Jakob und Wilhelm Grimm

384. Theoderichs Seele

Zu den Zeiten Theoderichs, Königs der Ostgoten, kehrte ein Mann von einer nach Sizilien getanen Reise wieder nach Italien zurück; sein Schiff, vom Sturm verschlagen, trieb zu der Insel Liparis. Daselbst wohnte ein frommer Einsiedel, und während seine Schiffsleute das zerbrochene Gerät wieder einrichteten, beschloß der Mann, hin zu dem Heiligen zu gehen und sich dessen Gebet zu empfehlen. Sobald der Einsiedel ihn und die andern Begleitenden kommen sah, sagte er im Gespräch: »Wißt ihr schon, daß König Theoderich gestorben ist?« Sie antworteten schnell: »Unmöglich, denn wir verließen ihn lebendig und haben nichts dergleichen von ihm gehört.« Der Diener Gottes versetzte: »Er ist aber gestorben, denn gestern am Tage um die neunte Stunde sah ich, daß er entgürtet und entschuht1), mit gebundenen Händen, zwischen Johannes dem Papst und Symmachus dem Patrizier hergeführt und in den Schlund des benachbarten Vulkans gestürzt wurde.« Die Leute schrieben sich Tag und Stunde genau, wie sie gehört hatten, auf, reisten heim nach Italien und vernahmen, daß Theoderich gerade zu jener Zeit gestorben war. Und weil er den Papst Johannes im Gefängnisse totgemartert und den Patrizier Symmachus mit dem Schwert enthauptet hatte: so wurde er gerecht von denen ins Feuer geleitet, die er ungerecht in seinem Leben gerichtet hatte.

  1. Discinctus et discalceatus, in der Weise eines vogelfreien Verbannten. Lex salica, Tit. 61.