Jakob und Wilhelm Grimm

179. Die Spinnerin am Kreuz

Dicht bei Wien, wenn man die Vorstadt Landstraße hinausgeht, stehet ein steinernes, gut gearbeitetes Heiligenbild, unbedenklich über zwei Jahrhunderte alt. Davon geht die Sage: Eine arme Frau habe zu Gottes Ehren dieses Heiligtum wollen aufrichten lassen und also so lang gesponnen, bis sie für ihren Verdienst nach und nach das zum Bau nötige Geld zusammengebracht1).

Zwischen Calw und Zabelstein steht an der Straße ein steinernes Kreuz, worin ein Spinnrocken und die Jahreszahl 1447 gehauen ist. Ein siebzigjähriger Mann erzählte, einst von einem Hundertjährigen gehört zu haben, es wäre eine arme Spinnerin gewesen, allda im greulich tiefen Schnee erstickt.

  1. Diz ist ein mere, wie eine arme spinnerin mit einem helbeling ein munster eines koniges vollbracht. Colocz, XXXVI.