Daniel Defoe

Achtes Kapitel

Die Flüchtlinge im Canoe ruderten mit allen Kräften, um aus unserer Schußweite zu kommen. Freitag gab mehre Male Feuer auf sie, schien jedoch keinen getroffen zu haben. Er zeigte große Lust, sie in einem ihrer Kähne zu verfolgen. Da ich sie mit Sorgen entfliehen sah, bei dem Gedanken, daß sie ihren Landsleuten Kunde von dem Geschehenen bringen und vielleicht zu mehren Hunderten wiederkommen und uns dann durch die Uebermacht bewältigen würden, willigte ich auch in sein Verlangen ein. Ich eilte nach einem der zurückgebliebenen Boote, sprang hinein und gebot Freitag mir zu folgen. Aber wie war ich überrascht, als ich in dem Fahrzeug einen unglücklichen Menschen, gleich dem Spanier an Händen und Füßen gebunden, liegen fand, der offenbar wie jener zum Schlachten bestimmt war. Er war halb todt vor Schrecken und begriff Nichts von dem, was vorging. Denn er hatte sich nicht über den Rand des Bootes emporrichten und umschauen können, und die festen Bande, die ihm den Kopf und die Fersen nahe zusammengeschnürt hielten, hatten ihn so gepeinigt, daß kaum noch ein Rest von Leben in ihm zu sein schien.

Ich durchschnitt sofort seine Bande und versuchte ihm aufzuhelfen. Aber er vermochte weder sich aufrecht zu halten, noch zu sprechen, sondern stöhnte nur jammervoll, weil er, wie es schien, glaubte, er werde nur losgebunden, um getödtet zu werden. Als Freitag herbeigekommen war, forderte ich ihn auf, den Unglücklichen anzureden und ihm seine Befreiung anzukündigen, indem ich zugleich meine Flasche an Freitag gab, damit er dem Aermsten einen Schluck Rum reiche. Der Trunk und die Kunde von seiner Errettung belebten den Gefangenen und er setzte sich aufrecht ins Boot. Als aber Freitag ihn sprechen hörte und ihm ins Gesicht sah, da hätte es Jeden zu Thränen rühren müssen, wie er den Gefangenen plötzlich umarmte, küßte, ihn an sich drückte und dabei schrie, lachte, jubelte, hüpfte und sang; wie er dann wieder heftig weinte, die Hände rang, sich Kopf und Gesicht schlug und hierauf wieder singend umhersprang, gleich einem Verrückten.

Es währte eine gute Weile, bis ich ihn dazu brachte, mir Rede zu stehen. Dann aber, als er endlich ein wenig zu sich gekommen war, sagte er mir, dieser Mensch sei Niemand anders als sein eigner Vater.

Es wäre nicht leicht zu beschreiben, wie mich der Anblick der Ausbrüche des Entzückens und der kindlichen Liebe des armen Wilden bei dem Wiedersehen seines Vaters und dessen Errettung vom Tode bewegte. Auch nicht entfernt aber vermöchte ich die närrischen Kundgebungen seiner Liebe zu schildern. Er sprang zahllose Male in das Boot und wieder heraus. Er setzte sich neben seinen Vater, preßte dessen Kopf an seine offene Brust und hielt ihn dicht daran gedrückt, wie eine Mutter ihren Säugling. Dann rieb er ihm die durch die Bande starr gewordenen Glieder und erwärmte sie in seinen Händen. Ich gab ihm aus meiner Flasche etwas Rum und hieß ihn damit die Extremitäten des Alten einzureiben, was diesem offenbar sehr gut that.

Dies Ereigniß hatte natürlich unserer Verfolgung der Wilden in dem anderen Canoe, die uns jetzt fast aus dem Gesichte waren, ein Ende gemacht. Und das war gut. Denn zwei Stunden später, noch ehe die Flüchtlinge den vierten Theil ihres Heimweges zurückgelegt haben konnten, erhob sich ein so starker Wind, und es stürmte ihrer Fahrt entgegen aus Nordwest die ganze Nacht hindurch so heftig, daß ich nothwendig annehmen mußte, das Boot der Flüchtlinge sei untergegangen, und sie selbst seien niemals wieder an ihre heimische Küste gelangt.

Um wieder auf Freitag zurück zu kommen, so war dieser dermaßen beschäftigt mit seinem Vater, daß ich ihn eine Zeitlang nicht abrufen mochte. Als ich ihn dann auf kurze Zeit für abkömmlich erachtete, rief ich ihn zu mir. – Er kam springend und lachend in vollem Entzücken herbei. Auf meine Frage, ob er seinem Vater etwas Brod gegeben, antwortete er kopfschüttelnd: »Nein, schlechter Hund ich, selbst Alles gegessen auf«. Hierauf reichte ich ihm aus meiner eignen Tasche ein Stück Brod, gab ihm auch für sich selbst etwas Rum, doch trank er nicht davon, sondern brachte Alles zu seinem Vater. Auch einige Rosinen reichte ich ihm. – Kaum hatte der Alte diese Dinge erhalten, als ich Freitag wieder aus dem Boot springen und so schnell davon rennen sah, als ob er behext sei. Er war der schnellste Läufer, der mir je vorgekommen ist. Im Nu schwand er mir aus den Augen, und wie laut ich auch rief und ihm nachschrie, es half Nichts. Nach einer Viertelstunde erst kehrte er langsam zurück, denn sein Lauf war gehemmt durch Etwas, was er in den Händen trug. Er war nämlich in unserer Behausung gewesen, um in einem Kruge für seinen Vater frisches Wasser zu holen. Außerdem hatte er einige Gerstenkuchen mitgebracht, die er mir gab, während er das Wasser seinem Vater reichte, nachdem ich jedoch, da ich gleichfalls sehr durstig war, auch davon einen kleinen Schluck genommen hatte. Dieser Trunk belebte den Alten mehr, als es mein Rum vermocht hatte, denn er war fast vor Durst umgekommen.

Nachdem der Greis getrunken und Freitag noch etwas Wasser übrigbehalten hatte, befahl ich ihm, das dem armen Spanier zu bringen, der desselben nicht minder bedürftig war. Auch von dem Brode schickte ich jenem, da ich sah, daß er vor Schwäche in dem Schatten eines Baumes auf einem grünen Platze niedergesunken war. Seine Glieder waren gleichfalls durch die Bande steif und geschwollen. Als Freitag zu ihm gekommen, erhob er sich, trank und aß von dem Brod. Nun ging auch ich zu ihm und reichte ihm eine Handvoll Rosinen. Er sah mir mit dem Ausdruck höchster Dankbarkeit ins Gesicht, war aber, wiewohl er sich in dem Gefecht so tapfer gehalten, jetzt so schwach, daß er nicht auf den Füßen stehen konnte. Er versuchte es wiederholt, aber vergebens, da ihn die angeschwollenen Beine zu sehr schmerzten. Ich ließ daher auch ihm durch Freitag die Glieder mit Rum einreiben.

Während Freitag diesem Befehl Folge leistete, sah ich, wie der gute Bursch alle paar Minuten den Kopf nach seinem Vater umwendete, um zu sehen, ob er noch an derselben Stelle sitze, auf der er ihn verlassen. Als er ihn plötzlich nicht mehr bemerkte, sprang er, ohne ein Wort zu sagen, auf und eilte so rasch, als ob er mit den Füßen den Erdboden nicht berühre, fort. Sobald er jedoch, an dem Ort, wo der Alte gesessen, angekommen, wahrgenommen hatte, daß dieser sich nur, um die geschwollenen Glieder zu ruhen, gelegt hatte, kehrte er sofort zurück.

Ich machte jetzt dem Spanier den Vorschlag, er möge sich von Freitag aufrichten, zu dem Boote bringen und darin nach unserer Wohnung fahren lassen, wo ich weiter für ihn Sorge tragen wollte. Freitag aber, ein starker Bursch wie er war, nahm den Fremden kurzer Hand auf den Rücken, trug ihn ins Canoe, setzte ihn neben seinen Vater, stieß das Boot ab und ruderte es trotz des widrigen Windes schneller an der Küste entlang, als ich gehen konnte. Nachdem er die Beiden in der Bucht sicher geborgen, holte er windschnell das andere Canoe und hatte auch dies fast noch eher, als ich an die Bucht gelangte, in diese hereingerudert. Er setzte mich nun über das Wasser und half dann unseren neuen Gefährten aus dem Boot.

Diese aber zeigten sich unfähig zum Gehen, und Freitag wußte nicht, was er jetzt anfangen sollte. Da verfiel ich auf ein Auskunftsmittel. Ich befahl Freitag, die Beiden an den Strand niederzusetzen, fertigte dann mit ihm eine Art Tragbahre an und so trugen wir die zwei Invaliden fort.

An die äußere Umfriedigung meiner Festung gelangt, stießen wir auf eine neue Schwierigkeit. Es war unmöglich die beiden Männer über jene zu bringen, und doch wollte ich meinen Zaun nicht zerstören. Aber auch hier ersann ich einen Ausweg. Binnen etwa zwei Stunden errichtete ich nämlich mit Freitag zwischen der ersten Umhegung und dem von mir angepflanzten Buschwerk aus alten Segeln und darüber gedeckten Baumzweigen ein hübsches Zelt, und unter diesem bereiteten wir aus dem vorhandenen brauchbaren Material, nämlich aus Reisstroh und mehren wollenen Decken, zwei Betten für unsere Gäste.

Meine Insel war jetzt auf einmal bevölkert, und ich glaubte einen förmlichen Reichthum an Unterthanen zu besitzen. Oft vergnügte mich von da an der Gedanke, daß meine Lage der eines Königs so sehr ähnlich sei. War ja doch das ganze Land mein Eigenthum, und hatte ich doch ein unbestreitbares Herrschaftsrecht an demselben! Meine Mitbewohner hatten sich mir vollkommen unterworfen, ich war ihr absoluter Herr und Gesetzgeber. Sie dankten mir sämmtlich ihr Leben und waren bereit, es, wenn's Noth thäte, auch für mich dahin zu geben. Merkwürdig schien mir, daß von meinen drei Unterthanen jeder sich zu einer andern Religion bekannte. Freitag war Protestant, sein Vater ein Heide und Cannibale, der Spanier ein Katholik. Uebrigens gewährte ich, beiläufig bemerkt, in meinen Besitzungen Jedermann völlige Gewissensfreiheit.

Sobald meine geretteten Gefangenen unter ihrem Obdach einen Ruheplatz gefunden hatten, sann ich auf eine Mahlzeit für sie. Ich befahl Freitag eine halb ausgewachsene Ziege aus meiner Heerde zu schlachten, theilte das Hinterviertel derselben in kleine Stücke, ließ es durch Freitag kochen und sieden und bereitete aus Fleisch und Bouillon, in die ich auch etwas Gerste und Reis that, ein vortreffliches Essen. Hierauf brachte ich Alles in das neue Zelt, setzte meinen Gästen einen Tisch vor, ließ mich daran mit ihnen nieder, und während ich mit ihnen das Zubereitete verzehrte, suchte ich sie möglichst zu erheitern und aufzumuntern. Freitag diente mir dabei als Dolmetscher, nicht nur seinem Vater, sondern auch dem Spanier gegenüber, denn dieser verstand die Sprache der Wilden vollkommen.

Nach unserem Mittags- oder richtiger Abendessen ließ ich durch Freitag in einem der Boote die in der Eile auf dem Schlachtfeld zurückgelassenen Feuerwaffen holen. Am nächsten Tage befahl ich ihm dann, die Leichen der Wilden, die der Sonne ausgesetzt waren und leicht unserer Gesundheit nachtheilig werden konnten, sowie auch die schrecklichen Reste des barbarischen Mahles zu begraben. Diese nämlich waren in großer Menge vorhanden. Ich selbst aber hätte mich nicht mit ihnen befassen, ja sogar nicht einmal ihren Anblick vertragen können, wenn ich zufällig des Weges gekommen wäre. Freitag vollzog meine Befehle pünktlich und vertilgte die Spuren der Wilden so gründlich, daß ich die Stelle, wo sie gelagert hatten, nur noch an dem dort befindlichen Vorsprung des Waldes zu erkennen vermochte.

In meiner Unterredung mit meinen zwei neuen Unterthanen ließ ich zunächst durch Freitag dessen Vater befragen, was er über die Flucht der Wilden in dem Canoe denke und ob er glaube, daß sie etwa mit einer Uebermacht zurückkehren würden. Der Alte sprach seine Meinung dahin aus, höchst wahrscheinlich seien die Wilden mit ihrem Boot untergegangen, der Sturm habe sie entweder im Wasser umkommen lassen oder an südlichere Küsten getrieben, wo sie dann sicherlich aufgefressen sein würden. Was sie aber thun würden, wenn sie glücklich nach Hause gelangt sein sollten, könne er nicht mit Bestimmtheit sagen, doch glaube er, sie hätten, durch die Art, in der sie angegriffen worden, durch den Lärm und das Feuer einen solchen Schrecken eingejagt bekommen, daß sie ihren Landsleuten eher melden würden, die Uebrigen seien durch Donner und Blitz als durch Menschenhand umgekommen, und daß sie die zwei, die ihnen erschienen seien, wohl für himmlische Geister, aber nicht für bewaffnete Männer halten würden. Er wisse dies daher, daß er sie in ihrer Sprache habe davon reden hören. In der That mußte es ja für die Aermsten unmöglich sein zu begreifen, wie ein sterblicher Mensch Feuer schleudern und Donner erschallen lassen und ohne die Hand zu heben aus der Ferne tödten könne, was ihnen Alles bei uns begegnet war.

Später erwies sich, daß der alte Mann Recht gehabt hatte. Wie ich nachmals von anderer Seite erfuhr, haben die Wilden nie wieder versucht, die Insel zu betreten. Der Bericht jener Entronnenen (die nämlich wirklich glücklich dem Sturm entgangen waren) hatte sie so in Erstaunen und Schrecken gesetzt, daß sie annahmen, wer nur auf jenes bezauberte Eiland einen Fuß setze, werde von den Göttern mit Feuer vernichtet. Da ich dies jedoch früher nicht wußte, lebte ich noch eine geraume Zeit hindurch in Furcht vor den Wilden und beobachtete möglichste Vorsicht, wiewohl ich mich jetzt, wo unserer Vier waren, ohne Weiteres jederzeit auch in freiem Felde an hundert solcher Feinde hätte wagen dürfen.

Sobald sich die Furcht vor der Wiederkehr der fremden Canoes ein wenig verloren hatte, fing ich wieder an, meinen früheren Plan in Betreff der Reise nach dem Festland zu überdenken. Freitags Vater hatte mich gleichfalls versichert, daß ich bei seinen Landsleuten seinetwegen auf eine gute Aufnahme rechnen dürfe. Aber meine Absichten wurden ein wenig gekreuzt durch ein ernstliches Gespräch mit dem Spanier. Denn von ihm erfuhr ich, daß noch sechzehn andere Spanier und Portugiesen sich bei jenen Wilden aufhielten, zu denen sie durch den Sturm verschlagen seien, und zu welchen sie, wenn sie auch mit ihnen in Frieden lebten, doch im Verhältniß voller Abhängigkeit bezüglich ihrer Nothdurft und sogar ihrer ganzen Existenz ständen. Durch vielerlei Fragen erfuhr ich, daß jenes Schiff, welches die Europäer getragen hatte, ein spanisches mit Pelzwaaren und Silber beladenes gewesen war. Es war in Rio de la Plata ausgerüstet und nach der Havanna bestimmt gewesen, wo es europäische Waaren gegen seine Ladung hatte einlösen sollen. Die Mannschaft hatte fünf Portugiesen aus einem gescheiterten Schiff an Bord genommen, fünf ihrer eigenen Leute waren ertrunken, als das Schiff verunglückte, und der Rest hatte sich unter unsäglichen Gefahren halb todt an die Cannibalenküste gerettet und dort jeden Augenblick erwartet, gefressen zu werden. Die wenigen Waffen, welche sie gerettet, waren vollkommen unbrauchbar gewesen, da die Wogen alles Pulver bis auf ein weniges, das sie zu ihren Speisen verwendeten, wie auch die Kugeln weggeschwemmt hatten.

Auf meine Frage, was aus diesen Unglücklichen werden würde, und ob sie denn nicht an die Flucht dächten, erwiederte der Spanier, sie hätten wohl oft darüber Rath gepflogen, aber da sie weder ein Fahrzeug, noch Mittel ein solches zu erbauen, noch auch irgend welchen Proviant besäßen, so hätten ihre Berathungen immer in Thränen und Verzweiflung geendet. Ich fragte ihn, wie seine Gefährten wohl einen Fluchtvorschlag aufnehmen würden. Dabei verhehlte ich aber nicht, daß ich bei einem solchen nicht geringe Furcht davor hege, daß sie sich treulos zeigen würden, wenn ich mich in ihre Hände gegeben hätte. »Denn«, setzte ich hinzu, »Dankbarkeit ist keine in dem Menschen regelmäßig wohnende Tugend, und die Menschen richten ihre Handlungsweise weniger oft nach den Wohlthaten, die sie empfangen, als nach dem Vortheil, den sie erwarten. Wenn ich, nachdem ich das Werkzeug zur Befreiung jener Fremden geworden bin, später von ihnen in Neu-Spanien zum Gefangenen gemacht werden sollte (wo jeder Engländer sicher ist, gewaltsamen Todes zu sterben), so wäre das doch eine böse Sache. Lieber will ich noch mich den Wilden überliefern und von denen fressen lassen, als in die unbarmherzigen Hände der Priester und der Inquisition fallen. Uebrigens«, fügte ich hinzu, »bin ich überzeugt, daß, wenn sie Alle hier wären, wir eine hinlänglich große Barke zu bauen vermöchten, in der wir südwärts nach Brasilien oder nordwärts nach der spanischen Küste gelangen könnten. Wenn sie mich aber dann, sobald ich ihnen Waffen gegeben, zwingen sollten, sie zu ihrem eigenen Volk zu begleiten, so würde das ein schlechter Lohn für meine Güte und eine schlimme Veränderung meiner Lage sein.«

Der Spanier antwortete mir in sehr vertrauenerweckender Weise, die Lage seiner Landsleute sei so elend, und das sei ihnen so sehr bewußt, daß sie, nach seiner Ueberzeugung, vor dem Gedanken zurückschauderu würden, undankbar gegen Jemanden zu handeln, der zu ihrer Befreiung beigetragen hätte. Wenn ich einwillige, wolle er mit Freitags Vater zu ihnen reisen, mit ihnen verhandeln und mir dann Antwort bringen. Er werde sie mit feierlichem Eid bekräftigen lassen, daß sie sich mir als ihrem Führer unbedingt unterwerfen wollten. Sie sollten auf die heiligen Sakramente und die Bibel schwören, um nur in ein solches christliches Land ihre Reise zu richten, das mir genehm wäre, und daß sie sich bis zur Landung daselbst ganz und gar meinen Befehlen unterordnen würden. Hierüber werde er mir einen schriftlichen Vertrag zurückbringen.

Dann versprach der Spanier weiter, er wolle mir selbst eidlich geloben, mich sein ganzes Leben lang nie zu verlassen, so lange ich es nicht selbst gebiete. Er werde bis zu seinem letzten Athemzug an meiner Seite bleiben, wenn sich etwa seine Landsleute den geringsten Treubruch zu Schulden kommen lassen sollten. Diese, versicherte er, seien sämmtlich sehr gebildete redliche Leute und sie befänden sich in unglaublich traurigen Umständen. Ohne Waffen, Kleider und Nahrungsmittel hingen sie gänzlich von der Gnade der Wilden ab. Die Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat hätten sie ganz aufgegeben, und sie würden sicherlich, wenn ich ihre Befreiung versuchen wollte, für mich leben und sterben.

Aus diese Versicherung hin beschloß ich denn ihre Befreiung zu wagen und den Spanier nebst dem Alten zur Unterhandlung abzuschicken. Als jedoch schon Alles bereit war, machte der Spanier selbst einen so klugen und von so viel Redlichkeit zeigenden Einwurf, daß ich nur zustimmen konnte und dem zufolge die Befreiung seiner Gefährten mindestens auf ein halbes Jahr hinausschob.

Die Sache verhielt sich so: Der Spanier war jetzt etwa einen Monat bei uns, und ich hatte ihn während dieser Zeit mit ansehen lassen, in welcher Weise ich unter Gottes Beistand für meinen Unterhalt sorgte. Er überschaute meinen Vorrath an Korn und Reis, der zwar für mich übrig ausreichte, aber doch nur bei der größten Sparsamkeit auch für meine jetzt auf vier Personen angewachsene Familie hinlänglich war. Noch weniger konnte er genügen für die Gefährten des Spaniers, wenn sie zu vierzehn, denn so viel lebten ihrer noch, herüber kamen. Am allerwenigsten aber würde der Vorrath ausgereicht haben, das zu erbauende Fahrzeug für die Reise nach einer der christlichen Kolonien von Amerika mit Proviant auszurüsten.

Deshalb rieth mir der Spanier, ihn und die beiden Andern ein so viel größeres Stück Land urbar machen zu lassen, als ich Korn zur Aussaat zu erübrigen vermöchte. Wir könnten dann eine weitere Erntezeit abwarten, um genügenden Getreidevorrath bei der Ankunft seiner Landsleute zu haben. Noth und Mangel würde diese leicht zur Unzufriedenheit reizen und ihnen den Gedanken nahe legen, sie seien nicht sowohl befreit, als nur von einer Bedrängniß in die andere gerathen. »Denkt an die Kinder Israel«, setzte der Spanier hinzu, »die anfangs über ihre Erlösung aus Aegyptenland jubelten, dann aber sogar gegen Gott, ihren Befreier, rebellirten, als ihnen das Brod in der Wüste ausgegangen war.«

Diese Vorsorge war so am Platze und der Rath so gut, daß er mir nothwendig zusagen mußte, und daß ich ihn nur als einen erfreulichen Beweis für die Treue des Spaniers ansehen konnte. So machten wir Vier uns dann alsbald daran, ein weiteres Stück Land, so gut es die hölzernen Werkzeuge gestatten wollten, umzugraben. In Monatsfrist, gerade zur Zeit der Aussaat, hatten wir so viel Bodenfläche vorbereitet, daß ich zweiundzwanzig Maß Gerste und sechzehn Maß Reis, d. h. Alles, was ich nur zu erübrigen vermochte, darauf aussäen konnte. Ja, wir behielten nicht einmal so viel Gerste übrig, als für unseren eignen Gebrauch bis zu der erst nach sechs Monaten zu erwartenden Ernte (hierbei rechne ich die Zeit der Beackerung mit, denn natürlich braucht das Korn in diesem Klima nicht sechs Monate, um heranzureifen) erforderlich war.

Da wir jetzt zahlreich genug waren und uns vor den Wilden, wenn sie nicht in sehr großer Uebermacht zu uns kamen, nicht zu fürchten brauchten, durchstreiften wir ungehindert, so oft es die Gelegenheit bot, die ganze Insel. Nachdem wir nun einmal den Plan zu unsrer Befreiung gefaßt hatten, war es, wenigstens für mich, unmöglich, das Sinnen auf die Mittel zu derselben auch nur kurze Zeit aus den Gedanken zu verlieren. So zeichnete ich mir denn vor Allem einige taugliche Bäume aus und ließ sie durch Freitag und seinen Vater unter der Aufsicht des Spaniers fällen. Ich zeigte ihnen, mit welcher unermüdlichen Anstrengung ich früher einen großen Baum in einzelne Bretter verarbeitet hatte, und ließ sie in gleicher Weise mehr als ein Dutzend Planken aus gutem Eichenholz anfertigen. Dieselben waren beinahe zwei Fuß breit, fünfunddreißig Fuß lang und zwei bis vier Zoll dick. Welche ungeheure Arbeit ihre Anfertigung erforderte, kann man sich denken.

Unterdessen bemühte ich mich auch, meine Ziegenheerde möglichst zu vergrößern. Freitag mußte abwechselnd den einen Tag mit mir, den andern mit dem Spanier ausgehen, bis wir über zwanzig Ziegenlämmer zur Aufzucht gefangen hatten. So oft wir nämlich eine Mutterziege erlegt hatten, brachten wir die Jungen zu der Heerde. Ferner, als die Zeit zur Traubenernte kam, ließ ich eine solche große Menge an den Bäumen aufhängen, daß wir, wenn wir in Alicante gewohnt hätten, wo die Rosinen in der Sonne getrocknet werden, gewiß sechzig bis achtzig Fässer damit hätten füllen können. (Neben dem Brod bildeten nämlich die Rosinen, die sehr nahrhaft sind, unsre Hauptspeise.)

Der Herbst hatte sich jetzt eingestellt, und wenn die diesmalige Ernte auch nicht die reichlichste war, die ich überhaupt auf der Insel erlebt hatte, so entsprach sie doch unserm Zweck. Denn aus den zweiundzwanzig Maß Gerste der Aussaat gewannen wir über zweihundertundzwanzig Maß. In gleichem Verhältniß stand der Reisertrag zur Saat. Dieser Vorrath hätte nun sicherlich bis zur nächsten Ernte ausgereicht, wenn auch alle sechzehn Spanier bei uns gewesen wären. Auch zur Ausrüstung für eine Reise bis zum entlegensten Theil von Amerika genügte er vollkommen. Sobald wir unser Getreide eingebracht hatten, fertigten wir neue große Körbe an, in die wir es dann füllten. Der Spanier stellte sich hierbei besonders gescheidt an. Er sprach seine Verwunderung aus, daß ich solches Flechtwerk nicht auch zur Einfriedigung meiner Wohnung angewendet habe, was ich jedoch für eine unnöthige Arbeit erklärte.

Da wir nun so gut verproviantirt waren für alle zu erwartenden Gäste, gestattete ich dem Spanier, nach dem Festland zu reisen, damit er mit seinen zurückgelassenen Gefährten unterhandle. Ich gab ihm eine schriftliche strenge Anweisung, Niemanden mitzubringen, der nicht in Gegenwart des Spaniers und des Vaters meines Freitag zuvor geschworen habe, in keiner Weise sich gegen den zu vergehen, der die Boten zu ihrer Befreiung ausgesendet habe, daß sie vielmehr mir beistehen und mich gegen jeden Angriff vertheidigen, sowie daß sie sich gänzlich meinen Befehlen unterwerfen wollten. Dies Schriftstück sollte ihnen zur Unterzeichnung vorgelegt werden. In welcher Weise eine solche bewerkstelligt werden könnte, da die Leute ja weder Feder, noch Tinte besaßen, hatten wir freilich außer Betracht gelassen.

Mit den erwähnten Anweisungen begaben sich denn die Spanier und Freitags Vater in einem der Boote, in denen sie zu der kannibalischen Mahlzeit der Wilden herübergebracht waren, auf die Reise. Jedem von ihnen gab ich ein Gewehr und Munition zu etwa acht Schüssen mit, unter der eindringlichen Ermahnung, gut damit hauszuhalten und nur bei entschiedener Nöthigung davon Gebrauch zu machen.

Diese Vorbereitungen zu meiner Befreiung nach mehr als siebenundzwanzig Jahren der Gefangenschaft auf dieser Insel waren mir eine köstliche Beschäftigung. Ich gab den Reisenden einen Vorrath von Brod und Rosinen mit, welcher für sie und die sämmtlichen Spanier auf viele Tage reichte, und wünschte ihnen von Herzen glückliche Reise. Wir kamen über ein Zeichen überein, an welchem ich sie bei ihrer Rückkehr schon in der Ferne erkennen könnte. Ihre Abfahrt geschah bei gutem Winde zur Zeit des Vollmonds, nach meiner Berechnung im Monat Oktober. Uebrigens hatte ich eine genaue Rechnung weder über die Tage, noch sogar über die Jahre geführt; hatte aber die letzteren, wie sich später zeigte, dennoch richtig gezählt.

Zu der Zeit, als ich schon etwa eine Woche lang auf die Rückkehr meiner Abgesandten wartete, trat ein gar merkwürdiges und unverhofftes Ereigniß ein, das mir ein so wichtiges war wie kein anderes, davon die Weltgeschichte berichtet.

Ich schlief eines Morgens fest in meiner Behausung, als Freitag hastig hereinstürzte mit dem lauten Ausruf: »Herr, Herr, sie sind da!« Sofort sprang ich auf und eilte, sobald ich angekleidet war, unbekümmert darum, ob ich mich einer Gefahr aussetze, durch mein jetzt ziemlich dicht gewordenes Gehölz. Wenn ich sage: unbekümmert um die Gefahr, so meine ich damit, daß ich gegen meine Gewohnheit ohne Waffen ausging. Nach der See ausschauend, gewahrte ich in einer Entfernung von etwa einer und einer halben Meile ein mit lateinischem Segel versehenes Langboot, das mit lustigem Winde nach der Insel zusteuerte. Es kam aber, wie ich sogleich bemerkte, nicht von jener Seite, auf der wir die Küste hatten liegen sehen, sondern von dem südlichsten Ende der Insel her.

Mit Rücksicht hierauf rief ich Freitag und befahl ihm, sich dicht neben mir zu halten, weil dies nicht die von uns Erwarteten sein könnten, und wir nicht wüßten, ob sie als Freunde oder Feinde kämen. Dann ging ich, um ein Fernglas zu holen, nahm die Leiter und bestieg den Gipfel des Hügels, wie ich zu thun pflegte, wenn ich ungesehen beobachten wollte. Kaum hatte ich den Hügel betreten, als ich deutlich ein Schiff, etwa zwei Meilen gegen Südost von mir, aber nur anderthalb Meilen von unserer Küste entfernt, vor Anker liegen sah. Ich erkannte das Fahrzeug deutlich als ein englisches, und auch das Langboot schien ein solches zu sein.

Mein Seelenzustand war unbeschreiblich. Wie unaussprechlich ich mich auch darüber freute, ein Schiff zu sehen, das vermuthlich mit Landsleuten von mir, also mit Freunden bemannt war, so überkamen mich doch ich weiß nicht was für Bedenken, die mir geboten, auf der Hut zu sein. Ich fragte mich zunächst, was wohl ein englisches Schiff in dieser Gegend, durch welche kein Weg hin oder zurück von einem englischen Handelsplatz führe, zu suchen haben könne. Stürme, die es hätten verschlagen haben können, hatten in jüngster Zeit nicht stattgefunden; deshalb nahm ich an, daß die Mannschaft, wenn sie wirklich aus Engländern bestände, schwerlich Gutes im Schilde führe, »und«, sagte ich mir, »es ist jedenfalls besser für dich, zu bleiben, wo du bist, als in die Hände von Dieben und Mördern zu fallen«.

Niemand verachte solche geheime Hinweisungen und Winke auf Gefahren, wenn sie ihm auch da zu Theil werden, wo er an ihre Begründung nicht glauben mag. Wer das Leben beobachtet hat, wird das Vorhandensein solcher Fingerzeige nicht leugnen. Unzweifelhaft sind sie Kundgebungen einer unsichtbaren Welt und eines Zusammenhangs der Geisterwelt mit der unsrigen, und warum sollen wir, wenn wir ihre Absicht, uns zu warnen, erkennen, sie nicht für die Bezeigungen freundlicher Genien höherer oder geringerer Art, die zu unserm Besten zu dienen bestimmt sind, halten?

Gerade das hier in Rede stehende Ereigniß bestätigte mir diese Ansicht. Denn wäre ich nicht durch jene geheime Mahnung, mag sie nun gekommen sein, woher sie wolle, vorsichtig gemacht worden, so wäre ich unvermeidlich zu Grunde gegangen und in ein viel größeres Elend gerathen als je zuvor, wie sich gleich zeigen wird.

Ich befand mich noch nicht lange auf meinem Posten, als ich das Boot nach meiner Küste steuern sah, wie wenn es dort einen bequemen Landungsplatz suche. Da es aber nicht nahe genug heran kam, gewahrte die Mannschaft nicht die früher von mir mit meinen Flößen benutzte Bucht, steuerte vielmehr nach einer Bai, die etwa eine halbe Meile von mir entfernt war. Das aber gereichte entschieden zu meinem Glück. Denn in jenem Falle würden die Fremden sozusagen dicht vor meiner Thür gelandet sein, meine Festung bald erstürmt und mich vielleicht aller meiner Habe beraubt haben. Sobald sie gelandet, bestätigte sich meine Vermuthung, daß sie Engländer seien, wenigstens in Bezug auf die meisten. Zwei davon hielt ich für Holländer, jedoch, wie sich nachher ergab, mit Unrecht. Von den elf Leuten, die ich erkannte, waren drei unbewaffnet und, wie es schien, gefesselt. Als die ersten vier oder fünf der Uebrigen ans Ufer gesprungen waren, führten sie jene drei wie Gefangene aus dem Boot. Einer derselben machte die leidenschaftlichen Geberden des Flehens und der Verzweiflung, die beiden Andern erhoben zuweilen die Hände und schienen gleichfalls bekümmert, obwohl nicht in so hohem Grade wie Jener.

Dieser Anblick machte mich bestürzt, und ich wußte nicht, wie ich ihn deuten sollte. Freitag rief mir in seinem gebrochenen Englisch zu: »O Herr, sieh, englische Mann essen Gefangene so gut wie wilde Mann«. – »Warum meinst du, daß sie die Gefangenen fressen wollen?« fragte ich. – »Ja«, erwiederte Freitag, »sie wollen essen sie.« »O nein«, entgegnete ich, »ich fürchte zwar, sie wollen sie ermorden, aber sie werden sie sicherlich nicht fressen.«

Während dessen hatte ich keine Ahnung davon, was wirklich werden sollte, stand vielmehr zitternd vor Schrecken über den Anblick da und erwartete jeden Augenblick, daß die drei Gefangenen getödtet werden würden. Einmal sah ich, wie einer der bewaffneten Schufte ein großes Messer oder Schwert erhob, um damit einen der Unglückseligen zu treffen. Jeden Augenblick meinte ich diesen unter dem Hiebe fallen zu sehen, und das Blut starrte mir dabei in den Adern. Ich wünschte von ganzem Herzen den Spanier und Freitags Vater zu mir, und es verlangte mich sehnlichst, unbemerkt auf Schußweite zu den Fremden zu schleichen und die Gefangenen zu erretten. Ich sah nämlich keine Feuerwaffen in den Händen Jener. Bald aber kam mir ein anderer Gedanke.

Nachdem ich nämlich einige Zeit beobachtet hatte, wie schmachvoll die drei Gefangenen von den übrigen Seeleuten behandelt wurden, sah ich, daß diese sich auf der Insel zerstreuten, als ob sie das Terrain recognosciren wollten. Die drei hätten jetzt freilich auch gehen können, wohin sie wollten, aber sie saßen mit verzweiflungsvollen Blicken nachdenklich auf der Erde. Das erinnerte mich daran, wie ich selbst einst bei meiner Ankunft auf der Insel verzweifelt umher geschaut und mich verloren gegeben hatte; wie ich aus Furcht, von den wilden Thieren gefressen zu werden, die Nacht hindurch auf dem Baume geblieben war, und wie ich damals so ganz und gar keine Ahnung von der Hülfe gehabt hatte, die mir in Folge gnädiger Fügung dadurch beschieden war, daß das Schiff durch Sturm und Wellen dem Lande sich näherte und mir lange Zeit Nahrung und Hülfsmittel gewährte. So saßen auch diese drei trostlosen Menschen dort ohne Ahnung davon, wie sicher und nahe ihnen Rettung und Hülfe sei, während sie sich schon für verloren glaubten und ihre Lage für eine völlig verzweiflungsvolle hielten. So wenig haben wir die Gabe, die Dinge dieser Welt vorherzusehen, und so viel Ursache hätten wir, heiter auf den großen Weltenlenker zu vertrauen, der seine Geschöpfe niemals gänzlich verläßt, sondern ihnen in der elendesten Lage immer doch Etwas gibt, für das sie dankbar sein müssen. Ist doch zuweilen gerade in dem, was wir für die Ursache unseres Verderbens halten, das Mittel zu unserer Errettung gelegen.

Zur Zeit, als die Fremden das Ufer betreten hatten, war gerade die Flut in ihr höchstes Stadium gelangt. Während sie aber mit den Gefangenen unterhandelt und dann sich zerstreut hatten, um die Gegend zu untersuchen, war die Flutzeit verstrichen und ihr Boot lag nun gänzlich auf dem Trockenen. Zwei in diesem zurückgebliebene Männer hatten, wie ich später erfuhr, zu viel Branntwein getrunken und waren eingeschlafen. Einer davon wachte zuerst auf, und da er das Boot auf dem Sand sitzen sah, rief er die Umherstreifenden zu Hülfe. Diese kamen auch sofort herbei, vermochten aber trotz aller Anstrengung das Fahrzeug, da es zu schwer war, und da das Ufer an jener Stelle aus feinem, tiefem, fast schlammartigem Sande bestand, nicht wieder flott zu machen.

Als ächte Seemänner (welche Menschenklasse vielleicht unter allen die sorgloseste ist) gaben sie ihre Bemühungen alsbald auf und trieben sich aufs Neue auf dem Lande umher. Einen von ihnen hörte ich seinem Kameraden in englischer Sprache zurufen: »Laßt's sein, Jack, die Flut wird's schon wieder flott machen«. Diese Aeußerung klärte mich über den wichtigen Punkt völlig auf, mit was für Landsleuten wir es zu thun hatten. Inzwischen hielt ich mich fortwährend wohlverborgen und wagte mich aus meiner Festung nicht weiter heraus, als auf den Gipfel des Hügels. Denn ich wußte, daß vor mindestens zehn Stunden das Boot nicht wieder flott gemacht werden konnte. Bis dahin aber mußte es schon völlig dunkel sein, und ich konnte dann gefahrloser die Bewegungen der Fremden beobachten und ihre etwaigen Unterredungen behorchen.

Fürs Erste machte ich mich jetzt kampffertig, jedoch mit mehr Umsicht als sonst, da ich wußte, daß ich es diesmal mit einer ganz andern Art von Gegnern zu thun hatte als früher. Ich befahl auch Freitag, den ich inzwischen zu einem vortrefflichen Schützen herangebildet, sich mit Waffen zu versehen. ergriff selbst zwei Jagdflinten und gab ihm drei Gewehre. Mein Aussehen war in der That geeignet, Furcht zu erregen. Ich sah schrecklich aus in meinem Rock von Ziegenfell und mit der früher beschriebenen Mütze auf dem Kopfe, den bloßen Säbel an der Seite, zwei Pistolen im Gürtel und eine Flinte über jede Schulter.

Obwohl ich anfangs entschlossen war, vor Einbruch der Nacht Nichts zu unternehmen, änderte ich doch bald meinen Plan. Gegen zwei Uhr nämlich, als die Hitze den höchsten Grad erreicht hatte, bemerkte ich, daß die Seeleute sämmtlich einzeln in den Wald gegangen waren, wahrscheinlich um dort einen Mittagsschlaf zu halten. Die drei unglücklichen Gefangenen aber, zu sorgenvoll, um den Schlummer finden zu können, saßen im Schatten eines großen Baumes etwa eine Viertelmeile von mir entfernt. Dort vermochten sie, wie ich glaubte, von keinem der Uebrigen gesehen zu werden, und darauf hin beschloß ich, mich ihnen zu zeigen und sie über ihr Schicksal zu befragen. Sofort machte ich mich in dem oben beschriebenen Aufzug auf den Weg, Freitag folgte eine Strecke hinter mir, gleichfalls fürchterlich anzuschauen, wenn auch nicht ganz so ungeheuerlich wie ich. Ich näherte mich den Fremden, so weit es ging, ohne bemerkt zu werden, und rief dann, ehe mich einer erblickt hatte, in spanischer Sprache, ihnen laut zu: »Wer seid Ihr, Leute?« Sie stutzten bei dem Laut, aber in weit größere Verwirrung geriethen sie noch, als sie mich in meinem sonderbaren Aufzug erblickten. Sie antworteten nicht und wollten eben sich auf die Flucht begeben, als ich ihnen auf englisch zurief: »Gentlemen, fürchtet Euch nicht vor mir! Vielleicht ist Euch ein Freund näher, als Ihr es gehofft habt«. – »Dann muß er geraden Wegs vom Himmel geschickt sein«, sagte traurig einer der Gefangenen zu mir, »denn in unserer Lage ist Menschenhülfe ein Ding der Unmöglichkeit.« »Alle und jede Hülfe kommt vom Himmel, Herr«, entgegnete ich. »Aber wollt Ihr nicht einem Euch Unbekannten den Weg zeigen, wie Euch aus der großen Noth, in der Ihr Euch zu befinden scheint, zu helfen steht? Ich sah Euch hier landen, und als Ihr, wie es schien, die rohen Menschen um Gnade batet, bemerkte ich, daß einer derselben sein Schwert zog, Euch zu tödten.«

Dem armen Menschen rannen jetzt die Thränen vom Gesicht, und zitternd mit Mienen, als sei er vom Donner gerührt, antwortete er: »Spricht Gott selbst zu mir oder ein Mensch? Habe ich einen Sterblichen vor mir oder einen Engel?« – »Darüber macht Euch keine Gedanken«, entgegnete ich. »Wenn ein Engel Gottes zu Eurer Errettung geschickt wäre, so würde er in besseren Kleidern gekommen sein wie ich und auch andere Waffen tragen, als Ihr an mir seht. Ich bitte Euch, gebt alle Furcht auf. Ich bin ein gewöhnlicher Mensch wie andere, und zwar ein Engländer, und beabsichtige Euch beizustehen. Ihr seht, ich habe zwar nur Einen Diener; wir besitzen aber Waffen und Munition. Sagt uns gerade heraus, ob wir Euch nützen können. Was für ein Schicksal ist es, das Euch betroffen hat?«

»Unser Schicksal zu erzählen, Herr«, erwiederte er, »würde jetzt zu viel Zeit in Anspruch nehmen, während unsre Mörder so nahe sind. Kurz heraus gesagt, Herr, ich war Kapitän jenes Schiffes, und meine Mannschaft hat gegen mich eine Meuterei unternommen. Nur mit Mühe ist sie davon abgebracht worden, mich zu ermorden, und endlich haben sie mich nebst diesen beiden Männern, von denen der eine mein Steuermann, der andere einer meiner Schiffspassagiere war, an diesem öden Eiland ausgesetzt. Wir glaubten hier sterben zu müssen, da wir den Ort für unbewohnt hielten, und auch jetzt wissen wir nicht, wie wir Errettung finden sollen.«

»Wo sind Eure Feinde, diese Bestien, hingekommen?« fragte ich. – »Dort liegen sie, Herr«, erwiederte er, indem er auf ein Baumdickicht zeigte. »Mein Herz zittert vor Furcht, daß sie uns gesehen und Euch sprechen gehört haben. Wenn das der Fall ist, werden sie uns sicherlich Alle ermorden.«

»Haben sie Feuerwaffen?« fragte ich. Er antwortete, sie hätten nur zwei Flinten bei sich, eine dritte sei im Boote zurückgeblieben. »Nun gut«, erwiederte ich, »dann überlaßt mir das Uebrige. Ich sehe, sie liegen Alle im Schlaf, und es ist mir eine Leichtigkeit, sie zu tödten. Oder sollen wir sie lieber zu Gefangenen machen?« Er entgegnete, es seien zwei verzweifelte Schurken unter ihnen, denen Gnade widerfahren zu lassen eine bedenkliche Sache sei. Wenn man jedoch erst diese in der Gewalt habe, so würden die anderen, wie er glaube, freiwillig zu ihrer Pflicht zurückkehren. Auf meine Aufforderung, jene Beiden näher zu bezeichnen, bemerkte der Fremde, daß er dies aus der Entfernung nicht wohl vermöge; übrigens werde er sich meinen Anordnungen in jeder Weise unterwerfen. »Nun denn«, erwiederte ich, »so wollen wir uns aus dem Bereich ihrer Augen und Ohren zurückziehen, damit sie nicht erwachen, und dann können wir das Weitere beschließen.« Hierauf folgten mir die Fremden willig, bis der Wald uns verbarg.

»Hört mich an, Herr«, sagte ich, als wir im Dickicht angekommen waren. »Wenn ich mich um Eure Befreiung in Gefahr begebe, seid Ihr dann auch bereit, Euch zwei Bedingungen gänzlich zu unterwerfen?« Er kam meinen Vorschlägen zuvor durch die Erwiederung, daß sowohl er wie sein Schiff, wenn er es wieder in seine Gewalt bekommen sollte, ganz und gar meinen Befehlen untergeben sein solle. Und wenn er auch sein Schiff nicht wieder gewinnen sollte, werde er doch für mich leben und sterben, in welchen Theil der Welt ich ihn auch schicken möchte. Die beiden Andern sprachen sich in gleicher Weise aus.

»Nun wohl«, antwortete ich. »Meiner Bedingungen sind nur zwei. Die erste: daß Ihr, so lange Ihr auf dieser Insel weilt, Euch keinerlei Autorität anmaßen, auch, wenn ich Euch Waffen einhändige, diese jederzeit zurückliefern und weder zu meinem, noch der Meinigen Schaden anwenden wollt, sowie daß Ihr während dieser ganzen Zeit meinen Befehlen Folge leistet. Zweitens: daß Ihr, wenn Ihr Euer Schiff wieder bekommt, mich und meinen Gefährten in freier Ueberfahrt nach England zu bringen versprecht.«

Der Kapitän gab mir alle möglichen und erdenklichen Versicherungen, daß er diese sehr billigen Bedingungen erfüllen und überdies sein ganzes Leben mir ergeben sein, auch seinen Dank, wo es nur angehe, bethätigen werde. »Nun denn«, erwiederte ich, »hier sind drei Musketen mit Pulver und Blei für Euch; sagt mir jetzt, was für ein Verfahren Ihr für das zweckmäßigste erachtet.« Er bezeigte aufs Neue seine Erkenntlichkeit, entgegnete aber, daß er sich ganz meinen Anordnungen unterwerfen wolle. Ich bemerkte ihm hierauf, daß ich zwar jeden Angriff für eine gewagte Sache hielte, dennoch aber als das unserer Situation Angemessenste ansähe, daß wir mit Einem Male Feuer auf die ganze Bande gäben, während diese im Schlafe liege. »Wenn dann«, setzte ich hinzu, »einige bei dieser ersten Salve nicht todt bleiben und sich ergeben wollen, so können wir ihnen das Leben schenken und so die Wirkung unserer Schüsse ganz in die Hände der Vorsehung legen.«

Der Kapitän entgegnete mit großer Ruhe, wenn er es vermeiden könne, so würde er gern unterlassen, sie zu tödten; aber jene beiden unverbesserlichen Schufte, welche auch allein die Meuterei in seinem Schiffe angestiftet hätten, könnten uns, wenn sie entrinnen sollten, ins Verderben stürzen; sie würden nämlich dann an Bord gehen, die ganze Schiffsmannschaft herbeiholen und uns vernichten. »Dann«, entgegnete ich, »rechtfertigt die Nothwendigkeit meinen Rathschlag, da er den einzigen Weg, uns das Leben zu retten, öffnet.« Weil ich den Kapitän aber immer noch abgeneigt sah, Blut zu vergießen, trug ich ihm auf, sich mit seinen beiden Gefährten aufzumachen und das zu thun, was ihnen selbst das Angemessenste schien.

Mitten in diesem Gespräch waren einige von den Schiffsleuten erwacht, und wir sahen, daß zwei von ihnen augenblicklich auf den Füßen standen. Der Kapitän verneinte meine Frage, ob einer von ihnen zu den Rädelsführern der Empörten gehöre. »Gut«, sagte ich, »so mögen sie entfliehen. Die Vorsehung scheint sie aufgeweckt zu haben, um sie zu retten. Jetzt«, fuhr ich fort, »ist es Eure Schuld, wenn die Uebrigen uns entrinnen.« Hierdurch ermuthigt, nahm er die von mir ihm eingehändigte Muskete zur Hand und eine Pistole in den Gürtel und ging mit seinen beiden Kameraden, von denen jeder gleichfalls von mir mit einer Flinte bewaffnet war, ab.

Die Letzteren machten bei ihrer Entfernung einiges Geräusch. Einer von den wachgewordenen Seemännern wendete sich hierauf um und rief, als er sie herbeikommen sah, den andern herbei. Aber es war bereits zu spät, denn in demselben Augenblick gaben jene beiden Feuer, während der Kapitän klüglich seinen Schuß zurückbehielt. Die Zwei hatten so trefflich auf jene früher erwähnten Schurken gezielt, daß der eine von diesen auf der Stelle todt blieb, der andere aber schwer verwundet wurde. Der Letztere hatte noch so viel Kraft, aufspringen und laut um Hülfe rufen zu können; der Kapitän aber eilte zu ihm und rief: es sei zu spät, Menschenbeistand anzuflehen, er solle lieber Gott anrufen, daß er seiner Schurkenseele gnädig sei. Bei diesen Worten schlug er ihn mit dem Gewehrkolben nieder, daß er kein Glied mehr regte.

Es blieben noch drei der Feinde übrig, von denen aber einer gleichfalls schon leicht verwundet war. Inzwischen war ich herbeigekommen, und als die Gegner die Größe der Gefahr und die Vergeblichkeit des Widerstands einsahen, baten sie um Gnade. Der Kapitän versprach ihnen das Leben zu schenken, wenn sie ihm ihre Reue über die Verrätherei, deren sie sich schuldig gemacht, verbürgen könnten und wenn sie ferner schwören wollten, ihm treuen Beistand zum Wiedergewinnen des Schiffes und zur Rückkehr nach Jamaika zu leisten, woher sie gekommen waren. Sie gaben darauf sämmtlich jede Versicherung aufrichtiger Reue, die man nur verlangen konnte, und der Kapitän äußerte mir deshalb den Wunsch, ihnen das Leben zu schenken. Ich hatte Nichts dagegen einzuwenden, machte aber zur Bedingung, daß die Gefangenen an Hand und Fuß gefesselt bleiben müßten, so lange sie auf der Insel verweilen würden.

Inzwischen hatte ich Freitag mit dem Steuermann des Kapitäns nach dem Boot geschickt, um es in Sicherheit zu bringen und die Segel und Ruder fortzuschaffen. Bald darauf kamen drei von den umherschweifenden Seeleuten, die sich zu ihrem Glück von den Uebrigen getrennt hatten, durch unsere Schüsse herbeigerufen in unsere Nähe. Als sie sahen, daß der Kapitän aus ihrem Gefangenen ihr siegreicher Gebieter geworden, ließen auch sie sich willig binden, und so war denn unser Sieg vollständig.

Jetzt erst bot sich die Gelegenheit für mich und den Kapitän, den Bericht von unserem gegenseitigen Schicksal auszutauschen. Ich begann und erzählte ihm meine ganze Geschichte, die er mit Aufmerksamkeit und Verwunderung anhörte. Vorzüglich interessirte es ihn zu erfahren, in welcher wunderbaren Weise ich mit Lebensmitteln und Munition versehen worden war. Mein wunderreicher Lebensgang rührte ihn tief. Der Gedanke überkam ihn, daß ich auch zu seiner eigenen Errettung erhalten worden sei, die Thränen rannen ihm über das Gesicht, und er vermochte nicht ein Wort mehr zu sprechen. Darauf führte ich ihn und seine beiden Gefährten nach meiner Wohnung, und zwar auf dem Wege, auf welchem ich diese selbst verlassen hatte, nämlich über den Hügel. Dort ließ ich sie Alle mit dem, was ich an Lebensmitteln vorräthig hatte, erfrischen und zeigte ihnen die sämmtlichen Anstalten, die ich während meines langen Aufenthalts zu meiner Bequemlichkeit getroffen hatte.

Dies Alles erfüllte sie mit höchstem Erstaunen. Der Kapitän bewunderte besonders die Befestigung meiner Wohnung, und wie vollkommen ich meinen Zufluchtsort durch das kleine Wäldchen versteckt hatte. Ich hatte es vor nun beinahe zwanzig Jahren angelegt, und es war, da die Bäume hier viel rascher als in England wachsen, schon stattlich groß und so dick geworden, daß man es nur durch den von mir gebahnten gewundenen Pfad passiren konnte.

Ich erzählte ihm, daß ich außer dieser Burg, die meine Residenz darstelle, wie die Fürsten gewöhnlich, auch einen Landsitz habe, den ich ihm gelegentlich zeigen wollte. Für jetzt war aber unsere nächste Aufgabe, das Schiff wieder in unsere Gewalt zu bekommen. Der Kapitän gestand, daß er durchaus nicht wisse, was dazu für Maßregeln zu ergreifen seien. Es befänden sich nämlich noch dreizehn Mann an Bord, die, weil sie sich auf eine Empörung eingelassen, alle ihr Leben dem Gesetz verfallen wüßten und daher in verzweifelter Situation wären. Es sei ihnen bekannt, daß sie bei ihrer Rückkunft nach England sofort auf die Galeeren oder auf die englischen Kolonien gebracht würden, und daher sei ein Angriff auf sie bei unserer geringen Zahl unmöglich.

Die Ansicht des Kapitäns erschien mir bei einigem Nachdenken nur zu wohl begründet. Jedenfalls aber mußte ein rascher Entschluß gefaßt werden, sowohl um die Schiffsleute in eine Schlinge zu locken, als sie von einer Landung abzuhalten, die unsere Vernichtung nach sich gezogen haben würde. Ich bedachte, daß die Schiffsmannschaft sicherlich, um nachzusehen, was aus ihren Kameraden und dem Boot geworden sei, binnen Kurzem in ihrem anderen Boot zur Insel kommen, vielleicht Waffen mitbringen und uns dann überlegen sein würde. Deshalb schlug ich als erste Maßregel vor, das Boot, welches auf dem Sande lag, seeuntüchtig zu machen. Wir begaben uns sofort an Bord desselben und nahmen die Waffen und was sich sonst an Gegenständen darin befand, heraus. Zu den letzteren gehörte eine Flasche Branntwein, eine andere mit Rum, etwas Schiffszwieback, ein Pulverhorn und ein großes, fünf bis sechs Pfund schweres Stück Zucker in Segeltuch eingewickelt. Alles dies war mir sehr willkommen, besonders aber der Branntwein und Zucker, die ich seit vielen Jahren entbehrt hatte.

Als diese Dinge an Land gebracht waren (die Ruder, der Mast, das Segel und das Steuerruder hatten wir bereits vorher weggeschafft), bohrten wir ein großes Loch in den Boden des Fahrzeugs, so daß dieses keinesfalls weggebracht werden konnte, wenn auch die Schiffsleute in noch so großer Anzahl kommen sollten. Auf die Wiedergewinnung des Schiffes rechnete ich jetzt kaum noch. Dagegen hoffte ich, das Boot würde, wenn es jene Leute zurückgelassen hätten, sich leicht wieder so weit herstellen lassen, daß wir darin nach den Lewardsinseln gelangen und unterwegs die Spanier, die ich nicht vergessen hatte, aufnehmen könnten.

Während wir noch über unsern Operationsplan beriethen und mit großer Anstrengung das Boot so weit an den Strand gezogen hatten, daß es die Flut nicht sollte mitführen können, und nachdem das Loch in demselben so groß gemacht war, daß der Leck so leicht nicht gestopft werden konnte, hörten wir plötzlich von dem Schiff einen Schuß und bemerkten, daß das Boot durch allerlei Signale dorthin zurückgerufen werden sollte. Wiederholtes Feuern und Signalisiren blieb jedoch fruchtlos. Jetzt sah ich mit Hülfe meines Fernglases, daß die Mannschaft ein anderes Boot aussetzte und es durch einige Leute nach der Insel hinrudern ließ. Bei seinem Herankommen erkannten wir, daß sich nicht weniger als zehn Mann darin befanden, welche sämmtlich Feuerwaffen bei sich führten.

Da das Schiff fast zwei Meilen vom Lande entfernt lag, hatten wir Zeit genug, unsere Beobachtungen zu machen und sogar die Gesichter der Männer im Boot zu erkennen. Denn da die Wellen sie etwas östlich von der Stelle, wo das früher gelandete Boot lag, abgetrieben hatten, und sie daher eine Strecke der Küste entlang steuerten, um an demselben Punkte wie jenes an Land zu kommen, konnten wir die Mannschaft genau beobachten. Der Kapitän kannte die Charakterbeschaffenheit der sämmtlichen Leute im Boot. Drei von ihnen, sagte er, seien sehr wackere Leute, die nach seiner Ueberzeugung nur durch Gewalt und Furcht von den Uebrigen in die Verschwörung gezogen worden seien. »Der Bootsmann aber«, setzte er hinzu, »welcher das Kommando zu haben scheint, und alle Uebrigen, außer jenen Dreien, gehören zu den Schlimmsten unter dem ganzen Schiffsvolk und werden ohne Zweifel in ihrer Desperation Alles wagen.«

Ich lächelte hierüber und erwiederte, Menschen in unserer Lage sollten über die Furcht hinaus sein. Jede denkbare Situation sei besser als die unsrige, und was auch erfolge, Leben oder Tod, würde sicherlich für uns eine Befreiung mit sich führen. Ich fragte, ob er, nachdem er den Bericht über meine Lebensumstände vernommen, nicht glaube, daß es sich für mich verlohne, an eine Erlösung aus meiner Lage Alles zu setzen. »Wohin ist Euer Glaube gekommen«, fuhr ich fort, »der Euch vor Kurzem noch so erhob, daß ich erhalten sei, um Euch zu erretten? Meines Bedünkens ist es nur ein einziger Umstand in unserer Situation, der mißlich zu sein scheint.«

»Was meint Ihr damit?« fragte er.

»Nichts Anderes, als daß, wie Ihr sagt, einige brave Jungens unter den Leuten sind, die gerettet zu werden verdienen. Wäre die ganze Sippe niederträchtig, so würde ich glauben, Gott habe sie von den Uebrigen nur deshalb abgesondert, um sie in unsere Hände zu liefern. Denn verlaßt Euch darauf, jeder Mensch, der an diesen Strand kommt, steht in unserer Gewalt und soll leben oder sterben, je nachdem er sich gegen uns benimmt.« Diese mit heiterer Miene gesprochenen Worte ermuthigten den Kapitän bedeutend, und so machten wir uns denn getrost an unsere Aufgabe.

Sobald das vom Schiff ausgesandte Boot uns zuerst in Sicht gekommen war, hatten wir Sorge getragen, die Gefangenen zu trennen. Zwei davon, denen der Kapitän weniger als den Uebrigen traute, wurden unter der Führung Freitags und eines der drei von uns befreiten Männer in meine Höhle entsendet, wo sie entfernt genug waren, um nicht gehört oder entdeckt werden zu können. Aus dieser hätten sie sich, auch selbst wenn sie ihrer Fesseln ledig geworden wären, nicht durch das Gehölz finden können. Dort wurden sie mit Lebensmitteln versehen und in Banden zurückgelassen, nachdem ihnen angekündigt war, daß sie, wenn sie sich ganz ruhig verhielten, nach einigen Tagen die Freiheit erhalten sollten, daß sie aber bei dem geringsten Fluchtversuch gnadelos dem Tod verfallen würden. Sie versprachen, ihre Gefangenschaft geduldig zu ertragen und zeigten sich dankbar für die gute Behandlung, die man ihnen dadurch widerfahren lasse, daß man ihnen Lebensmittel und Licht gewährt habe. Freitag hatte ihnen nämlich einige von unsern selbstverfertigten Kerzen zurückgelassen und sie dann glauben gemacht, daß er als Schildwache vor dem Eingang der Grotte zurückbleibe.

Die übrigen Gefangenen wurden noch besser behandelt. Zwei blieben jedoch gebunden, weil auch ihnen der Kapitän nicht völlig traute. Die andern beiden wurden unter meinen Befehl gestellt, nachdem sie feierlich gelobt hatten, mit uns zu leben und zu sterben. Wir waren jetzt mit ihnen und den drei braven Leuten zusammen sieben gut bewaffnete Männer, und ich zweifelte nicht, daß wir mit den zehn Ankömmlingen ganz leicht fertig werden würden, besonders da der Kapitän versichert hatte, es seien mehre ehrenwerthe Leute unter ihnen.

Sobald die Fremden zu der Stelle gekommen waren, wo ihr anderes Boot lag, ließen sie das ihrige an den Strand auflaufen, sprangen ans Land und zogen ihr Fahrzeug hinter sich her. Mir war das ganz erwünscht, denn ich hatte schon gefürchtet, sie würden ihr Boot in einiger Entfernung von der Küste vor Anker legen und Wache darin zurücklassen, so daß wir uns desselben nicht bemächtigen könnten. Kaum gelandet, eilten Jene zu ihrem andern Boot und sahen mit großem Erstaunen, daß es gänzlich ausgeplündert und mit einem großen Leck durchbohrt war.

Nachdem die Neuangekommenen eine Weile über die Ursache dieser Beschädigung nachgesonnen hatten, ließen sie aus Leibeskräften mehre Male ein brüllendes Halloh erschallen, um von ihren Gefährten gehört zu werden. Es blieb jedoch vergeblich. Hierauf bildeten sie einen Kreis und feuerten aus ihrem Kleingewehr eine solche Salve ab, daß die Wälder rings umher ein lautes Echo vernehmen ließen. Auch dies fruchtete Nichts. Die in der Höhle eingeschlossenen Gefangenen hörten das Schießen nicht, und die bei uns Befindlichen vernahmen es zwar recht gut, durften aber keine Antwort geben.

Hierüber waren die Schiffsleute so erstaunt und befremdet, daß sie, wie wir später erfuhren, beschlossen, sofort nach dem Schiffe zurückzukehren und die Nachricht dahin zu bringen, die Mannschaft sei ermordet und das Langboot seeuntüchtig gemacht. Dem gemäß brachten sie das Fahrzeug, in dem sie gekommen waren, alsbald wieder in See und begaben sich an Bord desselben.

Hierüber aber erschrak der Kapitän aufs Aeußerste; er glaubte nämlich, die Schiffsmannschaft würde nach der Rückkehr der Abgesandten ihre Kameraden verloren geben und wieder in See gehen, so daß er das Schiff, das er wieder zu erlangen gehofft, unfehlbar verlieren werde. Bald aber sollte er durch ein anderes Ereigniß noch mehr in Furcht gesetzt werden.

Die Leute waren noch nicht lange mit dem Boot abgestoßen, als wir sie ans Land zurückkehren sahen, offenbar gewillt, etwas Anderes zu unternehmen. Sie hatten, wie es schien, nach gepflogener Berathung beschlossen, daß drei Mann in dem Boot zurückbleiben, die Uebrigen aber auf die Insel zurückkehren und nach ihren Gefährten suchen sollten. Dies gab der Sache für uns eine sehr unangenehme Wendung, und wir wußten im Augenblick nicht, was wir beginnen sollten. Denn wenn wir uns auch jener sieben Mann, die sich am Lande befanden, bemächtigten, so half das nicht viel, wenn wir das Boot entrinnen ließen. Die darin Befindlichen nämlich wären dann gewiß sofort zu dem Schiff zurückgerudert und mit den dort Zurückgebliebenen sicherlich alsbald unter Segel gegangen, wo dann von einem Wiederbekommen des Fahrzeugs für uns keine Rede mehr sein konnte. Indessen hatten wir keine andere Wahl, als den Verlauf der Dinge ruhig abzuwarten.

Sobald die sieben Mann an Land gegangen waren, hatten die drei in dem Boot befindlichen dieses eine geraume Strecke weit vom Ufer abgesteuert und sich dort vor Anker gelegt, um auf die Andern zu warten. Damit aber war es für uns unmöglich geworden, an das Boot zu gelangen. Die ans Ufer Gelangten hielten sich dicht zusammen und bewegten sich nach der Spitze des kleinen Hügels, unter welchem meine Behausung lag. Wir konnten sie deutlich erkennen, während sie dagegen uns nicht zu bemerken vermochten. Es mußte uns erwünscht sein, daß sie entweder näher zu uns herankämen, oder sich weiter von uns entfernten. In jenem Falle hätten wir auf sie feuern, im andern hätten wir uns sicher zurückziehen können. Als sie den Hügel erstiegen hatten, von dem man weit aus über die Thäler und Wälder nach der am tiefsten gelegenen Nordostseite der Insel zu schauen vermochte, schrieen und riefen sie so lange, bis sie ermüdet waren. Dann setzten sie sich, ohne sich weit vom Ufer hinweg zu wagen, oder sich von einander zu entfernen, unter einen Baum, um Rath zu halten. Hätten sie sich dort dem Schlaf überlassen, wie es früher die andere Truppe gethan, so wäre das sehr vortheilhaft für uns gewesen; aber sie waren zu sehr in Furcht, um schlafen zu können, wiewohl sie keine bestimmte Vorstellung von den ihnen drohenden Gefahren hatten.

Jetzt brachte der Kapitän einen sehr zweckmäßigen Vorschlag zur Sprache. »Vielleicht«, meinte er, »werden diese Gesellen zu dem Entschluß kommen, eine neue Salve zu geben, um von ihren Kameraden gehörten werden, und dann wollen wir in dem Augenblick, wo ihre Gewehre abgefeuert sind, über sie herfallen; sicherlich werden sie sich uns in dieser Lage ergeben, und wir bekommen sie auf diese Weise ohne Blutvergießen in unsere Gewalt.« – Ich billigte diesen Plan für den Fall, daß wir den Leuten nahe genug seien, um zu ihnen gelangen zu können, ehe sie ihre Gewehre wieder zu laden vermöchten. Aber eben diese Voraussetzung fand nicht statt, und so lagen wir noch eine geraume Zeit unentschlossen, was wir unternehmen sollten.

Endlich erklärte ich mich dahin, daß sich meines Bedünkens vor Einbruch der Nacht gar Nichts thun ließe. Vielleicht könnten wir dann, wenn unsere Feinde nicht in das Boot zurückkehren sollten, zwischen sie und das Ufer gelangen und dann die im Boot Befindlichen durch List ans Land locken.

Nachdem wir eine geraume Zeit in großer Ungeduld gewartet hatten, waren wir sehr unangenehm überrascht, als wir die sieben Mann nach langer Berathung aufstehen und nach dem Meere hingehen sahen. Es schien, als ob der Ort, an dem sie sich befanden, ihnen so unheimlich vorkäme, daß sie beschlossen hätten, an Bord des Schiffes zurückzukehren, ihre Gefährten verloren zu geben und ihre Reise fortzusetzen.

Als ich sie nach dem Ufer hingehen sah, war ich überzeugt, daß sie alle weitern Nachforschungen aufgegeben hätten. Der Kapitän theilte diese Ansicht und war dadurch nicht wenig erschreckt. Mir aber kam alsbald eine List in den Sinn, die sich bewährte und die Fremden wirklich wieder zur Umkehr vom Strande bewog. Ich ließ nämlich Freitag und den Steuermann des Kapitäns über die kleine Bucht im Westen setzen, von dort nach der Stelle, wo Freitag den Wilden entronnen war, gehen und befahl ihnen, sobald sie auf die daselbst etwa eine halbe Meile von uns befindliche Anhöhe gekommen seien, aus Leibeskräften zu rufen, bis die Seeleute es vernommen hätten. Wenn diese Antwort gegeben, sollten jene beiden das Schreien wiederholen, dann in einem Bogen fortlaufend immer das Halloh der Fremden erwiedern, diese möglichst weit auf solche Weise in das Innere der Insel und in die Wälder locken und dann auf einem Umwege, den ich ihnen angab, zu uns zurückkehren.

Die Fremden waren gerade im Begriff, in das Boot zu steigen, als Freitag und sein Begleiter ihr Halloh anstimmten. Sofort antworteten jene und eilten der Küste entlang westwärts, dem Ort zu, von woher die Stimmen schallten. Auf ihrem Wege sahen sie sich durch die Bucht gehemmt, in der gerade das Flutwasser stand, so daß sie nicht hinüber konnten. Sofort riefen sie, ganz wie ich es voraus gesehen, den im Boot Befindlichen zu, herbeizukommen und sie überzusetzen. Kaum war diese Aufforderung ergangen, so sah ich, wie das Boot, das eine weite Strecke die Bucht hinaufgerudert war, in einer Einbiegung des Ufers landete, worauf von den drei früher darin Befindlichen einer mit den sieben Anderen lief und nur zwei in dem Fahrzeug zurückblieben, nachdem sie dieses an dem Stamm eines kleinen Baumes am Ufer befestigt hatten.

Dies war es aber gerade, was ich gewünscht hatte. Sofort nahm ich die bei mir befindlichen Leute mit, setzte so, daß ich von den Männern bei dem Boot nicht bemerkt werden konnte, über die Bucht und überraschte die Beiden, ehe sie es sich versahen. Der Eine von ihnen lag am Ufer, der Andere befand sich noch im Boot. Jener, im halben Schlaf begriffen, wollte sich erheben, aber der Kapitän, der uns voraus war, eilte auf ihn los und schlug ihn nieder. Dann rief er dem im Boote Befindlichen zu, er solle sich ergeben oder er sei des Todes.

Es bedurfte keiner großen Ueberredung, um diesen vom Widerstand abzuhalten, als er sich uns fünf Männern gegenüber und seinen Gefährten kampfunfähig sah. Ueberdies gehörte er auch, wie es schien, zu den drei Leuten, die nicht so schwer betheiligt an der Meuterei waren als das übrige Schiffsvolk, daher er nicht nur sich völlig ergab, sondern sich uns auch später als aufrichtiger Bundesgenosse bewährte.

Unterdessen hatten Freitag und der Steuermann den Andern gegenüber ihre Sache so gut gemacht, daß diese durch Rufen und Antworten von einem Hügel zum andern und von einem Gehölz ins andere gelockt worden und nicht nur herzlich müde, sondern auch vom Boot weit genug entfernt waren, um es vor der Dunkelheit nicht wieder erreichen zu können. Nicht minder brachten auch unsre Freunde, bei ihrer Rückkehr zu uns, eine tüchtige Müdigkeit mit.

Jetzt blieb uns nichts Anderes zu thun, als die Nacht abzuwarten und dann die Fremden zu überfallen, wo wir sicher sein durften, uns ihrer bemächtigen zu können. Es waren kaum einige Stunden nach Freitags Rückkehr verstrichen, als auch Jene den Rückweg zu ihrem Boote nahmen. Schon geraume Zeit, ehe sie herankamen, hörten wir die Vordersten den Zurückgebliebenen zurufen. Diese antworteten mit Klagerufen über ihre Lahmheit und Müdigkeit und versicherten, daß sie kaum noch vorwärts könnten. Endlich langten sie bei dem Boot an. Aber wie groß war ihr Befremden, als sie dieses durch die Ebbe auf dem Sand fest gemacht sahen, ihre beiden Leute aber nicht mehr darin fanden. Wir hörten sie eine klägliche Unterhaltung führen; sie jammerten darüber, daß sie auf ein verzaubertes Eiland gerathen seien; entweder, sagten sie, müsse es hier Eingeborene geben, durch die ihnen Allen ein grausamer Tod drohe, oder es müßten Teufel und böse Geister hier wohnen, von denen sie entführt und vernichtet werden würden.

Hierauf stimmten sie aufs Neue ihr lautes Halloh an und forderten ihre Gefährten bei Namen auf, herbeizukommen; aber es erfolgte keine Antwort. Einige Zeit darauf sahen wir sie in der Dämmerung mit vor Verzweiflung gerungenen Händen herumirren, dann in das Boot zurückkehren, um auszuruhen, bald darauf wieder am Ufer umherlaufen und dies Thun immer aufs Neue wiederholen.

Meine Leute hatten große Lust, sofort in der Dunkelheit über sie herzufallen, aber ich wollte meiner Sache ganz gewiß sein, um so wenig als möglich Menschenleben opfern zu müssen. Vor Allem aber war ich abgeneigt, das Leben eines meiner eigenen Leute aufs Spiel zu setzen. Ein Verlust in Bezug auf diese lag um so näher, als die Andern gut bewaffnet waren. Daher beschloß ich zu erwarten, ob die Feinde sich nicht etwa trennen würden. Um sie sicherer in meiner Gewalt zu behalten, gedachte ich unsern Hinterhalt mehr in ihre Nähe zu verlegen, und deshalb befahl ich Freitag und dem Kapitän, auf Händen und Füßen, zur Erde geduckt, sich so nahe als möglich zu ihnen zu schleichen, ehe sie sich schußfertig machten.

Meine Gefährten waren noch nicht lange an ihrem Posten angekommen, als sich der Bootsmann, der Haupträdelsführer bei der Meuterei und zugleich derjenige, welcher jetzt am muthlosesten von Allen schien, mit zwei Andern von dem Schiffsvolk dem Kapitän und meinem Freitag näherte. Der erstere, als er vermuthete, daß dieser Hauptschuft ihm in das Garn laufe, konnte sich kaum gedulden, bis er ihm nahe genug war, so daß ihn jener genau erkennen konnte. Denn bis dahin hatte der Kapitän nur nach der Stimme vermuthet, daß es dieser Schurke sei. Als die drei aber ziemlich in ihre Nähe gekommen waren, standen der Kapitän und Freitag auf und gaben Feuer. Der Bootsmann blieb auf der Stelle todt, und einer von den beiden andern Leuten fiel, durch den Leib getroffen, neben ihm nieder, starb aber erst einige Stunden später; der dritte dagegen entfloh.

Sobald die Schüsse geknallt hatten, rückte ich mit meiner ganzen, jetzt aus acht Mann bestehenden Armee vor. Ich selbst als Generalissimus voran, Freitag als mein Generallieutenant, der Kapitän und seine beiden Leute und unsre drei Kriegsgefangenen, die wir mit Waffen versehen hatten, folgten. Da wir uns den Schiffsleuten in der Dunkelheit näherten, vermochten sie unsre Anzahl nicht zu erkennen. Ich ließ den in dem Boot zurückgebliebenen Mann, der jetzt einer von den Unsrigen war, jene bei Namen rufen, um zu versuchen, ob sie mit sich unterhandeln und sich zur Ergebung bereit finden lassen würden. Die Sache lief auch ab, wie ich es wünschte. Begreiflich genug, daß die Leute, mit Rücksicht auf ihre böse Lage, sich gern zur Kapitulation verstanden. Als der von mir Beauftragte, so laut er vermochte, einem seiner Kameraden zugerufen: »Tom Smith, Tom Smith«, antwortete dieser augenblicklich: »Bist du es, Robinson?« – »Ja wohl, Tom Smith! legt um Gottes willen Eure Waffen nieder und ergebt Euch, oder Ihr seid Alle im nächsten Augenblick des Todes.«

»Wem sollen wir uns denn ergeben? Was sind es für Leute?« fragte Smith wiederum.

»Sie sind hier bei mir«, entgegnete Jener. »Es ist unser Kapitän mit fünfzig Mann, die Euch diese zwei Stunden lang herumgehetzt haben. Der Bootsmann ist todt, Will Fry ist verwundet und ich bin gefangen. Wenn Ihr Euch nicht ergebt, seid Ihr sämmtlich verloren.«

»Wenn sie uns Pardon verheißen«, erwiederte Tom Smith, »dann wollen wir uns ergeben.«

»Ich will gehen und fragen.«

Hierauf rief der Kapitän selbst: »Smith, du kennst meine Stimme, wenn Ihr sofort die Waffen ablegt und Euch ergebt, soll Euch Allen das Leben geschenkt sein, ausgenommen Will Atkins«.

Jetzt schrie dieser Will Atkins: »Um Gottes willen, Kapitän, schenkt mir auch Gnade! Was habe denn ich gerade gethan? Die Andern haben ja ebenso schlecht gehandelt als ich!«

Dies war jedoch nicht die Wahrheit. Wie es schien, hatte dieser Mensch bei dem Ausbruch der Meuterei die erste Hand an den Kapitän gelegt und ihn, nachdem er ihm die Hände gebunden, barbarisch behandelt und mit Schimpfworten beleidigt. Der Kapitän antwortete ihm, er solle die Waffen auf Gnade oder Ungnade niederlegen, sein Geschick würde von der Entscheidung des Gouverneurs abhängen. Mit diesem Namen bezeichnete mein Freund nämlich mich.

Um es kurz zu machen: die Männer legten ihre Waffen nieder und baten, daß wir ihnen das Leben schenken möchten. Ich schickte hierauf jenen, der mit ihnen vorher unterhandelt hatte, nebst zwei Anderen zu ihnen und ließ sie binden. Hierauf erst kam meine große Armee von fünfzig Mann, die, jene drei inbegriffen, jetzt wieder auf acht herabgeschmolzen war, zum Vorschein und bemächtigte sich der Fremden und ihres Bootes. Ich selbst hielt mich nebst einem Begleiter aus Politik noch fern.

Unsere nächste Sorge war nun, das Boot auszubessern, um zu versuchen, ob wir des Schiffes habhaft werden könnten. Der Kapitän beschäftigte sich jedoch zunächst damit, mit den Empörern zu unterhandeln. Er warf ihnen die Schändlichkeit ihres Verfahrens gegen ihn und die Nichtswürdigkeit dessen, was sie zuletzt gegen ihn beabsichtigt hätten, vor und zeigte ihnen, wie sie durch diese Handlungen nothwendig am Ende in das Elend und Verderben, vielleicht gar auf die Galeeren hätten gerathen müssen. Sie schienen auch voll Reue zu sein und baten flehentlich um ihr Leben. Hierauf erklärte er, sie seien nicht seine Gefangenen, sondern die des Befehlshabers dieser Insel. Sie hätten zwar gemeint, ihn an ein ödes, menschenleeres Eiland auszusetzen, aber Gottes Gnade habe es so gefügt, daß es bewohnt sei und einen Engländer zum Gouverneur habe. Wenn es diesem beliebe, könne er sie sämmtlich hängen lassen; da er ihnen aber Pardon versprochen, so werde er sie vermutlich nach England schicken und dem Arme der Gerechtigkeit überliefern, mit Ausnahme des Atkins. Dieser solle sich, so laute der Befehl des Gouverneurs, auf seinen Tod vorbereiten, da er am nächsten Morgen baumeln müsse.

Dies Alles war zwar freie Erfindung des Kapitäns, brachte aber doch die erwünschte Wirkung hervor. Atkins fiel auf die Kniee und bat den Kapitän, sich bei dem Gouverneur für sein Leben zu verwenden. Die Andern alle flehten, daß man sie um Gottes willen nicht nach England schicken möge.

Jetzt kam mir der Gedanke, daß der Augenblick unserer Befreiung nahe sei. Es müsse, dachte ich mir, eine Leichtigkeit sein, diese Leute dahin zu bringen, daß sie uns mit Freuden den Besitz des Schiffes verschafften. Nachdem ich mich in die Dunkelheit zurückgezogen hatte, damit sie vorläufig nicht erführen, was für eine Art von Gouverneur hier herrsche, rief ich den Kapitän herbei. Ich verstellte dabei meine Stimme so, daß es klang, als käme sie aus einer großen Ferne. Einer der Leute wurde beordert, meinen Befehl weiter zu tragen und dem Kapitän zu melden, daß ihn der Kommandant zu sich entbiete. Sofort erwiederte der Kapitän: »Sage Sr. Excellenz, ich würde alsbald kommen«. Dies bestärkte die Gefangenen noch mehr in ihrem Wahn, und sie glaubten sämmtlich, der Gouverneur halte mit seinen fünfzig Mann irgendwo an einer entfernten Stelle der Insel.

Nachdem sich der Kapitän zu mir begeben hatte, theilte ich ihm mit, es sei mein Plan, mich jetzt sofort des Schiffes zu bemächtigen. Diese Absicht behagte ihm ungemein, und wir beschlossen, sie gleich am nächsten Morgen in Ausführung zu bringen. Damit das aber um so besser geschehen könne, schlug ich dem Kapitän vor, die Gefangenen zu theilen. Ich beauftragte ihn, Atkins und zwei andere von den Hauptübelthätern gefesselt nach der Höhle zu schicken, wo die Uebrigen lagen. Zu diesem Transport wurden Freitag und die beiden mit dem Kapitän an das Land gekommenen Leute verwendet. Diese brachten die Gefangenen in die Höhle als wie in einen Kerker, und in der That war der Aufenthaltsort, besonders für Menschen in solcher Lage, schlimm genug. Die übrigen Schiffsleute ließ ich nach meiner oftbeschriebenen Laube bringen. Da diese umzäunt und die Gefangenen in Fesseln waren, bot der Ort Sicherheit genug für ihre Verwahrung.

Zu den letzteren schickte ich am folgenden Morgen den Kapitän, damit er mit ihnen unterhandle, das heißt, sie auf die Probe stelle und mir Bericht erstatte, ob auf ihre Mitwirkung zur Wiedererlangung des Schiffes zu rechnen sei. Er hielt ihnen das durch sie gegen ihn begangene Verbrechen nochmals vor und wies sie darauf hin, in welch traurige Lage sie selbst in Folge dessen gekommen seien. Denn wenn der Gouverneur ihnen auch für den jetzigen Augenblick das Leben geschenkt habe, so würden sie doch, falls man sie nach England schickte, sicherlich gehängt werden. Jedoch wolle er sie versichern, daß, wenn sie bei einer so rechtmäßigen Handlung, wie die Wiedereroberung des Schiffes sei, Beistand leisteten, der Gouverneur ihnen vollen Pardon geben werde.