Jakob und Wilhelm Grimm

369. Wanderung der Goten

Aus der Insel Schanze (Scanzia) brachen die Völker wie ein Schwarm Bienen hervor. Die Goten nämlich fuhren von da unter Berich, ihrem Könige; dem Ort, wo sie aus den Schiffen zuerst landeten, legten sie den Namen Gotenschanze bei. Drauf zogen sie zu den Ulmrügern, die am Meerufer wohnten, und besiegten sie. Dann schlugen sie die Vandalen, deren Nachbarn. Als aber ihres Volkes Menge mächtig wuchs und schon seit Berich ihr fünfter König, namens Filimer, herrschte, wurde beschlossen, daß er mit den Goten weiterziehen möchte. Da nun diese sich eine gute Niederlassung aussuchen wollten, kamen sie nach Szythien ins Land Ovin, wo ein Teil des Heers durch eine gebrochene Brücke abgeschnitten wurde. Die, welche den Fluß glücklich hinübergegangen waren, zogen weiter bis an das äußerste Ende Szythiens an das Schwarze Meer.

Sie waren anfangs aus Skanzien unter Berich bloß mit dreien Schiffen ausgefahren. Von diesen Schiffen fuhr eins langsamer wie die andern, darum wurde es Gepanta (das gaffende1)) geheißen, und davon bekam der Stamm den Unnamen der Gepiden. Denn sie sind auch groß von Leib und träg an Geist. Diese Gepiden blieben auf einer Insel der Weichsel wohnen, die Ostgoten und Westgoten zogen weiter fort, ließen sich aber auch eine Weile nieder. Dann führten sie Krieg mit den Gepiden, schlugen sie und teilten sich nachher selbst voneinander ab; jeder Stamm wanderte seine eigenen Wege.

  1. Die gewöhnliche Ableitung von beiten (got. beidan), warten, ist unzulässig, die hier gegebene von gapan, gepan, unserm gaffen, dagegen natürlich; das Wort bedeutet: das Maul aufsperren, stutzen, gähnen und hat gleich dem lat. hiare den Nebensinn von harren, faul und unentschlossen sein. Diese ganze Erklärung des Namens ist indessen sagenmäßig und, wie in solchen Fällen insgemein, nie die eigentliche.