Jakob und Wilhelm Grimm

212. Traum vom Schatz auf der Brücke

Es hat auf eine Zeit einem getraumt, er solle gen Regensburg gehen auf die Brücken, da sollt er reich werden. Er ist auch hingegangen, und da er einen Tag oder vierzehn allda gegangen hat, ist ein reicher Kaufmann zu ihm kommen, der sich wunderte, was er alle Tage auf der Brücke mache, und ihn fragte, was er da suche. Dieser antwortete: »Es hat mir getraumt, ich soll gen Regensburg auf die Brücke gehen, da würde ich reich werden.« - »Ach«, sagte der Kaufmann, »was redest du von Träumen, Träume sind Schäume und Lügen; mir hat auch getraumt, daß unter jenem großen Baume (und zeigte ihm den Baum) ein großer Kessel mit Geld begraben sei, aber ich acht sein nicht, denn Träume sind Schäume.« Da ging der andere hin, grub unter dem Baum ein, fand einen großen Schatz, der ihn reich machte, und sein Traum wurde ihm bestätigt.

Agricola fügt hinzu: »Das hab ich oftmals von meinem lieben Vater gehört.« Es wird aber auch von andern Städten erzählt, wie von Lübeck (Kempen), wo einem Bäckerknecht träumt, er werde einen Schatz auf der Brücke finden. Als er oft darauf hin und her geht, redet ihn ein Bettler an und fragt nach der Ursache und sagt hernach, ihm habe getraumt, daß auf dem Kirchhof zu Mölken unter einer Linde (zu Dordrecht unter einem Strauche) ein Schatz liege, aber er wolle den Weg nicht daranwenden. Der Bäckerknecht antwortet: »Ja, es träumt einem oft närrisch Ding, ich will mich meines Traums begeben und Euch meinen Brückenschatz vermachen;« geht aber hin und hebt den Schatz unter der Linde.