Ludwig Bechstein
Der Brunnen des hl. Gangolfus
Der heilige Gangolfus hatte die Milseburg zum Lieblingsort seiner Verehrung ausersehen, und es war sein Wunsch und Wille, daß viele Menschen auf den geheiligten Berggipfel wallfahrten sollten, daher schien es nöthig, daß zur Labe der frommen Pilger und Bittgänger mindestens ein Brunnen am Berge fließe. Da kam nun eines Tages der Heilige nach Fulda, und sahe da in dem Garten eines Bürgers einen überaus frischen und klaren Brunnquell springen, den er für geeignet hielt, auf der Milseburg zu fließen. So trat er denn zu dem Eigenthümer des Gartens und redete ihn an mit der Frage, was der Brunnen kosten solle? Der Bürger zu Fulda war ein Schalk; er lachte innerlich über diese Frage, und dachte bei sich selbst: den Brunnen willst du/ ihm wohl verkaufen, aber nicht den Platz; forderte daher einen leidlichen Preis für den Brunnen, und der gute Heilige zahlte, was jener forderte, und sprach: Nun ist der Brunnen mein! – Ja, der Brunnen ist Dein, antwortete der Bürger höhnisch; aber der Platz, darauf er quillt, ist mein und bleibt mein, den habe ich Dir nicht mit verkauft. Meinte Wunder, wie er den Gangolfus angeführt habe. Doch der heilige Mann ging hin, und kaufte sich einen Kasten von Holz, den ließ er voll von dem Wasser des Brunnens laufen, und so wie der Kasten voll Wasser war, so hörte der Brunnen auf zu fließen, zu des Bürgers großem Schrecken. Ohne diesen weiter eines Wortes zu würdigen, trug der Heilige seinen Kasten auf die Milseburg, und goß ihn eine gute Strecke unterhalb des Gipfels aus. Da entstand alsbald jener kühle, klare und erquickende Brunnen, der unversiegbar und weit und breit in der ganzen Gegend berühmt ist, und bis auf den heutigen Tag der Gangolfsbrunnen heißt. Er wird als ein Heilbrunnen vom Volke verehrt, sein Wasser soll sich wohl verstopft, Jahre lang frisch und gut erhalten, und besonders heilsam für die Augen sein, aber auch noch die Eigenschaft haben, unfruchtbaren Frauen zu Kindersegen zu verhelfen.