Jakob und Wilhelm Grimm

209. Der Teufel führt die Braut fort

In Sachsen hatte eine reiche Jungfrau einem schönen, aber armen Jüngling die Ehe verheißen. Dieser, weil er sahe, was kommen würde, da sie reich und nach ihrer Art wankelmütig war, sprach zu ihr, sie werde ihm nicht Glauben halten. Sie fing an sich zu verschwören mit diesen Worten: »Wann ich einen andern denn dich nehme, so hole mich der Teufel auf der Hochzeit!« Was geschieht? Nach geringer Zeit wird sie andern Sinnes und verspricht sich einem andern mit Verachtung des ersten Bräutigams, welcher sie ein- oder etlichemal der Verheißung und des großen Schwurs erinnerte. Aber sie schlug alles in den Wind, verließ den ersten und hielt Hochzeit mit dem andern.

Am hochzeitlichen Tage, als die Verwandten, Freunde und Gäste fröhlich waren, ward die Braut, da ihr das Gewissen aufwachte, trauriger, als sie sonst zu sein pflegte. Endlich kommen zwei Edelleute in das Brauthaus geritten, werden als fremde geladene Gäste empfangen und zu Tisch geführt. Nach Essenszeit wird dem einen von Ehren wegen, als einem Fremden, der Vorreigen mit der Braut gebracht, mit welcher er einen Reihen oder zwei tät und sie endlich vor ihren Eltern und Freunden mit großem Seufzen und Heulen zur Tür hinaus in die Luft führte.

Des andern Tages suchten die betrübten Eltern und Freunde die Braut, daß sie sie, wo sie etwan herabgefallen, begraben möchten. Siehe, da begegneten ihnen eben die Gesellen und brachten die Kleider und Kleinode wieder mit diesen Worten: »Über diese Dinge hatten wir von Gott keine Gewalt empfangen, sondern über die Braut.«