Jakob und Wilhelm Grimm

425. Childerich und Basina

Childerich, Merowigs Sohn, hub an übel zu regieren und die Töchter der Edeln zu mißbrauchen; da warfen ihn die Franken vom Thron herab. Landflüchtig wandte er sich zu Bissinus, König der Thüringer, und fand bei ihm Schutz und ehrenvollen Aufenthalt lange Zeit hindurch. Er hatte aber unter den edelsten Franken einen vertrauten Freund gehabt, Winomadus mit Namen, der ihm, als er noch regierte, in allen Dingen riet und beistand. Dieser war auch zur Zeit, da der König aus dem Reiche vertrieben wurde, der Meinung gewesen, Childerich müsse sich notwendig entfernen und erwarten, daß sich allmählich sein übler Ruf in der Abwesenheit mindere; wogegen er sorgsam die Gemüter der Franken stets erforschen und wieder zu ihm hinlenken wolle. Zugleich nahm Winomad seinen Ring und teilte ihn in zwei Hälften, die eine gab er dem König und sprach: »Wenn ich dir die andere sende und beide Teile ineinanderpassen, so soll es dir ein Zeichen sein, daß dir die Franken wieder versöhnt sind, und dann säume nicht, in dein Vaterland zurückzukehren.«

Unterdessen wählten sich die Franken Ägidius, den Römer, zu ihrem König. Winomadus verstellte sein Herz und wurde bald dessen Vertrauter. Darauf beredete er ihn, nicht nur das Volk mit schweren Abgaben zu belasten, sondern selbst einige der Mächtigsten im Lande hinzurichten; dazu wählte aber Winomad klüglich gerade Childerichs Feinde aus. Die Franken wurden durch solche Grausamkeiten bald von Ägidius abgewandt, und es kam dahin, daß sie bereuten, ihren eingeborenen Herrn verwiesen zu haben.

Da sandte Winomad einen Boten mit dem halben Goldring nach Thüringen ab, von woher Childerich schnell wiederkehrte, sich allerwärts Volk sammelte und den Ägidius überwand.

Wie nun der König in Ruhe sein Reich beherrschte, machte sich Basina, des thüringischen Königs Bissinus Weib, auf, verließ ihren Gemahl und zog zu Childerich, mit dem sie, als er sich dort aufhielt, in vertrauter Liebe gelebt hatte. Dem Childerich sagte sie, kein Hindernis und keine Beschwerde habe sie abhalten können, ihn aufzusuchen; denn sie vermöge keinen Würdigern in der ganzen Welt zu finden als ihn. Childerich aber, der Wohltat, die ihm Bissinus erwiesen, vergessen, weil er ein Heide war, nahm Basina bei Lebzeiten ihres ersten Gemahls zur Ehe. In der Hochzeitnacht nun geschah es, daß Basina den König von der ehelichen Umarmung zurückwies, ihn hinaus vor die Türe der Königsburg treten und, was er da sehen werde, ihr hinterbringen hieß. Childerich folgte ihren Worten und sah vor dem Tore große wilde Tiere, Parder, Einhörner und Löwen, wandeln. Erschrocken eilte er zu seiner Gemahlin zurück und verkündigte ihr alles. Sie ermahnte ihn, ohne Sorge zu sein und zum zweitenmal hinauszugehen. Da sah der König Bären und Wölfe wandeln und hinterbrachte es der Königin, die ihn auch zum drittenmal hinaussandte. Dieses drittemal erblickte er Hunde und kleinere Tiere, die sich untereinander zerrissen. Staunend stieg er ins Ehebett zurück, erzählte alles und verlangte von seiner weisen Frau Auslegung, was diese Wunder bedeuteten. Basina hieß den König die Nacht keusch und enthaltsam zubringen, bei anbrechendem Tag solle er alles erfahren. Nach Sonnenaufgang sagte sie ihm: »Dies bezeichnet zukünftige Dinge und unsere Nachkommen. Unser erster Sohn wird mächtig und stark gleich einem Löwen oder Einhorn werden, seine Kinder raubgierig und frech wie Wölfe und Bären; deren Nachkommen und die Letzten aus unserm Geschlecht feig wie die Hunde. Aber das kleine Getier, was du gesehen hast sich untereinander zerreißen, bedeutet das Volk, welches sich nicht mehr vor dem König scheut, sondern untereinander in Haß und Torheit verfolgt. Dies ist nun die Auslegung der Gesichter, die du gehabt hast.« Childerich aber freute sich über die ausgebreitete Nachkommenschaft, die aus ihm erwachsen sollte.