Jakob und Wilhelm Grimm

243. Das Bubenried

In der Großbieberauer Gemarkung liegt ein Tal gegen Überau zu, das nennen die Leute das Bubenried und gehen nicht bei nächtlicher Weile dadurch, ohne daß ihnen die Hühnerhaut ankommt. Vorzeiten, als Krieg und Hungersnot im Reich war, gingen zwei Bettelbuben von Überau zurück, die hatten sich immer zueinander gehalten, und in dem Tal pflegten sie immer ihr Almosen zu teilen. Sie hatten heut nur ein paar Blechpfennige gekriegt, aber dem einen hatte der reiche Schulze ein Armenlaibchen geschenkt, das könne er mit seinem Gesellen teilen. Wie nun alles andre redlich geteilt war und der Bub das Brot aus dem Schubsack zog, roch es ihm so lieblich in die Nase, daß er's für sich allein behalten und dem andern nichts davon geben wollte. Da nahm der Friede sein Ende, sie zankten sich, und von den Worten kam's zum Raufen und Balgen, und als keiner den andern zwingen konnte, riß sich jeder einen Pfahl aus dem Pferch. Der böse Feind führte ihnen die Kolben, und jeder Bub schlug den andern tot. Drei Nächte lang nach dem Mord regte sich kein Blatt und sang kein Vogel im Ried, und seitdem ist es da ungeheuer, und man hört die Buben wimmern und winseln.