Jakob und Wilhelm Grimm

448. Karl belagerte Pavia

Desiderius floh mit Adelgis, seinem Sohn, und einer Tochter in die Mauern von Pavia, worin ihn Karl lange belagerte. Desiderius war gut und demütig; stets soll er, der Sage nach, um Mitternacht aufgestanden und in die Kirchen zum Gebet gegangen sein; die Tore der Kirchen öffneten sich ihm von selbst vor seinem bloßen Anblick. Während jener Belagerung schrieb nun die Königstochter einen Brief an König Karl und schoß ihn auf einer Armbrust über den Fluß Tessino; in dem Brief stand, wenn sie der König zum Ehegemahl nehmen wolle, werde sie ihm die Stadt und den Schatz ihres Vaters überliefern. Karl antwortete ihr so, daß die Liebe der Jungfrau nur noch stärker entzündet wurde. Sie stahl unter dem Haupt ihres schlafenden Vaters die Schlüssel der Stadt und meldete dem Frankenkönig, daß er sich diese Nacht bereite, in die Stadt zu rücken. Als sich das Heer den Toren nahte und einzog, sprang ihm die Jungfrau fröhlich entgegen, geriet aber im Gedränge unter die Hufe der Rosse und wurde, weil es finstre Nacht war, von diesen zertreten. Über dem Gewieher der Rosse erwachte Adelgis, zog sein Schwert und tötete viele Franken. Aber sein Vater verbot ihm, sich zu wehren, weil es Gottes Wille sei, die Stadt dem Feinde zu geben. Adelgis entfloh hierauf, und Karl nahm die Stadt und die königliche Burg in seinen Besitz.