Jakob und Wilhelm Grimm

516. Der Landvogt im Bad

Zu den Zeiten war auch ein Biedermann auf Allzellen im Wald gesessen, der hatte eine schöne Frau, die gefiel dem Landvogt und hätte sie gern zu seinem Willen gehabt. Weil er aber sah, daß das wider den Willen der Frau war, und sie ihn bat, abzustehen und sie unbekümmert zu lassen, denn sie wolle fromm bleiben: da dachte er die Frau zu zwingen. Eines Tages ritt er zu der Frauen Haus; da war der Mann ungefähr zu Holz gefahren; da zwang er die Frau, daß sie ihm ein Bad machen mußte, das tat sie unwillig. Da das Bad gemacht war, saß der Herr hinein und wollte, daß die Frau sich zu ihm ins Bad setzte; das war die gute Frau nicht willens und verzog die Sache, solange sie mochte, bat Gott, daß er ihre Ehre beschirmen und beschützen möge. Und Gott der Herr verließ sie in ihren Nöten nicht; denn da sie am größten waren, kam der Mann eben beizeit aus dem Walde; und wäre er nicht gekommen, so hätte die Frau des Herrn Willen tun müssen. Da der Mann gekommen war und seine Frau traurig stehen sah, fragte er, was ihr wäre, warum sie ihn nicht fröhlich empfänge. »Ach, lieber Mann«, sagte sie, »unser Herr ist da innen und zwang mich, ihm ein Bad zu richten; und wollte gehabt haben, daß ich zu ihm säße, seinen Mutwillen mit mir zu verbringen, das hab ich nicht wollen tun.« Der Mann sprach: »Ist dem also, so schweig still, und sei Gott gelobt, daß du deine Ehre behalten hast; ich will ihm schon das Bad gesegnen, daß er's keiner mehr tut.« Und ging hin zum Herrn, der noch im Bad saß und der Frauen wartete, und schlug ihn mit der Axt zu Tode. Das alles wollte Gott.