Jakob und Wilhelm Grimm

92. König Grünewald

Auf dem Christenberg in Oberhessen wohnte vor alters ein König, und stand da sein Schloß. Und er hatte auch eine einzige Tochter, auf die er gar viel hielt und die wunderbare Gaben besaß. Nun kam einmal sein Feind, ein König, der hieß Grünewald, und belagerte ihn in seinem Schlosse, und als die Belagerung lange1) dauerte, so sprach dem König im Schlosse seine Tochter immer noch Mut ein. Das währte bis zum Maientag. Da sah auf einmal die Tochter, wie der Tag anbrach, das feindliche Heer herangezogen kommen mit grünen Bäumen. Da wurde es ihr angst und bang, denn sie wußte, daß alles verloren war, und sagte ihrem Vater:

»Vater, gebt Euch gefangen, der grüne Wald kommt gegangen!«

Darauf schickte sie ihr Vater ins Lager König Grünewalds, bei dem sie ausmachte, daß sie selbst freien Abzug haben sollte und noch dazu mitnehmen dürfte, was sie auf einen Esel packen könnte. Da nahm sie ihren eigenen Vater2), packte ihn drauf samt ihren besten Schätzen und zog nun fort. Und als sie eine gute Strecke in einem fort gegangen und ermüdet waren, sprach die Königstochter. »Hier wollemer ruhen!« Daher hat ein Dorf den Namen, das dort liegt (Wollmar, eine Stunde vom Christenberg, in der Ebene). Bald zogen sie weiter durch Wildnisse hin ins Gebirg, bis sie endlich einen Flecken fanden; da sagte die Königstochter: »Hier hat's Feld!« und da blieben sie und bauten ein Schloß und nannten es Hatzfeld. Dort sind noch bis auf den heutigen Tag die Überbleibsel, und die Stadt dabei hat auch von der Burg den Namen. (Hatzfeld, ein Städtchen an der Eder, im Gebirg, gegen vier Stunden vom Christenberge westlich.)

  1. Neun Jahre. Einmal täuschte er die Feinde durch gebackene Kuchen, die er von der Burg hinabrollen ließ, während die Belagerer hungerten. Daher noch der Name des Hungertals in der Gegend.  
  2. Nach andern tut es die Königin, nicht die Tochter.