Ludwig Bechstein

Im Gertles zwölf schlagen hören

Die Sage geht, wer es im Gertles zwölf schlagen hört, der kommt zu großem Glück; ein Solcher muß aber den Muth haben, jede der zwölf heiligen Nächte (vom Weihnachtsheiligabend bis zum h.(eiligen) Dreikönigtag) auf dem berufenen Felde zuzubringen. Ein Bauer aus Marisfeld war kühn genug zu diesem Wagniß, er ging jede Nacht in den Zwölften auf die öde Wüstung hinaus, und in einer derselben geschah, war er gewünscht, er hörte es plötzlich dich neben sich zwölf schlagen, aber es schlug mit einem so über alle Maßen entsetzlichen Ton, daß er bei den ersten Schlägen vor Schreck und Grauen zu Boden geschmettert wurde. Wie ein Todter blieb er in dumpfer Betäubung auf dem Felde liegen bis zum Morgen, wo er erwachte, sich mühsam aufraffte und bis in sein Dorf schleppte. Dort packte ihn ein heftiges Fieber und fesselte ihn ein Vierteljahr lang an das Krankenbett. Endlich/ besserte sich's mit ihm, und er fing wieder an zu arbeiten. Was er aber nun anfing, das glückte ihm und schlug ihm zum Nutzen aus, seine Scheuern füllten sich wie von selbst, seine Saaten blieben unverhagelt, seine Taschen wurden vom Geld nimmer leer, ja er durfte Steine säen, und es ging der schönste Waizen auf. Er wurde der reichste Mann des Ortes, das war seines Muthes Lohn. Darum ist in dieser Gegend das Sprichwort entstanden, wenn Einer schnell reich wird ohne sichtbare Ursache: Der hat es im Gertles zwölf schlagen hören.