Jakob und Wilhelm Grimm

185. Der Herrgottstritt

Auf einem Felsen der Alb bei Heuberg, in einem anmutigen, von der Rems durchflossenen Tal, liegen Trümmer der Burg Rosenstein, und unlängst sah man die Spur eines schönen menschlichen Fußes im Stein, den aber die Regierung mit Pulver hat versprengen lassen, weil Aberglauben damit getrieben wurde. Gegenüber auf dem Scheulberg1) stehet die ähnliche Spur eines Tritts landeinwärts, wie auf dem Rosenstein auswärts. Gegenüber im Walde ist die Kapelle der wundertätigen Maria vom Beißwang2). Links eine Kluft, geheißen Teufelsklinge, aus der bei anhaltendem Regen trübes Wasser fließt; hinterm Schloß ein gehöhlter Felsen namens Scheuer.

Vor grauer Zeit zeigte von diesem Berge herab der Versucher Christo die schöne Gegend, das Remstal, die Lein, Ellwangen, Rechberg, Staufen, und bot sie ihm an, wenn er vor ihm kniebeugen wollte. Alsbald befahl Christus der Herr ihm zu entweichen, und der Satan stürzte den Berg hinab. Allein er wurde verflucht, tausend Jahre in Ketten und Banden in der Teufelsklinge zu liegen, und das trübe Wasser, das noch daraus strömt, sind seine teuflischen Tränen. Christus tat aber einen mächtigen Schritt übers Gebirg, und wo er seine Füße hingesetzt, drückten sich die Spuren ein3).

Später, lang darauf, bauten die Herrn von Rosenstein hier eine Burg und waren Raubritter, welche das Raubgut in der Scheuer bargen. Einmal gab ihnen der Teufel ein, daß sie die Waldkapelle stürmen möchten. Kaum aber waren sie mit dem Kirchengut heimgekehrt, als sich ein ungeheurer Sturm hob und das ganze Raubnest zertrümmerte. Indem hörte man den Teufel laut lachen.

  1. Bei Seyfried: Schawelberg. Jenes der linke, dieses der rechte Fuß.  
  2. Gestiftet von Friedrich mit dem Biß in der Wange.  
  3. Zeiler erzählt abweichend: Christus auf der Flucht vor den Juden habe die Merkzeichen eingedrückt. Die Leute holen sich allda Augenwasser. Seine Quelle ist Crusii Liber paral., p. 48.