Theodor Fontane

4. Kapitel: Liebenberg unter Karl von Hertefeld 1816–67

Seinem Vater Friedrich Leopold folgte Karl von Hertefeld, der sogenannte »alte Hertefeld«, im Besitze von Liebenberg. Er stand demselben fünfzig Jahre lang vor und starb kinderlos. Mit ihm erlosch das alte clevesche Geschlecht, das den brandenburgisch-preußischen Landen so viele durch Geist, Charakter und freiere Lebensauffassung ausgezeichnete Männer gegeben hatte. Denn beinah allen war ein reformatorischer Zug eigen, derselbe Zug, der sich auch in so vielen unsrer Hohenzollern unschwer erkennen und verfolgen läßt.

Karl von Hertefeld wurde den 27. Oktober 1794 auf Schloß Boetzelaer geboren. Die Freude, »daß nun ein Erbe da sei«, war groß, und kein Brief aus jener Zeit, der nicht Zeugnis davon ablegte, wie von einem allerglücklichsten Familienleben überhaupt. »Karl schackert wie eine Elster. Er grüßt Dich und reitet, seit er ein Steckenpferd hat, täglich zu Schwester Dine.« So heißt es im Mai 97. Und als nun im selbigen Herbst ebendieser Schwester (Alexandrine Danckelmann) ein Sohn geboren wurde, wurd es versucht, dem dreijährigen »Onkel Karl« eine Vorstellung von seiner neuen Würde beizubringen. Es schien nicht gelingen zu sollen, als aber, einige Tage später, »Onkel Wylich«, ein Bruder der Frau von Hertefeld, in den Schloßhof einfuhr, lief ihm Karl entgegen und rief schon von weitem: »Onkel, ich bin nun auch Onkel.«

Die frühesten Kindheitsjahre verliefen infolge der vielen, im vorigen Kapitel geschilderten Hin- und Herzüge ziemlich unruhig, und von »Erziehung« konnte wohl erst die Rede sein, als der alte Freiherr in Liebenberg ein für allemal eingebürgert war. In vielen seiner Briefe werden von diesem Zeitpunkt an pädagogische Fragen verhandelt (es war ja die Basedow- und Pestalozzizeit), und die mannigfach eingestreuten Mitteilungen und Ratschläge geben uns, auch nach dieser Seite hin, ein Bild aus jenen Tagen. »Ich bin für harte Bestrafungen, aber für augenblickliche. Ein Klaps zur rechten Zeit wirkt wahre Wunder.« Und bald darauf: »Ich höre von allerhand Erziehungsnöten, in denen Du Dich befindest. Nun, ich bin mit Deinem Bruder Karl in gleicher Lage. Was ich zu sagen habe, ist kurz das: studiere die Gesinnungen und Neigungen des Kindes. Ist er cholerisch-lebhaft, so suche, sobald er hartnäckig einen eignen, ihm unzulässigen Willen zeigt, diesen Willen zu brechen. Entgegengesetztenfalls hast Du später einen schweren Stand. Ist er aber bloß lustig, wild und aus Leichtsinn unwillig, so mußt Du seine Aufmerksamkeit abzulenken suchen, was bei einem Kinde meistens nicht schwer ist. Das aber, worauf Du vor allem zu sehen hast, ist das, daß er erstens überhaupt und zweitens nach einer bestimmten Ordnung und seinem Naturell entsprechend beschäftigt ist. In einer solchen Ordnung erzieh ich jetzt Deinen Bruder.« Und im nächsten Briefe hören wir denn auch, in welcher Ordnung. »Ich beginne mit dem Schlaf, dieser ›Nährmutter unsrer Natur‹. Er kann schlafen, solang er will, denn ich gehe davon aus, daß ein jugendlicher Körper, nach dem beständigen Umherspringen, auch wieder seine volle Ruhe haben muß. Gemeinhin ist er um acht Uhr munter, wird gewaschen und gekleidet, frühstückt mit mir, liest unter Aufsicht und Anleitung und geht dann ins Freie. Gegen elf ist er wieder um mich her, sieht sich Bilder an oder spielt oder liest mir auch wohl aus seinen Kinderbüchern vor, wobei sich's gebietet, mit Geduld und Teilnahme zu folgen. Am Nachmittage beginnen dann seine Spaziergänge, zunächst wieder in den Garten, in dem er mit Hacke, Spaten, Schubkarren tätig ist, und danach, in meiner Begleitung, in Feld oder Wald. Ist schlimmes Wetter, so muß allerhand Spielzeug aushelfen. Und um neun Uhr zu Bett.«1)

Überblick ich alles an dieser und anderer Stelle Gesagte, so läßt sich leicht erkennen, daß er von einer auf Beispiel und Anschauung den Akzent legenden Erziehung sehr viel, von der eigentlichen »Schule« aber sehr wenig hielt. Er betonte Gesinnung, Form und gute Sitten, das Lernen dagegen mußte sich wie von selber machen. Und wenn er nichtsdestoweniger ein promptes Innehalten der Lehrstunden forderte, so geschah es vorzugsweis um Disziplin und Ordnung willen.

1804 entspann sich, bei Gelegenheit eines schon früher erwähnten Ferienbesuchs, ein intimes Freundschaftsverhältnis zwischen dem zehnjährigen »Onkel Karl« und seinem siebenjährigen Neffen Heinrich von Danckelmann. »Es ist meine tägliche Freude«, schreibt der Alte, »die Kinder zu sehen. Sie bauen und pflegen das Stück Gartenland, das ich ihnen gegeben habe, reiten und fahren und gehen sogar auf Jagd, seit Karl eine Flinte hat. Er ist geschickt genug und hat neulich eine Elster, eine Krähe und ein Eichkätzchen geschossen. Auch im Hause wissen sie sich gut genug zu bewegen, und selbst in den Unterrichtsstunden trennen sie sich nicht. Ich war heute bei einer Geographiestunde zugegen und sah, wie Heinrich, dem die Sache noch zu gelehrt vorkam, über einem Fabelbuche saß. Sie lesen viel aus dem ›Robinson‹ und überhaupt aus Campes Kinderbibliothek. Alles aber verschwindet neben einem Schiff mit Segeln und mehr noch neben einer Elektrisiermaschine, die ich Karln zu Weihnachten geschenkt habe. Vor dieser sitzen sie stundenlang und drehen und laden Flaschen und freuen sich, wenn der Funke überspringt.«

Ein halbes Jahr lang dauerten diese »Ferien«, und als endlich die Trennung erfolgen mußte, beschloß der alte Freiherr, um Karl in seiner Vereinsamung zu trösten oder schadlos zu halten, eine Reise mit ihm zu machen. Und zwar nach Hamburg. Das war im Mai oder Juni 1805, und der phantasievolle Knabe begeisterte sich nicht nur an der sich groß und neu vor ihm erschließenden Welt, sondern unterließ auch nicht, eine Beschreibung davon in einem sechzehn Quartseiten langen Briefe zu Papiere zu bringen. Ebendieser Brief ist uns aufbewahrt geblieben und kann, als Elaborat eines Zehnjährigen, für musterhaft gelten. Er zeigt schon, neben einer überraschend scharfen Beobachtung, denselben guten Humor, der seine späteren Briefe, von denen ich einige mitzuteilen gedenke, kennzeichnet. In Vater und Sohn ist dasselbe talent épistolaire erkennbar, trotzdem ihre Schreibweise sehr verschieden ist. In dem Vater herrscht der Philosoph, in dem Sohn der Matter-of-fact-Mann vor.

An die Rückreise von Hamburg schloß sich ein kurzer Aufenthalt in Berlin, wo Geheimrat Dr. Formey wegen Karls »anfälliger Gesundheit« konsultiert werden sollte. Forrney gab aber Trost und Hoffnung und versicherte, »daß das alles mit einem schwachen Nervensystem zusammenhänge; später werd er gesund werden, ganz gesund«. Und er hatte wahr gesprochen.

Aus den Jahren, die nun unmittelbar folgen, erfahren wir wenig, und erst um 1808 werden die Mitteilungen wieder reicher. Karl von Hertefeld ist nun vierzehn geworden und hat ganz die Beschäftigungen und Allüren eines angehenden Junkers. »Er bengelt jetzt viel, und seine Passion fürs Umhertummeln wächst, seit ich ihm letzten Weihnachten die kleine Fuchsstute geschenkt habe. Beständig liegt er draußen, um einen seltenen Hasen aufzuspüren, denkt an nichts mehr als an Hund' und Pferde und pflegt, wenn sich die Gelegenheit bietet, die sechs Meilen zwischen Liebenberg und Berlin im Sattel zu machen.«

Er wurde nun auch ganz als »Erbprinz« gehalten, und im folgenden Jahre veranstaltete der alte Freiherr, der die Menschen und ganz besonders seine Liebenberger kannte, einen erbprinzlichen Geburtstag. »Am 27. v. Monats haben wir Karls Geburtstag durch eine Hochzeit gefeiert. Eins unserer Hausmädchen, das von mir ausgestattet war, wurde mit ihrem Bräutigam getraut, den ich vorher eigens zum Hofmeier ernannt hatte. Fockes aus Berlin waren mit zugegen und freuten sich der ländlichen Szene, die für die Großstädter etwas Neues und für die Liebenberger ein Festtag war.«

In demselben Winter wurde Karl »in den Unterricht« geschickt oder, um es noch märkischer auszudrücken, »in die Predigerstunde«, was, da Liebenberg keinen Prediger hatte, mit einer allwöchentlich zweimaligen Reise nach Zehdenick gleichbedeutend war. Ostern 1810 erfolgte dann die Konfirmation.

Und nun war die Zeit da, wo die längst angeregte Frage: »wie's mit der weitren wissenschaftlichen Ausbildung des Sohnes zu halten sei«, wenigstens auf ein paar Wochen hin eine wiederum viel ventilierte wurde. Das Liebenberger Leben in seiner Eingezogenheit und Stille konnte schließlich nicht ewig dauern, und Alexandrine, die, wie bei allem, so auch hierin zu Rate gezogen wurde, proponierte schließlich Pension oder Alumnat. »Ich habe selbst schon an dergleichen gedacht«, antwortete der Alte, »gestehe Dir aber, daß ich durch alles, was ich von Berliner Pensionsanstalten gesehen und geprüft habe, geradezu zurückgeschreckt worden bin. Bei dem Direktor des Joachimsthals, wo der junge Reck ist, kann man Griechisch und Latein genug in den Klassen lernen; aber damit basta. Im übrigen ist der Umgang mit den dort studierenden Bengeln, trotzdem das Joachimsthal immer noch als das beste gilt, äußerst gefährlich. Lüderlichkeit herrscht in den meisten derartigen Anstalten, in der Stadt überhaupt2), was Du schon daraus ersehen magst, daß man, um die neue Universität vor derartig üblen Einflüssen zu sichern, den ›Neustädtischen Bezirk‹, also den ganzen Stadtteil von der Schloßbrücke bis zum Brandenburger Tor und von der Letzten Straße (Dorotheenstraße) bis zur Kochstraße, von allen lüderlichen Etablissements gereinigt hat. Selbst die berüchtigte Madame Bernard hat ihr Haus in der Behrenstraße verkaufen und mitsamt ihren Nymphen sich außerhalb des eben angegebenen Bezirks niederlassen müssen. Dies ist geschehen, weil die meisten Studenten (um in Nähe der Universität zu sein) in dem Neustädtischen Bezirk Wohnung genommen haben.«

Erwägungen dieser Art führten begreiflicherweise zu dem Entschluß, es mit »Pension und Alumnat« nicht übereilen zu wollen, bis, nach Ablauf von abermals anderthalb Jahren, eine Verpflanzung in die große Stadt nicht wohl länger hinausgeschoben werden konnte.

Doch auch jetzt nicht in eine »Pension«. Es wurde vielmehr beschlossen, den nun Siebzehnjährigen ohne weiteres in den Kreis der Studierenden eintreten und im Hause des befreundeten Geheimrats Focke Wohnung nehmen zu lassen.

Das war im April 1812. Allerhand Collegia kamen auch wirklich an die Reihe, viel regelmäßiger aber als diese wurden Visiten gemacht und Gesellschaften besucht, und aus zahlreichen Nachschriften und Randbemerkungen ersehen wir, daß es die Reckes und Itzenplitzes, die Beymes und Boguslawskis waren, in deren Zirkel er vorzugsweise verkehrte. Dazu die Fockes selbst. Zu den ihm gleichaltrigen Söhnen einiger dieser Häuser unterhielt er alsbald die herzlichsten Beziehungen, und wenn in Liebenberg ein Fuchs gejagt oder ein ländliches Fest gefeiert wurde, so brach die ganze Freundschaft auf, um auf einen Tag oder eine Woche daran teilzunehmen. »Am 1. August hatten wir Erntefest«, schreibt der Alte. »Karl und drei Söhne von Geh. Rat Focke waren herübergekommen, und als weitere Zuschauer hatten sich die Seilers und hernach auch die Gentz und Bergemanns von Gransee her eingefunden. Die jungen Leute wollten tanzen, und es entstand nun ein Ball von sechs Paaren, der bis zehn Uhr dauerte. Ich hätte gewünscht, Du wärest mit dabei gewesen. Ein solches Impromptu verläuft oft besser als eine geplante Festivität.« Und vier Tage später: »Auch eine Goldne Hochzeit haben wir gehabt, die der alten Guichards, wobei sich's traf, daß Karl und die jungen Fockes noch hier waren. Alles verlief aufs beste. Die Neumann hat etwas davon in die Zeitungen rücken lassen, was mit meinem Hange, vergessen zu sein, wenig übereinstimmt.«

Er schreibt wörtlich: »mit meiner Gemütlichkeit, vergessen zu sein«. Überhaupt finden sich viele sprachlich originelle Wendungen.

In dieser Weise ging das Leben Karl von Hertefelds, und erst bei Beginn des Winterhalbjahres war er der gesellschaftlichen Zerstreuungen insoweit überdrüssig, daß er ein regelrechtes Studium anfing, statt sich bloß »Studierens halber aufzuhalten«. Er warf sich zunächst auf Physik und deutsche Literatur, insonderheit auf das »Alt-Deutsche«, was eben damals in die Mode gekommen war. Obenan das Nibelungenlied, über das man übrigens in Liebenberg ebenso klein und gering dachte wie dreißig Jahre früher in Sanssouci. Wenigstens schrieb der Alte: »Gestern, beim Aufräumen, ist mir auch das Nibelungenlied in die Hände gekommen, und schick ich es Dir, weil ich mittlerweile vernommen habe, daß Du Vorlesungen darüber hörst. Wenn übrigens der Nibelungen-Siegfried in Xanten seinen Sammelplatz gehabt hat, so ist vielleicht eine Dissertation über den Ort zu schreiben, wo er den Lindwurm totschlug. Ich, meinesteils, würde vermuten, daß es in der an Xanten grenzenden Bonnekather Heide geschehen sein müsse, die so wüst daliegt, als ob ein Lindwurm seine volle Bahn darauf gehabt habe. Vorzeiten trugen unsre Bänkelsänger die Geschichte vom gehörnten Siegfried und vom Reineke Voß auf dem Land herum und sangen ihre Knittelverse dazu. Wer damals gedacht hätte, daß solche Märchen noch aufs Katheder kommen würden! Tempora mutantur et nos mutamur in illis.« –

Es läßt sich annehmen, daß Karl von Hertefelds Eifer an diesem Spotte nicht erlahmte, die Zeit im ganzen aber war der wissenschaftlichen Beschäftigung ungünstig, selbst widerstrebend, und als in den ersten Tagen des Jahres 13 die Yorcksche Kapitulation in Berlin bekannt wurde, war es mit dem Studium auf lange hin vorbei. Nur ein Gefühl beherrschte die Gemüter, insonderheit der Jugend, und Karl von H. wäre mit unter den ersten gewesen, die damals die Waffen nahmen und auszogen, wenn nicht seinem eignen Enthusiasmus ein absolut unenthusiastischer Vater mit sehr abweichenden Ansichten und Wünschen entgegengestanden hätte. So bracht er seiner Kindesliebe das denkbar schwerste Opfer und blieb, ohne sich durch Mißdeutungen, denen er kaum entgehen konnte, beirren oder umstimmen zu lassen.

  1. In einer Nachschrift obigen Briefes findet sich, übrigens ohne jeden Zusammenhang mit dem vorstehend Erzählten, eine Bemerkung, die, um ihrer selbst willen, hier stehen mag. »Ich ersah aus Deinem Briefe, daß ich wegen der Du Troussel anfragen und namentlich auch bei unserer guten Kolonie-Manon Erkundigungen einziehen soll. Ich hab es aber unterlassen, weit es bei den Kolonisten ein für allemal Sitte ist alles zu loben, was zur Kolonie gehört.« (jetzt nicht mehr; tempi passati.)  
  2. Zu dieser Anklage war der alte Friedrich Leopold von H. nur zu berechtigt. Es kam vor, daß die gute Sitte nicht bloß verletzt, sondern in einer gewissen infernalen Freude geradezu brüskiert wurde. So findet sich in einem späteren Briefe das Folgende: »Geheimrat Graun (er arbeitet am Appellhofe des Kammergerichts) hat vor einigen Tagen einen öffentlichen Skandal gegeben. Er soupierte bei Dallach, Unter den Linden, in Gesellschaft seines Sohnes, eines jungen Referendarius, und hatte zur Belebung der Tafelfreuden eine ›freudige junge Person‹ aus der Abtei der Madame Bernard mit eingeladen. Ihr Benehmen, insonderheit das des Alten, war der Art, daß seitens der anderen Gäste Klage geführt wurde. Daraufhin ersuchte Dallach den G.-R. Graun, das Lokal, ›das für solche Dinge nicht da sei‹, zu verlassen, was aber nur zu schnöder Abweisung führte. Das wiederholte sich, als Polizei requiriert wurde, bis zuletzt ein höherer Beamter erschien und einen schriftlichen Befehl vorzeigte. Nun erst gehorchte der Alte. Der Sohn (etwas klüger als der Vater) hatte sich schon vorher aus dem Staube gemacht. Ich brauche nicht hinzuzusetzen, daß Kammergerichtspräsident von Braunschweig den Fall an den Justizminister gemeldet hat; es bleibt aber traurig und unfaßlich, daß ein in Amt und Jahren stehender Mann einer solchen Auflehnung gegen Sitte und Gesetz überhaupt fähig war.«

Als aber ein halbes Jahr später die Leipziger Schlacht geschlagen und der Marsch auf Paris eine beschlossene Sache war, wurd ihm der Zwang unerträglich, und er brach auf, um wenigstens ein Zeuge der letzten entscheidenden Ereignisse zu sein. Am 5. März 1814 war er in Leipzig, am 9. in Frankfurt, am 16. in Chaumont und sah sich, am selben Abend noch, in die beinah fluchtartige Rückzugsbewegung des großen Hauptquartiers hineingerissen. Endlich wieder zur Ruhe gekommen, schrieb er, anderthalb Wochen später, von Dijon aus. »Ich wollte zur Armee, wie Du weißt, und muß statt dessen im Rücken derselben umherziehen. Daß es im Gefolge des Hauptquartiers geschieht, bessert wenig. In diesem Augenblick sind wir, abgedrängt und gefährdet, ohne jede Nachricht von der Armee. Morgen aber will ich mich an Graf Lottum wenden, um aus seinem Munde zu hören, wie die Dinge stehen. Inzwischen gefällt mir Frankreich recht gut, wenigstens überall da, wo man noch etwas zu leben vorfindet. Die Leute sind höflich und freundlich, und ich werde vortrefflich mit ihnen fertig. Zugleich erhalt ich Komplimente über Komplimente à cause de ma honnêteté. Ich bin fest überzeugt, daß die gelegentlich feindliche Haltung der Einwohner nur von dem zügellosen Betragen der alliierten Armeen herrührt. Die Verheerungen übersteigen alle Vorstellungen. Von Chaumont bis Troyes hab ich in den Dörfern keine Einwohner und von Nancy bis drei Lieues von Chatillon kein Federvieh gesehn. Und wem schaden wir durch solch Gebaren am meisten? Uns selbst. Die nachrückenden Truppen finden nichts und müssen, nach starken Märschen, auch noch hungern. Eben hör ich, das Hauptquartier werde sich nach Lyon begeben. Ich glaub es jedoch nicht, daß wir bestimmt sind, so weit nach Süden hin auszubiegen. Geschäh es doch, so bekäm ich die schönsten Städte Frankreichs zu sehen und könnte vielleicht immer noch sagen, ›die Campagne mitgemacht zu haben‹.«

So Karl von H. am 27. März. Vier Tage später hatten sich die Dinge sehr geändert, und die Nachricht von der entscheidenden Niederlage Napoleons bei Arcis sur Aube, wie sie dem großen Hauptquartier bekanntgeworden war, war auch zur Kenntnis unseres Briefschreibers gelangt. Er meldet erst das Tatsächliche dem Vater und fährt dann fort: »Es kommt dies alles vom Tische des Staatskanzlers, muß also wohl richtig sein. Übrigens wissen wir erst jetzt, daß wir in Bar sur Aube nahe daran gewesen sind, inklusive Hauptquartier und Kaiser von Österreich, aufgehoben zu werden. Am Morgen um vier Uhr brachen wir von Bar sur Aube auf, und am Abend war – Napoleon in der Stadt. Der ganze Landstrich, in dem wir uns hier befinden, ist nicht annähernd so verwüstet wie Lothringen und die Champagne, vielleicht weil überhaupt und vor allem keine Russen hierher gekommen sind. Die Einwohner sind äußerst zuvorkommend, und das Hauptquartier hat keine Ursache zur Klage. Hier hab ich auch zum erstenmal ein französisches Schauspiel gesehn. Es war ein bürgerliches Lustspiel und übertraf all meine Erwartungen. Wie hölzerne Klötze kommen mir unsere deutschen Schauspieler dagegen vor. Gestern wurd eine dreiaktige Oper ›Virginie et Paulin‹ angekündigt. Da fand ich nun freilich, und zumal in den effektvollen Szenen, meine Leute sehr verändert. Es gab ein förmliches Heulen, Schreien und Herumfahren auf dem Theater, alle waren wie Besessene, und ich fürchtete ein paarmal, sie würden sich die Kleider vom Leibe reißen. Wenn ich nicht mehrere Schauspieler vom Tage vorher in ihnen wiedererkannt hätte, so würd ich nie geglaubt haben, daß dieselben Menschen in einem Genre so gut und in dem anderen so unsinnig sein könnten.«

Dieser zweite Brief aus Dijon ist vom 31.

Schon am Tage vorher hatten sich die Dinge vor Paris entschieden, und Karl von Hertefeld brach aus der burgundischen Hauptstadt (Dijon) auf, um sich, auf nächstem Wege, nach der Landeshauptstadt zu begeben. Am 5. oder 6. April traf er daselbst ein und schrieb von hier aus einige durch gute Beobachtung, bon sens und Humor ausgezeichnete Briefe, denen ich folgende Stellen entnehme.

Paris, 18. April 1814

Ich habe nun die herrlichen Kunstwerke mit Muße angesehen und jedesmal, daß ich wieder hinkam, hab ich etwas neues Herrliches entdeckt. Welcher Reichtum an Gemälden hier zusammengehäuft ist, kannst Du daraus abnehmen, daß sich hier allein 25 Raffaels befinden. Alles ist nach Schulen geordnet, und wundert es mich nur, daß man die deutsche mit der niederländischen zusammengeworfen hat.

Und wie die Sammlungen, habe ich nun auch die berühmtesten Theater gesehen. Die Große Oper ist herrlich, trotz des Gebrülls der Sänger bei Bravourarien. Ich sah »Iphigénie en Aulide«. Mir gefiel der Gesang anfänglich recht gut, als aber die Stelle kam, wo Achill und Agamemnon sich zanken, war es kaum zum Aushalten. Und doch erfolgte gerade jetzt ein Applaudissement, daß das Haus dröhnte. Hernach sah ich »Orphée«, der mir viel besser gefiel, weil nicht voll so stark geschrieen wurde. Aber was soll ich vom Ballet sagen! Das reißt einen ganz hin; alles steht an seinem Platz und greift ineinander; jeder Figurant ist in seiner Art ein Künstler. Will man aber einen Körper sehn, der zum Äther wird, so ist es die Gardel. Beschreiben läßt sich ihr Tanz gar nicht. Man sieht weder Gliederverdrehungen noch tours de force; alles ist Grazie, wenn sie über das Theater hinschwebt. Was aber am meisten zu verwundern ist, ist das, daß diese Frau schon zweiundvierzig Jahre zählt.

Im Théâtre français habe ich »Semiramis« gesehn. Die berühmte George spielte die Semiramis und Talma den Arsace. Talma hat mir sehr genügt, aber die George gar nicht. Es ist sonderbar mit der französischen Tragödie; man begreift anfänglich nicht, wie diese Deklamationsweise gefallen kann, und am Ende bringt sie doch einen schönen Effekt hervor. Bei dieser Gelegenheit muß ich noch etwas erwähnen, was mir in diesem Stücke sehr auffiel und vielleicht als Kommentar für die wahre Stimmung des französischen Volkes dienen kann. Talma hat nämlich als Arsace folgende Worte zu sprechen: »Le ciel donne souvent des rois dans sa vengeance.« Bei dieser Sentenz erfolgte ein Beifall, daß das ganze Haus widerhallte. Und gewiß wurde nicht bloß deshalb applaudiert, weil Talma die Worte schön gesprochen hatte.

In der eigentlichen leichten Komödie sind die Franzosen unübertrefflich, und in den kleineren Vaudevilletheatern, wo dergleichen aufgeführt wird, muß man sich fast totlachen. Sinn ist in all diesen Stücken herzlich wenig, aber darauf kommt es auch gar nicht an; wenn nur der Unsinn gut gespielt wird, so geht das Publikum vergnügt nach Haus. Und mir ist es ebenso gegangen. In Deutschland müßte man vor Langeweile umkommen, wenn einem so was vorgespielt würde.

Zum Schluß muß ich Dir noch schreiben, wie sich alle Theater beeifern, Gelegenheitsstücke vorzufahren, in denen ein Vive le roi angebracht werden kann. Da nun aber die französische Geschichte ziemlich arm an edlen Königen ist, so fällt alles über Henri IV. her, der jetzt unter allen möglichen Formen, auf allen möglichen Bühnen herumwandeln muß. Da gibt es »La partie de chasse de Henri IV.«, »Henri et d'Aubigny«, »Le souper de Henri IV. ou la dinde en pal«, ja sogar »Le dessert de Henri IV.« In all diesen Stücken sind Lieder angebracht zum Lobe der Könige, der »souverains légitimes«, die dann möglichst beklatscht werden. Doch war kein Applaudissement so stark wie bei den oben erwähnten Worten Talmas.

Von Bekannten hab ich hier noch Dönhoff, Salpius und Serre, den Vater, gesprochen.

Paris, den 30. April 1814

Die Bauten und Arbeiten, die Napoleon teils hat vornehmen lassen, teils vornehmen wollte, grenzen wirklich an das Riesenhafte. Auf dem Platz, wo die Bastille stand, sollte ein Elefant von Bronce, zwölfmal größer als ein natürlicher, zu stehen kommen. Bloß um das Modell arbeiten zu können, hat man ein turmähnliches Gebäude aufführen müssen. Dieser Elefant sollte über den projektierten Ourcq-Kanal gestellt werden, so daß die Schiffe unter ihm weggingen, bei welcher Aufstellung er zugleich als Prospekt der ebenfalls neu edierten Rue impériale gedient haben würde. Die Herstellung dieser neuen Straße wurde, weil alte Häuser niedergerissen werden mußten, auf 14 Millionen Francs berechnet.

Ich gehe gern ins Theater, aber es wird einem fast zuwider, weil immer nur Gelegenheitsstücke gegeben werden, in denen man bei jeder passenden oder nicht passenden Strophe wütend applaudiert. Jedes der verschiedenen Theater hat sich, wie ich Dir schon schrieb, ein von Henri quatre handelndes Stück angeschafft, das nun jeden Abend zur Aufführung kommt. Die Stimmung des Volks zeigt sich dabei in einem sehr grellen Lichte. Der Kaiser von Rußland glänzt vor allen anderen Fürsten und wird fast als der einzige angesehen, der etwas zu sagen habe. Dazu kommt noch, daß sein Name sich in Gedichten gut anbringen läßt, wohingegen Frédéric Guillaume und François in keinem Couplet recht reimen wollen, sosehr sich auch die Dichter abarbeiten, solche Reime zu finden.

Paris, den 8. Mai 1814

Paris enthält jetzt so viele merkwürdige Männer wie wohl nie zuvor. Außer den Monarchen ist fast die ganze englische Generalität hier, Lord Wellington an der Spitze. Ich habe diesen merkwürdigen Mann in der Oper gesehen. Schade war es, daß er in einer dunklen Loge saß und sich, um einiger englischen Damen willen, fast wie in einen Winkel gesetzt hatte, so daß ich mir seine Gesichtszüge nicht recht einprägen konnte. Nur so viel sah ich, daß ihm keines der mir in Berlin bekannt gewordenen Gemälde glich. Er ist hager und sein Gesicht länglich; außerdem aber schien mir etwas ganz unenglisch Anspruchloses darin zu liegen, was ihn mir noch lieber machte.

Der Einzug Ludwigs XVIII. ist am vorigen Dienstag in Szene gegangen. Wegen der Kürze der Zeit hatte man nicht viel Anstalten zu seinem Empfange treffen können; auf dem Pont Neuf indessen war die Statue Heinrichs IV. vorläufig in Holz aufgerichtet worden, und von den Türmen wehten weiße Fahnen mit darin eingesteckten Lilien. Das Tor von St. Denis, durch das er einzog, war mit Tapeten aus der Gobelinmanufaktur behangen. Ich ging in den Faubourg und stellte mich auf ein zum Zuschauen erbautes Gerüst. Alsbald erschien der König. Er war fast mehr von Nationalgarden als von französischen Truppen begleitet, und weil der Zug, des Gedränges halber, oft stopfte, hatt ich Gelegenheit, Seine Majestät mit aller Muße zu betrachten. Gerade vor unserem Gerüst mußt er fast eine Viertelstunde halten, eh der Weg durch das Tor offen war. Nach den Gemälden Ludwigs XVI. zu urteilen, hat er viel Ähnlichkeit mit seinem unglücklichen Bruder. Die Nationalgarden riefen »Vive le roi«, die Truppen aber marschierten stumm vorüber. Besonders die Garden. Ein verbissener Ingrimm war in die Gesichter der alten Grenadiers eingezeichnet.

Vor einigen Tagen traf ich im Theater mit einem Herrn in einer Loge zusammen, den ich anfänglich für einen Deutschen oder Holländer hielt, bis ich durch ihn erfuhr, daß er Besitzungen in Anjou habe und jetzt als Deputierter hier sei. Weiterhin erzählte er mir, er habe seit drei Monaten weder Abgaben bezahlt, noch seien Rekruten eingezogen worden. Es habe sich nämlich in Anjou, Maine und der Vendée eine starke Partei organisiert, deren Mitglieder, mit der weißen Kokarde am Hut, das Land durchzögen und die Polizeibeamten, die die Steuern und die Konskribierten einziehen wollten, einfach wegjagten. Es seien zwar 2000 Gensdarmes samt Kavallerie von der spanischen Armee heranbeordert und mit Herstellung der »Ordnung« beauftragt worden, einige Deputierte hätten aber dem Präfekten rundweg erklärt, daß er die Gensdarmes wieder fortschicken müsse, widrigenfalls sie wahrscheinlich totgeschlagen würden. Und das sei denn auch befolgt worden. Inzwischen habe die königliche Sache gesiegt, und alles sei wieder ruhig.

Paris, den 14. Mai 1814

Ich habe neuerdings Graf Eberhard Danckelmann hier kennengelernt. Er will nach London und hat mich aufgefordert, mich ihm anzuschließen. In Voraussicht Deiner Zustimmung werd ich es tun. Die Reise macht sich leicht; in drei Tagen bin ich dort und gedenke mich anderthalb Wochen daselbst aufzuhalten, in welcher Zeit sich schon einiges sehen läßt. Graf Danckelmann geht von London aus nach Gothenburg und von Gothenburg auf seine Güter in Livland, ich aber gedenke das Packetboot zu benutzen, das von Harwich auf Amsterdam fährt, und werde von dort aus einen Abstecher nach Diersforth zu Onkel Wylich machen.

Karl von Hertefeld hatte sich entschlossen, in Gesellschaft von Graf Eberhard Danckelmann einen Abstecher nach London zu machen, und führte diesen Entschluß auch aus. Er berichtete darüber nach Liebenberg hin.

London, den 30. Mai 1814

Erst am 25. konnten wir von Boulogne absegeln, weil sich das Schiff bis dahin durch widrigen Wind im Hafen zurückgehalten sah. Genannten Tages aber wurden wir eilig an Bord gerufen und kamen glücklich aus dem Hafen heraus. Anfangs belustigte mich dies nie gesehene Schauspiel außerordentlich. Bald indessen wurd es anders, und die Nacht zählt zu den unangenehmsten, die ich je zugebracht habe. Die Kajüte war nur klein, und in diesem engen Raume lagen, wie Kraut und Rüben durcheinander, zehn, zwölf Menschen, die alle mehr oder minder seekrank waren. Dabei macht einen das Übel so träge, daß man sich nicht überwinden kann, aufzustehen und den einmal eingenommenen Platz, um eines besseren willen, zu wechseln.

Am andern Morgen wollten wir mit der Postkutsche nach London; da jedoch drei Paquetboote schon vor uns in Dover angekommen waren, so waren alle Inside-Plätze besetzt. Die »Outside« hat sich aber seit Moritz' Zeiten sehr verändert. Seine Beschreibung paßt gar nicht mehr, und ich kann füglich versichern, in Deutschland mit Extrapost nicht angenehmer gefahren zu sein. Freilich mag sehr viel von der Gesellschaft abhängen, mit der man reist. Wir haben es hierin glücklich getroffen. Unsere Reisegesellschafter waren Gentlemen, die, wie wir, von Paris kamen und meistens etwas Französisch sprachen. In Canterbury, wo gefrühstückt wurde, machten wir Bekanntschaft und fanden in ihnen ebenso höfliche wie zuvorkommende Leute. Die Gegend, durch die wir fuhren, war herrlich, und in den Dörfern hatten die Pachterwohnungen Spiegelscheiben.

Auf dem Wege von Canterbury nach Rochester sahen wir die russische Flotte vor Anker liegen. In Rochester selbst wurde diniert, versteht sich, ganz auf englische Art. Wir bekamen erst vortrefflichen Fisch, dann köstliche Beefsteakes und danach einen kleinen Pudding. Den Beschluß machte ein ungeheures Stück Käse. Man erhält hier weniger Gerichte als in Frankreich, aber alle sind vortrefflich zubereitet und die Portionen kolossal. In Gadshill hielten wir vor einem Wirtshaus, auf dessen Schilde wir Sir John Falstaff erkannten, der von Poins und dem Prinzen abgeprügelt wird. Eine halbe Stunde später erschien St. Paul am Horizont, und ehe die Dämmerung einfiel, ging es über die Westminster-Brücke, an Whitehall vorbei, nach Charing cross, wo die Postkutsche hielt. Und nun nahm uns ein Mietswagen auf und bracht uns nach dem Hôtel Bauer in Leicester Square.

London, den 5. Juni 1814

Ich bin nun eine Woche hier und habe mancherlei beobachtet. Was einem in dieser ungeheuren Stadt am meisten auffällt, ist, daß alles ohne Soldaten, Gensdarmen und Polizeibeamten in Ordnung gehalten wird. Des Abends bei den Theatern, wo zuweilen Hunderte von Wagen stehen, entwickelt sich das Gewirre so ruhig, daß man darüber erstaunt. Die Fußgänger verhalten sich ebenfalls ganz passiv. Da die Trottoirs, und zwar gerad in den lebhafteren Straßen, nur schmal sind, so kommt es vor, daß man derb gestoßen wird und zur Schadloshaltung wieder andere stößt; dies wundert aber niemanden, und noch weniger fällt es ihnen ein, mit einem »Pardon« um Verzeihung zu bitten.

Die Theater sind hier prächtig, besonders das von Drurylane; alles blinkt in dem Hause von Vergoldung, Spiegel und Bronce. Die Schauspieler gefallen mir aber in Coventgarden besser. Ich habe dort den »Hamlet« und »Othello« gesehen, und obwohl ich nichts davon verstand, machten diese Vorstellungen doch einen bei weitem tieferen Eindruck auf mich als die »Phèdre« und »Semiramis« im Théâtre français.

Von Merkwürdigkeiten hab ich bis jetzt nur die Westminster-Abtei, den Tower, St. Pauls und einige unbedeutendere Sachen gesehen. Was mir im Tower am meisten imponierte, war die kolossale Menge von Gewehren. Der Führer sagte mir, daß 800 000 da wären, und ich glaube nicht, daß er übertrieben hat. Denn außer denen, die aufgestellt sind, war noch ein Saal, etwa in Größe einer kleinen Reitbahn, ganz mit Kisten angefüllt, in denen sich eingepackte Gewehre befanden, alle bestimmt, nach Deutschland und Spanien abzugehen. Es sollen, nach der Aussage des Führers, 8000 Stück wöchentlich verfertigt werden. Von solchen Fabriken hat man doch, außer in England, gar keinen Begriff.

Es werden hier seit einigen Tagen große Anstalten zur »IIlumination« und andern Festlichkeiten gemacht, die beim Empfange des Kaisers und Königs in Szene gehen sollen. In welchem Rufe hier Blücher steht, ist unbeschreiblich. Sein Empfang wird gewiß ebenso glänzend sein wie der der Monarchen und vielleicht noch glänzender, denn auf einem arrangierten Diner hat man die Gesundheit unsres Königs auf folgende Art getrunken: »Gentlemen, I propose three cheers for the master of old Blücher!« Übermorgen werden alle die »hohen Fremden«, wie sie hier genannt werden, erwartet, und wenn ein Einzug stattfindet, werden gewiß viele Menschen erdrückt werden.

Noch habe ich Dir zu schreiben vergessen, daß ein Engländer, der mit uns von Boulogne nach London reiste, sowohl Graf Danckelmann wie mich zu einer Abendgesellschaft auf übermorgen gebeten hat. Das ist mir sehr interessant, und ich werde hingehen.

London, den 12. Juni 1814

Der Engländer, der uns zum Tee gebeten hatte, hieß Mr. Twigg. Da mehrere Personen in der Gesellschaft Französisch sprachen, so konnte ich an ihrer Unterhaltung teilnehmen. Gegen elf Uhr wurden Eis und Madeirawein präsentiert und darauf nach einem Fortepiano getanzt. Doch muß ich offen bekennen, in meinem Leben nichts Ungeschickteres gesehen zu haben. Der Tanz war eine Art von Ecossaise, blieb den ganzen Abend in Permanenz und wechselte bloß die Touren. Ungefähr um ein Uhr trennte sich die Gesellschaft.

Ich komme nun zur Ankunft der Monarchen und des Feldmarschalls Blücher. Der Kaiser von Rußland und unser König hatten sich, durch ein Inkognito, dem Jubel der spalierbildenden Hunderttausende zu entziehen gewußt, der alte Blücher aber wurde bei Charing cross erkannt, und wenig fehlte, so hätte man ihm die Pferde ausgespannt und ihn im Triumphe hereingezogen. An jeder russischen oder preußischen Equipage, die folgte, hatten an dreißig oder vierzig Menschen angefaßt, die nun, unter lautem Huzzageschrei, mit dem in scharfem Trabe fahrenden Wagen Schritt hielten. Daß bei dieser Expedition nicht viele gerädert worden sind, wundert mich außerordentlich.

Tags darauf war Ascot-Rennen. Da die Monarchen und Blücher ihr Erscheinen zugesagt hatten, so waren alle Postchaisen schon am Tage vorher gemietet worden. Ich war aber so glücklich, noch einen Platz zu finden. Vor der Loge, in der Blücher saß, stand alles unbeweglich, so daß die Schiedsrichter und Aufseher Mühe hatten, für die laufenden Pferde Platz zu machen.

Als bald darauf die Monarchen erschienen, wurden sie mit lautem Zuruf empfangen. Das Geschrei war aber fast noch ärger, als sich Blücher zu Pferde setzte und die Bahn durchritt. Die Rennpferde waren meistens sehr schön, aber sehr verschieden von allen anderen Pferden, die mir bis jetzt zu Gesicht gekommen sind. Selbst die gewöhnlichen Reitpferde hier, wenn sie auch noch so schön sind, haben keine Ähnlichkeit mit den Rennpferden. Die Hufeisen der Renner mochten alle vier zusammen kaum zwei Pfund wiegen. Das Zaumzeug bestand in einer Trense.

Hiermit schließen die Briefe. Bald nachher erfolgte die Heimreise, die, mit Benutzung der Mail, über Colchester nach Harwich und von Harwich aus, auf dem Packetboote, bis Rotterdam ging. In Diersforth, bei »Onkel Wylich«, wurd eine kurze Rast genommen, und Mitte Juli war unser Reisender wieder zurück. Aus dem geplanten Kriegszuge war eine durch die Zeitverhältnisse besonders interessante »Kavaliertour« geworden.

In Bälde nahm Karl von H. seine Studien wieder auf, entsagte dem gesellschaftlichen Leben und steckte, mit der ihm eigenen Assiduität, in allerhand physikalischen und chemischen Experimenten, als im März 1815 plötzlich die Nachricht von Haus zu Haus lief: »Napoleon wieder da.« Zur Bekämpfung des Weltstörenfrieds setzte sich, wie bekannt, alles unverzüglich in Bewegung, und diesmal mit dabei zu sein war ein unerläßliches Gebot der Ehre. Selbst der alte Freiherr enthielt sich jeden weiteren Widerspruchs und willigte, wie schon erzählt, in den Eintritt des Sohnes bei von Colombs 8. Husaren. Das war im Mai. Mitte des Monats (am 18.) erreichte Karl von H. sein zwischen Wegeleben und Quedlinburg in Cantonnements-Quartieren liegendes Regiment und schrieb Tages darauf: »Ich bin der 3. Schwadron unter Rittmeister von Zychlinski zugeteilt worden, was mir außerordentlich lieb ist. Denn in die Depotschwadron gesteckt zu werden, was doch immerhin möglich war, wäre das Nonplusultra von Unannehmlichkeit für mich gewesen. Ich befinde mich wohl, und Jochen (der Reitknecht, den ihm der Alte mitgegeben) benimmt sich so geschickt, als ob er schon jahrelang gedient hätte.« Gleich danach erfolgte der Aufbruch. Am 23. war man in Goslar, am 30. in Kassel und zwei Tage später in Fritzlar. »Ich bin von der 3. Schwadron des Rittmeisters von Zychlinski zur 1. Schwadron des Rittmeisters von Loën versetzt worden, der sehr höflich gegen uns Volontärs ist, womit sich von Zychlinski nicht aufhielt. Ebenso ist Major von Colomb von großer Freundlichkeit gegen uns. In Kassel trat er in einen Gasthof, in dem wir saßen, setzte sich zu uns und aß mit uns. Das hätten nicht viele Regimentskommandeure getan. Wenn Du schreibst, so schreibe bloß: ›An den Volontär von Hertefeld, im Husarenregiment No. 8., IV. Armeecorps, Kavalleriedivision Prinz Wilhelm von Preußen.‹ Unter dieser Adresse treffen mich alle Sendungen am sichersten.«

Am 10. Juni war das Regiment in Köln, am 12. in Aachen und am 15. in Viset an der Maas. »Es geht nun an den Feind. Er ist ganz nah...« Ein Signal unterbrach ihn hier, und die nächsten Zeilen (vom 24.) sind bereits sechs Tage nach Waterloo geschrieben. »Früh am 16. brachen wir auf und marschierten in einem fort, bis wir am 17. abends zur Armee stießen und in einem aufgeweichten Boden bivouakierten. Am andern Morgen (18.) defilierte die Infanterie an uns vorbei. Gegen Mittag setzten wir uns ebenfalls in Marsch, und nicht lange, so hörten wir eine Kanonade, die beständig wuchs. Es wurde uns etwas schwül. Dann aber hieß es Trab, und eine kleine Weile noch, so lag das Schlachtfeld vor uns, und die Kugeln pfiffen uns um die Ohren. Eine weitläuftige Beschreibung der Schlacht wirst Du von mir nicht verlangen; ich weiß auch nur, wie's auf dem Flecke zugegangen ist, auf dem wir standen. Wir mußten anfänglich zwei Batterien decken und abwechselnd Bewegungen nach rechts und links machen. Alles im heftigsten Kanonenfeuer. Plötzlich ging es im Trabe vorwärts, und zwar in solcher Eile, daß gar nicht einmal Regiment formiert wurde, sondern jede Schwadron für sich blieb. Eine kleine Anhöhe hatten wir vor uns. Als wir da hinaufkamen, standen französische Lanciers vor uns, und nun ging's drauflos. Aber ehe wir noch heran waren, machten sie kehrt, und nun ging es munter hinterher. Ich setzte einem Offizier nach und stach ihn in den Rücken, in demselben Augenblick aber hieb ihn unser Wachtmeister übers Gesicht, so daß er gleich herunterstürzte. So ging es noch eine Strecke weiter, bis wir in Infanteriefeuer kamen und nun unsererseits kehrtmachten. In einiger Entfernung raillierten wir uns wieder, kamen aber nicht mehr zur Attacke und blieben nur immer einem starken Kanonenfeuer ausgesetzt. Gegen Abend rückten, rechts von uns, ungeheure Truppenmassen in die Front. Es war die englische Armee; der Sieg war unser. Wir verfolgten den Feind noch eine Strecke, kamen aber nicht an ihn, weil andere Regimenter vor uns waren.

Im ganzen genommen hat die Gefahr keinen großen Eindruck auf mich gemacht und ist geringer, als ich geglaubt habe. Wir sind am stärksten mit vorgewesen, und doch hat unsre Schwadron nur zweiunddreißig tote und verwundete Pferde und Menschen.

Seit dem Schlachttage sind wir, ohne weiteres Gefecht, bis hierher (St. Germain bei Guise) vorgerückt. Die Franzosen laufen, wo wir hinkommen. Bei Laon aber sollen sie sich ernstlich widersetzt haben. Gestern war ich auf Feldwacht. Die Einwohner kamen aus Guise heraus und sagten uns, die Tore seien offen. Wir ritten nun vor, ohne zu bedenken, daß ein festes Schloß neben der Stadt gelegen ist. Ein Glück, daß die Franzosen friedlich gesinnt waren, sonst hätte man uns unangenehm begrüßen können. So wurd eine Zeitlang unterhandelt, bis wir schließlich mit langer Nase abziehen mußten. Die längste aber kriegte der Offizier, der uns geführt hatte.

Rambouillet, den 12. Juli 1815

Verzeih, daß ich so spät erst wieder schreibe. Aber obschon wir seit dem 18. v. M. immer nur unbedeutende Gefechte gehabt haben, so hatten wir doch beständig die Vorposten. Unser Marsch ging bei Compiègne vorbei nach Creil an der Oise, wo wir zunächst die Brücke forcierten und dann über Senlis weiter vorrückten. Den zweiten Tag nach dem Übergang über die Oise kamen wir Paris so nahe, daß wir deutlich die vergoldete Kuppel der Invaliden und das Pantheon unterscheiden konnten. Wir hungerten sehr, und es wurde mir schwer, mir die gut besetzte Tafel im Palais Royal aus dem Gedächtnis zu bringen. In einem Nachtmarsche ging es dann bis vor St. Germain en Laye, dessen Seinebrücke durch zwei uns begleitende Infanteriebataillone genommen wurde. Der Tag darauf war der Unglückstag, an dem sich die brandenburgischen und pommerschen Husaren in Versailles überfallen sahen und so schwere Verluste hatten. In Versailles, wo wir bald danach einrückten, um den Rücken der Armee zu decken, empfingen wir die Nachricht von der Kapitulation von Paris und dem abgeschlossenen Waffenstillstand. Vorgestern sind wir hier in Rambouillet eingetroffen und in die königlichen Ställe einquartiert worden. Zum ersten Male wieder, nach langer Zeit, durften wir absatteln.

Indem ich dies schreibe, kommt Marschbefehl. Einige sagen, es ginge nach Chartres.

Mit Jochen Schulz bin ich außerordentlich zufrieden; ich glaube schwerlich, daß ich einen besseren Menschen hätte finden können.

Blois, den 13. August 1815

Über Château Reynaud sind wir hierher marschiert. Die Franzosen stehen in der Vorstadt, am anderen Ufer der Loire, und wir verkehren mit ihnen. Am Geburtstage des Königs, 3. August gaben unsere Offiziere eine große Fete, zu der auch die französischen Stabsoffiziere geladen wurden. Sonst leben wir hier langweilig und bringen die Zeit mit Paraden und Exerzieren hin. Mit Jochen Schulz, der sich sehr wohl befindet, hin ich nach wie vor zufrieden. Die Schlacht hat er nicht mitgemacht, weil sein Pferd gedrückt war, infolgedessen er bei der Bagage zurückbleiben mußte. Bei Creil holte er mich wieder ein, fand aber keine Gelegenheit mehr zu Heldentaten.

Paris, den 25. August 1815

Mit dem unaussprechlichsten Vergnügen benachrichtige ich Dich, daß ich durch verschiedene Zufälle nach Paris gekommen bin. Hier wandt ich mich sofort an den Grafen Anton Stollberg, und Prinz Wilhelm war so gnädig, mir den Urlaub, um den ich bat, ohne weiteres zu bewilligen. Ich bin also jetzt frei und hoffe noch vor dem 1. Oktober in Liebenberg zu sein. Jochen Schulz hab ich leider nicht losmachen können; er muß beim Regimente bleiben, bis alle Freiwilligen entlassen werden.

Hier in Paris ist jetzt alles viel ruhiger als im vorigen Jahre. Aus der Gemälde- beziehungsweise Antikengalerie sind schon viele Stücke weggenommen und eingepackt worden, besonders unsrerseits. Mir tut es leid, daß man die herrliche Sammlung zerstückelt. Es sind halbe Maßregeln. Wollte man diese Schätze den Franzosen nicht lassen, so mußte man alles fortschaffen und es an irgendeinem andern zweckmäßigen Orte aufstellen. So schadet es nur der Kunst und bringt uns keinen Vorteil.

Es scheint fast, als ob den Parisern das Recht, über ihre Sieger zu lachen, nicht genommen werden kann. Unter dem Titel »Costumes des armées des alliés en 1814« verkaufen sie die leider nur zu passenden Karikaturen russischer, preußischer und englischer Offiziere. Vorzüglich schön haben sie den russo-preußischen Geschmack, also den, die Menschen in eine Wespe zu verwandeln, aufgefaßt. Ich denke einige der besten dieser Karikaturen mitzubringen.

Paris, den 13. September 1815

Mein Aufenthalt hier hat sich gegen meinen Willen verzögert. Jetzt aber, wo das Geld angekommen ist, gedenk ich übermorgen, den 15., abzureisen. Aus und von Paris kann ich wenig Erfreuliches schreiben. Vor ein paar Tagen entstand im Palais Royal ein Streit zwischen französischen und alliierten Offizieren und Soldaten. Von seiten der Franzosen ließen sich hauptsächlich Schmähungen und Drohungen auf Preußen hören, obgleich der Zank eigentlich zwischen Engländern und Franzosen entsprungen war. Überhaupt ist der Haß der Franzosen gegen die Preußen aufs höchste gestiegen; Beleidigungen, die von seiten der Engländer, Russen und Österreicher ausgehen, werden diesen nicht angerechnet und auf die Preußen geschoben. Überhaupt scheint Preußen dem Schicksale, »gehaßt zu werden«, nicht entgehen zu können. Doch darüber mündlich mehr.

Mit diesen Zeilen vom 13. September schließen die fünfzehner Kriegs- und Reisebriefe.

Zu Beginn des Oktobers war Karl von H. abermals in Berlin und nahm, wie das Jahr zuvor, seine sprach- und naturwissenschaftlichen Studien wieder auf. Aber auch diesmal oft unterbrochen, weil die mit jedem Tage mehr zutage tretende Schwäche des Vaters ihn allwöchentlich nach Liebenberg rief. Endlich, am 3. April 1816, erlag der Alte seiner langwierigen und schmerzhaften Krankheit, und der erst einundzwanzig Jahr alte Sohn übernahm die Güter. Ob selbständig oder zunächst noch unter Vormundschaft, erseh ich nicht mit Bestimmtheit aus den schriftlichen Überlieferungen.

Diese werden überhaupt jetzt ärmer und kärglicher und gestatten uns, sein Leben nur noch in den Hauptzügen zu verfolgen. Ich gebe daraus das Wichtigste.

Der große Besitz, der ihm zugefallen war, vergrößerte sich noch. 1819 starb der »tolle Vetter von Häsen«, 1830 »Onkel Wylich«, und die Hinterlassenschaften beider ließen seine rheinischen und märkischen Güterkomplexe nicht unerheblich anwachsen.

Auch sein Barvermögen wuchs. Am 18. Juni 1821 (Jahrestag der Schlacht bei Belle-Alliance) erfolgte seine Vermählung mit Emilie Henriette Louise Mollard, einer reichen Erbin. Prediger Wilmsen von der Parochialkirche traute das junge Paar.

Einige Jahre später wurde K. von H., unter dem Titel »Ritterschaftsrat«, eines der leitenden Mitglieder des mittelmärkischen Kreditinstituts und fungierte 1839 als Vorsitzender bei der Versammlung der Deutschen Land- und Forstwirte zu Potsdam.

In noch voller Manneskraft traf ihn die Revolution von 1848, deren Prinzipien er, trotzdem er einem gemäßigten Liberalismus zuneigte, von Anfang an bekämpfte. Nicht nur war er der ersten einer, die, durch Beisteuerung bedeutender Mittel, die »Kreuzzeitung« ins Leben riefen, er schuf auch sieben Jahre später (1855) die »Berliner Revue«, die die seitdem immer einflußreicher gewordene Lehre proklamierte: »daß die sozialen Institutionen die politischen erzeugen und beherrschen«. 1863 trat er von der »Revue« zurück und beteiligte sich, von ebendieser Zeit an, an der Herausgabe der »Jahrbücher für Gesellschafts- und Staatswissenschaften«, deren Entwickelung und Gedeihen er bis zuletzt mit besonderem Interesse verfolgte.

Diese seine publizistische Tätigkeit aber sekundierte nur seiner parlamentarischen. Er war von 1849 bis 52 Mitglied der Ersten, von 1852 bis 61 Mitglied der Zweiten Kammer und wurde 1864 oder 1865 in das Herrenhaus berufen, an dessen Sitzungen er bis zu seinem Tode teilnahm.

In vorstehendem hab ich kurz einige Daten gegeben.

Überblick ich, auf diese gestützt, die Gesamtheit seines Lebens, so teilt es sich in zwei scharf geschiedene Hälften: in eine sportsmännisch-landwirtschaftliche bis 1848 und in eine politisch-parlamentarische nach 1848. Über beide Hälften ein paar Worte noch, auf die Gefahr hin, ein oder das andere zu wiederholen.

Von Hertefeld hatte schon im Sommer 1814, wie sich seinen aus London mitgeteilten Briefen unschwer entnehmen läßt, eine Vorliebe für England gefaßt und trat, als er zwei Jahre später die Güter übernahm, in intime, durch sein ganzes Leben hin fortgeführte Beziehungen zu diesem Lande. Was ihn anzog, ist im einzelnen nicht zu spezifizieren, in allem erschien es ihm vorbildlich. Er sah in England nichts, gleichviel ob es ein Großes oder Kleines, ein Materielles oder Geistiges war, in dem er nicht freudig und neidlos eine höhere Kulturstufe begrüßt hätte. Die gesellschaftliche Form, die Freiheit der Institutionen, die Detailausbildung in Technik und Handwerk – alles war besser, alles, vom Stiefel bis zum Hut, von der kleinsten Nadel bis zur größten Maschine. Zumeist aber empfand er diesen Unterschied auf dem Gebiete der Agrikultur: Bodenbestellung, Ackerbau, Viehzucht, alles erfolgte nach einem wissenschaftlichen Gesetze, von dessen Vorhandensein man im Preußischen noch kaum eine Ahnung hatte. Dies wirkte derart auf ihn ein, daß er sich das Ziel einer allmählichen wirtschaftlichen Anglisierung stellte. Ganz wie Thaer in Möglin, der ebenfalls durch England angeregt worden war, entschied er sich für die neuen Grundsätze der Fruchtfolge, der Kreuzung und richtete seinen Sinn insonderheit auf Besserung des Viehstandes, auf Veredlung des Pferdes. In letzterer Aufgabe fand er alsbald seine höchste Befriedigung, und was anfangs nur den Zweck gehabt hatte, der Landwirtschaft zu dienen, entwickelte sich mehr und mehr zum Sport. Er begann Vollblutpferde zu trainieren und war unter denen, die die seitdem zu so großem Flor und Ansehen gekommenen Berliner Rennen ins Leben riefen. Eins derselben führt noch jetzt den Namen »Hertefeld-Rennen«. Auch kann es als unzweifelhaft gelten, daß er dem Lande durch diese mehr als zwanzigjährigen Anstrengungen erhebliche Dienste geleistet hat. Aber freilich auf seine Kosten. Er gab Unsummen hin, ohne jemals, ein paar Ausnahmen abgerechnet, infolge großer Rennsiege die Rechnung ausgeglichen zu haben.

Es kann nicht überraschen, daß seiner Rennpferdepassion eine verwandte sportsmännische Leidenschaft entsprach. Er pachtete Heiden und Wälder, um große Jagden abzuhalten: Hetzjagden, Jagden mit der Meute, Treibjagden, zu denen dann aus der Nachbarschaft, aber mehr noch aus Berlin eine reiche Zahl von Geladenen erschien: Generale, Minister, Prinzen und als eigentlichster bienvenu Professor Franz Krüger, der berühmte Tier- und Schlachtenmaler, der sein Erscheinen in jagdlich illustrierten Briefen anzumelden pflegte.

So ging es durch Jahrzehnte hin, bis der März 48 einen Strich durch all dies machte. Von Hertefeld gab Wettrennen und Fuchsjagden auf und warf sich mit gleichem Eifer auf politische Dinge. Von der Tribüne her wirken und durch die Macht seiner Rede hinreißen zu können würde den Ehrgeiz seines Lebens erschöpft haben. Aber dies blieb ihm versagt. Er hatte nicht die Gabe der Rede, geschweige die Macht derselben, und mußte sich damit begnügen, mit der Feder tätig zu sein.

Er tat dies, wie schon angedeutet, in den mannigfachsten publizistischen Organen, abgesehen von einem ganzen Heer von Broschüren und Aufsätzen, zu denen er den Anstoß gab.

Auf seiner politisch-publizistischen Höhe stand er, als er der Zweiten Kammer angehörte. Das war von 1852 bis 61. Im erstgenannten Jahre ließ er Denkschriften und Promemorias erscheinen, die für unser gesamtes Verfassungsleben, insonderheit aber für die Neugestaltung der Ersten Kammer einige Bedeutung gewannen und, wenn ich recht unterrichtet bin, an oberster Stelle zwar nicht durchweg befolgt, aber doch im einzelnen zu Rate gezogen wurden.

»Es deutet verschiedenes darauf hin«, so schrieb er in einem dieser Promemorias, »daß es Absicht Seiner Majestät und der Staatsregierung ist, eine fundamentale Umgestaltung unserer jetzigen (1852) Ersten Kammer eintreten zu lassen. Es läßt sich auch mutmaßen, auf welche neue Grundlage hin die Umgestaltung erfolgen soll. Ihre zwei wichtigsten Punkte werden sein: 1) die jeweilige Ernennung durch Seine Majestät und 2) eine erst zu schaffende erbliche Pairie.

Gegen beides unterhält ich Bedenken, und zwar

1) Gegen die Ernennung.

Ernannte Pairs entbehren der Kraft, dem Herrscher und der Staatsgesellschaft eine wirkliche Stütze zu sein. Dies läßt sich historisch nachweisen. Es fehlt eine stützende Kraft überall da, wo die historische Begründung fehlt. 1848 nahm die Februarrevolution von den auf Lebenszeit ernannten Pairs Louis Philipps so wenig Notiz, daß das souveräne Volk (das die Deputiertenkammer doch wenigstens der Ehre würdigte, sie durch Gewalt zu beseitigen) an dem Palais Luxemburg vorüberging. Es blieb unbestürmt. Es dachte niemand an die Pairs.

2) Gegen eine erst zu schaffende erbliche Pairie.

Eine erst zu schaffende ›erbliche Pairie‹ findet in Preußen zwei Hindernisse: a) die Ernennung von Pairs, die den Besitz haben, aber des historischen Hintergrunds vielleicht entbehren; b) die Nicht-Ernennung von Pairs, die den historischen Hintergrund haben, aber eines ausreichenden Großgrundbesitzes entbehren. Es muß das notwendig, und zwar ganz besonders in den Stammprovinzen der Monarchie, zur Verletzung der Rittergutsbesitzer und des in ihnen vertretenen altständischen Elementes führen. Und nun dies ständische Element selbst! Es ist zwar durch eigene wie fremde Schuld tief gesunken, aber es steckt noch Lebenskraft darin und kann sich wieder erholen. Vergleicht man die jetzigen Rittergutsbesitzer mit ihren Vätern und Großvätern vor fünfzig Jahren, so bemerkt man, daß Güterschacher, Leichtsinn, Verschwendung und Bankerott damals viel häufiger waren als jetzt. Einzelne sind untergegangen, allein der Stand, der im Boden wurzelt, ist nicht vernichtet.

Ein anderer Übelstand« (so fährt er fort) »ist der, daß eine lediglich auf Grundbesitz basierte ›erbliche Pairie‹ den Geldkapitalbesitz ausschließt. Darin liegt aber eine Gefahr. Geldkapital ist unleugbar auch eine Macht, und diese Macht zur Opposition gegen ein neues Institut herauszufordern will uns nicht ratsam erscheinen. Unter allen Umständen indes sind weder Grundbesitz noch Geldkapital daran gewöhnt, sich durch einige hervorragende Spitzen, die nur von obenher ernannt, aber nicht durch Nächst-Interessierte gewählt wurden, für vertreten zu erachten. Im Gegenteil, der größere, nicht ernannte Teil würde sich gegen ein Institut wenden, durch das er sich erniedrigt glaubt. Sind diese Prämissen richtig, so folgt daraus, daß eine Wahl auch für eine Pairskammer nicht ganz auszuschließen ist.«

Soweit Hertefeld. Auch über den Modus dieser Wahl verbreitet er sich im weiteren Verlauf seines Promemorias und wünscht danach etwa 90 Großgrundbesitzer und 45 Großkapitalisten in der Ersten Kammer zu sehen, von denen diese wie jene durch eine mindestens dreißigfache Zahl ihrer eigenen Gruppe gewählt sein müssen.

Es ist auf diese seine Vorschläge, wenigstens direkt, nicht eingegangen worden, und, wie hinzugesetzt werden muß, glücklicherweise nicht. Er versah es nämlich in einem wichtigen Punkte, darin, daß er »Großgrundbesitz« und »historischen Hintergrund« als halbe, ja der Mehrzahl der Fälle nach als ganze Gegensätze faßte. Dieser Gegensatz fiel aber teils fort, teils wurd er umgangen.

Um es zu wiederholen, er drang nicht durch. Unter allen Umständen aber zeigen Denkschriften wie diese, mit welchem Ernst und welch historischer Sachkenntnis er an die großen Tagesfragen herantrat. Und namentlich dies letztere verdient hervorgehoben zu werden. Er war von einer außerordentlichen Informiertheit, und so wenig glänzend sein erster Schulgang unter Magister Greifs Leitung gewesen sein mochte, so hervorragend war nichtsdestoweniger sein Wissen, ganz besonders die Menge seines Wissens. Er gehörte zu jenen Glücklichen, denen alles, was sie sehen und hören, auf immer im Gedächtnis bleibt. Außerdem aber war er von einer wahren Leseleidenschaft ergriffen, und nichts erschien, und wenn es das scheinbar Weitabliegendste gewesen wäre, von dem er nicht Notiz genommen hätte. So kam es, daß er, mit den verschiedensten Künstlern und Gelehrten bekannt und befreundet, mit jedem in seiner Sprache zu reden vermochte. Selbst mit Philologen. Er war »in allen Sätteln gerecht« und doch weder rechthaberisch, noch streitsüchtig, noch prätentiös. Es lag vielmehr umgekehrt in seiner Natur, immer die liebenswürdigsten Formen zu wahren, und zwar einerseits, weil er humoristisch, andrerseits, weil er ohne Wissensüberschätzung war. Es galt ihm viel, aber es bedeutete ihm nie die Hauptsache.

Seine glänzendste Seite war seine Wohltätigkeit. Er besaß einen wahren Helfedrang und half im großen und kleinen. Unter andrem rührt die Bestimmung von ihm her, daß alle Tagelöhner auf seinen Besitzungen Anspruch auf freien Doktor und freie Medizin haben, infolgedessen ein unglaublicher Medizinkonsum in Liebenberg und Umgegend eingerissen ist.

Als er starb, fanden sich neben vielen andern Legaten auch 30 000 Taler vor, aus denen, unter allmählicher Heranziehung »ausstehender Gelder«, ein Stiftungsfonds, einerseits zu Dotierung alter Liebenberger Beamten, andrerseits zur Unterstützung augenblicklich in Bedrängnis geratener Familienmitglieder, gebildet werden sollte. Diese »Heranziehung ausstehender Gelder« geschah, und wenige Jahre später war, mit Hilfe derselben, der ursprüngliche 30 000-Taler-Fonds auf 100 000 Taler angewachsen, was, bei dem natürlichen Hange der Menschen, sich ihrer eingegangenen Verpflichtungen nicht zu erinnern, einen Maßstab dafür abgeben mag, welche Höhe der Stiftungsfonds eigentlich hätte gewinnen müssen. Der alte Hertefeld half nämlich immer »auf Wort« und nahm es nie genau mit der Ausstellung von Schuldscheinen.

In den letzten Jahren seines Lebens schritt er zur Gründung eines Familien-Fideikommisses, auf dessen nähere Festsetzungen ich an anderer Stelle zurückkomme.

Den 17. Februar 1867 starb er.1) Aus dem Templinschen und Ruppinschen und nicht zum wenigsten aus der Hauptstadt selbst waren am Begräbnistage viele Hunderte zur Erweisung der letzten Ehre herbeigekommen, an ihrer Spitze die Kriegervereine von Zehdenick und Oranienburg, und hatten, vom Schloß bis zur Kirche hin, Spalier gebildet. An der Spitze des Zuges schritten sieben Geistliche, von denen der Zehdenicksche die Trauerrede hielt. Er gedachte des Verstorbenen als eines treuen Patrioten, eines Vaters seiner Untergebenen, eines immer bereiten Helfers der Armen, Witwen und Waisen. Und dabei hob er unter großer Bewegung aller derer, die die Gruft umstanden, hervor, daß er, als er dem nun in Gott Ruhenden in seiner letzten Lebensstunde noch eine Witwe zur Unterstützung empfohlen habe, nicht nur der altgewohnten Herzensgüte, sondern auch noch dem schönen und christlichen Worte begegnet sei: »Machen wir's gleich, Pastor; ich habe nicht viel Zeit mehr zu verlieren.« Und so sei sein letztes irdisches Tun jenes Wohltun gewesen, das überhaupt sein Leben ausgemacht habe.

So der Geistliche.

Danach aber trugen sie den zinnernen Sarg, dem man oben, nach Sitte des vorigen Jahrhunderts, eine Glasplatte gegeben, in die Gruft und setzten ihn an die Seite seiner ihm im Tode voraufgegangenen Gattin.

Und damit war der letzte Sproß des alten clevischen Geschlechts der Hertefelds zu seinen Vätern versammelt!

  1. Nach einer mir gewordenen Zuschrift muß es heißen: »den 27. Februar«. Ich lasse diese Zuschrift die mir auch nach andrer Seite hin bemerkenswert erscheint, hie folgen. »Dieser Karl von Hertefeld« (so heißt es darin) »starb am siebenundzwanzigsten Februar 1867 und wurde den 3. März in dem am Ostgiebel der Kirche befindlichen Familiengewölbe beigesetzt. Die letzten von ihm geschriebenen Zeilen, aus der Nacht vom 25. zum 26. Februar, sind an mich gerichtet, und ich bewahre dieselben als einen Schatz. Ebenso werd ich den Sterbetag des von mir hochverehrten Herrn von H., dessen Beamter ich von 1843 an bis zu seinem Tode war, immer als einen Trauertag ansehen. Ottermann, Rechnungsführer; Priemern bei Seehausen in der Altmark.« – Es hat etwas Erquickliches, dergleichen zu lesen, weil es Zeugnis ablegt von einem in unsren alten Provinzen immer noch vorhandenen gesunden Sinn, der sich freimütig zu Dank bekennt und, die Ordnungen Gottes als das hinnehmend, was sie sind, auf Nivellierung und »Egalité« verzichtet. Jeder ist was an der Stelle, wo er ist wenn er überhaupt was ist. Bescheidenheit und Demut hindern keinen.