Jakob und Wilhelm Grimm

131. Der Blumenstein

Als auf dem Blumenstein bei Rotenburg in Hessen noch Ritter lebten, wettete eines Abends ein junges, mutiges Bauernmädchen in dem benachbarten Dorf Höhnebach, daß es um Mitternacht bei Mondschein hinaus auf die furchtbare Burg gehen und ein Ziegelstück herabholen wollte. Sie wagte auch den Gang, holte das Wahrzeichen und wollte eben wieder zurückgehen, als ihr ein Hufschlag in der stillen Nacht entgegenklang. Schnell sprang sie unter die Zugbrücke, und kaum stand sie darunter, so kam auch schon der Ritter herein und hatte eine schöne Jungfrau vor sich, die er geraubt und deren köstliche Kleidungsstücke er hinten aufgepackt hatte. Indem er über die Brücke ritt, fiel ein Bündel davon herab, den hob das Bauernmädchen auf und eilte schnell damit fort. Kaum aber hatte sie die Hälfte des Spisses, eines Berges, der zwischen Höhnebach und dem Blumenstein liegt, erstiegen, so hörte sie, wie der Ritter schon wieder über die Zugbrücke ausritt und wahrscheinlich den verlorenen Bündel suchen wollte. Da blieb ihr nichts übrig, als den Weg zu verlassen und sich in den dicken Wald zu verbergen, bis er vorüber war. Und so rettete es seine Beute und brachte das Wahrzeichen glücklich nach Haus.

Andere erzählen ähnlich von andern Orten mit folgender weiterer Ausführung: Das Mädchen sah, wie der Reiter die Jungfrau mordete. Sie ließ ihr Bündel, vom Räuber ungesehen, fallen, das hob das Mädchen auf. Beim Öffnen fand es kostbare Kleider und andern Schmuck darin, darum verschwieg es den Fund, sagte lieber, es wäre aus zu großer Angst nicht an dem Ort gewesen. Mit der Zeit brachte es nach und nach ein Stück davon hervor, als wenn es sie selbst angeschafft hätte, endlich bei einem Tanz hatte es alle die prächtigen Kleider an. Da war ein Fremder, der es fest anschaute, mit ihr tanzte und zuletzt heimführen wollte. Auf dem Weg nach des Mädchens Dorf zog er plötzlich ein Messer und wollte es erstechen; sie rief aber um Hilfe, und er wurde verhaftet. Er war jener Mörder.