Jakob und Wilhelm Grimm

297. Der Hirt auf dem Kyffhäuser

Etliche sprechen, daß bei Frankenhausen in Thüringen ein Berg liege, darin Kaiser Friedrich seine Wohnung habe und vielmal gesehen worden. Ein Schafhirt, der auf dem Berge hütete und die Sage gehört hatte, fing an, auf seiner Sackpfeife zu pfeifen, und als er meinte, er habe ein gutes Hofrecht gemacht, rief er überlaut: »Kaiser Friedrich, das sei dir geschenkt!« Da soll sich der Kaiser hervorgetan, dem Schäfer offenbart und zu ihm gesprochen haben: »Gott grüß dich, Männlein, wem zu Ehren hast du gepfiffen?« - »Dem Kaiser Friedrich«, antwortete der Schäfer. Der Kaiser sprach weiter: »Hast du das getan, so komm mit mir, er soll dir darum lohnen.« Der Hirt sagte: »Ich darf nicht von den Schafen gehen.« Der Kaiser aber antwortete: »Folge mir nach, den Schafen soll kein Schaden geschehen.« Der Hirt folgte ihm, und der Kaiser Friedrich nahm ihn bei der Hand und führte ihn nicht weit von den Schafen zu einem Loch in den Berg hinein. Sie kamen zu einer eisernen Tür, die alsbald aufging. Nun zeigte sich ein schöner, großer Saal, darin waren viel Herren und tapfre Diener, die ihm Ehre erzeugten. Nachfolgends erwiese sich der Kaiser auch freundlich gegen ihn und fragte, was er für einen Lohn begehre, daß er ihm gepfiffen? Der Hirt antwortete: »Keinen.« Da sprach aber der Kaiser: »Geh hin und nimm von meinem güldnen Handfaß den einen Fuß zum Lohn.« Da tat der Schäfer, wie ihm befohlen ward, und wollte darauf von dannen scheiden, da zeigte ihm der Kaiser noch viel seltsame Waffen, Harnische, Schwerter und Büchsen, und sprach, er sollte den Leuten sagen, daß er mit diesen Waffen das Heilige Grab gewinnen werde. Hierauf ließ er den Hirt wieder hinausgeleiten, der nahm den Fuß mit, brachte ihn den andern Tag zu einem Goldschmied, der ihn für echtes Gold anerkannte und ihm abkaufte.