Jakob und Wilhelm Grimm

266. Glocke läutet von selbst

In einer berühmten Reichsstadt hat im Jahr 1686, am 27. März, die sogenannte Marktglocke von sich selbst drei Schläge getan, worauf bald hernach ein Herr des Rats, welcher zugleich auch Marktherr war, gestorben.

In einem Hause fing sechs oder sieben Wochen vor dem Tode des Hausherrn eine überaus helle Glocke an zu läuten, und zwar zu zweien verschiedenen Malen. Da der Hausherr damals noch frisch und gesund, seine Ehefrau aber bettlägerig war, so verbot er dem Gesinde, ihr etwas davon zu sagen, besorgend, sie möchte erschrecken, von schwermütiger Einbildung noch kränker werden und gar davon sterben. Aber diese Anzeigung hatte ihn selbst gemeint, denn er kam ins Grab, seine Frau aber erholte sich wieder zu völliger Gesundheit. Siebzehn Wochen nachher, als sie ihres seligen Eheherrn Kleider und Mäntel reinigt und ausbürstet, fängt vor ihren Augen und Ohren die Tennenglocke an sich zu schwingen und ihren gewöhnlichen Klang zu geben. Acht Tage hernach erkrankt ihr ältester Sohn und stirbt in wenigen Tagen. Als diese Witwe sich wieder verheiratet und mit ihrem zweiten Mann etliche Kinder zeugte, sind diese wenige Wochen nach der Geburt gleich den Märzblumen verwelkt und begraben. Da dann jedesmal jene Glocke dreimal nacheinander stark angezogen wurde, obgleich das Zimmer, darin sie gehangen, versperrt war, so daß niemand den Draht erreichen konnte.

Einige glauben, dieses Läuten (welches oft nicht von den Kranken und Sterblägrigen, sondern nur von andern gehört wird) geschehe von bösen Geistern, andere dagegen: von guten Engeln. Wiederum andere sagen, es komme von dem Schutzgeist, welcher den Menschen warnen und erinnern wollte, daß er sich zu seinem heraneilenden Ende bereite.