Jakob und Wilhelm Grimm

385. Urajas und Ildebad

Urajas, der Gote, hatte eine Ehefrau, reich an Vermögen und schön an Gestalt. Diese ging einmal ins Bad, angetan in herrlichem Schmuck und begleitet von einer Menge Dienstfrauen. Da sah sie im Bade sitzen Ildebads, des Königes, Gemahlin in schlechten Kleidern, grüßte sie nicht demütig, wie es sich vor einer Königin ziemt, sondern sprach höhnende Reden aus stolzem Mut. Denn es war Ildebads Einkommen noch gering und seine Macht noch nicht königlich.

Allein diesen Schimpf ertrug die Königin nicht, entbrannte vor Schmerz und ging zu ihrem Gemahl; den bat sie mit Tränen, daß er das von Urajas Frau ihr zugefügte Unrecht räche. Bald darauf schuldigte Ildebad den Urajas bei den Goten an, daß er zum Feinde übergehen wollte, und nicht lange darauf brachte er ihn hinterlistig ums Leben. Darüber fingen die Goten an, sich in Haß und Zwietracht zu spalten, und Wilas, ein Gepide, beschloß, den König zu morden. Als Ildebad eben am Gastmahl saß und aß, hieb ihm Wilas unversehens mit dem Schwert in den Nacken, so daß seine Finger noch die Speise hielten, während sein abgeschnittenes Haupt auf den Tisch fiel und alle Gäste sich entsetzten.