Jakob und Wilhelm Grimm

494. Der verlorene Kaiser Friedrich

Kaiser Friedrich war vom Papst in den Bann getan, man verschloß ihm Kirchen und Kapellen, und kein Priester wollte ihm die Messe mehr lesen; da ritt der edle Herr kurz vor Ostern, als die Christenheit das heilige Fest begehen wollte, darum, daß er sie nicht daran irren möchte, aus auf die Jagd. Keiner von des Kaisers Leuten wußte seinen Mut und Sinn; er legte ein edles Gewand an, das man ihm gesendet hatte von Indien, nahm ein Fläschlein mit wohlriechendem Wasser zu sich und bestieg ein edles Roß. Nur wenig Herren waren ihm in den tiefen Wald nachgefolgt; da nahm er plötzlich ein wunderbares Fingerlein in seine Hand, und wie er das tat, war er aus ihrem Gesicht verschwunden. Seit dieser Zeit sah man ihn nimmermehr, und so war der hochgeborne Kaiser verloren. Wo er hinkam, ob er in dem Wald das Leben verlor oder ihn die wilden Tiere zerrissen oder ob er noch lebendig sei, das kann niemand wissen. Doch erzählen alte Bauern, Friedrich lebe noch und lasse sich als ein Waller bei ihnen sehen; und dabei habe er öffentlich ausgesagt, daß er noch auf römischer Erde gewaltig werden und die Pfaffen stören wolle und nicht ehnder ablassen, er habe denn das Heilige Land wieder in die Gewalt der Christen gebracht; dann werde er »seines Schildes Last hangen an den dürren Ast«.