalen in der Mitte der Grundmauer des Hauses fortlaufenden Gang gelangte. Dieser geheime Ausweg, der im Hinterteile des Hauses in ein Sackgäßchen nahe am Rio degli assassini ausmündete, und von außen her durch eine hinter beweglichen Steinplatten versteckte Tür verschlossen war, hatte zu Tiepolos Zeiten ohne Zweifel den Verschworenen zu ihren Zusammenkünften gedient, und wurde jetzt von einer aus Angst und Unruhe halb wahnsinnigen Mutter benützt, den hartnäckig auf seinem Sinne beharrenden Sohn bei tiefer Nacht aus dem Vaterhause entweichen und in der Fremde das Glück suchen zu lassen, das er in der Heimat nicht zu finden vermochte.
Minelli, in das Geheimnis des verborgenen Ganges nicht eingeweiht und daher um so maßloser über das unbegreifliche Verschwinden des Sohnes erzürnt, hatte weder Geld noch Mühe gespart, des Flüchtlings wieder habhaft zu werden; da aber seine Bemühungen fruchtlos blieben, bemächtigten sich nach dem ersten Rasen der Leidenschaft träger Mißmut und dumpfe Teilnahmlosigkeit seiner Seele so vollkommen, daß sogar die Gefahr bedeutender Verluste, die um jene Zeit sein Geschäft bedrohten, ihn aus dieser Stimmung nicht aufzurütteln und zur Abwehr zu bewegen vermochten. Selbst das wirklich hereingebrochene Unglück vergrößerte nur seine mutlose Versunkenheit, bis endlich ein schweres Siechtum den an Vermögen und Gesundheit gleich herabgekommenen Mann aufs Krankenlager niederwarf, von dem er nicht wieder erstehen sollte. Wenige Tage aber, nachdem ihr unglücklicher, durch die Flucht des Sohnes ins Herz getroffener Gatte den letzten Seufzer ausgehaucht hatte, empfing die von dem bittersten Schmerze, den quälendsten Vorwürfen bestürmte Witwe die Nachricht, ihr Sohn, der zu Florenz unter dem gegen die Franzosen zu Felde liegenden Kriegsvolk der Mediceer Dienste genommen, Carlo, ihr Erstgeborener, ihr Liebling, sei vor Marciano einer französischen Falkonettkugel erlegen.
Seit jenem Tage verhielten sich die Bewohner des Hauses an der Veronabrücke wie aus der Reihe der Lebenden ausgestrichen; lautlose Stille herrschte in seinen Räumen, und kein Fuß betrat je seine Schwelle als ab und zu der Pfarrherr von Santa Maria Zobenigo. Aber weder sein Zuspruch, noch die Schmeichelworte, die Bitten und Tränen Ambrosias, die neben ihr wie eine Rose in der Wüste heranblühte, vermochten die Witwe Minellis aus ihrem Gram, aus ihrer starren, wort-, tränen- und bewegungslosen Versunkenheit zu wecken. Bei verschlossenen Fensterläden, denn sie wäre des Lichtes der Sonne nicht wert, jede Berührung ihres Kindes ängstlich vermeidend, denn sie wäre verflucht, sagte sie, saß sie tagelang in ihrem Schlafgemach, die Perlen eines Rosenkranzes gedankenlos durch die Finger gleiten lassend, und unverrückt weit offenen Auges in das Dunkel des anstoßenden Klosetts hineinstarrend. Erst wenn die Nacht hereingebrochen war, fingen ihre Züge sich zu beleben an, kam Bewegung in ihre starren Glieder; dafür bemächtigte sich aber immer steigende Unruhe ihres ganzen Wesens; sie drängte die Hausgenossen, sich zu Bette zu begeben, und war dies endlich geschehen und die Türe ihres Schlafgemaches hinter ihr verriegelt, dann hörte man sie stundenlang in der toten Stille der Nacht auf und nieder gehen, bald laute Selbstgespräche führen, bald herzzerreißend schluchzen und wimmern, um dann morgens in todesähnlicher Erschöpfung zusammenzubrechen. Nach zwei Jahren solcher Lebensweise verriet endlich die zum Schatten abgemagerte Gestalt, die unheimliche Glut der tief eingesunkenen Augen, die Fieberröte der hohlen Wangen nur zu deutlich, daß der Körper der nie ruhenden Folterqual der Seele erliege. Gleichwohl wies sie alle ärztliche Hilfe zurück und setzte das Tagewerk ihrer Buße fort, ja sie schien sich ihrer zunehmenden Schwäche in demselben Maße zu freuen, als die um das Leben der Mutter besorgte Ambrosia darüber verzweifelnd sich abhärmte. In ihrem kindliche Angstgefühl hatte diese letztere, um der Mutter näher zu sein, längst ihre Schlafstätte aus dem oberen Stockwerke in das Erdgeschoß zu verlegen gewußt, und eines Tages, als sie eben bekümmert, weil die Mutter den Tag über sich matter und hinfälliger als sonst gezeigt hatte, ihr Nachtgebet verrichtend auf den Knien lag, scholl ein gellender Schrei aus dem Schlafgemache der Kranken zu ihr herüber. Entsetzt und halb besinnungslos emporfahrend flog sie die Hausflur entlang, auf jenes Gemach zu, dessen Türe, obgleich verschlossen, dem Andrange ihrer jugendliche Kraft nachgab, und sie bei dem Scheine einer verglimmenden Nachtlampe die Mutter in dem holzgetäfelten Klosette an der Schwelle der halbgeöffneten geheimen Wandtüre bewußtlos auf dem Estrich hingestreckt erblicken ließ. Als Ambrosia jedoch erschrocken zu ihr sich niederbeugte, und sie nach Hilfe rufend in die Arme faßte, kehre die Bewußtlose alsbald ins Leben zurück: »Stille, stille!« sagte sie, indem halb wahnsinniges Lächeln um ihre Lippen spielte, »niemand darf wissen, daß Carlo hier war! Morgen kommt er mich abzuholen! Stille, stille!« und damit sich emporrichtend, wankte sie auf die geheime Türe zu, drückte sie wieder ins Schloß und ließ sich dann von der Tochter nach ihrem Lager geleiten. Zur Ruhe gebracht, hieß sie Ambrosia auf ihrem Bette sich hinsetzen und zog nach Jahren zum ersten Male die in Tränen zerfließende Tochter wieder liebkosend und zärtlich umschlingend in ihre Arme. »Nun sei der Fluch von ihr genommen,« sagte sie, »nun dürfe sie alles wissen, was sie verschuldet, wie sie gebüßt.« Und nun wie zwei Liebende Wange an Wange gelehnt, erzählte sie Ambrosien, was ihr bisher verborgen geblieben, wie es mit dem geheimen Gange, mir Carlos Flucht sich verhalte. In diesen Gesprächen brachten sie die Nacht hin; gegen Morgen hieß die Kranke die seit Jahren verschlossenen Fensterläden öffnen und freute sich des Sonnenscheins, der auf dem Estrich spielte. So ging ihr, stündlich schwächer werdend, aber ruhig, und der Schimmer himmlischen Friedens über ihr Antlitz verbreitet, bald wie im Schlummer hinliegend, bald Liebesworte mit der Tochter wechselnd, der Tag hin. Mit dem Einbruche der Nacht betete sie lange inbrünstig und ermahnte die Tochter eindringlich, immer Recht zu tun, welche Opfer es ihr auch koste und was auch daraus werden möge! Als aber die Mitternacht heranrückte, ward sie unruhig, fragte nach der Uhr, horchte nach dem Klosett hin, plötzlich aber mit strahlendem Antlitz und leuchtenden Augen sich aufrichtend: »Da ist er!« rief sie; »ich komme, ich komme!« und sank selig lächelnd und selig entschlafen zurück.
Der Tod ihrer Mutter war für die nun ganz verwaiste Ambrosia ein schwerer Verlust. Wenn schon die tiefe Stille, die dumpfe Trauer, unter deren Druck die frisch heranblühende Jungfrau gerade die ersten Frühlingsjahre ihres Lebens in dem finsteren stummen Hause an der Veronabrücke zubrachte, einen grauen Schleier über ihre Jugend geworfen hatte, so mußte dieser neue herbe Schlag das letzte frohe Aufwallen jugendlicher Gefühle in Ambrosias Herzen ersticken. Dafür hatten ihr diese trüben, bangen Jahre andere reiche Früchte getragen: Geduld und Selbstverleugnung, und ein fester, leidensstarker Wille waren in ihr herangereift; ihr heller, klarer Verstand, nicht eitlem Traum und vergänglichem Flittertand, sondern notgedrungen dem Ernst des Lebens zugewandt, hatte sie letzteres frühzeitig als Arbeit, nicht als kindisches Spiel begreifen, hatte sie Pflichten erkennen und erfüllen gelehrt, und als nur erst die allmächtige Zeit Balsam in die frische Wunde ihres Herzens geträufelt hatte, so zeigte sich alsbald, zwar nicht fröhlicher Mutwille und jugendliche Schalkhaftigkeit, aber so innige Anmut, so heiterer Ernst und solche jungfräuliche Würde über das achtzehnjährige Mädchen ausgebreitet, daß der siegende Eindruck ihres geistigen Wesens den ihrer blendenden Schönheit noch bei weitem übertraf. Ambrosia bedurfte aber auch dieser Seelenstärke und Geisteshoheit, um der Ungunst der Verhältnisse, die auf sie einstürmten, die Stirne bieten zu können; denn nicht bloß das Gefühl ihrer Verlassenheit und der Trauer um ihre lieben Toten, auch die Sorge für die Erhaltung des geringen Nachlasses ihrer Eltern, den verwickelte, noch vom Vater her ererbte Rechtsstreite und ungeduldig mahnende Gläubiger zu verschlingen drohten, und tausend kleine, aber darum nicht minder empfindliche Entbehrungen bedrängten die verwaiste Ambrosia. Gleichwohl verschmähte sie, auf den Antrag ihres Vormundes, eines Vetters ihrer Mutter, einzugehen und in seinem Hause ihren Aufenthalt zu nehmen, sondern zog es vor, in Gesellschaft einer entfernten Verwandten ein paar bescheidene Stübchen in dem oberen Stockwerke des ihr nun als Erbe zugefallenen Hauses an der Veronabrücke zu beziehen, indem sie in weiser Fürsorge für die Ordnung ihrer Vermögensverhältnisse, obwohl mit schwerem Herzen, den Rest des Hauses zu vermieten beschloß. Das abgelegene und namentlich von S. Marco ziemlich weit entfernte Haus war jedoch lange Zeit durchaus nicht zu verwerten und Ambrosias Gläubiger drangen schon auf dessen Verkauf, als sich für dasselbe ganz unerwartet ein Mieter, und zwar in der Person des Messer Ruggiero Malgrati, eines alten Kriegsmannes, fand, der seit vielen Jahren mit Ambrosias Vater in Geschäftsverbindungen gestanden und während seiner seltenen Besuche in Venedig in dessen Hause Aufnahme und Gastfreundschaft gefunden hatte.
Messer Ruggiero Malgrati war der Sprößling eines der angesehensten Adelsgeschlechter der venetianischen Terra ferma, dessen bedeutende, meist in Friaul gelegene Güter, in ein Majorat vereinigt, dem Erstgeborenen zufielen, während die jüngeren Söhne sich mit geringen Jahrgeldern begnügen mußten. Ruggiero, der Zweitgeborene von drei Brüdern, die nach dem frühen Tode ihres Vaters unter der Vormundschaft einer kränklichen, in blinder Vorliebe für ihren Erstgeborenen eingenommenen Mutter heranwuchsen, hatten von frühester Kindheit an sich zwar gutmütig und selbst weichherzig, dagegen aber auch wild, unbändig heftig und störrisch bewiesen. Jede Beschränkung seines Willens erschien ihm als eine unerträgliche Last, deren er sich durch den äußersten Widerstand, oder wenn sein Starrsinn auf unüberwindliche Hindernisse stieß, durch Verschlagenheit und List um jeden Preis zu entledigen bemüht war. Dazu kamen noch Anfälle wunderlicher Launen und ein unbezwinglicher Trieb nach dem Seltsamen und Abenteuerlichen, Eigentümlichkeiten, die ihm bei den Hausgenossen den in Italien geläufigen Beinamen eines mezzo matto erwarben und in Verbindung mit der Ungunst seiner häuslichen Verhältnisse zuletzt dahin führten, daß Ruggiero nach einem heftigen Streite mit seinem älteren Bruder und der für ihn Partei nehmenden Mutter, kaum fünfzehnjährig, heimlich dem Vaterhause entlief. Nachdem er sich jahrelang, erst mit einer Zigeunerbande, dann mit fahrenden Schülern, dienstlosen Söldnern und zuletzt in den Gebirgstälern Piemonts unter den Waldensern herumgetrieben hatte, wurde er zufällig von einem Waffenbruder seines Vaters erkannt, dem Elend und völliger Verwilderung entrissen und zum Eintritt in eine in spanischem Solde stehende Freischar bewogen. Der Fahne treu, zu der er geschworen, und durch Mut, Gewandtheit und Todesverachtung sich bald zu einem der gefürchtetsten Streifparteiführer des spanischen Heeres emporschwingend, focht er die Schlachten bei Marignano und Pavia mit, wohnte der Eroberung Roms bei, nahm später, durch seinen abenteuerlichen Sinn in die neue Welt verlockt, an dem Siegeszuge Pizarros nach Peru, bald aber wieder nach Europa zurückgekehrt, an den Kriegsfahrten Karls V. gegen Algier und Tunis teil und diente zuletzt als einer der geschätztesten Hauptleute des Herzogs von Alba im spanischen Heere in den Niederlanden. Über sechzig Jahre alt und, obwohl ein Graukopf, noch rüstig und geistesfrisch, bestimmte ihn zuletzt eine in der Schlacht bei S. Quentin empfangene schwere Wunde um so mehr, den Kriegsdienst zu verlassen, als zur selben Zeit der Tod seines älteren, unvermählt gebliebenen Bruders ihn zur Übernahme der Familiengüter in die Heimat berief.
Dies war der Mann, der, nach dem Antritte seines Erbes und einem flüchtigen Besuche auf den ihm zugefallenen Besitzungen, Venedig einstweilen zu seinem Aufenthalte erwählend, nunmehr ein willkommener Mieter, das Haus an der Veronabrücke bezog, ohne daß jedoch dessen weite dunkle Räume eben viel an Geräusch und Bewegung gewonnen hätten. Abgesehen von den Nachwehen der Beschwerden seiner Kriegszüge, die ihm mit zunehmendem Alter immer peinlicher fühlbar wurden, war es vor allem das unbehagliche Gefühl völliger Untätigkeit nach einem so vielfach bewegten Leben, was ihn um so mehr verstimmte, als seine Jahre und die immer sorgfältigere Pflege, die seine zerhackten Glieder erheischten, ihn verhinderten, sonst gewohnten Zerstreuungen so rücksichtslos wie früher nachzugehen. Unschlüssig zwischen der bisherigen wüsten Hagestolzenwirtschaft, die er nicht mehr durchführen, und der Alltagsordnung eines bürgerlichen Haushaltes, an die er sich nicht gewöhnen konnte, hin und her schwankend, war er kränklich und grämlich geworden, und da ihm überdies die Übernahme des reichen, aber nicht eben wohlgeordneten Nachlasses seines Bruders viel Kopfzerbrechen verursachte, so wurde es ihm erst zur Erholung, allgemach aber zum Bedürfnis, ab und zu eine Stunde in der Gesellschaft Ambrosias, seines »Hausmütterchens« oder auch seines »Püppchens«, wie er die Tochter seines alten Freundes Angelo zu nennen pflegte, hinzubringen und von der sicheren, ernstheiteren Haltung des jungen Mädchens halb angezogen, halb zu Neckereien aller Art angeregt, Verdruß und Ärger sich wegzuplaudern. Dabei lernte er Ambrosias hohe Vorzüge, ihre stille Heiterkeit, ihren klaren Verstand, den frischen Lebensmut, mit dem sie in alle Schwierigkeiten ihrer Lage sich zu finden wußte, täglich mehr erkennen und schätzen, und wenn er bedachte, wie er ohne Freunde einsam und allein im Leben stehe, und eigentlich keine andere Aufgabe habe, als die Besitzungen seiner Familie nicht sowohl zu genießen, als vielmehr nur zu verwalten, um sie dereinst dem einzigen Verwandten, den er noch habe, seinem Neffen Anselmo zu vererben, so konnte er sich nicht verhehlen, um wieviel besser er daran wäre, wenn er, statt wie ein im Wirbelumschwung gedrehter Kreisel ziellos in der Welt umherzuirren, in jungen Jahren geheiratet, sich Haus und Heimat begründet hätte, und nun etwa eine gute, schöne, mit jedem Reiz der Jugend und Anmut geschmückte Tochter besäße, wie Ambrosia. Ja, wenn er den Fortbestand seines Hauses, der nur auf ihm und seinem Neffen Anselmo beruhte, in Erwägung zog und die schwächliche Gesundheit dieses letzteren ins Auge faßte, der von seinem jüngeren Bruder auf seinem Sterbebette ihm zur Obhut und Pflege übergeben, zu jener Zeit zu Udine bei einem Verwandten seiner Mutter erzogen wurde, aber, nach dem Zeugnis seiner Pflegeeltern mehr dem Grabe als jugendkräftiger Entwicklung entgegenreifte, so wollte es ihm zuzeiten beinahe als Pflicht erscheinen, selbst jetzt noch in seinem vorgerückten Alter in den Stand der Ehe zu treten, und wenigstens alles, was an ihm läge, aufzubieten, damit das edle Geschlecht der Malgrati nicht erlösche und ihr Besitztum nicht an die verhaßte Seitenlinie der Diedi falle.
So waren Monate hingegangen, die Messer Ruggiero nicht ohne wechselnde Gemütsbewegungen und rasche Übergänge von Mißmut zu derber Fröhlichkeit, von jähem Aufbrausen in wildem Zorn zu gedankenvollem Trübsinn hinbrachte, als eines Tages der Pfarrherr von Santa Maria Zobenigo, der bewährte Freund der Eltern und der Gewissensrat ihres verwaisten Kindes, in Ambrosias Stübchen trat. Nach einer weltläufigen und salbungsreichen Auseinandersetzung: wie der Mensch bei jedem wichtigen und erfolgreichen Schritte auf seinem Lebenspfade nicht sowohl weltliche Rücksichten und irdische Vorteile, als vielmehr zunächst und vor allem sein Seelenheil in Betracht zu ziehen und hiernach seine Beschlüsse zu fassen habe, eröffnete er dem befreundeten Mädchen, Messer Ruggiero Malgrati, ihr Mietsmann, habe in ehrbarer, fromm christlicher Absicht sein Auge auf sie geworfen und wünsche, wenn er anders auf ihre Zustimmung rechnen könne, bei ihrem Vormund um ihre Hand zu werben. Als Ambrosia aber auf diese unerwartete und fast märchenhaft klingende Nachricht zwar sichtlich überrascht, aber ohne alle Verwirrung emporblickte und ihre großen Augen verwundert und halb ungläubig auf den Pfarrherrn heftete, beeilte sich dieser zuletzt hinzuzusetzen, er habe den Auftrag, ihre Willensmeinung zu ergründen, nicht ohne den ausdrücklichen Vorbehalt übernommen, ihr gleichzeitig beides, sowohl was für, als was gegen den Antrag spreche, gewissenhaft und ausführlich darlegen zu dürfen. Hierauf begann er denn auch alsbald, Vorzüge und Mängel wie auf die zwei Schalen einer Wage verteilend, auf der einen Seite die hohe Geburt Malgratis, sein bedeutendes Vermögen, den Kriegsruhm, den er sich erworben, sein gerades, biederes Wesen und die ihm angeborene Gutmütigkeit hervorzuheben, auf der anderen aber auf die dem alten Kriegsmanne zur Gewohnheit gewordene Rauheit und Derbheit, auf die Ungleichheit seiner oft seltsam wunderlichen Launen, auf seinen furchtbaren Starrsinn, auf seine durch beschwerlichen Kriegsdienst und zahlreiche Wunden erschütterte Gesundheit, vor allem aber auf das vorgerückte Alter des Freiers hinzuweisen, welches letztere den gerechten Ansprüchen ihrer eigenen Jugend so wenig Befriedigung verheiße, daß eine übereilte Zusage in späteren Jahren ihrem Herzen gefährliche Kämpfe bereiten, ihren Ruf gefährden, ja sie um ihr Seelenheil bringen könne. Ambrosia, die dieser Erörterung, langsam eine Rose zerpflückend, mit gesenkten Blicken schweigend zuhörte, erhob bei dieser letzten Wendung zwar hocherrötend, aber nichts weniger als verlegen und betroffen, ihr Haupt und erwiderte dem Pfarrherrn, sie zähle zwar nur wenig Lebensjahre, aber was Jugend sei, habe sie bis jetzt noch nicht erfahren, begehre auch nicht es zu wissen, noch weniger die ihr von dieser Seite her zustehenden Ansprüche geltend zu machen; der Anspruch, den das Leben an uns alle stelle, heiße Pflichterfüllung, und diesem Anspruch hoffe sie zu jeder Zeit gerecht zu werden; sie werde daher weder jetzt noch jemals unüberlegt eine Verpflichtung eingehen, weshalb sie denn auch ihre Entschließung über Messer Ruggieros Antrag erst nach dreitägiger Bedenkzeit zu fassen, dann aber ihrem Freier unmittelbar selbst mitzuteilen gedenke, womit sie den Pfarrherrn, nachdem sie sich zur gewissenhaften Erwägung seiner Mitteilung seinen Segen erfleht hatte, entließ und sich in ihr Schlafgemach zurückzog.
Als Messer Ruggiero, der die anberaumten drei Tage in kaum geringerer Aufregung verlebt hatte, als den Abend vor seiner ersten Schlacht, am Morgen des vierten vor Ambrosia erschien, trat ihm diese errötend, aber heiter lächelnd entgegen, und nachdem er in seinem gewohnten Lehnstuhl verwirrt und verlegen Platz genommen und mit fast schüchterner Beklommenheit seine Werbung erneuert hatte, erwiderte sie, sie habe alle Freuden, die andere Mädchen in ihrem Alter genössen, entbehren müssen und sich ohne Klage, ja ohne alles Bedauern diesem Schicksale unterworfen, nur das eine habe sie nie verwinden können, daß sie nicht der Eltern letzte Lebenstage durch ihre Pflege versüßend, ihnen ein sorgloses, fröhliches Alter bereiten, und in dem Bewußtsein, zu ihrem Glücke beigetragen zu haben, ihr eigenes höchstes Lebensglück habe finden dürfen. Seine Werbung eröffne ihr die Aussicht, dies liebste Ziel ihrer Wünsche erreichen und was der frühzeitige Tod ihrer Eltern an ihnen zu üben sie verhindert, an ihm, dem alten Freunde ihres Hauses, verwirklichen zu können. Geld und Gut besitze sie nicht, die Blüte ihrer Jugend sei vergänglich, aber wenn er sie würdig erachte, als seine Hausfrau durch treue Teilnahme seine Freuden zu mehren, sein Leid zu mindern, sein Alter zu pflegen und zur Erheiterung seines Lebens beizutragen, so fühle sie sich durch seine Wahl nicht nur geehrt, sondern hochbeglückt, denn nur den achte sie für glücklich, der nützen, lieben, beglücken könne. Mit diesen Worten reichte sie Messer Ruggiero die kleine Hand, die dieser bis zu Tränen gerührt mit Begierde ergriff und mit tausend Küssen bedeckte. Nach dieser Erklärung fand sich alles übrige von selbst und ehe drei Wochen ins Land gingen, war Ambrosia die Gemahlin Messer Ruggieros, der sie auf den Händen trug, sie mit Geschenken aller Art überhäufte und in dem Widerschein ihrer Jugend sich selbst zu verjüngen schien. Dabei hatte er jedoch, sei es, daß er das Gespötte der Welt scheute, sei es, daß er sein junges Glück so recht für sich allein genießen wollte, gleich bei seiner Vermählung beschlossen, die nächsten Jahre auf seinen Gütern zu verleben, und so rückte denn für Ambrosia bald die Stunde heran, in der sie dem alten Hause an der Veronabrücke, das nun nach der Befriedigung der Gläubiger ihrer Eltern erst ganz ihr eigen war, den Rücken zukehren sollte. Am Tage der Abreise durchwandelte sie noch einmal die wohlbekannten, für sie mit so vielen traurigen Erinnerungen erfüllten Räume, und in die Gemächer des Erdgeschosses gelangt, in denen ihre Mutter ihre letzten Leidensstunden verlebt hatte, fühlte sie sich von solcher Rührung überwältigt, daß sie nahe daran war, dem sie zärtlich besorgt in seine Arme schließenden Gatten das Geheimnis des verborgenen Ganges und des Verderbens, das er über ihre Lieben gebracht, mitzuteilen. Allein das Bedenken: ohne Not zu offenbaren, was sie einen Fehltritt ihrer Mutter nennen mußte, hielt sie davon ab, und Ruggiero, begierig den für Ambrosia so schmerzlichen Abschied von ihrem Vaterhause möglichst abzukürzen, zog sie hastig zu der Gondel fort, die mit vier Ruderern bemannt, sie raschen Fluges die Lagunen entlang nach Westen hinübertrug.
Es waren schöne, ungetrübt heitere Tage, die Messer Ruggiero damals auf seinem fürstlichen Landsitze an der Seite seiner jungen, blühenden Gemahlin im Vollgenuß und im Vollbewußtsein seines Glückes verlebte. Auch konnte es nicht fehlen, daß der Reiz und die Anmut Ambrosias, die heitere Würde ihrer Haltung, die ihrem Gatten das zwischen ihnen bestehende Mißverhältnis der Jahre niemals fühlbar werden ließ, daß vor allem die Hoheit ihres Geistes und die sanfte Milde ihres innersten Wesens einen äußerst wohltätigen Einfluß auf Ruggieros Gemüt ausübten; allein auch Ambrosia gewann mit jedem Tage mehr Neigung und Vertrauen zu ihrem greisen Gemahl, und wenn sie für ihn auch nie eine Neigung leidenschaftlicher Hingebung empfand, die überhaupt ihrem Wesen ganz fremd zu sein schien, so vergoldete sie doch seine Herbsttage mit dem milden Sonnenschein der ehrfurchtsvollen Zärtlichkeit einer Tochter und umgab sein graues Haupt mit allen Beweisen der aufopfernden Fürsorge und Treue einer Schwester. Die Hoffnung auf Kindersegen war in dieser ungleichen Ehe zwar unerfüllt geblieben; allein ihre Erfüllung erschien für die Fortpflanzung des edlen Stammes der Malgrati nicht mehr so unerläßlich, als dies noch vor kurzem der Fall gewesen, indem Anselmo, der kränkliche und scheinbar hoffnungslos hinwelkende Neffe Ruggieros, binnen Jahresfrist zu einem frischen, derben Burschen aufgeschossen war und in Fülle der Gesundheit und Kraft der Fortsetzung seiner Studien auf der Hochschule zu Padua oblag. So trübte von keiner Seite her auch nur ein Wölkchen die tiefinnere Befriedigung, in der Ruggiero seine Tage verlebte, und die, wie er selbst dankbar gestand, bei weitem alles übertreffend, was er bisher so genannt hatte, ihm keinen Wunsch, nur die Frage an das Schicksal übrig ließ: ob ein so reiches Glück auch Dauer und Bestand haben werde? eine Frage, die nur zu bald verneinend beantwortet werden sollte.
Die Gesundheit des alten Kriegsmannes, durch Ruhe und Landluft scheinbar gekräftigt, im stillen aber vielleicht eben durch den zu raschen Übergang von einem Leben voll Anstrengung und Beschwerden in einen Zustand völliger Untätigkeit erschüttert und untergraben, schien nämlich plötzlich erst vorübergehenden, bald aber vielerlei ernsten und immer bedenklicher auftretenden Störungen erliegen zu wollen; alte Wunden begannen aufzubrechen, und nachdem böswillige Fieber monatelang ihre Heilung verzögert hatten, drohten wütende Anfälle von Gicht und Zipperlein vollends aufzuzehren, was Schüttelfrost und Fieberhitze dem Kranken an Lebenskraft noch übrig gelassen hatten. Nur der unermüdeten Pflege Ambrosias, der treuen Sorgfalt, mit der sie jede Regung des Kranken bewachte, jedem seiner Bedürfnisse entgegen kam, nur dem Übergewicht, das sie allein den Ausbrüchen seiner Ungeduld, dem Aprilwetter ähnlichen Wechsel seiner Laune gegenüber zu behaupten wußte, hatte Ruggiero es zu verdanken, daß er von dem Krankenlager wieder erstand, an das ihn schweres Siechtum mondelang gefesselt hielt. Der beste Teil seiner Kraft war gleichwohl unwiederbringlich dahingeschwunden; der rüstige, in allen seinen Bewegungen rasche, stets drall und aufrecht einherschreitende Graukopf, war zum kahlköpfigen, gebückt am Stabe hinschwankenden Greise geworden, und was noch schlimmer war, wie der Körper seine Spannkraft, so hatte auch sein Geist das kaum durch Ambrosias Einfluß gewonnen Gleichgewicht eingebüßt, und Launenhaftigkeit, grämlicher Mißmut und wild aufbrausender Jähzorn gewannen wieder ihre alte Herrschaft über Ruggieros Gemüt. Ambrosia konnte unter diesen Umständen die Fortsetzung ihres Landaufenthaltes bei der gänzlichen Vereinsamung, die er namentlich in den Wintermonaten ihnen auferlegte, für den Seelenzustand ihres Gemahls nicht mehr für zuträglich erachten, und sparte daher keine Mühe, ihn zur Rückkehr nach Venedig zu bewegen, wo Zerstreuungen aller Art Gelegenheit darboten, die krankhafte Aufregung seines Geistes nach außen hin abzuleiten. In dieser Ansicht und in diesen Bestrebungen wurde sie ganz unerwartet durch die übeln Nachrichten bestärkt, die um diese Zeit aus Venedig von dem Neffen Ruggieros einliefen, der nach Beendigung seiner Studien diese Stadt zum Schauplatz seiner Taten erwählt hatte und daselbst Beweise so bodenlosen Leichtsinns, so wahnsinniger Verschwendung lieferte, als ob er alle Lebenslust, um die ihn seine Schwäche und Kränklichkeit in früheren Jahren gebracht hatte, nun auf einmal im Zeitraum weniger Monate hätte einbringen wollen. Wenn nun auch bei dieser Lebensweise des jungen Mannes und bei dessen gleichmäßigem Losstürmen auf seine Gesundheit wie auf seinen Beutel die erstere für den Augenblick sich eisern und unzerstörbar bewies, so war doch aus dem letzteren gar bald der letzte Rest des kargen, väterlichen Erbes in die Lüfte hingeschwunden. Der tolle Wüstling stürzte sich nun den Kopf vor, in sinnlose Schulden, und es fanden sich Geldmäkler und Wucherer genug, die ihm für schwere Zinsen und auf den Namen des reichen Oheims hin bedeutende Summen vorstreckten; da aber die geborgten Beträge niemals berichtigt, die bedungenen Abschlagszahlungen niemals eingehalten, und im Gegenteil Woche für Woche neue Schulden der Reihe der alten hinzugefügt wurden, so kam es endlich dahin, daß Messer Ruggiero von beiden Teilen, von dem verschwenderischen Neffen mit den flehentlichen Bitten, von dessen beunruhigten Gläubigern mit der Drohung, den letzten Sprossen des Hauses Malgrati in den Schuldturm werfen zu lassen, um seine Vermittlung in dieser Angelegenheit, das heißt, um Bezahlung der Schulden Anselmos bestürmt wurde. Ambrosia hatte die ersten Forderungen dieser Art bei ihrem Gemahl befürwortet und unterstützt; als dieselben aber sich immer wieder erneuerten, und die Sache immer ernster sich anließ, benützte sie diese Wendung der Dinge als einen Hebel mehr, um Ruggiero zur Rückkehr nach Venedig zu bewegen, der denn auch mit minderem Widerstreben, als sie erwartet hatte, zuletzt ihrem Wunsche entsprach.
Nach Venedig zurückgekehrt, bezog Messer Ruggiero mit seiner Gemahlin ein wohnliches, am Canal grande gelegenes Haus, das er vor kurzem erkauft und fürstlich eingerichtet hatte. Die nächste Veranlassung zu diesem Schritte lag allerdings in dem Wunsche, künftig einen belebteren Stadtteil zu bewohnen und Ambrosien die schmerzlichen Empfindungen zu ersparen, die sie bei der Heimkehr in das alte finstere Haus an der Veronabrücke bestürmt haben würden! allein auch der längst im stillen in Ruggiero herangereifte Entschluß, dieses letztere einem andern Zwecke zu widmen, war hierbei nicht ohne Einfluß geblieben. Ruggiero nämlich hatte von dem Augenblicke an, als der früher schwächliche und scheinbar dem Tode verfallene Anselmo zum lebenskräftigen Jüngling sich entwickelt hatte, seine eheliche Verbindung mit Ambrosia gewissermaßen als ein seinem Neffen zugefügtes Unrecht empfunden, da ein aus dieser Ehe hervorgegangener Sohn denselben um den Besitz der Familiengüter gebracht haben würde. Dieses Ereignis war zwar bisher nicht eingetreten, da jedoch Ruggiero gleich bei seiner Verehelichung darauf bedacht war, dereinst seiner Witwe ein ansehnliches Vermögen zu sichern, und alle von seinem Bruder ihm zugefallenen Kapitalien und Schuldforderungen hierzu gewidmet, ja selbst zu diesem Behufe einen Teil der Familiengüter belastet hatte, wodurch seinem Neffen auch im besten Falle immerhin ein nicht unbedeutender Teil seines dereinstigen Nachlasses entging, so hielt er sich um so mehr für verpflichtet, demselben nicht nur in seiner gegenwärtigen Bedrängnis zu Hilfe zu kommen, sondern auch dafür zu sorgen, daß er sobald als möglich und für immer dem Taumel wüster Schwelgerei entrissen werde. In dieser letzteren Beziehung erschien dem Gemahl der schönen Ambrosia, der des veredelnden Einflusses recht wohl sich bewußt war, die seine Ehe auf sein eigenes Gemüt geübt hatte, kein Mittel so zweckmäßig und sicher zum Ziele führend, als das eine, seinen Neffen durch eine glückliche Heirat gleicher Vorteile teilhaftig zu machen, und kaum hätte Ruggiero zur Rückkehr nach Venedig sich wo willfährig gezeigt, wenn nicht der Wunsch, Anselmo zu einem eigenen Haushalte zu verhelfen und ihm zu diesem Behufe das Haus an der Veronabrücke einzuräumen, die Bitten Ambrosias so nachdrücklich unterstützt hätte.
Ruggiero fand jedoch zu Venedig, woselbst er, kaum angekommen, unverzüglich die Herstellungsarbeiten in dem Hause an der Veronabrücke in Angriff nehmen und mit allem Eifer betreiben ließ, die Lage der Dinge wesentlich verändert und seinen Neffen viel weniger geneigt, auf die wohlgemeinten Vorschläge des Oheims einzugehen, als dieser erwarten durfte. Anselmo hatte in seiner Bedrängnis sich den damals in Venedig eben eingebürgerten Glücksspielen, die mit Würfeln oder mit Karten mitunter auf offenem Markte betrieben wurden, um so rücksichtsloser hingegeben, als der Zufall seine ersten Schritte auf dieser Bahn so entschieden begünstigte, daß er nicht nur seinen dringendsten Gläubigern gerecht werden konnte, sondern auch noch Mittel fand, seine Stellung als den Mittelpunkt eines Haufens gleichgesinnter junger Patrizier und der ihn, wie Rabe und Geier den verendenden Hirsch, umkreisenden Schar wüster Raufbolde, falscher Spieler und anderer Glücksritter auf das glänzendste zu behaupten. Vergebens führte Ruggiero dem verwilderten Burschen erst in ruhiger Milde, später mit immer zunehmender, bis zum Zorne gesteigerter Heftigkeit zu Gemüte, wie wenig auf die Laune des Glückes zu rechnen, wie Spielgewinn nur der Lockvogel der Hölle und der Vorbote sicheren Verderbens sei; vergebens beschwor er ihn, seiner edlen Abkunft, seines guten Leumundes, seines redlichen Vaters zu gedenken, dessen Namen er noch im Grabe schände: er predigte tauben Ohren, ja im Taumel des Glücks, das ihn damals wie sein Schoßkind auf den Armen trug, wagte der lockere Geselle den greisen, wohlmeinenden Oheim mit Redensarten wie: Jugend habe keine Tugend! Junger Wein müsse gären! Glück sei wie Eisen und müsse geschmiedet werden, solange es warm wäre! abzufertigen, oder wohl gar hinzuwerfen: Es ertrinke nicht gleich jeder, der ins Wasser gehe, und wessen Hilfe man nicht begehre, der möge nur mit seinem Rate haushalten! Ließ aber Ruggiero ab und zu den Wunsch durchblicken, ihn verheiratet und in der Stille eines geregelten Hauswesens wie in einem sichern Hafen geborgen zu sehen, so war vollends der Spöttereien kein Ende. Ob ihn des armen Gänschens nicht daure, frug er, das er jetzt in seine Krallen zu liefern gedächte? Warum er so eile? Noch in zwanzig Jahren würde sich irgendein frommer Unschuldsengel mit den Resten seiner Jugend hochbeglückt fühlen! Es gehe ihm mit der Ehe wie mit dem Geflügel; für jetzt ziehe er wilde Zugvögel dem zahmen Federvieh vor; er schätze übrigens auch ehrbare Frauen, wie sie es verdienten, aber für seinen Bedarf genügten einstweilen die seiner Freunde! Ruggiero, durch solche Äußerungen aufs tiefste verletzt und erbittert, war nach manchem heftigen Wortwechsel im wilden Ausbruch seines Zornes nahe daran gewesen, die Herstellungsarbeiten in dem Hause in der Veronabrücke einzustellen und von seinem ungeratenen Neffen für immer sich loszusagen, doch Ambrosias begütigende Fürsprache und die sichere Hoffnung, Anselmo, wenn nur sein Spielglück einmal umschlüge, nachgiebiger zu finden, hielt ihn bei seinem Vorsatze fest.
In der Tat rechtfertigte der Erfolg nur zu bald seine Erwartungen: die Würfel, die so lange und beharrlich für Anselmo gefallen waren, begünstigten plötzlich mit derselben Beharrlichkeit seine Gegner, und der verwegene Spieler, der dem Glück seine früheren freiwilligen Gaben nun mit Gewalt abtrotzen wollte, geriet bald aufs neue und um so tiefer in die alte Bedrängnis, je länger sein Stolz sich sträubte, vor dem früher verspotteten Oheim sich zu demütigen und seine Hilfeleistung in Anspruch zu nehmen. Zuletzt mußte der saure Schritt denn doch getan werden; gleichwohl verweigerte Anselmo auch dann noch, auf die Heiratspläne des Oheims einzugehen; er sei noch zu jung, sagte er, in den Sarg Ehebett verschossen und in die Totengruft Häuslichkeit versenkt zu werden; niemand lasse sich gerne lebendig begraben, und wenn er schon jetzt die größte aller Torheiten beginge, welche blieben ihm im reiferen Alter noch zu begehen übrig! Ruggiero jedoch, der die mißliche Lage Anselmos diesmal besser zu benützen und dem Trotzkopf seine Abhängigkeit von der Großmut seines Oheims allmählich begreiflich zu machen beschlossen hatte, stellte sich erst an, als ob er mit den Angelegenheiten seines Neffen durchaus nichts mehr zu schaffen haben wollte, gab ihm dann bei dessen erneutem Andringen zu erwägen, wie oft er ihm bereits seine hilfreiche Hand geboten hätte, und von welchem Erfolge seine Bemühungen gewesen wären, beklagte sich dabei bitter über den Leichtsinn, mit dem er seine Ratschläge und Ermahnungen mißgeachtet hätte, versprach endlich widerstrebend und widerwillig, zu helfen, und tat es auch, aber erst auf wiederholte Mahnungen und auch dann noch kärglich und ungenügend, so daß die Bitten immer wieder erneuert und die Gewährung mit der Hinnahme neuer Ratschläge und Zurechtweisungen erkauft werden mußte. Dieses Verfahren aber, statt wie Ruggiero gehofft hatte, den Starrsinn Anselmos zu beugen, hatte nur die Wirkung, den ohnehin durch die Schwierigkeit seiner Lage gereizten und an und für sich sehr hochfahrenden jungen Mann vollends zu erbittern und zu noch frecherer Unverschämtheit aufzustacheln.
Was er bisher von dem Wohlwollen des Oheims erfleht hatte, begann er nunmehr als eine Forderung der Billigkeit, ja des Rechtes in Anspruch zu nehmen. Was er verlange, wäre nichts als ein Vorschuß von seinem künftigen Erbe; denn er, das werde sein Oheim nicht leugnen, sei nach seinem Tode sein Nachfolger im Besitze der Familiengüter! Ob er ihm diese Abschlagszahlung verweigern, ob er ihm auf die Gefahr hin, Schimpf und Schande auf das Wappenschild der Malgrati zu häufen, vorenthalten wolle, was er doch nicht mit sich ins Grab nehmen könne? Ob er auch noch dieses Unrecht auf sich laden wolle? Ob er nicht einsehe, daß er ihn ohnehin, durch das Vermögen, das er im voraus für seine Witwe ansammle, empfindlich genug beeinträchtige, und ob er nicht gutzumachen gedenke, daß er ihn eigentlich ganz und gar um Erbe, um Zukunft und Leben betrogen und bestohlen haben würde, wenn nicht der Himmel, weiser und gerechter als ein altersschwacher verliebter Graubart, ihn seinerseits um die Hoffnung des Kindersegens aus seiner törichten Ehe betrogen, und auf diese Weise ihm, dem Neffen, erhalten hätte, was von Gottes und Rechts wegen sein wäre!
Ruggiero, von diesen Worten wie mit einem Keulenschlage getroffen, würde sie zu jeder andern Zeit mit der ganzen rasenden Wut lang zurückgehaltenen, aber endlich Dämme und Schleußen durchbrechenden Zornes beantwortet haben; allein durch den hartnäckigen Widerstand Anselmos auf die Erreichung seiner Zwecke immer erpichter geworden, und begreifend, daß hier nur hartnäckige Ausdauer, nicht übersprudelnde Hitze siegen könne, unterdrückte er mit riesiger Anstrengung das Aufwallen seines wildempörten Blutes und erwiderte gelassen und ruhig: Gott, der Anselmo so gnädig für die Zukunft erhalten, was sein wäre, werde in seiner Weisheit wohl auch die Mittel finden, ihn seiner gegenwärtigen Bedrängnis zu entziehen; er seinerseits gedenke, was für den Augenblick unleugbar sein eigen sei, einstweilen auch ausschließlich für sich zu behalten, statt es ebensogut wie in den Schlamm der Lagune in den Pfuhl so unerhörten Leichtsinns, in den Abgrund so schamlosen Undankes zu versenken, wie unter Tausenden nur sein Herz sie zur Schau trüge! Und damit wies er ihm ein für allemal die Türe und wankte taumelnd und unsichern Schrittes die Flur entlang dem Gemach Ambrosias zu, wo er zitternd vor Zorn und knirschend vor unterdrückter Wut kaum Worte fand, der Gattin, was ihm widerfahren, zu berichten.
Ambrosia, deren reines, unbefangenes Gemüt weder dem Neffen so hartnäckiges Beharren in seinen Verirrungen, noch dem Oheim solchen Feuereifer, ihn denselben zu entreißen, zugetraut hatte, wußte dem Gange der Ereignisse gegenüber kaum, wozu sie sich entscheiden, ob sie die traurige Lage des nun jeder Stütze beraubten Anselmo beklagen, oder sich für Ruggiero des völligen Bruches mit dem unverbesserlichen Wüstling erfreuen sollte. Sie tat beides zugleich und beides mit Unrecht. Anselmo, in der solchen Naturen eigentümlichen Verblendung, fühlte sich weder hoffnungslos noch verlassen, sondern jubelte, der Abhängigkeit von den wunderlichen Launen und knauserischen Bedenklichkeiten des Oheims los und ledig zu sein, und Ruggiero seinerseits hatte sich keineswegs der Hoffnung begeben, den Neffen zuletzt dennoch zu Paaren zu treiben, und harrte nur der Zeit, da der Bursche reif, das heißt gänzlich verkommen und völlig zerknirscht und daher genötigt sein werde, sich auf Gnade und Ungnade seinem Willen und seiner Führung zu ergeben. Für den Augenblick mußte er sich damit begnügen, Anselmos Benehmen von ferne zu beobachten, was ihm eben nicht schwer wurde, da sein Neffe, der letzten Fessel und der letzten Stütze ledig, nun rasch immer tiefer sank, und dafür Sorge trug, sich selbst und seinen guten Namen auf alle Weise an den Prange zu stellen. Als unablässiger Borger von seinen Standesgenossen gemieden, von seinen Gläubigern auf Schritt und Tritt verfolgt, trieb sich der Erbe der Malgrati in Verkleidungen aller Art in schmutzigen Kneipen und verrufenen Häusern unter Diebshelfern, Beutelschneidern und Gaunern jeder Gattung herum, bediente sich beim Spiel verdächtiger Würfel, zettelte aller Orten Schlägereien und Rufhändel an, und erwarb sich durch Schlauheit und verwegenen Mut unter dem Gesindel, das ihn umgab, zuletzt eine hervorragende Stellung, so daß binnen kurzem in Venedig kein Schelmenstück verübt wurde, das man nicht mit auf Anselmos Rechnung geschrieben hätte. Der zwar verunglückte, aber mit beispielloser Frechheit unternommene Versuch, eine Nonne aus dem Kloster der Karmeliterinnen zu Murano zu entführen, dessen, wie die Sage ging, Anselmo im Solde eines jungen Patriziers sich vermessen hatte und der plötzliche Umlauf von falschen Zechinen, deren Münzstätte in einem seiner gewöhnlichen Schlupfwinkel entdeckt wurde, bestimmte endlich die oberste Polizeibehörde der Republik, den Rat der Zehn, zu dem Beschlusse, die bisher gegen den vornehmen Frevler geübte Schonung aufzugeben und so bedenklichen Störungen der öffentlichen Sicherheit um jeden Preis ein Ziel zu setzen. Da man gleichwohl aus Rücksicht für Anselmos Namen und Geschlecht noch einen letzten Versuch machen wollte, die Sache ohne eigentliche gerichtliche Verhandlung beizulegen, so wurde Messer Ruggiero vor das Tribunal berufen, und ihm die Wahl freigestellt, für das künftige gesetzliche Verhalten seines Neffen mit Leib und Leben als Bürge einzustehen, oder zu gewärtigen, daß fortan mit aller Schärfe der Gesetze gegen den Schuldigen vorgegangen werde.
Ruggiero, der, während das Schicksal seines Neffen zur Entscheidung gipfelte, längst im voraus wohl erwogen hatte, wie dieser letzteren die seinem Zwecke dienlichste Wendung zu geben wäre, erwiderte hierauf nach kurzem Bedenken in wohlgesetzter Rede: Er seinerseits, das müßten Gott im Himmel und die Menschen auf Erden, insbesondere aber seine lieben Freunde und Nachbarn zu Venedig ihm bezeugen, habe es seit Wochen und Monaten weder an Mühe, Zeit noch Geld, weder an Bitten und Ermahnungen, noch an Verweisen und Drohungen fehlen lassen, um seinen Neffen seinen traurigen Verirrungen zu entreißen, allein alle seine Anstrengungen seien nicht nur völlig fruchtlos geblieben, sondern sein Neffe habe sie im Gegenteil mit so hartnäckigem Trotze, so bitterem Undanke vergolten, daß er als ehrlicher Mann nicht wagen dürfe, die ihm zugemutete Bürgschaft für sein künftiges Wohlergehen zu übernehmen. Andererseits könne er nicht leugnen, daß es sowohl ihm selbst als den mit ihm vielfach verwandten Adelsgeschlechtern Venedigs zum tiefen Schmerze und zur empfindlichsten Kränkung gereichen müßte, wenn durch eine gerichtliche Verfolgung seines Neffen der edle Name der Malgrati verunehrt und geschändet würde. Bei diesen Umständen und bei dem Vertrauen, das ihm das hohe Tribunal dadurch bewiesen, daß es in dieser Angelegenheit ihn vorläufig zu Rate zu ziehen gewürdigt habe, wage er zur möglichst schonenden Entwirrung dieser peinlichen Verhältnisse folgendes vorzuschlagen: er seinerseits wolle allen von seinem Neffen Anselmo sowohl der Republik und deren Anstalten, als der Kirche und einzelnen Bürgern erweislich zugefügten Schaden aus seinem Säckel ersetzen und vergüten; dagegen möge das hohe Tribunal diesen seinen Neffen aus Rücksicht für ihn, seinen unschuldigen Namensgenossen, zwar von der Schmach gerichtlicher Ahndung seiner Vergehen loszählen, ihn aber gleichwohl, da nur noch von der Anwendung der strengsten Maßregeln eine Besserung des verstockten Sünders zu erwarten wäre, einer väterlichen Züchtigung unterwerfen, und ihn durch längere oder kürzere Zeit in gefänglicher Haft halten, was ihn ohne Zweifel endlich zur Einsicht seiner Fehler und zur Rückkehr auf den Pfad des Rechts und der Ehre bewegen würde. Dieser ganz mit den von dem Rate der Zehn bisher unwandelbar befolgten Regierungsgrundsätzen übereinstimmende Vorschlag wurde denn auch von dem Tribunal nicht nur beifällig gutgeheißen, sondern auch augenblicklich in Vollzug gesetzt, so daß noch desselben Tages Anselmo bei Nacht und Nebel aufgehoben und dann von Sbirren des Messer grande ohne richterliches Verhör und Urteil nach Malghera, einem gegen Mestre hin einsam aus den Lagunen emporragenden Wachtturme, gebracht wurde, woselbst die väterliche Fürsorge des Tribunals ihn zu seiner Besserung drei Monate gefangen zu halten beschlossen hatte.
Ruggiero, des Gelingens seiner Pläne nun vollkommen versichert und gewiß, den von Malghera zurückkehrenden Anselmo völlig gebrochen und zerknirscht und zu allem willig zu finden, was er mit ihm verfügen würde, ergab sich der Freude über diese Wendung der Dinge mit derselben fieberhaften Aufregung, mit der er früher gegen die Hindernisse, die der Erfüllung seiner Wünsche im Wege standen, angekämpft hatte und würde dadurch Ambrosia in die lebhafteste Unruhe versetzt haben, wenn nicht gleichzeitig seine Gesundheitsumstände sich wesentlich gebessert und sein Gang, wie seine Haltung beinahe die frühere Spannkraft wiedergewonnen hätten. Da dies jedoch der Fall war, so nahm sie zwar nicht ohne ein unheimliches Gefühl, aber doch mehr erstaunt als besorgt, die wunderlichen Selbstgespräche und die seltsamen, die verschiedensten Gegenstände berührenden und wieder abspringenden Reden ihres Gatten hin, wenn er mit funkelnden Augen und hochgeröteten Wangen im Gemache auf und nieder ging, und heftig die Hände hin und her werfend bald von seinen Plänen für die Zukunft Anselmos, bald von den Einrichtungen sprach, die er dem Hause an der Veronabrücke zu geben beschlossen hatte. Die Herstellungsarbeiten an diesem letzteren waren der Vollendung nahe; die Fenster waren mit kunstreicher Glasmalerei geschmückt, der Estrich der Gemächer mit orientalischen Teppichen belegt, die Wände mit köstlichen französischen Hautelisse und Ledertapeten aus Arras behangen und mit Gemälden Tizians und seiner Schüler bedeckt und das alte Hausgeräte durch neueres, geschmackvolleres ersetzt: aber nicht nur im Innern, auch von außen hatte der alte Bau wichtige Veränderungen erfahren, ja, mit Ausnahme der Porphyrsäulen an den Spitzbogenfenstern der Vorderseite des Hauses, den marmornen Balustraden der Balkone und des in einigen Gemächern angebrachten, mit kunstvollem Schnitzwerk versehenen Holzgetäfels war eigentlich vom Dachfirst bis zur Haustür nichts unverrückt an seiner Stelle geblieben, und Ruggiero, als er gegen Ende des dritten Monats der Gefangenschaft Anselmos in Malghera die Räume des alten Hauses durchschritt, hatte nur noch die Stunde herbeizuwünschen, die durch die Bekehrung des Neffen zu seinen Plänen sein Werk krönen sollte. Endlich schlug ihm diese heißersehnte Stunde; der Rat der Zehn hatte nach Ablauf der Bußzeit Anselmos dessen unmittelbare Übergabe in die Hände seines Oheims angeordnet, und dieser hatte ihn in dem Hause an der Veronabrücke zu empfangen beschlossen, damit die Fülle des Glanzes und der Bequemlichkeiten des wohleingerichteten Hauses den durch die Entbehrungen harter Gefangenschaft gedemütigten Neffen um so leichter bewege, auf das idyllische Glück stiller Häuslichkeit einzugehen, das Ruggiero ihm wiederholt aufzudringen gedachte.
Der feuchte, schwere Nebel eines grauen Wintermorgens hing über den Lagunen Venedigs und machte die weiten Räume des Hauses an der Veronabrücke noch trüber und dunkler, als sie gewöhnlich waren, als Anselmo, von Malghera herübergebracht und dem Befehle des Tribunals gemäß von Messer grande der Obhut seines Oheims übergeben, auf der Schwelle des glänzenden Gemaches erschien, in dem Ruggiero ungeduldig auf und nieder schreitend ihn erwartete. Als die Türe sich öffnete, war dieser letztere mit würdevoller, dem Ernste des Augenblicks entsprechender Haltung dem Neffen entgegengetreten, allein bei dem ersten Blick auf den Eintretenden wich er unwillkürlich einige Schritte zurück. Abgemagert, hohlwangig, die dürren Glieder wie von Fieberfrost geschüttelt, wankte ihm eine Schattengestalt entgegen, die nur aus dem stechenden Blicke des dunklen Auges und dem eigentümlichen Lächeln, das um die dürren Lippen spielte, als Anselmo, als der Anselmo zu erkennen war, der noch vor wenig Wochen im vollen Schmucke männlicher Schönheit aller Augen auch sich zog und die Jugend Venedigs, wie Mondlicht das Glimmern von Leuchtkäfern, überstrahlte. Nun flogen Haar und Bart wirr und struppig um seine gelben Wangen; seine Kleider, dieselben, in denen er verhaftet worden, und die seitdem nicht von seinem Leibe gekommen waren, hingen verwahrlost, schmutzig und zerrissen um seine Glieder, und seine zitternden Hände langten krampfhaft nach der Lehne eines Stuhles, um sich aufrecht zu erhalten. Ruggiero hatte nach einer Pause peinlichen Stillschweigens sich soweit gesammelt, daß er den Neffen begrüßen und ihn mit ernsten, aber freundlichen Worten ermahnen konnte, durch die Leiden der Vergangenheit belehrt, gleichsam ein neugeborener Mensch, beherzt einer besseren Zukunft entgegenzuschreiten, als Anselmo plötzlich zusammenbrechend auf den Stuhl hinsank und mit erlöschender Stimme dem Oheim zurief: »Wein, schafft mir Wein, oder ich verschmachte!« Ruggiero, durch den Zustand des Neffen ernstlich beunruhigt, rief ängstlich nach seinen Dienern, traf Anstalt, den Halbohnmächtigen zu Bette zu bringen, und wollte nach Ärzten senden; erst als Anselmo, nachdem er hastig einige Becher Weines hinabgestürzt hatte, sich wieder gekräftigt zeigte und alle ärztliche Hilfe ablehnte, gab er sich allmählich zufrieden und kam zuletzt, den Faden des abgebrochenen Gespräches wieder aufnehmend, auf die Wünsche zurück, die er stets für die Zukunft des Neffen gehegt habe und die dieser, so hoffe er zuversichtlich, nun endlich mit ihm teilen würde. »Meine Wünsche,« sagte Anselmo, von dem vor ihm stehenden Korbe mit Kuchen und Backwerk aufblickend, von denen er gierig wie von lange entbehrten Leckerbissen gegessen hatte, »meine Wünsche sind für jetzt nur zwei: einmal den Schurken zu kennen, der mich in den Turm von Malghera stecken ließ; denn nicht Gesetz und richterliches Urteil, sondern Willkür und Gewalttat haben mich dort festgehalten, dann aber diesem Schurken das Messer bis in den Wanst zu bohren, soweit die Klinge reicht! Das sind meine Wünsche!« Und damit warf er das Messer, mit dem er eben ein Stück Kuchen zerschnitten hatte, auf den Tisch hin, daß es klirrend zwischen Kanne und Becher hinfahrend auf den Teppich vor Ruggieros Füße fiel. Dieser, nicht wenig betroffen über eine so unerwartete Äußerung, die Anselmo noch überdies mit einem flammenden Blicke unsäglichen Ingrimms begleitet hatte, bemühte sich, seinem ungebärdigen Gaste auseinanderzusetzen, daß er das von dem Tribunal gegen ihn eingehaltene Verfahren vielmehr als einen Beweis seiner Schonung und Milde zu betrachten habe, indem gerichtliche Verfolgung nicht nur den Namen Malgrati überhaupt mit unaustilgbarer Schande befleckt, sondern auch insbesondere ihm selbst jede standesgemäße eheliche Verbindung erschwert, wo nicht unmöglich gemacht haben würde; zu einer solchen müsse er sich aber nun doch wohl endlich entschließen, wäre es auch nur, damit sein für seine Wohlfahrt so zärtlich besorgter Oheim die Räume des Hauses, in dem sie sich befänden, nicht umsonst für seinen Haushalt eingerichtet habe. Und damit gewährte er, rasch die beiden Flügel der nahen Türe öffnend, ihm den Anblick einer langen Reihe von Gemächern, die, von Samt und Seide, kostbaren Tapeten und noch köstlicheren Gemälden strotzend, in fast märchenhaftem Glanze funkelten und leuchteten. Anselmo aber, alle die Herrlichkeiten kaum eines flüchtigen Blickes würdigend, griff nach dem Becher, den er eben aufs neue gefüllt hatte und sagte: »In der Tat ein schmucker Käfigt, aber doch ein Käfigt! Ein goldenes Haus, aber die Freiheit ist noch goldener! Ihr freilich versteht das nicht, alter Herr! Sitzt nur erst drei Monate im Turm von Malghera, dann werdet Ihr wissen, was Freiheit sagen will! Rosenketten, goldene Ketten, zum Teufel mit allem, was Kette ist! Die Freiheit über alles! Hoch die Freiheit! und damit stürzte er rasch den Becher hinunter. Ruggiero, wenig erbaut von der Wendung, die das Gespräch zu nehmen schien, schritt zur Türe, winkte aus dem Vorzimmer einen der Diener herbei und hieß ihn Kanne und Becher wegnehmen, da die Lebensgeister seines Neffen, wie er sagte, hinreichend erfrischt wären. Als der Diener aber sich wieder entfernt hatte, hieß er Anselmo ihm in eines der anstoßenden Gemächer folgen, wo ein für dessen künftige Braut bestimmter Juwelenschmuck, Perlenhalsbänder, Armringe und andere Kostbarkeiten zur Schau lagen, während aus einem Elfenbeinkästchen kunstvoller Arbeit Goldmünzen jeder Größe und jedes Gepräges hervorblitzten. »Kommt zur Besinnung,« wandte sich hier Ruggiero, auf sein Rohr gestützt, zu seinem Neffen, »kommt zur Besinnung, Anselmo, und stellt Euch nicht an, als ob Ihr die Unabhängigkeit des Bettlers dem Zwange vorziehen könntet, dem Ihr Euch zu unterwerfen habt, um Reichtum zu erwerben und zu besitzen wie diesen. Begreift, daß Ihr Euch verdienen müßt, mein Erbe zu werden. Ich bin ein alter Mann, und Ihr werdet nicht lange zu warten haben.« Auf diese Worte, deren Gewicht Ruggiero noch dadurch zu verstärken suchte, daß er in das Elfenbeinkästchen griff und die Goldstücke klingend und klirrend durch seine Hände laufen ließ, erwiderte jedoch Anselmo, indem seine weingeröteten Wangen sich zu einem häßlichen Lächeln verzogen: »Oho, alter Herr, meint Ihr, das Lagunenfieber, das mir die Sumpfluft Malgheras in die Glieder jagte, habe auch mein Gehirn rein aufgezehrt, oder glaubt Ihr, ich könne, weil ich in Lumpen vor Euch stehe, vergessen, wer Ihr seid und was ich bin? Ihr seid mein Oheim und ich, der letzte Malgrati, bin Euer Erbe durch eigenes Recht, nicht durch Eure Gnade Euer Erbe; denn, wenn Ihr gleich vermählt seid, Eure schlotternden Lenden werden keinen Sohn mehr in die Welt setzen, und Base Ambrosia in ihrer fischblütigen Tugend schaudert Gott sei Dank vor dem Gedanken, Euch anderwärtig einen zu verschaffen. Gebt Euch nur drein, alter Herr! Was Ihr habt, ist mein, wenn Ihr absegelt, und eher wollt' ich mich bei Messer grande als Sbirre verdingen, als mir erst noch die Mühe zu geben, es zu verdienen.«
Anselmo hatte kaum diese Worte gesprochen, als Ruggiero, dem das Blut in allen Adern zu sieden begann, mit hochgeröteten Wangen und zornfunkelnden Augen mit einem dumpfen Schrei der Wut auf ihn losfuhr; aber ehe er noch den unverschämten Gesellen erreicht hatte, der indes ganz unbefangen an den Juwelenschrank getreten war und ein kostbares Armband vor sich hinhaltend, sich an dem Schillern seiner Steine ergötzte, hielt er plötzlich inne, fuhr sich mit der Hand über die Stirne und wandte sich, die Lippen fest übereinander gebissen, ans Fenster. Er hatte begriffen, daß er sich in Beziehung auf die Gemütsstimmung, die sein Neffe von Malghera heimbringen würde, arg verrechnet habe, und daß der ungezügelte Ausbruch seines gerechten Zornes die Erfüllung seiner so mühevoll vorbereiteten, ihm allmählich zum Lebensziele gewordenen Pläne auf immer vereiteln würde. Alle Macht seiner Willenskraft aufbietend, gelang es ihm auch wirklich, den Sturm seiner Seele soweit zu beschwören, daß er nach einigen Augenblicken sich gelassen zu Anselmo wenden und, obgleich mit bebenden Lippen und zitternder Stimme, hinwerfen konnte, für den Augenblick wolle er sich alles Streites mit seinem Neffen begeben, der vor allem sorgsamer Pflege und erquickender Ruhe bedürfe, und da er diese beiden wohl am besten und sichersten in seinem Hause und unter der Obhut seiner Base finden würde, so lade er ihn ein, einstweilen ihr Hausgenosse zu werden; vielleicht, setzte er mit einem mühsamen Lächeln hinzu, werde der Umgang mit einer ehrbaren, sanften und pflichtgetreuen Hausfrau wie Ambrosia ihn von seiner seltsamen Ehescheu heilen und zur Erkenntnis seines wahren Vorteils bringen. Anselmo jedoch, in ein schallendes Gelächter ausbrechend, erwiderte hierauf, indem er Ruggiero vertraulich auf die Schulter klopfte: »Nichts da, alter Herr! Gebt mir ein Stück Geldes und laßt mich laufen, wohin mir's gefällt und mich leben, wie mir's zusagt. Ich will weder in einem Käfigt noch in eine Kostschule mich stecken lassen, weder Eure Sittenpredigten anhören, noch Eure Dame die Nase rümpfen sehen, wenn ich mit irgendeinem Zöpfchen ein lustiges Stückchen angebe! Wie, oder meint Ihr etwa, ich sollte wie ein eben vom Neste geflogener Starmatz mich an Frau Ambrosia anmachen und Euch zu meinem eigenen Nachteil einen Erben aus dem Blute der Malgrati verschaffen?«
Das leichtfertige Wort war kaum den Lippen Anselmos entschlüpft, als auch schon Ruggiero im vollen Ausbruche übermächtigen Zornes mit einem Tigersprunge auf ihn zufuhr und ihn bei der Brust fassend, keuchend und atemlos mit wutheiserer Stimme die Worte hervorstieß: »Schamloser Bube! wagst du mit dem Pestqualm deines Atems den Spiegel solcher Ehren anzuhauchen! Kröte, soll ich dich wieder nach Malghera hinausschicken und unter deinesgleichen verfaulen lassen?« und damit schwang er mit zornbebender Hand drohend sein Rohr über Anselmos Scheitel. Dieser aber hatte im selben Augenblick es ihm entwunden, mit nervigen Armen den vergebens sich Sträubenden umschlungen und mit einem kräftigen Ruck ihn zu Boden gerissen. »Du also bist es, Verräter,« schrie er, indem blaß bis in die Lippen mit hochgeschwungenem Rohre drohend über ihn gebeugt dastand; »du bist es, der mich ohne Recht und Urteil in jenem Sumpfloche verkommen ließ! Dachte ich es doch gleich, du scheinheiliger Sauertopf, und stände nicht mein Erbe auf dem Spiel, bei allen Teufeln der Hölle, ich spießte dich dafür mit deinem eigenen Degen an den Boden wie eine Ratte. Aber darf ich dir nicht kaltes Eisen zu verkosten geben, ungebrannte Asche wird dir nicht schaden!« Und damit führte er mit dem Rohr einige derbe Schläge auf die Schultern und den Nacken Ruggieros, der regungslos mit geschlossenen Augen zu seinen Füßen hingestreckt, nur durch das stoßweise Atemholen der krampfhaft sich hebenden Brust noch Leben verriet. – »So,« rief endlich Anselmo, das Rohr hinwerfend, »nun bist du bezahlt, greiser Schurke, und nun geh hin und laß dich sobald als möglich begraben, damit ich zu meinem Erbe komme! Denn ich bin dein Erbe, hörst du! Ich bin es und bleibe es, Gott selbst kann es nicht hindern!« So sprechend sprang er zu dem Elfenbeinkästchen, füllte seine Taschen mit Gold und verließ das Gemach. Im Vorzimmer hieß er die Diener ihrem Herrn beispringen, den eine Ohnmacht angewandelt habe; er selbst eile Ärzte herbeizuschaffen, sagte er, und damit stürzte er aus dem Hause, warf sich in eine Gondel und schlug zu Mestre angelangt die Straße nach Ferrara und Rom ein.
Messer Ruggiero, fast bewußtlos von seinen Dienern in seine Wohnung am Canal grande zurückgebracht, beantwortete, wieder zur Besinnung gekommen, die ängstlichen Fragen Ambrosias nach dem Ausgange seiner Unterredung mit Anselmo, alle näheren Erörterungen abschneidend, mit der Bitte, des Elenden nie mehr zu erwähnen; den herbeigeeilten Ärzten erklärte er in Übereinstimmung mit der Angabe des Neffen, ein Anfall von Schwindel habe ihn plötzlich niedergeworfen, dabei verweigerte er aber die Anwendung irgendeines der ihm empfohlenen Heilmittel und begehrte in fieberhafter Ungeduld nur nach einem, nach ungestörter Ruhe und Einsamkeit. Bei der leidenschaftlichen Aufregung, die sein ganzes Wesen kundgab, wurde diesem Verlangen denn auch entsprochen, und bald herrschte in dem Gemache des Greises die gewünschte lautlose Stille, kaum ab und zu von dessen schmerzlichem Stöhnen oder den leisen Schritten der gegen sein Lager hinhorchenden, alsbald aber wieder im Nebenzimmer verschwindenden Ambrosia unterbrochen. In dieser Abgeschiedenheit, mit halbgeschlossenen Augen regungslos auf sein Lager hingestreckt, brachte Ruggiero, jeden Zuspruch, ja sogar jede Annäherung selbst Ambrosias ungestüm ablehnend, Speise wie Trank verschmähend, ewig das folternde Gedächtnis der erlittenen Schmach wiederkäuend, zwei Tage und Nächte hin. Als er am dritten Tage endlich sich wieder von seinem Lager erhob, schien er um zehn Jahre älter geworden; seine sonst männliche, volltönende Stimme klang nun dünn und heiser, seine Hände zitterten, und nur das unheimliche Blitzen des tief in seine Höhle zurückgesunkenen Auges verriet, daß in diesem gebrechlichen, hinfälligen Körper noch die Lebensfülle der Leidenschaft wohne. Er ging seinen Geschäften nach, aber wie im Traume; nicht bloß den Umgang, selbst jedes zufällige Zusammentreffen mit Menschen floh er, wie er nur konnte; die fragenden Blicke, mit denen Ambrosia bekümmert sein seltsames Treiben bewachte, waren ihm ebensoviele Dolchstiche, denn ihm war, als trüge er ein Brandmal auf der Stirne und jeder Blick müßte das Geheimnis seiner Schande von ihr herablesen. Frühmorgens sich aus dem Hause stehlend, bestieg er die Gondel und ließ sich nach dem Lido hinausrudern, wo er stundenlang das Haupt auf die Brust geneigt, in stummer Verzweiflung auf und nieder schritt oder am Ufer im Sande saß und den Wogen, die die Flut gegen ihn heranwälzte, erzählte, wie sein Neffe, der Knabe den er erzogen, den er mit Wohltaten überhäuft hatte, ihn, das Haupt des edlen Hauses der Malgrati, den schlachtenergrauten Kriegshelden, durch Stockschläge verunehrt, seine Vergangenheit geschändet und seine Zukunft vergiftet habe. Dabei weinte und schrie er und raufte sich das Haar wie ein Rasender, bis plötzlich tiefe Stille über ihn kam, und wie ein Stern in dunkler Nacht die Überzeugung in ihm erwachte, es lebe ein Gott im Himmel, der das nicht ungestraft hingehen lassen, der nicht frechen Undank mit dem Erbe des mißhandelten Wohltäters belohnen könnte und plötzlich werde, müsse sein Racheblitz auf das Haupt des Frevlers niederzucken. Dann erhob er sich gestärkt und ermutigt und trat halb getröstet den Heimweg an, um Tags darauf derselben Verzweiflung sich hinzugeben, mit derselben Hoffnung sich zu beschwichtigen. Der Himmel jedoch schien für den Augenblick auf diese Ansicht Ruggieros nicht eingehen und seine Donner einstweilen noch ruhen lassen zu wollen, denn Antonio Balletti, ein Kaufmann, den seine Geschäfte häufig nach Rom führten, brachte die Nachricht, Anselmo habe durch sein liebenswürdiges, ebenso einschmeichelndes, als selbstbewußtes Wesen die Gunst des allmächtigen Kardinals Caraffa und Zutritt zu den ersten Häusern Roms gewonnen; er lebe dort herrlich und in Freuden, versage sich keinen Genuß und vertröste seine Gläubiger auf das Majorat, das ihm früher oder später zufallen müsse, wie er denn auch Balletti, den Abend vor dessen Abreise auf der Tiberbrücke zufällig mit ihm zusammentreffend, angehalten und ihm mit tollem Gelächter empfohlen habe, zu Venedig seinen Onkel zu grüßen und den alten Herrn zu fragen, wie lange er denn noch in diesem irdischen Jammertale sich zu ergehen gedenke? Ruggiero erblaßte bis in die Lippen, als er die freche Botschaft vernahm, die in die offene Wunde seiner Schmach noch den Stachel des Hohnes drückte und stürzte zähneknirschend vom Markusplatze, wo er sie empfangen hatte, den Gäßchen zu, die von den Mercerien zur Rialtobrücke hinüberführen. Verwirrt und von widerstreitenden Gefühlen bestürmt irrte er lange, ohne zu wissen wo und wohin, in dem Häuserlabyrinthe Venedigs umher, bis er endlich seine Wohnung erreichte, um dort in seinem Gemache die lange Nacht hindurch unruhig auf und nieder zu schreiten.
Es waren schwere Gedanken, die er in sich herumwälzte. Die neue Beschimpfung, die ihm zugefügt worden, hatte seine Seele aus der dumpfen Betäubung des Schmerzgefühls emporgerüttelt, in die sie bisher wie gelähmt versunken war. Er schämte sich, so lange die Rolle eines Klageweibes gespielt zu haben; er fühlte das tiefinnerste Bedürfnis, mannhafte Tätigkeit an die Stelle leidender Hingebung, an das Gedächtnis der erlittenen Schmach treten zu lassen; er wollte handeln, er wollte sich rächen! Sein Geist wandte sich nach den Tagen seiner Jugend zurück, in denen er einen aus Eifersucht an einem Waffenbruder verübten Meuchelmord zu rächen, den Mörder jahrelang bis an das entfernteste Ende Europas verfolgt hatte, bis dieser endlich im Zweikampfe seinem Schwerte erlegen war. Jetzt freilich durfte er nicht daran denken, wie er vor seiner letzten Krankheit vielleicht noch getan hätte, mit dem Degen in der Hand vor seinen Neffen hinzutreten und Genugtuung zu fordern, wenn der hinfällige, gebrechliche Greis nicht dem jugendkräftigen, übermütigen Gegner erliegen, erliegend von dem Sieger noch verhöhnt werden wollte. Sollte er aber darum, die Hände in den Schoß gelegt, diese neue Beschimpfung hinnehmen? Mußte er nicht wenigstens versuchen, sich selbst zu helfen, damit der Himmel ihm weiter helfe? – Unwillkürlich trat das Bild eines gewissen Beppo vor seine Seele, eines verwitterten Burschen, der seinerzeit in den Niederlanden im spanischen Heere als Feldschmied gedient, nebenbei verschiedene zweideutige Gewerbe betrieben und nun, diese Beschäftigung fortsetzend, sich zu Venedig niedergelassen hatte. Er war ihm unlängst begegnet, er wußte, daß er in der Nähe von San Stefano wohne und er erinnerte sich, Beppo mit seinen beiden Strolchen von Söhnen stehe im Geruche, neben anderen lichtscheuen Geschäften auch das Gewerbe eines Bravo mit ebensoviel Entschlossenheit als Geschick zu betreiben! – Aber wie, sollte er, der schlachtenergraute Kriegsmann, mit Meuchelmördern in ein Bündnis treten? Und was war damit gewonnen, wenn auch ein kecker Schnitt durch die Gurgel, ein derber Stoß unter die Rippen hinauf den Namen Anselmo in seinem Kalender für immer mit einem Kreuze bezeichnet hätte? War damit der Frevler bestraft, waren ihm damit die Stunden, die Tage, die Wochen der Qual vergolten, die Ruggiero, von dem Gedächtnis des erlittenen Schimpfes ruhelos verfolgt, bald in dumpfer Versunkenheit, bald in verzweifelndem Rasen verbracht hatte? »Nicht den Feind mit einem Ruck aus der Welt stoßen, ihn hoffnungslos leben lassen,« sprach Ruggiero, in tiefen Gedanken auf und nieder schreitend, dumpf vor sich hin, »ihn hoffnungslos leben lassen, das heißt sich rächen! Daß der Glanz, der ihn jetzt umgibt, verdämmere und verbleiche, daß die Freunde, die er sich jetzt erworben, ihn verlassen, dafür, weiß ich, wird Anselmos grundloser Leichtsinn, wird die ungestüme Wildheit seiner Leidenschaften sorgen; aber eine Hoffnung bleibt ihm, die Hoffnung auf meinen Nachlaß, und diese ihm entreißen, ihn darben, hungern, in Elend verkommen sehen, während ein anderer als Erbe des Besitzes heranwächst, der er jetzt schon zu sein wähnt, das, und das allein wäre Rache! Einen Sohn müßte der Himmel mir schenken, einen Sohn!« Ruhelos sein Gemach durchwandernd, wiederholte er das eine Wort in allen Tonarten, vom leisen Flüstern der Sehnsucht bis zum lauten Schrei der Verzweiflung! Doch plötzlich stand er still, ergriff einen Armleuchter und schritt auf den prachtvollen Spiegel zu, der von der Decke bis zum Estrich des Gemaches herabreichend die ganze Breite des Fensterpfeilers einnahm, und beleuchtete, den Armleuchter emporhebend, sein Spiegelbild, wie es das venetianische Glas in ungetrübter Reinheit ihm zurückwarf. Die Aufregung der Leidenschaft hatte seiner Gestalt für den Augenblick die Haltung früherer Jahre wiedergegeben, seine Wangen brannten in unnatürlicher Röte und die Augen leuchteten fieberglänzend unter der hohen Stirne hervor, über die einzelne Büschel des spärlichen, immer lichter sich färbenden Haares herabhingen. »Pah,« sagte er nach einer Weile, seinen Zügen nicht unzufrieden zulächelnd, »pah, warum sollte ich an mir selbst verzweifeln! Mein Aussehen ist noch ganz jugendlich, die Haltung kräftig, das Auge frisch! Wie alt bin ich denn auch? – Fünfundsechzig – vielleicht einige Monate darüber! Hat Gott nicht viel ältere Männer mit Kindersegen erfreut, warum sollte er ihn mir versagen? Der Himmel freilich hilft keinem, der sich nicht selbst zu helfen weiß, aber ich will mir helfen, ich will!« – Und damit stellte er den Armleuchter beiseite, um, die Arme übereinandergeschlagen, das ruhelose Aufundniederwandern fortzusetzen, bis der Morgen bleich und dämmernd hereinbrach und Erschöpfung ihm endlich einige Stunden fieberhaft unruhigen Schlafes gewährte.
Spät morgens erwachend, begann Messer Ruggiero ungesäumt zur Ausführung der in der Nacht gefaßten Beschlüsse zu schreiten; statt wie gewöhnlich in unscheinbarer Kleidung die abgelegensten Orte aufzusuchen, um sich ungestört seiner Verzweiflung hinzugeben, und dann heimgekehrt nach einem kärglichen freudenlosen Mahle die Beschäftigung des Morgens fortzusetzen, ließ er sich, nachdem er ein Kräuterbad genommen, Bart und Haar kräuseln und mit wohlriechendem Öle salben, worauf er, seinem Stande gemäß gekleidet, den Stoßdegen an der Seite, den Federhut aufs Ohr gedrückt, verwandelt und verjüngt der Erbaria zuschritt, wo er die schönsten Blumen, die der Markt bot, in Fülle aufkaufte, um seine duftende Beute der schönen Ambrosia zu Füßen zu legen. Diese letztere, erst erfreut, den Gatten fröhlich und gesprächig zu sehen, fühlte sich bald durch das Feuer seiner Huldigung und den Ungestüm seiner Liebkosungen befremdet und eingeschüchtert und würde die Überfülle seiner Zärtlichkeiten gern auf das seinem Alter entsprechende Maß herabgedrückt haben, wenn sie nicht seine Reizbarkeit gekannt und gefürchtet hätte. Gegen Mittag füllte sich das Haus mit Freunden und Verwandten Ruggieros, die er zu Tisch gebeten, und die mit dem Ehepaare ein leckeres, durch die köstlichsten Weine gewürztes Mahl einnahmen, welchem zu Ambrosias bangem Erstaunen niemand so jugendlich tapfer zusprach, als eben Ruggiero. Noch mehr aber wuchs ihr Erstaunen, als nach einer Lustfahrt in der Gondel und einem Spaziergange auf dem Markusplatze Ruggiero bei hereinbrechender Nacht sich in dem seit seiner letzten Krankheit nur selten betretenen Schlafgemache Ambrosias häuslich einzurichten begann und die Absicht, daselbst die Nacht zuzubringen, zu erkennen gab, welchen Vorsatz er auch, ihren Bitten und Vorstellungen zum Trotz, wirklich ausführte. Die Erwartung Ambrosias, daß die plötzliche Sinnesänderung des Gatten nur eine vorübergehende, und daß er bald in das alte Gleis seiner gewohnten, wohlgeregelten Hausordnung zurückzulenken sein werde, erwies sich als eine vollkommen irrige, denn Ruggiero schien sich nicht nur in der neuen Lebensweise zu gefallen, sondern hielt sie auch mit solcher Lebhaftigkeit und Entschiedenheit fest, als hätte er es sich für den Rest seines Lebens zur Aufgabe gemacht, Tag für Tag seine schwindenden Kräfte durch künstlichen Überreiz übermäßig anzuspannen, um sie in nutzloser Verschwendung um so früher und gründlicher zu erschöpfen. Ambrosia, durch das allzu jugendliche Gebaren des greisen Gatten nichts weniger als erfreut, vielmehr in mehr als einer Beziehung verletzt, ja gekränkt, und wie alle Frauen ihrem Gatten eher daß er Unrecht tue zu vergeben geneigt, als daß er sich lächerlich mache, Ambrosia war nahe daran, diesem Treiben mit entschlossener Weigerung sich zu entziehen, wenn nicht Ruggieros erschöpfte Natur ihr diesen Schritt erspart hätte.
In wenigen Wochen waren trotz aller Reizmittel die Kräfte des alten Mannes so herabgekommen, daß er nicht mehr daran denken konnte, die so zuversichtlich übernommene Rolle des jugendlichen Ehemannes fortzuspielen, sondern sich genötigt sah, den erst leichtsinnig weggelegten Krückenstock wieder zur Hand zu nehmen. Allein die ihm angeborene Hartnäckigkeit verließ ihn auch jetzt nicht und die täglich fühlbarer werdende Abnahme seiner Kräfte konnte ihn nicht abhalten, mit derselben halb wahnsinnigen Begierde dem unerreichbaren Phantom von Vaterfreuden nachzujagen, mit der er früher Anselmos Verheiratung betrieben hatte. Durch Arzneimittel sollte nun erreicht werden, was die Gesetze der Natur versagten, und da die Ärzte, die ihn sonst behandelten, ihm entweder abrieten oder ihn mit Versprechen hinhielten; da die Quacksalber und Wunderdoktoren, denen er sich zuletzt in die Arme warf, seinen Zustand eher verschlimmerten als verbesserten, so erklang es in ihm wie himmlische Musik, als er einst einen Schwererkrankten und glücklich Genesenen die Gelehrtheit und tiefe Einsicht des heilkundigen Meisters Gabriel Falopia lobpreisen hörte, der, durch seine anatomischen Forschungen in hohem Ansehen stehend, damals ein Lehramt an der alten und weltberühmten Hochschule zu Padua bekleidete. Sein Entschluß war bald gefaßt; noch desselben Tages trat er die Reise nach Padua an und versäumte, daselbst angelangt, keinen Augenblick, die Wohnung Meister Falopias aufzusuchen. Sein Weg dahin führte an der Kirche San Antonio vorbei, in die er eintrat, um vor dem wundertätigen Bilde des Heiligen ein brünstiges Gebet für das Gelingen seines Vorhabens emporzusenden, worauf er gestärkt und mutig dem ersehnten Ziele zuschritt. In einem kleinen unscheinbaren Hause, eine enge, dunkle Wendeltreppe hinangewiesen, pochte er an einer niederen Tür und trat schüchtern, wie in ein Heiligtum, in eine gewölbte Stube, deren Wände bis zur Decke hinauf dicht angefüllte Bücherstellen verbargen, während am Fensterpfeiler ein menschliches Skelett, in den Fensterbogen aber in großen Glasgefäßen Weingeist-Präparate und seltsame Instrumente von geheimnisvollem Aussehen aufgestellt waren. Ruggiero war kaum eingetreten, als der Vorhang, der die Stube von einem Nebengemache trennte, sich öffnete und Meister Falopia auf ihn zukam, ein Mann von einigen dreißig Jahren, aber schmächtigen, kränklichen Aussehens und vorwärtsgebückter Haltung, aus dessen dunklen Augen jedoch wie Sonnenschein der Lichtstrahl eines hellen, scharfen Geistes dem Fremden entgegenfunkelte. Er begrüßte Ruggiero, fragte nach seinem Begehr und hörte ruhig, unveränderter Miene, wie dieser erst verwirrt und verlegen, bald aber Mut fassend und ohne Rückhalt sein Herz ausschüttend, ihm seinen glühenden Wunsch: mit Kindersegen erfreut zu werden, eröffnete und sich seine Hilfe zur Erfüllung desselben erbat.
Als Ruggiero geendet hatte, frug er ihn nach seinem Alter, nach den Krankheiten, die er überstanden, nach den Wunden, die er empfangen, hieß ihn tief Atem holen und griff endlich nach seinem Handgelenke, um ihm den Puls zu fühlen. Ruggiero hatte indessen einen Beutel mit Zechinen hervorgezogen und wollte ihn dem Arzte in die Hand drücken; diese aber, mit einer ablehnenden Bewegung die Gabe zurückweisend, sagte ruhig und ernst: »Messer, steckt Euern Beutel wieder ein und kehrt nach Venedig zurück! Den Rat, den ich Euch geben kann, sollt Ihr umsonst haben! Wer nicht im Frühling seinen Garten bestellt, dem wird der Herbst keine Früchte bringen; wie könnt Ihr sie pflücken wollen, der Ihr müßig den Winter herankommen ließet? Arzneien können nur dort Kraft wecken, wo sie schlummert; wo sie tot ist, töten sie! Ihr seid ein alter Mann; denkt nicht mehr daran, Leben zu geben, sondern mit dem Leben abzuschließen! Euer Maß ist nahezu voll; weise Enthaltsamkeit kann noch Jahre zulegen, blinde Leidenschaft macht es morgen überfließen!« – Mit diesen Worten nahm er freundlich grüßend von Ruggiero Abschied, der sprachlos, wie vom Blitze berührt, dem im Nebengemache verschwindenden Meister nachsah, bis der Vorhang der Türe hinter ihm sich schloß. Dann verließ er stumm und gedankenlos, nur des dumpfen Schmerzgefühls vernichteter Hoffnung bewußt, die Stube, das Haus und Padua, um nach Venedig zurückzukehren, wo er in tiefer Nacht eintraf. Als er in sein Gemach trat, hieß er den ihm vorleuchtenden Diener die Lichter auf den Tisch neben dem Wandspiegel stellen und trat, als er wieder allein war, vor das Glas hin, aus dem er vor so kurzer Zeit die Hoffnungen geschöpft hatte, die nun Luft in Luft zerflossen waren. Als nun der Spiegel ihm die wirren Haare des halbkahlen Scheitels, die Runzeln der zerfurchten Stirne, die tief in ihre Höhlen zurückgesunkenen Augen, das schlaff auf die Brust herabgeneigte, verlebte und verwitterte Antlitz, die ganze in sich zusammengebrochene, mühsam am Krückenstock sich aufrecht haltende Gestalt zeigte, die er als sein Selbst erkennen mußte, da ging die Überzeugung, daß Meister Falopia Recht habe, wie ein schneidendes Schwert durch seine Seele, und solcher Ingrimm faßte ihn bei dem Anblick der welken Reste dessen, was einst Ruggiero gewesen, daß er mit einem Streiche seines Krückenstockes den kostbaren Wandspiegel in tausend Trümmer zersplitterte und dann weinend und schluchzend wie ein Kind in seinen Lehnstuhl sank, um die Nacht, wie viele ihrer Schwestern vor ihr, trostlos und verzweifelnd zu durchwachen.
Ambrosia sah sich von jenem Tage an nicht mehr den peinlichen Zumutungen ausgesetzt, mit denen sie ihr Gemahl bisher verfolgt hatte, aber nur um ihn wieder in den dumpfen Trübsinn, in die nicht zu bannende Menschenscheu zurücksinken zu sehen, der er sich kaum entrissen hatte. Wenn er jedoch früher in dieser Stimmung die Einsamkeit gesucht, Ambrosien den Anblick seiner Leiden schonend verborgen und nur gegen sich selbst allein gewütet hatte, so pflegte er jetzt Stunden, ja Tage in stumpfem Brüten ihr gegenüber zu sitzen und sein finsteres Schweigen nur ab und zu mit sarkastischen Bemerkungen über den Undank und die Herzlosigkeit mancher Weiber, die, einmal vermählt, ihre Gatten vernachlässigten, ja zurückstoßen, und mit bitteren Klagen über den Fluch der Unfruchtbarkeit, der auf gewissen Frauen läge, zu unterbrechen, wobei er nie unterließ, das tiefste Bedauern auszudrücken, nicht in früheren Jahren eine seinem Stande wie seinem Alter gemäße Wahl getroffen zu haben, indem er zugleich umständlich die Namen der Frauen herzählte, die zu dieser oder jener Zeit, in dieser oder jener Stadt seiner Werbung, hätte er sich nur zu einer solchen herbeigelassen, gewiß Gehör geschenkt haben würden. Ambrosia, die anfangs in dem richtigen Gefühle, Ruggiero suche in seinem Unmut unbewußt die Schuld der Vereitlung seines liebsten Wunsches von sich ab- und ihr zuzuwälzen, diese Redensarten gleichgültig, ja lächelnd hingenommen hatte, konnte sich später, da sie immer häufiger wiederkehrten, nicht enthalten, sie mit einigen ruhigen, die Wahrheit zwar nicht scharf, aber doch so bestimmt bezeichnenden Worten zu erwidern, daß Ruggiero sie allmählich von der Folter seiner Gegenwart zu befreien und sich, nur mit dem alten Leid die Last eines neuen fortschleppend, wieder wie bisher seinen einsamen Spaziergängen zuzuwenden anfing. Es war auf einem dieser Spaziergänge, daß er von dem nie ersterbenden Wunsche, seinen Nachlaß durch einen Sprossen seines Leibes dem verhaßten Anselmo entzogen zu sehen, wie im Wirbel umhergetrieben, ohne zu wissen, wohin ihn seine Schritte getragen, an eins der äußersten Enden Venedigs gelangte und an dem Ufer, von dem er auf die Lagune hinaussah, eine Fischerbarke erblickte, deren Eigentümer, ein rüstiger, obgleich hochbejahrter Mann mit schneeweißen Haaren, im Begriffe war, die Ausbeute seiner Fahrt in einen mit Tragriemen versehenen Fischzuber zu sammeln, während ein blondhaariger, vier bis fünf Jahre alter Knabe am Strande mit Muscheln spielte und den Alten von Zeit zu Zeit anrief, ob er denn noch nicht fertig wäre, die Mutter warte, und er sei hungrig! Als nun Ruggiero, der sich die letzten Monate hindurch bei dem Anblicke von Kindern, insbesondere von Knaben, seltsam ergriffen, zugleich angezogen und abgestoßen fühlte, von der Schönheit des Kindes überwältigt dem Kleinen sich näherte und sich mit Schmeichelworten zu ihm hinabbückte, fuhr der Blondkopf, von dem Anblicke des fremden, finstern Mannes erschreckt, blitzschnell in die Höhe, lief der Barke zu und klammerte sich, scheu zurückblickend und ängstlich »Vater! Vater!« rufend, an die Knie des Alten. Dieser, den Knaben beschwichtigend und ihm seine Unart verweisend, begrüßte Ruggiero, der indessen herangekommen war, mit einigen Worten der Entschuldigung, worauf der alte Kriegsmann, mit einem tiefen Seufzer die Tränen zurückhaltend, die ihm bei dem Anblicke des reichen Vaterglückes des armen Fischers unwillkürlich in die Augen traten, ihn anrief, wie alt er wäre, und ob das sein Kind sei? Der Fischer, aufblickend und den Sprechenden näher ins Auge fassend, stand einen Augenblick unschlüssig, als ob er erwöge, wie ein Mann in so unscheinbarem Gewande zu so befehlendem Tone komme! Alsobald aber erkennend, mit wem er es zu tun habe, lüftete er ehrerbietig die Mütze und sagte, letzte Pfingsten wäre er siebenzig Jahre alt geworden, und der Knabe sei allerdings sein, obwohl nur das Kind seiner Ehefrau, nicht sein eigenes – »Euer Stiefkind also,« bemerkte Ruggiero, was der Fischer jedoch verneinte, indem der kleine Renzo im Pfarrbuche auf seinen Namen eingetragen sei, nur daß, wie er lächelnd hinzusetzte, nicht eben alles wahr wäre, was im Pfarrbuche stehe. Da nun Ruggiero hierüber sein Befremden und den Wunsch äußerte, den wahren Sachverhalt kennen zu lernen, erwiderte der Fischer nach einigem Bedenken, daß er ungern davon spreche und nicht jedem die gewünschte Aufklärung geben würde; vor Messer Ruggiero Malgrati aber wolle er kein Geheimnis daraus machen, da er auf dessen Gütern in Friaul geboren sei, und seine Vorväter dem Geschlechte der Malgrati vielfach zu Dank verpflichtet warten; er sei daher zu der gewünschten Mitteilung mit Freuden erbötig, wenn Eccelenza nur erlauben wolle, daß er seine Arbeit dabei fortsetze. Zum großen Mißvergnügen des Blondkopfes, der noch immer an dem Alten sich festklammernd, mißtrauisch nach Ruggiero hinüberschielte, wurde diese Erlaubnis erteilt, war zur Folge hatte, daß der Alte vorerst den Knaben aus der Barke entfernte, und ihn wie früher am Strande mit Steinchen und Muscheln spielen hieß, darauf aber zu seinem Fischzuber zurückkehrend und emsig ihn zu füllen beschäftigt, also zu erzählen anhub:
»Eccelenza,« sagte er, »ich kam früh aus meiner Heimat nach Venedig und verdiente mir daselbst als Lastträger mein Brot. Als ich nahe an den Dreißigen war, fing ich an, ans Heiraten zu denken, und bewarb mich zugleich mit einem Freunde, einem Gondolier, Checco geheißen, um die Pippa, die Tochter einer wohlhabenden Obsthändlerin. Da geschah es eines Tages, daß die erlauchte Republik eine Werbung ausschrieb, oder vielmehr, um das Ding beim rechten Namen zu nennen, gewandte und tüchtige Burschen, wo und wie sie nur konnte, zusammenfangen ließ, um ihre Galeeren zu bemannen. Unter diesen war auch der Checco, und die Pippa geriet bei der Nachricht, daß er nun jahrelang auf den Schiffen der erlauchten Republik in der Welt herumschwimmen sollte, in solche Verzweiflung und vergoß darüber so viele Tränen, daß ich, der wohl einsah, nicht ich, sondern Checco habe ihr Herz gewonnen, meinerseits auch darüber den Kopf verlor und nichts eiliger zu tun hatte, als hinzulaufen und mich dem Provedditore der Flotte als Stellvertreter für den Checco anzubieten, der denn auch losgelassen wurde und die Pippa heiratete, indessen ich armer Teufel der Levante zusegelte. Nachdem ich während meiner zehnjährigen Dienstzeit fast alle Meere durchkreuzt hatte, trat ich auf Candia in die Dienste des Governatore, wo ich ebenfalls fünf bis sechs Jahre aushielt und mir dabei ein rundes Sümmchen ersparte. Als ich endlich wieder nach Venedig zurückkehrte, fand ich den Checco bettlägerig und die Pippa grämlich und verdrießlich, dagegen war ihre Tochter Angela zu einem hübschen Mädchen herangeblüht, und ich merkte wohl, die Pippa wäre nicht abgeneigt gewesen, sie mir zur Frau zu geben. Ich hatte dagegen nichts einzuwenden, desto mehr aber die Angela, die mir eines Tages unter heißen Tränen gestand, ihr ganzes Herz hänge an einem gewissen Bernardo, einem Seidenweber seines Zeichens, von dem aber die Pippa seiner Armut wegen nichts hören wolle. Was war da zu tun? Ich hatte die Mutter ihren Liebsten heiraten lassen; die Tochter sollte es nicht schlechter haben. Ich redete der Pippa ins Gewissen, steuerte die Angela mit meinem Spargelde aus und stach an demselben Tage als Matrose auf einem Handelsschiffe wieder in See, als Angela mit ihrem Bernardo zum Altare ging!« – »Aber der Knabe!« unterbrach ihn Ruggiero. – »Nun Angela und Bernardo sind seine Großeltern, Eccelenza,« versetzte der Fischer, der seinen Zuber nahezu gefüllt hatte. »Als ich nämlich nach zehn Jahren meinen Dienst aufgegeben hatte und nach Venedig zurückgekehrt war, fand ich Checco tot und begraben, die Pippa noch grämlicher und verdrießlicher als sonst, Bernardo und Angela aber waren des Geschäftes wegen nach Bergamo gezogen und hatten ihr Töchterlein, die kleine Pippa, bei der Großmutter, deren Namen sie führte, zurückgelassen. Ich meinesteils schon bei Jahren und müde, in der Welt herumgeschüttelt zu werden, beschloß, mich in Venedig niederzulassen und mich als ein alter Seehund, der ich war, auf den Fischhandel zu verlegen. Von Kindesbeinen an ohne Freunde und Verwandte, begab ich mich bei der Pippa, bei der alten mein' ich, in Kost und Quartier, und so wuchs die Kleine unter meinen Augen zum frischen, drallen Mädchen auf, und ich liebte sie wie mein eigen Kind; denn die kleine Hexe hieß nicht bloß Pippa, sondern war auch so ganz das Spiegelbild ihrer Großmutter, nämlich wie sie vor dreißig Jahren gewesen war, daß mir oft, wenn ich sie ansah, zu Mute ward, als wäre ich noch ein junger Bursche und mein Leben finge wieder von vorne an. Nun begab es sich, daß ein Genueser, ein Bartscherer seines Gewerbes und ein Zungendrescher und Windbeutel ohnegleichen, sich an das Mädchen anmachte, sie mit süßen Worten und heiligen Schwüren köderte und betörte und ihr so ganz den Kopf verdrehte, daß weder der Großmutter noch mein Zureden ihn wieder zurechtrücken vermochte. Als nun die Sache so weit gekommen war, daß schon von Verlobung und Aussteuer gesprochen wurde, blieb der Bursche plötzlich weg. Die Pippa meinte erst, wir, die Großmutter nämlich und ich, hielten ihn mit Drohung oder wohl gar mit Gewalt von ihr ferne; als sie aber plötzlich erfuhr, der Bursche stecke in Schulden bis über die Ohren, habe überdies noch einer andern Dirne auf Murano die Ehe versprochen und sei, von deren Brüdern gedrängt, bei Nacht und Nebel auf Nimmerwiederkommen entflohen, da schrie das arme Kind auf, ward blaß bis in die Lippen und schlug wie ein Stück Holz zu Boden. Das Schlimmste aber, Eccelenza,« fuhr der Fischer fort, indem er den gefüllten Zuber schloß und die Tragriemen daran zurechtrückte, »das Schlimmste war, daß sie seit der Zeit kränkelte, sich abhärmte und immer bleicher und stiller ward, bis es endlich zutage kam, daß der Taugenichts sie betrogen und in Schande gebracht hatte. Die Großmutter raste und tobte und wollte sie aus dem Hause werfen, das arme Ding aber weinte, daß es einen Stein in der Erde erbarmt hätte; da faßte ich mir ein Herz, nahm sie eines Tages beiseite und sagte: ›Pippa‹, sagte ich, ›der Junge hat dich betrogen, versuche es mit dem Alten. Tauge ich auch nicht mehr zum Ehemann, so kannst du mich doch noch immer als Wiederhersteller deines Namens, als Vater deines Kindes wohl brauchen! Vater Renzo nanntest du mich als Kind; versprich mir, auch ferner mich zu schätzen und zu lieben wie einen Vater und als ein ehrbares Weib an meiner Seite zu leben, so will ich auf meinen Rücken nehmen, was der Genueser an dir verschuldet, und dich wieder zu Ehren bringen!‹ – Nun, Eccelenza, die Pippa sagte ›Ja!‹ Die Großmutter gab uns ihren Segen, der Pfarrer traute uns, und nach sechs Monaten beschrie der Knabe da unsere vier Wände. Renzo heißt er, wie ich, und steht im Pfarrbuch als mein leiblicher Sohn eingetragen. Nun wißt Ihr, Eccelenza,« setzte er hinzu, indem er den Zuber auf den Rücken schwang, »wie ich trotz meiner weißen Haare zu dem muntern Jungen kam, und nun erlaubt mir, daß ich mich auf den Weg mache, denn die Sonne ist unten, und die Pippa harrt unser mit dem Abendbrote.« Mit diesen Worten ehrerbietig grüßend verließ er die Barke und schritt, den Zuber auf dem Rücken, den fröhlich dahinspringenden Knaben an der Hand, den Strand entlang auf eine Gruppe ärmlicher Häuser zu, die unfern von dem Anlegeplatze der Barke am Ufer sich erhoben. Ruggiero hatte den Abschiedsgruß des Fischers unerwidert gelassen: sein Auge starrte unverwandt in den Abendnebel hinaus, der über dem Gewässer sich zusammenballte, denn die Äußerung des Alten, der Knabe sei sein, obwohl nur das Kind seiner Ehefrau, nicht sein eigenes, und die Bemerkung, es wäre nicht alles wahr, was im Pfarrbuch stehe, hatte Gedanken in ihm erweckt, deren übermächtigem Einflusse sein krankhaft überreiztes Gemüt sich nicht mehr zu entziehen vermochte. »Wenn jener Fischer,« sprach er zu sich selbst, »in seiner Menschenalter hindurch dauernden Liebe für jene Pippa den Bastard ihrer Enkelin als sein Kind annehmen und anerkennen konnte, warum sollte ich mich nicht entschließen können, irgendein fremdes Kind als das meine anzuerkennen, um den Namen und den Besitz der Malgrati vor dem Verderben zu bewahren, das der verruchte Anselmo als mein Rechtsnachfolger über beide heraufbeschwören würde?« – Einmal auf diesem Punkte angelangt, begann sein unruhiger Geist alsbald die Art und Weise in Erwägung zu ziehen, in welcher ein solches Unternehmen auszuführen wäre. Das Kind seiner Rache mußte vor der Welt als ein eheliches, also als sein und Ambrosias Kind erscheinen. Die Unterschiebung eines Kindes, an und für sich gefährlich, weil dabei zu viele Personen ins Geheimnis gezogen werden mußten, konnte ohne Mitwirkung Ambrosias nicht stattfinden, die, das wußte er wohl, weder dazu ihre Zustimmung geben, noch sich auf andere Weise bewußt zur Förderung seiner Zwecke herbeilassen würde. – Aber sollte sie nicht unbewußt dazu verleitet werden können? Sollte ein Weib, jung und von Schönheit und Lebensfülle strotzend wie Ambrosia, aus tiefer Einsamkeit plötzlich in die Wirbel des Weltlebens hinausgestoßen, den Versuchungen, denen so viele erlagen, widerstehen können, wenn nur erst solche einschmeichelnd und verlockend an sie heranträten? – Diesen und ähnlichen Gedanken hingegeben stand er noch lange Zeit, von allem Zusammenhange mit der Außenwelt völlig abgelöst, in dunkler Nacht am einsamen Strande, bis lauer Frühlingsregen langsam auf ihn niederträufelnd ihn endlich wieder zum Bewußtsein erweckte und ihn bewog, sich nach Hause zu begeben, um dort, zu dem abenteuerlichsten Unternehmen entschlossen, die Bedingungen und Mittel zu dessen Ausführung in Erwägung zu ziehen.
Tags darauf trat Ruggiero gegen Mittag in das Gemach seiner Gemahlin. Sein Anzug, weder so geckenhaft überladen wie zur Zeit, da er den jugendlichen Ehemann spielte, noch so verwahrlost wie er in der letzten Zeit sich zu kleiden pflegte, zeigte sich dem Schnitte und der Wahl der Farbe nach seinem Stande wie seinem Alter vollkommen angemessen, die unruhige Beweglichkeit seiner Züge hatte stillem Ernste den Platz geräumt, ein wohlwollendes Lächeln spielte gewinnend um seine Lippen, und wenn auch in den unstät hin und her rollenden Augen ab und zu noch Blitze aufflammten, so trug doch seine Erscheinung wieder das Gepräge der sichern, ruhigen Würde, die Ambrosia an ihrem Gatten immer hochgeschätzt und nun so lange, so schmerzlich vermißt hatte. Sie freundlich begrüßend und in einem Lehnstuhle ihr gegenüber Platz nehmend, bemerkte er nach einigen einleitenden Worten, Irrtum und Torheit seien das Erbteil aller vom Weibe Geborenen, Leidenschaft verwirre und trübe auch den Besten den Blick, und der sei glücklich zu preisen, den Erkenntnis noch zur rechten Zeit den Abgrund wahrnehmen lasse, auf den er zuschreite. So habe auch ihn, seit der hassenswerte Anselmo mit so unerhörtem Undanke seine Liebe vergolten, ein böser Geist erfaßt, und ihn bald in maßlose Verzweiflung versinken, bald unerreichbaren Zielen in so sinnloser Verblendung nachstreben lassen, daß er sich dabei, wie er nun schmerzlich empfinde, der Gefahr, durch seine Rücksichtslosigkeit ihrer Frauenwürde zu nahe zu treten und ihre Achtung für immer zu verwirken, kaum jemals bewußt geworden sei. Dieses Bewußtsein sei ihm nun zurückgekehrt, und damit zugleich das Gefühl tiefer Beschämung und bitterer Reue in ihm erwacht, dem er nach langem Zögern erst jetzt Ausdruck zu geben wage, weil er nun den festen Vorsatz gefaßt habe, seine blinde Leidenschaft zügelnd, den Rest seiner Tage in Ruhe und Frieden an ihrer Seite zu verleben, und somit von ihrer Engelsgüte Vergebung für das Vergangene und für die Zukunft die Wiederkehr des hingebenden Vertrauens erwarten dürfe, das sie ihm sonst bewiesen und in welchem er immer das köstlichste Gut und das reichste Glück seines Lebens erkannt habe. Als nun Ambrosia ebenso überrascht als gerührt diese Sinnesänderung ihres Gemahles als eines der freudigsten Ereignisse ihres Lebens begrüßte und ihn aus der überwallenden Fülle ihres Herzens nicht nur völliger Vergebung, sondern auch der verdoppelten Wertschätzung und Zuneigung versicherte, mit der sie ihn nach dem ruhmvollen Siege, den er über sich selbst erfochten, fortan zu umgeben sich gedrungen fühle, nahm Ruggiero das Wort, um von ihr als Beweis für die Aufrichtigkeit der Gesinnungen, die sie soeben ausgesprochen habe, die Gewährung einer Bitte zu fordern, deren Erfüllung ihr nur geringe Opfer auflegen, ihn aber unendlich beglücken würde. Es liege ihm nämlich schon seit Jahren schwer auf dem Herzen, sie ihre Tage an seiner Seite in so völliger Abgeschlossenheit hinbringen zu sehen. Schönheit bedürfe des Tageslichtes, Jugend des Wechsels und der Bewegung, um sich glücklich zu fühlen, und da ihr Glück die heilige Aufgabe seines Lebens sei, so fühle er sich nun, nachdem seine krankhafte Verstimmung die letzten Monate hindurch ihr Leben so vielfach verbittert habe, doppelt verpflichtet, darauf zu dringen, daß sie aus der Einsamkeit, in die sie sich mit ihm, dem altersschwachen Greise begraben habe, hervortrete, sich der Welt zeige, die Freuden eines bewegten, wechselvollen Lebens genieße und die ihrer Schönheit gebührenden Huldigungen in Empfang nehme. Dies sei seine Bitte, dies der Wunsch, durch dessen Erfüllung sie seinem hinwelkenden Alter noch eine letzte Freude gewähren könne. Ambrosia, zwar von Jugend an ein einsames, in stiller Pflichterfüllung abgeschlossenes Leben gewöhnt, aber eben darum der Gleichförmigkeit der Tage nicht sowohl überdrüssig, als ab und zu etwas müde, und dabei, ohne sich darüber je klar geworden zu sein, nicht ohne eine Art von neugierigem Verlangen, eine Welt kennenzulernen, die ihr bis dahin völlig fremd geblieben war, wußte dem ungestümen Drängen Ruggieros nur einige leicht widerlegte Einwendungen entgegenzustellen, und fühlte sich, als sie nach einigem Zögern endlich auf sein Verlangen einzugehen versprach, durch die Aussicht, die sich ihr damit eröffnete, selbst im Herzen so freudig überrascht, daß sie nichts von den Flammen, die in Ruggieros Augen aufblitzten, noch von dem häßlichen Lächeln bemerkte, zu dem seine Lippen sich dabei verzogen. Selbst als er ihr erklärte, seine Hinfälligkeit und Gebrechlichkeit zwinge ihn, auf das Glück zu verzichten, sie selbst in die Welt einzuführen, dagegen werde eine seiner Verwandten, Donna Olympia Bojardo, in dieser Beziehung seine Stelle vertreten, erstaunte sie wohl, da er sie sonst vor dem Umgange mit dieser Dame, als einem gefallsüchtigen und etwas leichtfertigen Frauenzimmer, gewarnt hatte; da er ihr aber begütigend auseinandersetzte, daß Donna Olympia nichtsdestoweniger des besten Rufes genieße und ihrer ausgebreiteten Bekanntschaft wegen vor allen zu der ihr zugedachten Rolle geeignet sei, gab sie sich um so leichter zufrieden, als er das Gespräch alsbald auf die Auswahl von Gewändern, Kopfputz und Juwelen hinlenkte, mit denen er sie bei den Festlichkeiten, an denen sie teilnehmen sollte, auszustatten versprach, wie er sie denn auch wirklich damit in so verschwenderischer Fülle überhäufte, daß Ambrosia, verlockt von so ungewohnter Pracht, endlich selbst den Tag herbeiwünschte, der sie in die ihr unbekannte Welt einführen sollte.
Es kam endlich dieser Tag! Donna Olympia hielt in der Gondel vor dem Hause, um die von Jugend, Schönheit und Juwelen strahlende Ambrosia in den Ridotto, einen nur dem Adel Venedigs zugänglichen Festsaal abzuholen, in welchem, obwohl zunächst nur begründet, um vornehmen Liebhabern von Würfel- und anderen Glücksspielen als Versammlungsort zu dienen, während der Dauer des Karnevals ausnahmsweise auch Maskenbälle abgehalten wurden. Ruggiero, der seine Gemahlin bis zum Portal des Hauses geleitet hatte, nahm, während sie ihre blühenden Wangen unter der Halblarve von schwarzem Samt verbarg, auf das zärtlichste von ihr Abschied und wünschte ihr, die Ballnacht fröhlich und vergnügt zu verbringen, während er selbst, fröstelnd und von Gichtschmerzen geplagt, alsbald sein Lager aufsuchen und seine müden Glieder zur Ruhe zu strecken gedenke. Kaum war jedoch die Gondel mit den beiden Damen eine Strecke auf dem Canal grande hingeglitten, als er sich in seine Gemächer zurückbegab, um sich dort in einen unscheinbaren schwarzen Domino zu hüllen, eine Kapuze von gleicher Farbe überzuwerfen, und das Antlitz, durch eine Barege verborgen, die Farbe und die Züge eines Mulattengesichtes nachahmte, durch ein Hinterpförtchen hinaus, enge Gäßchen entlang, Brücken hinauf und hinab nach demselben Saale zu eilen, dessen glänzende Räume Ambrosia eben betreten hatte. Mit Vergnügen bemerkte er, daß ihre hohe, schlanke Gestalt, die Anmut ihrer Bewegungen, die Würde ihrer Haltung bereits allgemeines Aufsehen erregt hatten, und daß ringsum jedermann vor Neugier brannte, ein Antlitz zu schauen, für dessen ungewöhnliche Schönheit alles, was die neidische Larve nicht verbarg, ein kirschroter Mund, eine Reihe von Perlenzähnen, und die niedlichen Grübchen des reizenden Kinns so sichere Bürgschaft gaben. Diese Neugierde wurde noch dadurch gesteigert, daß Donna Olympia, die bei der unbezwinglichen Leichtfertigkeit ihres Wesens sehr bald erkannt worden war, hartnäckig verweigerte, über Namen, Stand und Verhältnisse ihrer reizenden Begleiterin irgendeinen Aufschluß, ja auch nur eine Andeutung zu geben. Zu diesem Verfahren bewogen Donna Olympia einerseits die Bitten Ambrosias, die für ihre ersten Entdeckungsreisen in einer ihr neuen Welt den Schatz des vollkommensten Geheimnisses in Anspruch nahm, andererseits aber hoffte die Gefallsüchtige, damit sich und ihrer Begleiterin nur im so sicherer die allgemeine Aufmerksamkeit zu gewinnen und festzuhalten. Diese Berechnung erwies sich auch als vollkommen richtig; bald war um die beiden Frauen die Blüte des Adels von Venedig, Weise wie Toren, jugendliche Zierbengel wie gewiegte Staatsmänner, in einem Kreise versammelt, in dessen Mittelpunkt Ambrosia, die ihr dargebrachten Huldigungen mit anmutigen Scherzen erwidernd, zu Ruggieros stolzer Freude sich mit ebenso vieler Unbefangenheit als Würde bewegte und, gegen alle freundlich, keinen bevorzugte.
Als die Gesellschaft gegen Morgen sich zum Aufbruch rüstete, schlich Ruggiero sich fort, um unbemerkt, wie er es verlassen sich wieder nach Hause zu stehlen, und vielerlei Gedanken in sich herumwälzend, sein einsames Lager aufzusuchen. Am nächsten Morgen ließ er sich von Ambrosia, nachdem er ihr ganz der Wahrheit gemäß geklagt hatte, seinerseits eine unruhige, fast schlaflose Nacht zugebracht zu haben, ausführlich über die Ereignisse des Abends berichten und die Namen aller derer herzählen, mit denen sie bei Tanz und Spiel, im Gespräche oder während des Festmahls irgend in Berührung gekommen waren; aber wie viele und bedeutende, durch Jugend und Schönheit oder hohe Geistesgaben ausgezeichnete Männer sich auch um Ambrosia bemüht hatten, und wie listig auch Ruggiero durch Kreuz- und Querfragen aller Art dem Eindrucke nachspürte, den dieser oder jener, wenn nicht auf ihr Gemüt, doch auf ihre Phantasie, ihr selbst unbewußt, gemacht haben mochte: Ambrosia fällte über alle das richtigste, unbestochenste Urteil, und wenn sie hier und da einem einzelnen Beifall zollte, so geschah dies so offen und rückhaltlos, daß man wohl sah, wie ihr Herz dabei nichts zu verhehlen habe. Ruggiero, in gleichem Maße von warmer Neigung für seine Gemahlin und von unbezwinglichem Rachedurst erfüllt, erkannte halb mit stolzer Freude, halb mit Mißvergnügen diesen Stand der Dinge und hoffte und fürchtete zugleich, ihn im Verlaufe des Karnevals, der Ambrosien wiederholt Gelegenheit bot, sich der Welt zu zeigen, einige Veränderung erfahren zu sehen. Allein die beiden nächsten Feste, an denen Ambrosia teilnahm, lieferten keine anderen Ergebnisse als jenes erste.
Mittlerweile war der Frühling herangekommen, und der Karneval, vom Klima begünstigt, trug, wie es in Italien immer üblich war, sein buntes Maskengewimmel aus den Häusern auf die Straße hinaus, um auf offenem Markte unter dem blauen Nachthimmel sein wirres Getriebe fortzusetzen. Und so geschah es, daß während eines im Ridotto abgehaltenen Maskenballes eine große Menge der in den prachtvollen Sälen versammelten Gäste in ihrem abenteuerlichen Maskenaufputz auf den Markusplatz hinauswogte, um sich in der milden Nachtluft zu erfrischen, und da Ambrosia sich unter ihrer Zahl befand, so fehlte auch nicht der Domino mit der Mulattenlarve, der, an einem der Pfeiler der neuen Porkurazien gelehnt, unverwandten Blickes jede ihrer Bewegungen beobachtete. Er war verstimmt und verdrossen, denn er sah den Augenblick herankommen, wo auch die Seifenblasen, an deren Regenbogenschimmer er sich die letzten Tage her ergötzt hatte, zerplatzen und alle seine Mühen ihm nichts als schlaflose Nächte eingetragen haben würden, als er plötzlich einen jungen Mann, hohen, schlanken Wuchses, mit leuchtenden, dunkelblauen Augen und hellbraunem, ans Blonde streifendem Haar in einem reichen, aber von der in Venedig üblichen Tracht etwas abweichenden Anzuge gewahrte, der Ambrosien ebenso aufmerksam als er selbst beobachtend, in leidenschaftlicher Erregung auf jedem Schritt folgte, und sich ihr, wie Eisen vom Magnet unwiderstehlich angezogen, auf jede Weise zu nähern suchte. Ruggiero erinnerte sich, den jungen Mann schon im Ridotto bemerkt zu haben, den dieser gegen Gebrauch und Herkommen ohne Larve oder irgendein Maskenzeichen betreten hatte; er mußte also ein Fremder sein, und Ruggiero war eben im Begriffe, über ihn und seine Verhältnisse Erkundigungen einzuziehen, als ein Zwischenfall ihn davon abhielt und ihm reicheren Stoff zu Beobachtungen gab, als er diese Nacht noch zu finden erwartet hatte. Es geschah nämlich, daß jene Nacht eine Schar Pulcinelli, Pantaloni, Colombini, Arlechini und deren altertümliche Begleiter Truffaldino, Tartaglia und Brighella an deren Spitze, begierig, ihre kecken Maskenstreiche auf einer geräumigeren Bühne fortzusetzen, und sämtlich offenbar viel minder vornehmen Kreisen angehörend als die Besucher des Ridotto, auf den Markusplatz wie in ein erobertes Land einbrach und in die daselbst versammelte Menge quiekend und grunzend, Peitschenschläge austeilend und Konfetti um sich werfend, unwiderstehlich wie Lawinensturz hineinstürmte. In dem Gedränge und Gewirre, das dadurch entstand, von ihrer Begleiterin Donna Olympia getrennt, gelang es zwar Ambrosien, sich selbst dem Andrange des vorbeibrausenden Maskenzuges zu entziehen, allein ihr Schleier ward ihr in dem Getümmel zur Hälfte vom Haupte gerissen, und sie war eben beschäftigt ihn wieder festzustecken, als der junge Fremde, der selbst in dem wildesten Hin- und Herwogen der aufgeregten Menge nicht von ihrer Seite gewichen war, zu ihr trat und ihr mit bedauernden Worten seinen Arm anbot, um sie in Sicherheit und zu ihrer Begleiterin zurückzubringen. Sei es nun, daß das Gefühl ihrer Verlassenheit in der sie rings umstürmenden Menge oder die plötzliche Ansprache des ihr völlig unbekannten Mannes Ambrosien verwirrte und die in den Schleier ordnende Hand fehlgreifen machte, genug, um selben Augenblick löste sich die Schleife, welche die Halblarve vor ihrem Gesichte festhielt. Die Larve fiel und zeigte das blühende Antlitz der Jugend und Schönheit strahlenden Frau dem Fremden, der, überwältigt von dem Anblicke so vielen Reizes, erst wie geblendet mit einem leisen Aufschrei der Bewunderung zurückprallte, dann aber starr und stumm wie verzückt die liebliche Erscheinung mit brennenden Blicken verschlang. Ambrosia, dadurch nur noch mehr verwirrt, verbarg das schamerglühende Antlitz wieder hastig hinter der Larve und verschwand, mit ablehnender Gebärde von dem Fremden sich abwendend, im Gedränge. Ruggiero, selbst von einer Woge des Menschenschwalles fortgerissen, sah sie erst einige Minuten später an Donna Olympias Seite wieder aus der Menge auftauchen und sich gegen die Piazetta hinwenden, wo bald darauf der Senator Malipiero sich den beiden Damen näherte, und nach einem kurzen Gespräche den jungen Fremden herbeiwinkte, um ihn den Damen, wie es schien in aller Form vorzustellen. Die beiden Paare schritten darauf die Riva degli Schiavoni entlang lustwandelnd auf und nieder, Donna Olympia schäkernd und scherzend am Arme Malipieros, Ambrosia aber stumm und zurückhaltend an der Seite des Fremden, der rücksichtsvoll und ehrerbietig, aber im ernsten und eifrigen Gespräche neben ihr herging. Als sie endlich wieder zur Piazetta zurückkehrten, sah Ruggiero, der sie in angemessener Entfernung beobachtete, bald darauf Malipiero die Damen zur Heimfahrt in ihre Gondel heben, gleichzeitig aber auch den Fremden in eine Gondel sich werfen, die auf seinen Befehl in gleicher Richtung mit jener der Damen, ohne Zweifel um Ambrosias Wohnung zu erkunden, dahinglitt; er vernahm, wie der am Ufer zurückbleibende Malipiero im Gespräche mit einem hinzutretenden Freunde des Fremden als eines jungen Deutschen, namens Heinrich Ilsung, erwähnte, der, aus einer angesehenen patrizischen Familie Augsburgs entsprossen, seit einiger Zeit in der Faktorei der Deutschen (fondavo dei tedeschi) seinen Aufenthalt genommen habe, um unter Anleitung des Geschäftsführers der Fugger in die Geheimnisse des Handelsverkehres mit der Levante eingeweiht zu werden. Erfreut, am Wege gefunden zu haben, was er sonst mühsam auszukundschaften gehabt hätte, schritt er halb befriedigt, halb mißvergnügt, Ambrosien grollend, den Deutschen verwünschend, und doch wieder des zur Erfüllung seiner Wünsche vorwärts getanen Schrittes sich freuend, auf den gewöhnlichen Schleichwegen seiner Wohnung zu.
Als Ruggiero am nächsten Morgen Ambrosia aufsuchte, um mit ihr wie gewöhnlich die Ereignisse des Abends zu besprechen, fand er sie zerstreut und verstimmt; sie erwähnte zwar Malipieros und des Fremden, den er ihr vorgestellt, ging aber bald auf andere Gegenstände über und zeigte sich überhaupt minder gesprächig und aufgeweckt, als dies sonst der Fall war, wenn sie ihrem Gemahl über die Abenteuer eines Festabends Bericht erstattete. Da sie nun ein ähnliches Benehmen auch bei der Besprechung der beiden nächstfolgenden Maskenbälle beobachtete und da auch während dieser letzteren Heinrich Ilsung keine Gelegenheit versäumte, sich Ambrosien zu nähern, ja sie eigentlich wie ihr Schatten auf Schritt und Tritt verfolgte, so konnte Ruggiero um so weniger zweifeln, daß der junge Deutsche es wäre, auf den er für das Gelingen seiner Pläne fürs erste sein Hoffen zu setzen habe, als auch Ambrosia an den Huldigungen des jungen Mannes unverkennbar Geschmack zu finden schien. Mit um so größerer Spannung sah Ruggiero demnach dem nächsten Maskenball entgegen, der bei dem Stande der Dinge und bei der leidenschaftlichen Erregung des jungen Deutschen auf dessen Bewerbungen offenbar von entscheidendem Einflusse sein mußte. Ruggiero versäumte auch nicht, sich an dem bestimmten Abend in seiner gewöhnlichen Verkleidung rechtzeitig im Ridotto einzufinden und sah auch gleich bei seinem Eintritte Ambrosia und Ilsung in einer Fensternische im eifrigen Gespräche begriffen; allein, als er sich zu näherer Betrachtung an sie heranzuschleichen versuchte, geriet er in das Gewirre des Maskenzuges, dessen Mitglieder als Lazzaroni und Fischermädchen von Capri angetan, von Tamburin und Kastagnetten begleitet, eine Tarantella zum besten gaben. Nach Beendigung des Tanzes dem Gedränge sich entwindend, fand er die Fensternische leer und sah Ambrosia wie gewöhnlich von einem Schwarm ihrer Bewunderer umgeben, deren Huldigungen sie jedoch an diesem Abend weder mit der Unbefangenheit hinzunehmen, noch mit der Heiterkeit zu erwidern schien, die sie sonst auszeichneten. Zerstreut, wortkarg und beinahe verlegen entzog sie sich vielmehr entweder ganz dem Gespräche oder gab sich demselben plötzlich mit fast fieberhafter Lebendigkeit hin; sie schien überhaupt eine gewisse innere Unruhe nicht bemeistern zu können, die sich am auffallendsten in dem fast ängstlichen Vestreben kundgab, jedes Zusammentreffen mit Heinrich Ilsung zu vermeiden, während dieser letztere seinerseits mit der Miene äußerster Niedergeschlagenheit am letzten Ende des Saales an einem Pfeiler lehnte und wie ein Verbannter nach der Heimat zurückschauend, nur noch seine Blicke den Bewegungen der Geliebten folgen ließ.
Ruggiero besaß zu viel Erfahrung und Menschenkenntnis, um nicht aus diesem Verhalten der jungen Leute die Überzeugung zu schöpfen, daß es zwischen beiden zu einer Erklärung gekommen sei und daß Ambrosia fürs erste die Bewerbungen des jungen Deutschen zurückgewiesen habe. Darauf hatte er bei seiner Kenntnis von Ambrosias Charakter und ihren Gesinnungen allerdings rechnen müssen, aber ebenso zuversichtlich rechnete er darauf, die Leidenschaft des jungen Mannes werde ihren Widerstand zu überwinden und sich ihr vereinsamtes, liebebedürftiges Herz früher oder später zu erobern wissen. In dieser Hoffnung bestärkte ihn der Umstand, daß er Tags darauf zu seiner Gemahlin sich begebend auf der Schwelle ihres Gemaches die Nachricht empfing, sie sei unpäßlich und unleidlicher Kopfschmerz mache es ihr unmöglich, irgend jemand vor sich zu lassen. Der Kampf war also ein harter, blutiger gewesen, der Sieg nur mit schweren Wunden erkauft worden; der junge Deutsche hatte Eindruck gemacht, und so galt es nun, seiner Leidenschaft freien Spielraum zu gewähren, ihm Zeit und Gelegenheit zu schaffen, seine Bewerbungen fortzusetzen und Ambrosia vereinzelt und von dem eigenen Herzen verraten, ihm, dem gefährlichen Gegner, gegenüberzustellen. Ruggiero glaubte nach kurzer Überlegung in seiner scheinbaren Entfernung das untrüglichste Mittel zur Lösung dieser Aufgabe zu erkennen, und so ließ er Ambrosien noch an demselben Morgen melden, daß dringende Geschäfte ihn zwängen, sich auf längere Zeit nach Treviso zu begeben und, hierauf einiges Gepäck zusammenraffend, trat er ohne irgendeine Begleitung in einer Mietgondel unverweilt seine Reise an, die er aber nicht weiter als bis in die offene, gegen Mestre hin gelegene Lagune fortsetzte, wo er gegen Murano abzulenken befahl. Hier den Tag über verweilend, kehrte er bei dunkelndem Abend nach Venedig zurück, wo er in der Nähe des Campo San Stefano ans Land stieg und die Wohnung seines alten Bekannten Beppo aufsuchte, den er jedoch, um Ambrosiens Namen nicht ins Spiel zu bringen, nur insoweit ins Geheimnis zog, daß er ihm mitteilte, er habe gewisser Anschläge wegen, die Heinrich Ilsung, ein deutscher Abenteurer gegen ihn im Schilde zu führen scheine, eine Reise nach Treviso anzutreten vorgegeben, um, mittlerweile sich in Venedig verborgen haltend, das Vorhaben seines Gegners in aller Sicherheit auskundschaften zu können. Zu diesem Behufe beauftragte er Beppo, mit seinen Söhnen dem Treiben dieses Heinrich Ilsung und jedem seiner Schritte auf das sorgfältigste nachzuspüren und ihm täglich darüber Bericht zu erstatten, worauf er, von Beppo seines unbegrenzten Diensteifers versichert, dem Verstecke zueilte, in dem er sich für die Dauer seiner angeblichen Reise aufzuhalten gedachte. Dieser war kein anderer als das Haus an der Veronabrücke. Ruggiero hatte seit der letzten verhängnisvollen Zusammenkunft mit Anselmo nicht nur seine Schwelle nicht mehr betreten, sondern auch sorgfältig vermieden, der Gegend nahe zu kommen, in der es lag; ja selbst nur davon zu hören war ihm allmählich so peinlich geworden, daß er die für Anselmos Haushalt bestellten Diener bis zum Hausbesorger hinab entließ und, das Haustor kurzweg abschließend, das Haus lieber in Trümmer gehen zu lassen, als auch nur mehr einen Gedanken daran zu wenden, beschlossen hatte. Allein die dämonische Gewalt, die sein ganzes Wesen verwandelnd ihn seit Monaten ruhelos vorwärts trieb, hatte ihn auch über die Kluft dieses Vorsatzes leicht hinweggehoben und er schritt, nun ein freiwilliger Bewohner des verhaßten Hauses, durch den Anblick der fürstlich geschmückten Räume nur noch mehr erbittert, über seinen Plänen brütend, die lange Reihe seiner todstillen Gemächer auf und nieder.
Mit Einbruch der Nacht erschien Beppo, ihn mit den nötigen Lebensmitteln zu versorgen und ihm die Ergebnisse der Beobachtungen, die er den Tag über angestellt hatte, mitzuteilen. Diese letzteren entsprachen jedoch keineswegs den Erwartungen Ruggieros, sondern erwiesen sich vielmehr der Erreichung seiner Zwecke täglich ungünstiger. Denn über Heinrich Ilsung und dessen Verhältnisse wußte Beppo nur zu berichten, daß er junge Mann des besten Rufes genieße, mit Eifer seinen geschäftlichen Obliegenheiten nachkomme und ein bei weitem stilleres und eingezogeneres Leben führe, als die meisten seiner Altersgenossen. In Beziehung auf die Anschläge, die er gegen Ruggiero, wie dieser Beppo und dessen Söhnen vorgespiegelt hatte, im Schilde führen sollte, war den letzteren aber nur der Umstand aufgefallen, daß der Fremde ab und zu im Kanal an Ruggieros Haus vorüberfahre oder gegen Abend in dem Gäßchen, auf welchen die Fenster des Schlafgemaches Ambrosiens hinausgingen, auf und nieder wandle. Dies war seit Ruggieros vorgeblicher Reise täglich geschehen; dabei aber war es geblieben. Was Ambrosia betraf, so meldete Beppo, der von Ruggiero Auftrag hatte, gelegentlich auch über den Stand der Dinge in dessen eigenem Hause Nachricht einzuziehen, daß seine Gemahlin unter dem Vorwande, es sei nicht schicklich, sich in der Abwesenheit ihres Ehegatten in der Welt zu zeigen, im Laufe des Karnevals keinem Ballfeste mehr beizuwohnen gedenke. Bei dieser Schüchternheit des jungen Deutschen und bei der Entschiedenheit, mit der Ambrosia jede Möglichkeit, das angeknüpfte Verhältnis fortzusetzen, abschneiden zu wollen schien, konnte Ruggiero nicht mehr erwarten, daß die Durchführung seiner Entwürfe, wie er gehofft hatte, durch die überwältigende Macht der Leidenschaft im Laufe der Dinge gleichsam von selbst sich ergeben würde. Bei den Charakteren, die sich hier einander gegenüberstanden, mußte er selbst Hand ans Werk legen, wenn seine Pläne zur Ausführung kommen sollten, und er war auch dazu entschlossen.
Vor allem setzte er der weiteren Überwachung Heinrich Ilsungs als einer ferner unnützen Maßregel ein Ziel, um freie Hand für seine Unternehmungen zu gewinnen und um Ambrosiens Ruf nicht zu gefährden; ferner erklärte er, unmittelbar nach dem nächsten Maskenballe, der im Ridotto stattfinden würde, von seiner vorgeblichen Reise nach Treviso in sein Haus zurückkehren zu wollen, beides zum großen Mißvergnügen Beppos und seiner Söhne, die den Tag verwünschten, der den Geldbeutel Ruggieros dem Bereiche ihrer Ansprüche entrücken sollte, während dieser letztere eben diesen Tag mit Ungeduld erwartete, um dem Stillstande, der in der Ausführung seiner Pläne eingetreten war, entgegenzuarbeiten. Der aber diesen Tag am sehnlichsten herbeiwünschte, war Heinrich Ilsung. Denn wenn auch Ambrosia das glühende Bekenntnis seiner Leidenschaft mit der Erklärung erwidert hatte, sie sei vermählt und ihre Pflicht gebiete ihr, bei den Gefühlen, die er für sie zu hegen bekenne, für jetzt und immer allen ferneren Umgang mit ihm abzubrechen, und wenn auch diese Erklärung, obgleich sie seine Hoffnungen rettungslos vernichtete, ihm selbst nicht nur als eine natürliche und notwendige erschien, sondern seine Verehrung für die Geliebte und seine hohe Meinung von der Reinheit und Vortrefflichkeit ihres Wesens nur noch steigerte: so konnte es doch selbst seiner deutschen Treuherzigkeit und Bescheidenheit nicht entgehen, daß sie, wenn er ihr vollkommen gleichgültig geblieben wäre, seine Bewerbungen ohne Zweifel eher mit einer scherzhaften Wendung, als mit der Heftigkeit und Entschiedenheit abgelehnt hätte, mit der sie ihnen entgegengetreten war; und eben daraus hatte er die Hoffnung geschöpft, daß es ihm bei einer späteren Zusammenkunft gelingen werde, Ambrosien zu überzeugen, daß seine leidenschaftliche Bewunderung ihrer Vorzüge eine vollkommen uneigennützige und anspruchslose sei, und daß sie dadurch sich bestimmt finden werde, ihn wenigstens als Freund, als Bruder in ihrer Nähe zu dulden, eine Ansicht der Dinge, die ihm allmählich so geläufig wurde, daß er an dem für den Maskenball bestimmten Abend der erste war, der die Säle des Ridotto betrat, um nur gewiß keine Gelegenheit zu versäumen, sich in diesem Sinne mit Ambrosia zu verständigen. Anfangs hatte er nur mit seiner Ungeduld zu kämpfen, die aber, als die Nacht vorrückte, ohne daß Ambrosia erschien, allmählich zu fieberhafter Unruhe sich steigerte und später, als mit dem Eintritte Donna Olympias sich das Gerücht verbreitete, ihre schöne Begleiterin gedenke weder diesen Abend noch späterhin an den Freuden des Karnevals mehr teilzunehmen, in solche Bestürzung umschlug, daß er, unfähig sich zu sammeln und seinen Schmerz zu verbergen, halb bewußtlos den Saal verließ und ins Freie flüchtend den Markusplatz entlang, der stilleren und dunkleren Piazetta zueilte. Dort nicht mehr von dem Gewühle der frohbewegten Menge umbraust, nicht mehr von den heiteren Klängen der Musik verfolgt, starrte er, an einen Pfeiler des Dogenpalastes gelehnt, zum Tode betrübt auf die im Mondlicht glitzernde Lagune hinaus.
Sein Schicksal war also entschieden; seine Hoffnungen hatten ihn getäuscht, sie zürnte seiner Vermessenheit, und ihr Zorn war unversöhnlich; seinetwegen entzog sie sich den Festen des Karnevals, sie wollte ihn nicht mehr sehen, die haßte ihn! Diesen folternden Gedanken nachhängend fühlte er plötzlich eine Hand seine Schulter berühren und hörte eine offenbar verstellte Stimme ihm leise zuflüstern: »Messer Enrico, warum so einsam?« – Sich rasch umwendend, sah er einen Mann in einen schwarzen Domino gehüllt vor sich stehen, aus dessen Kapuze ein Mulattenantlitz hervorgrinste. Er trat einen Schritt zurück und war im Begriffe, die Maske kurz abzufertigen und zu verlassen, als sich Ruggiero wieder an ihn herandrängte und sprach: »Habt Ihr nie gehofft, daß der Schein trügt und daß oft auf Morgennebel die schönste Tage folgen? Gebt Euch doch erst die Mühe zu zweifeln, ehe Ihr verzweifelt! Oder macht es Euch unglücklich, als gefährlich gemieden zu sein und möchtet Ihr lieber als gleichgültig geduldet werden? Steht Ihr da und gafft in den Mond, weil Euch die goldenen Äpfel nicht in den Schoß fallen, noch ehe Ihr den Baum geschüttelt?« – Diese Worte paßten genau auf die Lage, in der sich Ilsung befand und entsprachen zu sehr den Gedanken, die ihn bewegten, als daß sie ihre Wirkung auf ihn hätten verfehlen können; auch fuhr der Jüngling augenblicklich wie ein Adler auf den schwarzen Domino los, hielt ihn fest und bestürmte ihn mit Fragen: Wer er sei? Was er mit den Worten meine, die er eben gesprochen? Was und wieviel er von ihm wisse? – »Ich weiß von Euch,« erwiderte Ruggiero, »daß Ihr eben aus dem Neste kommt und noch nicht flügge seid; denn Ihr möchtet siegen, ohne gekämpft, ernten, ohne das Feld bestellt zu haben; geliebt sein, aber weder um die Geliebte werben, noch das Glück der Liebe, wie es sich ziemt, mit Unruhe, Sorge und Zweifel bezahlen! Ich weiß, daß Ihr Worte bedürft, die Euch aufstacheln, Augen, die für Euch sehen und Hände, die Euch führen, und was ich von diesen Artikeln besitze, steht Euch zu Diensten, wenn Ihr anders davon Gebrauch machen wollt!« – Der Jüngling, erst betroffen und unschlüssig, ward bald von diesen und anderen Redensarten so bestrickt und eingenommen, daß er in arglosem Vertrauen dem schwarzen Domino allmählich alle Geheimnisse seines Herzens, seine leidenschaftliche Liebe zu Ambrosia, den Anteil, den sie ihm anfangs bezeigt, die Kälte und Härte, mit der sie später das Bekenntnis seiner Liebe zurückgewiesen und ihn aus ihrer Nähe verbannt hatte, rückhaltlos mitteilte und sich als Entgelt für diese Geständnisse seinen Rat, seinen Beistand, seine Freundschaft erbat.
Da nun Ruggiero aus diesen mit der ganzen Überschwänglichkeit der Jugend vorgetragenen Mitteilungen zu seiner Befriedigung entnahm, daß Heinrich Ilsung, bei seiner Schüchternheit und seiner Unkunde der Menschen und der Dinge, bisher in Beziehung auf Ambrosia und ihre Verhältnisse nicht viel mehr als eben nur ihren Namen und ihre Wohnung zu erkunden vermocht habe, so war es ihm ein Leichtes, dem Arglosen auseinanderzusetzen, daß Malgrati, Ambrosias Gatte, ein wunderlicher, grämlicher und eigenwilliger Geselle, ihr das Leben auf alle Weise verbittere und vergälle, daß er, Ilsung, daher seine Liebe zu ihr durchaus nicht als ein Unrecht, sondern vielmehr als eine Fügung des Himmels aufzufassen habe, der ihn der Unglücklichen als Freund und