Daniel Defoe

Sechstes Kapitel

Kein Schlaf kam diese Nacht in meine Augen; je weiter ich von der Ursache meines Schreckens entfernt war, um so größer wurden meine Befürchtungen. Zwar widerspricht das eigentlich der Natur der Sache und weicht von den gewöhnlichen Aeußerungen des Schreckens ab, aber ich war dermaßen in meinen entsetzten Gedanken über die Erscheinung befangen, daß sich mir Nichts als schauerliche Vorstellungen aufdrängten, wiewohl ich jetzt ziemlich weit von dem Anlaß meiner Furcht entfernt war.

Zuweilen bildete ich mir ein, der Teufel müsse sein Spiel hier haben, und diese Annahme war nicht ohne allen Grund. Denn wie sollte irgend ein anderes Wesen in menschlicher Gestalt hierher gekommen sein? Wo war das Schiff, das es hergeführt hatte? Warum waren keine anderen Fußspuren zu sehen? Dann aber kam mir wieder der Gedanke: Warum sollte der Satan menschliche Gestalt angenommen haben, nur um seinen Fußtritt hier zurückzulassen? Bald schien mir meine abergläubische Furcht auch deshalb lächerlich, weil ich bedachte, daß der Teufel mich ja auf unendlich viele andere Arten hätte erschrecken können als durch diesen einzelnen Fußtapfen. Denn da ich auf einer ganz anderen Seite der Insel wohnte, würde er doch gewiß nicht so dumm gewesen sein, eine Spur an einer Stelle zurückzulassen, wo zehntausend gegen eins zu wetten war, daß ich sie nie sehen würde, und am wenigsten im Sande, wo die erste Flutwelle bei einigem Winde sie sofort vernichten mußte. Alles dieses ließ sich weder mit der Sache selbst, noch mit den Vorstellungen, die wir gewöhnlich von der Schlauheit des Satans haben, zusammenreimen.

Solche Erwägungen benahmen mir allmählich die Furcht vor dem Teufel. Nun vermuthete ich dagegen, daß ich es mit noch gefährlicheren Wesen zu thun habe, nämlich mit einem oder mehren der wilden Bewohner jenes gegenüberliegenden Festlandes. Ich bildete mir ein, sie wären in ihrem Canoe in See gegangen und von widrigen Winden oder der Strömung an diese Küste verschlagen worden, dann aber wieder abgefahren, da es ihnen vielleicht ebensowenig auf dieser öden Insel gefallen haben möchte, wie es mir behagt haben würde, sie hier zu haben.

Während diese Gedanken meine Seele beunruhigten, empfand ich es sehr dankbar, daß ich so glücklich gewesen war, um jene Zeit nicht gerade an der fraglichen Stelle zu sein, und daß die Fremden mein Boot nicht gesehen hatten, weil sie sonst auf Bewohner der Insel hätten schließen müssen und vielleicht weiter nach mir geforscht hätten. Dann aber stiegen mir wieder schreckliche Gedanken auf und meine Einbildungskraft malte mir aus, daß die Wilden das Boot gefunden hätten und nun wüßten, daß die Insel bewohnt sei, und wie sie dann gewiß in großer Anzahl wiederkommen und mich überfallen würden. Und wenn sie auch mich selbst nicht finden konnten, so glaubte ich doch, sie würden meine Anlagen finden, meine Felder verwüsten und meine zahme Ziegenheerde hinwegführen, so daß ich endlich durch Mangel umkommen müßte.

So überwältigte meine Furcht wieder alle meine gläubige Hoffnung. Mein ganzes bisheriges Vertrauen auf Gott, welches auf so wunderbare Erfahrungen seiner Güte gegründet war, fiel nun über den Haufen, als ob er, der mich bisher durch Wunder ernährt hatte, nicht auch Macht habe, die Nahrungsmittel, die seine Gnade mir gespendet hatte, zu beschützen. Ich machte mir Vorwürfe über meinen Leichtsinn, daß ich nicht mehr Getreide jedes Jahr gesäet hatte, als was gerade bis zur nächsten Ernte ausreichend war, wie wenn kein Unfall mich jemals verhindern könnte, das Korn, was noch auf dem Felde stand, einzuheimsen. Dieser Vorwurf erschien mir so gerechtfertigt, daß ich mir vornahm, künftig immer Sorge zu tragen, auf zwei bis drei Jahre im Voraus versorgt zu sein, damit ich, was auch sonst kommen möge, wenigstens nicht zu verhungern brauchte.

Was für ein seltsames Gebilde der göttlichen Hand ist doch das Leben des Menschen! Durch wie verschiedene geheime Triebfedern werden seine Neigungen je nach den eben obwaltenden Umständen hin und her bewegt! Heute lieben wir das, was wir morgen vielleicht hassen; suchen das heute auf, was wir morgen vermeiden; wünschen jetzt, was wir gleich darauf fürchten, ja wovor wir beim bloßen Gedanken daran zittern. Das bewährte sich jetzt auch an mir auf das Alleraugenfälligste. Denn ich, dessen einziger Kummer darin bestanden hatte, daß ich aus der menschlichen Gesellschaft ausgestoßen und verurtheilt schien, einsam und allein, nur umgeben von dem unermeßlichen Ocean zu leben, abgeschnitten von allem Verkehr und verdammt in einem sozusagen stummen Dasein zu existiren, als hätte der Himmel mich nicht für würdig gehalten, zu den Lebenden gezählt zu werden oder unter seinen übrigen Geschöpfen zu wandeln, ich, dem der Anblick eines Wesens meines Gleichen als eine Auferweckung vom Tode zum Leben hätte erscheinen müssen und als der größte Segen, den der Himmel, nächst der ewigen Erlösung selbst, mir hätte angedeihen lassen können, – ich erzitterte jetzt bei der bloßen Vorstellung, einen Menschen zu sehen, und hätte in die Erde sinken mögen bei der bloßen Vermuthung, bei dem stummen Zeichen, daß ein Mensch die Insel betreten hatte.

So wandelbar ist das Menschenherz. Als ich mich von meinem ersten Schrecken einigermaßen erholt hatte, stellte ich mancherlei merkwürdige Betrachtungen an. Ich bedachte, daß der allweise und allgütige Gott diese Lebenslage für mich ausersehen habe, und daß, da ich nicht voraussehen könne, welche Absichten die göttliche Weisheit mit allem diesem verfolge, es mir nicht zustehe, ihrer Anordnung zu widerstreben. Hatte denn Gott nicht über mich, als über sein Geschöpf, das unbestreitbare Recht unbedingter Verfügung, wie es ihm gefiel, und hatte ich ihn nicht überdies erzürnt und dadurch seine Gerechtigkeit herausgefordert, eine Strafe, wie er sie für angemessen hielt, über mich zu verhängen? War es nicht meine Schuldigkeit, mich seiner Ungnade zu unterwerfen, weil ich gegen ihn gesündigt hatte? Dann überdachte ich ferner, daß Gott, der ja nicht allein gerecht, sondern auch allmächtig ist, ebenso gut, wie er mich auf diese Weise strafte und heimsuchte, mich ja auch befreien könne, und daß, wenn er nicht für angemessen halte, das zu thun, es meine unzweifelhafte Pflicht sei, mich ganz unbedingt in seinen Willen zu ergeben; und wie es andererseits wieder meine Schuldigkeit sei, auf ihn zu hoffen, zu ihm zu beten und demüthig den täglichen Weisungen und Winken seiner Vorsehung zu gehorchen.

Diese Gedanken beschäftigten mich viele Stunden, Tage, ja, ich möchte sagen, Wochen und Monate. Auch noch eine besondere Wirkung solcher Betrachtungen auf mich will ich bei dieser Gelegenheit mittheilen. Als ich nämlich eines Morgens im Bette lag und durch meine Gedanken von der Gefahr, welche die Erscheinung von Wilden für mich mit sich brächte, sehr aufgeregt war, da fielen mir plötzlich wieder die Worte der heiligen Schrift ein: »Rufe mich an in der Noth und ich will dich erretten und du sollst mich preisen«. Da konnte ich nicht allein getrösteten Herzens fröhlich mein Lager verlassen, sondern ich fand auch Kraft und Muth, Gott inbrünstig um Errettung zu bitten. Als ich mein Gebet beendigt hatte, nahm ich meine Bibel zur Hand, und die ersten Worte, auf die meine Augen fielen, als ich sie aufschlug, waren: »Harre des Herrn, sei getrost und unverzagt und harre des Herrn«.

Diese Worte gewährten mir unbeschreiblichen Trost. Ich legte mit dankbaren Gefühlen das Buch hin und war wenigstens für den Augenblick nicht mehr traurig.

Mitten in diesen Grübeleien, Aengsten und Betrachtungen fiel mir eines Tages ein, daß der Anlaß meiner Furcht möglicher Weise nichts weiter als eine meiner Einbildungen sein könnte. Die Spuren rührten ja vielleicht von meinen eigenen Füßen her; ich hatte sie vielleicht hervorgebracht, als ich aus meinem Boote ans Land gestiegen war. Dieser Gedanke trug auch ein wenig dazu bei, mich aufzuheitern, und ich fing an, mich selbst zu überreden, daß das Ganze nur eine Täuschung gewesen sei und kein anderer als mein eigener Fuß die Insel betreten habe. Warum sollte ich nicht auf jenem Wege von dem Boote hergekommen sein, da ich doch auf demselben nach dem Boote hingegangen war? Konnte ich doch keineswegs versichern, wohin ich getreten habe und wohin nicht. Am Ende, wenn es sich herausstellte, daß es wirklich mein eigner Fußtritt gewesen war, hatte ich die Rolle jener Narren gespielt, die Gespenster und Geistergeschichten erfinden und sich dann selbst am meisten davor entsetzen.

Erst jetzt fing ich an, wieder Muth zu fassen und mich hinaus zu wagen. Denn seit drei Tagen und Nächten hatte ich meine Festung keinen Augenblick verlassen, und schon begann ich Mangel zu leiden, da ich zu Hause wenig mehr als einige Gerstenkuchen und Wasser hatte. Ich wußte auch, daß es nöthig sei, meine Ziegen zu melken, welches Geschäft sonst gewöhnlich meine Abendunterhaltung bildete. Die armen Thiere empfanden die Vernachlässigung auch schon schmerzlich, und einigen war sie sogar so nachtheilig gewesen, daß ihre Milch fast versiegt war. So waffnete ich mich denn mit dem Glauben, jene Fußspuren rührten wirklich nur von einem meiner eigenen Füße her, und ich sei, wie man zu sagen pflegt, vor meinem eigenen Schatten erschrocken. Bei meinem ersten Ausgang begab ich mich zunächst nach meinem Landsitz, um die Heerde zu melken. Wer damals gesehen hätte, wie furchtsam ich vorwärts schritt, wie oft ich mich umsah, wie ich beständig auf dem Sprunge war, meinen Korb von mir zu werfen und davon zu laufen, der würde gedacht haben, ich sei von einem bösen Gewissen geplagt oder durch etwas Ungeheures erschreckt worden; und das Letzte war ja auch wirklich der Fall.

Nachdem ich jedoch zwei oder drei Tage denselben Weg gemacht hatte, ohne irgend etwas Außergewöhnliches zu sehen, wurde ich ein Bischen kühner und die Ueberzeugung befestigte sich in mir, die Einbildung sei in der That die einzige Ursache meines Entsetzens gewesen. Völlig sicher konnte ich trotzdem mich nicht eher fühlen, als bis ich aufs Neue an jener Stelle der Küste gewesen war, den Fußtritt noch einmal angesehen und ihn mit meinem eigenen verglichen hatte. Dort angekommen aber überzeugte ich mich erstens, daß ich unmöglich beim Anlegen meines Bootes auch nur in die Nähe des Platzes gekommen sein konnte. Sodann ergab sich, daß mein Fuß, als ich ihn gegen die Spur abmaß, bei weitem nicht so groß war. Diese beiden Beobachtungen erfüllten mich aufs Neue mit den schrecklichsten Vorstellungen und machten mich wieder so furchtsam, daß ich zitterte wie ein Fieberkranker. Ich trat den Rückweg in dem festen Glauben an, ein Mensch oder mehre seien an jenem Platz gelandet, oder die Insel sei bewohnt, und ich könne unversehens überfallen werden. Wie ich mich davor schützen sollte, sah ich nicht ab.

Was für lächerliche Vorsätze faßt man doch unter dem Eindruck der Furcht! Diese Empfindung raubt dem Menschen alle Vertheidigungsmittel, die ihm die Vernunft zu seiner Rettung bieten würde. Das Erste, was ich vornehmen wollte, war, meine Zäune niederzureißen und alle mein zahmes Vieh in die Wälder zu jagen, in der Besorgniß, der Feind möchte es finden und dann vielleicht in der Hoffnung auf gleiche oder ähnliche Beute öfter wiederkommen. Aus demselben Grunde gedachte ich meine beiden Kornfelder umzugraben und nicht einen Halm darauf zu lassen. Auch meine Hütte und mein Zelt beschloß ich zu zerstören, damit man durchaus keine Spur des Bewohntseins der Insel fände und Niemand versucht würde, den Bewohnern selbst nachzuforschen.

Mit solchen Gedanken beschäftigte ich mich während der ersten Nacht nach meiner Rückkehr, als die Befürchtungen, die mich so überwältigt hatten, mir noch frisch in der Seele lebten und meinen Kopf mit wirren Bildern füllten. So ist die Furcht vor einer Gefahr oft tausendmal schrecklicher als die gegenwärtige Gefahr selbst. Wir tragen viel schwerer an der Last der Angst als an dem Uebel, das uns ängstigt. Das Schlimmste aber bei der Sache war, daß ich in dieser Noth nicht den Trost und die Ergebung festhielt, die mich sonst gestärkt hatten. Es ging mir wie Saul, wenn er klagt, daß nicht nur die Philister über ihn gekommen seien, sondern auch daß Gott ihn verlassen habe. Auch ich that jetzt nicht, was ich hätte thun sollen, mein Gemüth zu beruhigen. Ich rief nicht zu Gott in meiner Noth und verließ mich nicht wie früher, hinsichtlich meiner Verteidigung und Errettung, auf seine Vorsehung. Hätte ich das gethan, so wäre ich wenigstens mit frischerem Muthe dieser neuen Anfechtung entgegen gegangen und hätte sie wahrscheinlich leichter überwunden.

Die Verwirrung meiner Gedanken hielt mich die ganze Nacht wach. Erst gegen Morgen, durch die Aufregung meiner Gefühle müde gemacht und erschöpft, fiel ich in einen festen Schlaf und erwachte dann in viel ruhigerer Stimmung, als in der ich vorher gewesen war. Ich begann jetzt vernünftig nachzudenken. Nach langer Erwägung kam ich zu dem Schluß: diese so gar liebliche und fruchtbare Insel, die, wie ich gesehen, nicht weit vom Festlande abliege, könne nicht so durchaus verödet sein, als ich bisher geglaubt habe. Zwar werde sie schwerlich ständige Bewohner herbergen, aber zuweilen würden wohl Boote von der gegenüberliegenden Küste herüber kommen, die entweder absichtlich oder auch nur durch widrige Winde gezwungen hier landeten.

Freilich hatte ich bereits fünfzehn Jahre hier zugebracht und noch nie den leisesten Schatten einer menschlichen Gestalt gesehen. Daraus folgerte ich, daß, wenn jemals Leute hierher verschlagen sein sollten, sie sich wahrscheinlich immer sobald wie möglich wieder entfernt und nie daran gedacht hätten, sich hier niederzulassen. Demnach bestehe, so sagte ich mir weiter, die einzige mir drohende Gefahr in der zufälligen Landung einzelner verirrter Bewohner des Festlandes, welche aller Wahrscheinlichkeit nach gegen ihren Willen hierher verschlagen worden seien und die darum auch ohne Aufenthalt weiter zu kommen suchen und nur selten einmal über Nacht hier verweilen, sondern die nächste Flut und das Tageslicht für ihren Rückweg als Beistand benutzen würden. Also hätte ich weiter Nichts zu thun, als für den Fall, daß ich die Landung solcher Wilden hier erleben sollte, für einen sicheren Schlupfwinkel zu sorgen.

Jetzt bereuete ich bitter, die Höhle so groß gemacht zu haben, daß, wie ich erwähnte, noch eine Thür da, wo meine Befriedigung an den Felsen stieß, nach Außen führte. Nach reiflicher Ueberlegung beschloß ich, einen zweiten Wall zu errichten, in derselben Halbkreisform wie der erste, und zwar da, wo ich, wie seiner Zeit erwähnt ist, vor zwölf Jahren die doppelte Reihe Bäume gepflanzt hatte. Da diese ganz dicht zusammen standen, bedurfte es nur noch einiger Pfähle dazwischen, um sie noch enger zu verbinden. So war mein neuer Wall bald fertig. Ich hatte nun eine doppelte Mauer, und die äußere war überdies noch mit Holzscheiten, Schiffsketten und allen erdenklichen brauchbaren Dingen verwahrt. Ich hatte sieben kleine Löcher darin angebracht, ungefähr so groß, daß ich meinen Arm hindurchstecken konnte. An der inneren Seite verstärkte ich den Wall bis auf zehn Fuß Dicke, indem ich Erde aus meinem Keller holte, sie am Fuße der Wand ausschüttete und mit den Füßen fest trat. Durch jene Löcher steckte ich sodann die sieben, vom Schiff mitgebrachten Gewehre und legte sie wie Kanonen auf Lafetten, so daß ich alle sieben Geschütze in Zeit von zwei Minuten abzufeuern vermochte. Es bedurfte übrigens langer Monate, bis diese ganze Arbeit vollendet war, aber ich fühlte mich nicht eher sicher, als bis ich sie zu Stande gebracht hatte.

Hierauf besteckte ich den Boden außerhalb meiner Befestigung nach allen Richtungen mit Reisern und Schößlingen von dem weidenartigen schnellwachsenden Holze in einer solchen Ausdehnung, daß ich, glaub' ich, an zwanzigtausend Sprößlinge dazu verbrauchte. Unmittelbar um meine Festung ließ ich jedoch einen ziemlich großen Raum frei, damit ich etwaige Feinde kommen sehen könnte, und damit sie hinter den jungen Bäumen keinen Schutz fänden, wenn sie versuchen sollten, sich meiner Umfriedigung zu nähern.

Auf diese Weise war meine Wohnung innerhalb zweier Jahre von einem dichten Gehölz und nach fünf bis sechs Jahren von einem gewaltig dichten und starken Walde umgeben, der völlig undurchdringlich war. Niemand hätte dahinter jemals irgend etwas Besonderes, geschweige denn eine menschliche Wohnung vermuthet. Ich hatte keinen Zugang in meiner Einfriedigung freigelassen, sondern gelangte in dieselbe mittels zweier Leitern. Von diesen reichte die eine, die ich gegen eine niedrige Stelle des Felsens gelehnt hatte, bis an einen Vorsprung, auf dem Platz genug war, um eine zweite Leiter darauf anzubringen, so daß, wenn die beiden Leitern eingezogen waren, kein Mensch ohne die Gefahr einer Verletzung über den Wall gelangen konnte. Ueberdies hätte er dann auch erst noch die innere Umzäunung meiner Behausung zu passiren gehabt.

So hatte ich denn alle Vorkehrungen zu meiner Sicherheit, die menschliche Vorsicht ausdenken konnte, getroffen. Die Folge wird zeigen, daß sie nicht ganz unnütz gewesen waren, obgleich ich damals zu jenen Maßregeln lediglich durch die Vorspiegelungen meiner Furcht veranlaßt wurde.

Während der Beschäftigung mit diesen Arbeiten vernachlässigte ich meine andern Angelegenheiten auch nicht ganz. Besonders lag meine kleine Ziegenheerde mir sehr am Herzen. Die Thiere boten mir auf alle Fälle ein sehr schätzbares Hülfsmittel und lieferten mir schon jetzt ausreichenden Lebensunterhalt. Auch ersparten sie mir den Aufwand von Pulver und Blei, sowie die Anstrengung, die ich bei der Jagd auf die wilden Ziegen gehabt hatte. Ich wollte mir daher um jeden Preis diesen Vortheil wahren, um nicht genöthigt zu sein, noch einmal die Einzäunung aufs Neue zu beginnen.

Nach langer Ueberlegung sah ich für diese Sicherung nur zwei Möglichkeiten. Die eine bestand darin, daß ich an einer passenden Stelle eine unterirdische Höhle grub, um die Ziegen des Nachts da hineintreiben zu können; die zweite, daß ich einige Stückchen Land, weit auseinander und möglichst versteckt gelegen, mit Zäunen umgab und innerhalb jedes derselben etwa ein halbes Dutzend junger Ziegen hielt. Auf diese Weise konnte ich, wenn die Hauptheerde von irgend einem Unfall betroffen wurde, ohne viel Mühe und Zeitverlust mir wieder eine andere heranziehen. Der letztere Plan erschien mir der zweckmäßigste, wenngleich seine Ausführung viel Zeit und Mühe in Anspruch nehmen mußte.

Demgemäß suchte ich sorgfältig nach den verborgensten Plätzen auf der Insel und machte auch glücklich einen ausfindig, der so heimlich gelegen war, wie ich es nur wünschen konnte. Es war ein kleiner, feuchter Rasenfleck mitten im dichtesten Walde, da, wo ich mich einmal, wie früher erzählt ist, auf dem Rückweg von der Ostseite der Insel verirrt hatte. Hier fand ich einen freien Platz, etwa drei Morgen groß und dergestalt von Bäumen umgeben, daß dieser fast schon einen natürlichen Wildzaun bildete. Wenigstens erforderte die Anlegung des künstlichen dort bei weitem weniger Arbeit als an den Stellen, wo ich früher die Umfriedigungen angelegt hatte.

Ich machte mich unverzüglich an die Arbeit und hatte schon vor Ablauf eines Monats einen Zaun fertig gebracht, in welchem eine Heerde oder ein Rudel meiner Ziegen, die übrigens jetzt lange nicht mehr so wild waren als im Anfang, ganz sicher untergebracht werden konnte. Dahin versetzte ich nun zehn junge Ziegen und zwei Böcke und fuhr dann fort, den Zaun zu vervollkommnen, bis er ebenso fest war wie die andern. Doch nahm ich mir dabei die Zeit, und es dauerte daher lange, bis die Arbeit beendet war.

All diese Mühe wurde veranlaßt durch die Furcht, die mir die Spur eines einzigen menschlichen Fußtrittes eingeflößt hatte. Zwar hatte ich bis hierher noch kein Menschenkind außer mir auf der Insel wahrgenommen, aber dennoch befand ich mich seit zwei Jahren in einer solchen Aufregung, daß mein Leben sich bei weitem unbehaglicher als früher gestaltet hatte. Das wird Jedermann begreiflich finden, der jemals Furcht vor feindseligen Menschen empfunden hat.

Leider muß ich bekennen, daß die Unruhe meines Gemüthes auch nicht ohne Einfluß auf mein Leben im Glauben blieb. Denn die Angst und das Entsetzen bei dem Gedanken, den Wilden und Menschenfressern in die Hände zu fallen, drückte meinen Geist so nieder, daß ich selten in der Stimmung war, mich an Gott zu wenden. Wenigstens that ich es nicht mehr mit der andächtigen Sammlung und Ergebung der Seele wie sonst. Ich betete nur in großer Angst und Herzensunruhe, wie in beständiger Gefahr und in der fortwährenden Erwartung, im Laufe der Nacht ermordet zu werden und den Morgen nicht zu erleben. Aus Erfahrung kann ich bezeugen, daß Friede, Dankbarkeit, Liebe und Freundlichkeit viel mehr zum Gebet stimmen als Schrecken und Angst. In der Furcht vor drohendem Unheil ist der Mensch ebensowenig zu der tröstlichen Ausübung der Gebetspflicht fähig, als er es auf dem Krankenbett zur Reue ist. Denn in jener Verfassung ist der Geist ebenso gestört wie dort der Körper, und die geistige Störung bringt nothwendig eine gleiche Unfähigkeit hervor wie die körperliche. Ja sogar eine noch größere, denn das Gebet ist ja eine ausschließlich geistige Thätigkeit.

Nachdem ich, um hier meine Erzählung wieder aufzunehmen, in der erwähnten Weise einen Theil meines kleinen lebendigen Inventars in Sicherheit gebracht hatte, durchwanderte ich die ganze Insel nach einem zweiten verborgenen Platze, um noch ein anderes Depot gleicher Art anzulegen. Diesmal gerieth ich weiter nach der Westspitze der Insel als je vorher, und da geschah es, daß ich, als ich einmal auf das Meer hinaus schaute, in weiter Entfernung ein Boot wahrzunehmen glaubte. In den Matrosenkoffern, die ich aus dem Schiffe gerettet, hatte ich auch zwei Ferngläser gefunden, von denen ich jedoch damals gerade keins bei mir trug. Das vermeintliche Fahrzeug war so entfernt, daß ich es nicht genau erkennen konnte, obgleich ich danach schaute, bis mir die Augen übergingen. Als ich, von dem Hügel herabgestiegen, das Boot nicht mehr sah, beschloß ich, nicht mehr an die Sache zu denken, nahm mir aber vor, nie mehr ohne ein Fernrohr in der Tasche auszugehen. Nachdem ich unterhalb des Hügels an das Ende der Insel gelangte, wo ich früher noch nie gewesen war, überzeugte ich mich, daß der Anblick einer menschlichen Fußspur nicht etwas so Außerordentliches sei, als ich mir bisher eingebildet hatte. Wäre ich nicht durch eine besondere Fügung gerade auf jener Seite der Insel, wo die Wilden nie hinzukommen pflegten, ans Land geworfen worden, so hätte ich längst wissen können, daß die Canoes vom Festlande, wenn sie sich etwas zu weit in die See hinaus gewagt hatten, sehr häufig die der meinigen entgegengesetzte Seite der Insel als Hafen benutzten. Nach ihren Seegefechten in Canoes pflegten nämlich die Sieger ihre Gefangenen an jene Küste zu bringen und sie nach ihrer schrecklichen Sitte gemäß (denn sie waren sämmtlich Cannibalen) dort zu tödten und zu verzehren. Doch hiervon wird später ausführlicher die Rede sein.

Von dem Hügel herab ans Ufer gelangt, das, wie gesagt die Südwestspitze der Insel bildete, blieb ich plötzlich starr vor Schrecken und Entsetzen stehen. Mit unbeschreiblichem Grauen fand ich dort den Boden mit Schädeln, Händen, Füßen und anderen Gliedmaßen menschlicher Leiber übersäet. Am meisten entsetzte mich eine Stelle, wo offenbar ein Feuer angezündet gewesen war, um das sich ein kreisförmiger Graben zog. Hier hatten sich augenscheinlich jene wilden Scheusale zu ihrem unmenschlichen Mahle, das aus den Leichnamen ihrer Mitmenschen bestand, niedergelassen gehabt.

Ich war so durch diesen Anblick vernichtet, daß ich eine ganze Weile gar nicht an eine Gefahr für mich selbst dachte. Meine Befürchtungen gingen unter in dem Gedanken an diese unmenschliche teuflische Brutalität und in dem Abscheu vor solcher Entwürdigung der menschlichen Natur. Zwar hatte ich von dergleichen Scheußlichkeiten oft gehört, aber noch nie hatte ich so unmittelbare Beweise für dieselben gehabt. Ich wandte mich von dem grausigen Schauspiel ab, mir wurde ganz übel und ich war einer Ohnmacht nahe. Meine Natur half sich jedoch.

Nachdem ich mich heftig übergeben hatte, fühlte ich mich etwas wohler, konnte es aber keinen Augenblick länger an diesem Orte aushalten. Ich kletterte so schnell als möglich wieder den Hügel hinan und eilte meiner Wohnung zu. Nachdem ich eine Strecke Weges hinter mir hatte, stand ich einen Augenblick still, um mich zu sammeln. Ein wenig zu mir gekommen, blickte ich inbrünstig gen Himmel und dankte Gott unter einem Strom von Thränen dafür, daß er mich in einem Welttheil hatte geboren werden lassen, wo solche schreckliche Geschöpfe wie die, deren Spuren mir soeben vor die Augen getreten waren, nicht existirten. Vor Allem dankte ich meinem Schöpfer auch dafür, daß er mir in der elenden Lage, in der ich mich befand, doch wenigstens die Erkenntniß seines Wesens und die Hoffnung seiner Gnade gewährt hatte. Dies Geschenk wog ja alles Elend, das ich schon erduldet hatte und noch erdulden konnte, reichlich auf.

In solch dankbarer Gemüthsstimmung ging ich nach Hause und wurde nun viel ruhiger über meine Sicherheit, als ich seit langer Zeit gewesen war. Ich hatte die Ueberzeugung gewonnen, daß jene Elenden niemals die Insel in der Absicht beträten, dort Beute zu machen. Entweder begehrten sie Nichts, oder sie vermutheten Nichts hier. Denn gewiß waren sie oft in dem bewachsenen waldigen Theile gewesen, ohne etwas für sie Brauchbares anzutreffen. Achtzehn Jahre hatte ich nun beinahe hier verweilt, ohne in der ganzen Zeit auch nur eine einige Spur von menschlichen Wesen wahrzunehmen, und ebenso gut konnte ich daher noch einmal achtzehn Jahre unbemerkt wie bisher hier zubringen, wenn ich mich nicht selbst verrieth. Davor vermochte ich mich jedoch leicht zu hüten. Ich brauchte mich nämlich nur ganz still zu Haus zu halten, bis sich eine bessere Art Menschen als jene Cannibalen zeigen würde, mit denen ich in Verkehr treten könnte.

Mein Abscheu vor den scheußlichen Wilden und ihren unmenschlichen Sitten war so groß, daß ich fast zwei Jahre lang nach dem erzählten Vorfall nicht mein nächstes Gebiet verließ. Hierunter verstehe ich meine drei Ansiedelungen: die Burg, den Landsitz (meine sogenannte Villa) und die Anlagen im Walde. Diese letzteren suchte ich indessen nur auf, wenn ich nach meinen Ziegen sehen wollte. Da mein Entsetzen vor den höllischen Gesellen so stark war, daß ich ihren Anblick wie den des Teufels fürchtete, ging ich auch die ganze Zeit über nicht ein einziges Mal nach meinem Boot. Dagegen dachte ich daran, mir ein neues zu machen; denn ich konnte es nicht über mich gewinnen, jemals wieder einen Versuch zu wagen, das vorhandene um die Insel herum zu führen und mich so einer möglichen Begegnung zur See mit jenen Kreaturen auszusetzen. Wußte ich doch zu gut, was mein Loos sein würde,. wenn ich ihnen in die Hände fiele.

Mit der Zeit aber wuchs auch meine Zuversicht, daß mir keine Gefahr drohe, von diesen Unmenschen entdeckt zu werden. Nach und nach schwand meine Furcht vor ihnen und ich fing an, wieder in derselben Weise wie früher zu leben. Nur mit dem Unterschiede, daß ich jetzt vorsichtiger war und meine Augen besser offen hielt als sonst, damit ich nicht einmal unversehens ihnen ins Gesicht käme. Besonders nahm ich mich mit dem Schießen in Acht, um mich nicht durch den Knall zu verrathen. Es kam mir jetzt besonders zu Statten, daß ich mich mit zahmen Ziegen versehen hatte und nicht mehr in den Wäldern herum zu jagen und zu schießen brauchte. Ich bemächtigte mich von nun an des Wildes nur noch mit Fallen und Schlingen, und in einem Zeitraum von zwei Jahren feuerte ich, glaub' ich, meine Flinte nicht ein einziges Mal ab, obgleich ich nie ohne sie ausging und überdies immer wenigstens zwei von den drei aus dem Schiffe mitgebrachten Pistolen in meinem Gürtel von Ziegenleder bei mir führte. Auch eins von den großen Messern, die ich aus dem Schiffe gerettet, hing ich, nachdem ich es geputzt und geschliffen, an einem besonderen Riemen stets um, so daß ich bei meinen Ausgängen ganz gefährlich anzuschauen war.

Eine Zeitlang nahmen die Dinge ihren ruhigen Fortgang und ich kehrte daher, jene Vorsichtsmaßregeln abgerechnet, wieder zu meiner früheren geregelten Lebensweise zurück. Alles vereinigte sich, um mir mehr und mehr zu beweisen, wie gut ich es immer noch im Vergleich mit Andern hätte, und wie gut meine Lage im Vergleich zu schlimmeren, in die Gott mich ja ebenso gut hätte versetzen können, sei. Die Menschen würden sich überhaupt weit weniger über ihr Geschick beklagen, wenn sie dasselbe nur stets mit noch ungünstigerem vergleichen wollten, anstatt sich immer mit Denen, die es besser haben, zu messen und dann zu murren und zu jammern.

Da ich in meiner jetzigen Lage wirklich Weniges vermißte, so muß ich glauben, daß die Furcht, welche mir die Wilden eingejagt hatten, und die Sorge, die ich auf meine Selbsterhaltung verwendete, meine Erfindungskraft in Bezug auf meine Bequemlichkeit vermindert hatte. Wenigstens einen schönen Plan, mit dem ich mich früher sehr viel beschäftigt, hatte ich jetzt ganz fallen lassen. Ich hatte nämlich an den Versuch gedacht, aus einem Theil meiner Gerste Malz zu bereiten und mir daraus Bier zu brauen. Allerdings war das ein närrischer Einfall und ich zog mich darüber oft selbst auf, denn ich konnte ja nicht übersehen, daß zum Bierbrauen noch manche Dinge gehörten, die ich unmöglich herbeizuschaffen vermochte. Fürs Erste nämlich Fässer, um das Gebräu aufzubewahren. Der schwierigen Aufgabe, mir solche zu verfertigen, opferte ich Tage, Wochen und Monate, ohne jeden Erfolg. Sodann fehlte mir der Hopfen, um das Bier vor dem Verderben zu bewahren, Hefen, um die Gährung hervorzubringen, und ein kupferner Kessel, um es darin zu kochen. Und dennoch würde ich, wären nicht die vielen Aengste und Schrecken über die Wilden dazwischen gekommen, die Ausführung meines Planes unternommen und vielleicht auch bewerkstelligt haben. Denn selten gab ich Etwas als unausführbar auf, wenn ich es einmal so weit ausgedacht hatte, daß ich überhaupt bis zum Anfang kam.

Damals jedoch hatte mein Erfindungsgeist eine ganz andere Richtung genommen. Tag und Nacht dachte ich über nichts Anderes nach, als wie ich jene Ungeheuer in ihren blutigen Belustigungen überfallen und wo möglich die dem Verderben geweiheten Schlachtopfer retten könnte. Es würde den Umfang, den ich meiner Erzählung bestimmt habe, überschreiten heißen, wollte ich alle die Listen beschreiben, die ich ersann und in Gedanken ausbrütete, um diese Geschöpfe zu vernichten oder sie wenigstens so in Furcht zu versetzen, daß sie nie wieder hierher kämen. Meine ganze Absicht mußte jedoch erfolglos bleiben, wenn ich sie nicht in eigner Person ausführte. Was aber konnte. ein einzelner Mann gegen vielleicht zwanzig oder dreißig mit Lanzen oder Bogen und Pfeilen (mit welchen sie so sicher zielten wie ich mit meiner Flinte) Bewaffnete ausrichten?

Zuweilen dachte ich daran, eine Mine unter der Stelle, wo die Cannibalen ihr Feuer zu machen pflegten, anzulegen und mit einigen Pfunden Pulver zu füllen, welches beim Anzünden des Feuers explodiren und Alles rings umher in die Luft sprengen sollte. Aber theils wollte ich doch nicht gern so viel Pulver daran wenden, da mein Vorrath bereits sehr zusammengeschmolzen war, und andererseits konnte ich ja auch nicht berechnen, ob die Explosion gerade zu einer solchen Zeit stattfinden würde, in welcher die Wilden dadurch in Gefahr gebracht werden müßten. Im besten Falle hätte es auch weiter nichts bewirken können, als daß ihnen das Feuer um die Ohren gezischt und sie erschreckt hätte, ohne sie dadurch auf die Dauer zu vertreiben.

Ich gab mit Rücksicht hierauf diesen Plan auf und beschloß, mich anstatt dessen nun mit meinen drei doppelt geladenen Gewehren an geeigneter Stelle in einen Hinterhalt zu legen und wenn die Wilden mitten in ihrer blutigen Thätigkeit wären, auf sie zu feuern. Dabei glaubte ich sicher, mit jedem Schuß wenigstens zwei bis drei von ihnen zu tödten oder zu verwunden. Wenn ich alsdann mit meinen drei Pistolen und meinem Schwerte über sie herfiele, so könnte ich sie, davon war ich überzeugt, alle, und wären es ihrer zwanzig, tödten.

Diese Gedanken beschäftigten mich mehre Wochen lang. Ich war so voll davon, daß ich oft von meinen Plänen träumte. Manchmal war es mir im Schlaf, als ob ich eben auf die Feinde Feuer gäbe. Ich wendete mehre Tage daran, geeignete Plätze für einen solchen Hinterhalt ausfindig zu machen, und besuchte sogar häufig die Stelle, wo ich die Reste der cannibalischen Mahlzeit gefunden hatte. Seit ich mich mit solchen Rachegedanken trug und einen ganzen Haufen von Menschen dem Untergange geweiht hatte, schwand mein Abscheu vor jenem Platze und vor den Spuren Derer, die so barbarisch waren, daß sie sich unter einander aufzufressen pflegten. Endlich machte ich auch einen Ort ausfindig, von welchem aus ich in völliger Sicherheit ihre Boote ankommen sehen, und noch ehe sie landeten, unbemerkt in ein Dickicht entfliehen konnte. Dort wußte ich einen hohlen Baum, der groß genug war, um mich vollständig zu verbergen und von dem aus ich alle ihre blutigen Handlungen beobachten und in aller Ruhe auf ihre Köpfe zielen konnte. Wenn sie nahe genug beisammen waren, so mußte es mir fast unmöglich sein, mein Ziel zu verfehlen und nicht wenigstens drei bis vier auf den ersten Schuß zu verwunden. Diesen Platz beschloß ich nun zum Ausgangspunkt meiner Unternehmungen zu machen. Ich setzte zwei Musketen und meine gewöhnliche Vogelflinte in Stand, lud die ersteren beiden mit einem Paar großen und mit vier bis fünf kleineren Kugeln von der Größe einer Pistolenkugel und die Vogelflinte mit einer Handvoll Schrot von der größten Sorte, that auch in jede meiner Pistolen ungefähr vier Kugeln und in dieser Ausrüstung, wohl versehen mit Munition für einen zweiten und dritten Schuß, bereitete ich mich auf meine Expedition vor.

Nachdem ich so meinen Plan gehörig durchdacht und in meiner Phantasie gewissermaßen bereits ausgeführt hatte, richtete ich meine Schritte alle Tage nach dem Gipfel des Hügels, der ungefähr drei Meilen von meiner Festung entfernt war, um zu sehen, ob ich nicht ein Boot auf dem Meere erspähen würde, das sich der Insel nähere. Nach einigen Monaten jedoch wurde ich dieser Anstrengung überdrüssig, da in dieser ganzen Zeit mein Wachehalten ohne irgend ein Resultat geblieben war. Auch nicht das Geringste hatte sich, so weit meine Augen und Ferngläser reichten, blicken lassen, weder an der Küste, noch in ihrer Nähe, noch auch auf dem weiten Meere.

So lange ich täglich den Weg nach dem Hügel machte, hielt auch mein Eifer für meinen Anschlag vor. Ich befand mich während der ganzen Zeit in einer durchaus geeigneten Stimmung zu einer so unverantwortlichen Schlächterei, wie es das Erschießen eines Haufens nackter Wilden gewesen sein würde. Die Natur ihrer Handlung hatte ich ganz und gar nicht weiter in meinen Gedanken erwogen, war vielmehr einzig meiner aufgeregten Leidenschaft und dem Abscheu gefolgt, den ich bei der Erinnerung an die unnatürlichen Sitten dieser Menschen empfand. Und doch hatte ja die Vorsehung selbst in weiser Anordnung sie ihren abscheulichen und verderblichen Begierden überlassen. Vielleicht waren sie schon seit Menschenaltern solchen grausamen und entsetzlichen Gebräuchen ergeben, wie sie nur völlig gottlose Naturen ersinnen können. Aber jetzt, wo ich, wie gesagt, meiner fruchtlosen Wege, die ich so lange und weithin alle Morgen gemacht hatte, müde war, änderte sich auch meine Ansicht von der Sache selbst. Ich fing an, mit ruhigerem und kühlerem Blute darüber nachzudenken. Welches Recht und welchen Beruf hatte ich denn, mich zum Richter und Henker dieser Menschen aufzuwerfen, welche der Himmel so lange Zeit hindurch ungestraft gelassen und sie gleichsam zu Vollziehern seiner Strafgerichte unter einander gemacht hatte? Was hatten diese Leute mir gethan? Was berechtigte mich, in ihre Streitigkeiten mich zu mischen und die Metzeleien zu rächen, die sie an einander verübten? So fragte ich mich oft. Das aber war sicher: die Wilden sahen die Sache nicht als ein Verbrechen an. Sie war nicht gegen ihr besseres Wissen und Gewissen. Sie selbst hatten keine Ahnung davon, daß sie dadurch ein Unrecht begingen und gegen Gottes Gebote sündigten. Ihnen war es ebensowenig eine Sünde, einen Kriegsgefangenen zu tödten, als uns, einen Ochsen zu schlachten, und Menschenfleisch schien ihnen ebenso eine naturgemäße Speise wie uns Hammelfleisch.

Nach einigem Nachdenken kam ich zu dem Schluß, daß ich Unrecht gehabt habe, diese Leute als Mörder in unserm Sinne anzusehen. Sie waren es ebensowenig wie die Christen, welche die in der Schlacht gemachten Gefangenen zum Tode verurtheilen, oder Schaaren von Kriegern ohne Gnade niedermetzeln, wenn sie auch ihre Waffen von sich geworfen und sich ergeben haben. Ferner sagte ich mir: Wenn auch der Gebrauch, den diese Cannibalen unter einander üben, noch so roh und unmenschlich sei, so gehe das mich doch gar Nichts an, da sie mir ja Nichts gethan hätten. Hätten sie mich überfallen und wäre es zu meiner Selbstvertheidigung nöthig, sie zu überfallen, so ließe sich das rechtfertigen. Aber da ich jetzt nicht in ihrer Gewalt sei und sie nicht einmal von meiner Existenz wüßten, folglich auch keinen Anschlag gegen mich zu machen vermöchten, so könnte ich auch nicht zu einem Ueberfall berechtigt sein. Ich würde mich durch einen solchen auf eine Stufe mit jenen Spaniern gestellt haben, die in ihrer Grausamkeit in Amerika Millionen von Wilden hinmordeten, welche zwar Götzendiener und Barbaren und in ihren Sitten zum Theil blutig und roh waren (wie sie denn z. B. ihren Götzen Menschenopfer brachten), die aber den Spaniern gegenüber doch als ganz unschuldige Leute erschienen. Ueber ihre Ausrottung wird jetzt nur mit größtem Abscheu und heftiger Entrüstung von den Spaniern selbst und von allen andern christlichen Nationen Europa's geurtheilt, als von einer Schlächterei, einer blutigen und unnatürlichen Grausamkeit, die unverantwortlich vor Gott und Menschen ist. Hat doch seitdem der bloße Name jenes Volkes bei allen Leuten von christlichem Mitgefühl einen schrecklichen Klang, und betrachtet man doch das Königreich Spanien als dadurch besonders ausgezeichnet, daß es von einer Menschenrace bewohnt wird, die jenes Mitleidsgefühl entbehrt, welches allgemein für das gewöhnlichste Zeichen einer edlen Gesinnung gilt.

Diese Erwägungen brachten mich zum Einhalt in meinen Vorkehrungen. Nach und nach sah ich das Unrechtmäßige meiner Absichten gegen die Wilden ein und erkannte, daß ich nur dann mich mit denselben befassen dürfe, wenn sie mich zuerst angriffen, und daß dem wo möglich vorzubeugen jetzt meine einzige Aufgabe sei. Zugleich machte ich mir klar, wie ich durch mein früheres Vorhaben, statt mich zu befreien, nur mein eigenes Verderben herbeigeführt haben würde. Denn falls es mir nicht gelang, sämmtliche Wilde, sowohl die, welche das nächste Mal, als auch die, welche jemals später auf die Insel kamen, zu tödten, und sobald nur ein Einziger entrann und seinen Landsleuten berichtete, was geschehen sei, so war es sicher, daß diese zu Tausenden kommen und den Tod ihrer Gefährten rächen würden. Mit Rücksicht auf dies Alles beschloß ich, da es weder vernünftig, noch klug sei, mich in die Angelegenheiten der Wilden zu mischen, nichts Anderes zu thun, als mich in jeder Weise vor diesen verborgen zu halten und ihnen nicht den mindesten Anlaß zu der Vermuthung zu geben, daß irgend ein Wesen in Menschengestalt auf der Insel hause.

Auch meine religiöse Weltanschauung unterstützte diesen Vorsatz der Klugheit, und so war ich auf die mannichfachste Weise davon überzeugt, daß ich nur pflichtmäßig handelte, wenn ich meine blutigen Pläne gegen die unschuldigen Menschen fallen ließe. Unschuldig nämlich in Bezug auf mich. Ihre Verbrechen richteten sie ja nur gegen einander. Es waren Nationalsünden, deren Bestrafung ich der Gerechtigkeit Gottes zu überlassen hatte, welcher die Vergehen der Völker richtet und am besten weiß, wie sie durch Strafen zu rächen und zu sühnen sind. Dies war mir jetzt so klar, daß ich mit größter Genugthuung darüber erfüllt wurde, Nichts von dem ausgeführt zu haben, was ich nun aus vielen Gründen als einen absichtlichen Mord ansah. Ich dankte Gott auf den Knien dafür, daß er mich vor Blutschuld bewahrt hatte. Ich flehete ihn inbrünstig an, mich nicht in die Hände der Wilden fallen und mich nur dann selbst Hand an sie legen zu lassen, wenn ich durch die Nothwendigkeit der Selbstvertheidigung einen entschiedenen Beruf dazu haben würde.

In dieser Stimmung verblieb ich fast ein volles Jahr. Ich war jetzt so weit entfernt davon, die Gelegenheit zu einem Ueberfall der unglücklichen Menschen herbeizuwünschen, daß ich während jenes ganzen Zeitraums nicht ein einziges Mal den Hügel erstieg. Ich wollte sie gar nicht ins Gesicht bekommen und überhaupt nicht wissen, ob sie auf der Insel seien, damit sich meine Pläne gegen sie nicht erneuerten und ich nicht durch irgend einen sich darbietenden Vortheil zu einem Angriff gegen sie herausgefordert würde.

Das Einzige, was ich that, war, daß ich das Boot von der anderen Inselseite entfernte und nach dem östlichen Theil brachte. Dort barg ich es in einer kleinen Bucht unter hohen Felsen, wohin, wie ich wußte, die Wilden wegen der Strömung mit ihren Canoes nicht kommen konnten. In meinem Boot führte ich alles dazu Gehörige mit fort, Mast und Segel und das ankerartige Ding, das ich mir, so gut es hatte gehen wollen, angefertigt hatte. Ich nahm dies Alles mit, um nicht das geringste Zeichen des Bewohntseins der Insel zurückzulassen.

Außerdem hielt ich mich, wie erwähnt, eingezogener als je und verließ meine Behausung selten, außer um meine Ziegen zu melken und meine kleine Heerde in den Wald zu treiben. Hier war ich, da er auf der entgegengesetzten Seite der Landungsstelle der Wilden lag, keiner Gefahr ausgesetzt. Soviel nämlich schien gewiß, daß diese bei ihren Besuchen der Insel nicht die Absicht hegten, auf derselben Etwas zu suchen, und daß sie daher sich nicht weit von der Küste zu entfernen pflegten. Sie waren, wie ich nicht bezweifelte, seitdem mich die Furcht behutsamer gemacht, wiederholt auf der Insel gewesen. Mit Entsetzen bedachte ich, in welcher Lage ich mich befunden haben würde, wäre ich bei einer solchen Gelegenheit auf die Cannibalen gestoßen und von ihnen zu einer Zeit entdeckt worden, in der ich einzig mit einer meist nur mit leichtem Schrot geladenen Flinte bewaffnet überall nach Beute herumzustreifen pflegte. Wie groß wäre mein Schrecken gewesen, wenn ich statt jener Fußspur plötzlich einen ganzen Haufen von Wilden gesehen hätte und von ihnen verfolgt worden wäre, wobei ihre Schnelligkeit mir ein Entrinnen gewiß unmöglich gemacht haben würde. Der Gedanke hieran ließ mir zuweilen das Herz erbeben und entmuthigte mich so, daß ich nur mit Mühe wieder Fassung gewann. Ich sagte mir, daß ich, wäre jener Fall eingetreten, völlig widerstandsunfähig und sicherlich nicht im Stande gewesen sein würde, das zu thun, was ich jetzt nach so langer Erwägung und Vorbereitung zu thun vermochte. Das ernstliche Nachdenken über die Sache machte mich geradezu und zuweilen für geraume Zeit melancholisch. Endlich aber lösten sich auch diese Erwägungen stets in Dank gegen die Vorsehung auf, die mich vor so vielen ungeahnten Gefahren errettet und mich vor einem Unheil bewahrt hatte, das ich selbst von mir abzuwenden schon deshalb nicht im Stande gewesen war, weil ich das Uebel weder geahnt, noch für möglich gehalten hatte.

Hierdurch wurde eine Betrachtung in mir wieder erweckt, die ich schon früher oft angestellt hatte, seitdem ich angefangen, die gnadenreichen Fügungen des Himmels in den Gefahren dieses Lebens zu erkennen. Wie wunderbar werden wir doch vielmals, ohne daß wir es wissen, vor Unheil bewahrt. Wenn wir uns in Unentschlossenheit befinden, wenn wir zweifeln und zögern, ob wir diesen oder jenen Weg einzuschlagen haben, dann leitet uns oft ein heimlicher Wink auf den einen Weg, während wir den anderen zu wählen beabsichtigt hatten. Ja, wenn Neigung oder ein Geschäftsanlaß uns dorthin zu gehen auffordern, so zwingt uns doch nicht selten eine eigentümliche Empfindung, deren Ursprung wir nicht kennen, mit unwiderstehlicher Macht zurück in die andere Bahn, und später erst wird es offenbar, daß wir, wären wir den selbsterwählten Weg gegangen, in unser Verderben gerannt sein würden. Auf diese und manche ähnliche Betrachtung baute ich später den Grundsatz, überall, wo ich solche geheime Winke und Hinweisungen, dieses oder jenes zu thun oder zu lassen, diesen oder jenen Weg einzuschlagen, empfand, der inneren Stimme zu folgen, wenn ich auch keinen andern Grund dafür hatte als eben nur jene geheime Empfindung. Ich könnte viele Beispiele aus meinem Leben anführen, in denen sich dieses Verfahren bewährte, und zwar besonders aus der späteren Zeit meines Aufenthalts auf der unglücklichen Insel. Denn bei vielen früheren Gelegenheiten hatte ich nicht darauf geachtet, weil ich damals noch die Dinge mit anderen Augen ansah als später. Aber es ist nie zu spät, um klug zu werden, und ich kann nur Jedermann rathen, mag er auch nicht so wunderbare Schicksale erleben wie ich, solche heimliche Winke der Vorsehung nicht zu verachten, wie unerklärlich sie auch immer sein mögen. Ueber ihren Ursprung will ich nicht streiten, auch kann ich davon keine Rechenschaft geben, aber gewiß sind sie doch ein Beweis des Verkehrs der Geister und eines geheimen Zusammenhanges zwischen denen, die noch im Körper wohnen, und den körperlosen, und zwar ein ganz unumstößlicher Beleg, wovon ich Gelegenheit haben werde, einige sehr merkwürdige Proben anzuführen, wenn ich von dem ferneren Verlauf meines einsamen Aufenthalts an diesem trübseligen Orte Bericht erstatte.

Der Leser wird sich schwerlich darüber wundern, daß die Sorgen, die fortwährende Gefahr, in der ich schwebte, und die Angst, die auf mir lastete, allen meinen Erfindungen und allen Plänen, die ich in Betreff meiner künftigen Annehmlichkeit und Bequemlichkeit ersonnen hatte, ein Ende machten. Der Gedanke an meine Sicherstellung beschäftigte mich jetzt mehr als die Sorge für meinen Unterhalt. Ich wagte nicht auch nur einen Nagel einzuschlagen oder ein Stück Holz zu spalten, aus Furcht, der Lärm, den es verursachte, könnte gehört werden. Noch viel weniger hätte ich mich erkühnt, eine Flinte abzufeuern. Mehr als alles Andere aber scheute ich, Feuer anzuzünden, aus Besorgniß, der Rauch, der bei Tage in weiter Ferne sichtbar war, könne mich verrathen. Aus diesem Grunde verlegte ich alle diejenigen Geschäfte, die Feuer erforderten, z. B. das Brennen der Töpfe und Pfeifen u. s. w., nach meiner neuen Wohnung im Walde, wo ich nach einigem Suchen zu meiner großen Beruhigung eine natürliche Höhle in der Erde entdeckte, die ziemlich tief war und in die sich sicherlich kein Wilder hinein gewagt haben würde.

Auf die Oeffnung dieser Höhle stieß ich am Fuße eines großen Felsens, als ich (ich würde sagen zufällig, wenn ich nicht hinlängliche Ursache hätte, alle solche Dinge jetzt der Vorsehung zuzuschreiben) einige dicke Aeste von den Bäumen hieb, um sie zu Kohlen zu brennen. Dies geschah in folgender Absicht: Ich fürchtete mich, wie gesagt, Rauch in der Nähe meiner Ansiedelung zu verursachen, und doch konnte ich nicht umhin, Brod zu backen, Fleisch zu kochen und dergleichen mehr. Darum verbrannte ich hier unter dem Rasen, wie ich es in England gesehen hatte, einiges Holz zu Kohlen und trug diese, nachdem ich das Feuer ausgelöscht, nach Hause, um alle die anderen Dienste, zu denen ich Feuer nöthig hatte, daselbst ohne Gefahr des Rauches verrichten zu können. Als ich nun einst wieder mit Holzhauen beschäftigt war, bemerkte ich hinter einem dichten Gesträuch eine Vertiefung. Ich wollte sehen, was darin sei, und als ich mühsam in die Oeffnung gelangt war, fand ich eine ziemlich große Höhle, hoch genug, daß ich und allenfalls neben mir noch ein Mann aufrecht darin stehen konnte. Jedoch kam ich schneller aus derselben, als ich hineingekommen war. Ich sah nämlich plötzlich, als ich tiefer in den dunkeln Raum hineinblickte, zwei hellglänzende Augen, über die ich im Zweifel war, ob sie einem Menschen oder dem Teufel selbst zugehörten. Sie blitzten wie zwei Sterne, indem sie den Lichtschimmer, der durch die Mündung der Höhle fiel, direkt zurückwarfen. Nach einer kleinen Weile erholte ich mich, schalt mich einen Narren und hielt mir vor, daß man sich vor dem Anblick des Teufels nicht fürchten dürfe, wenn man einsam zwanzig Jahre hindurch auf einer öden Insel zugebracht habe, und daß ich mir nicht einzubilden brauche, es sei in der Höhle etwas Fürchterlicheres als meine eigene Person. Hierauf nahm ich allen meinen Muth zusammen, ergriff ein brennendes Stück Holz und stürzte mich nochmals in die Vertiefung. Kaum aber hatte ich drei Schritte vorwärts gethan, als ich auch schon von Neuem, fast ebenso sehr wie vorhin, erschreckt wurde. Ich hörte nämlich einen lauten Seufzer wie von einem schmerzgequälten Menschen. Diesem Laute folgte ein unzusammenhängendes Geräusch, welches wie halb ausgesprochen Worte klang, und dann abermals ein tiefer Seufzer. Ich trat zurück und war dermaßen entsetzt, daß mich ein kalter Schweiß überlief. Hätte ich einen Hut auf dem Kopfe gehabt, so will ich nicht dafür stehen, daß ihn nicht mein zu Berge stehendes Haar abgeworfen hätte. Aber dennoch sammelte ich noch einmal meinen ganzen Muth und tröstete mich mit der Ueberzeugung, daß Gottes Macht überall gegenwärtig sei und mich beschützen könne. In diesem Gedanken ging ich abermals vorwärts und erblickte jetzt beim Scheine der Fackel, die ich hoch über meinem Kopfe hielt, einen ungeheuern, gräulichen alten Bock auf dem Boden der Höhle liegen. Er war, wie man zu sagen pflegt, just dabei, sein Testament zu machen und schnappte nach Luft, als ob er vor bloßer Altersschwäche sterbe. Ich stieß ihn ein wenig an, um zu sehen, ob ich ihn herausziehen könne, und er versuchte auch aufzustehen, hatte aber nicht mehr Kraft genug dazu. Meinetwegen, dacht' ich, bleib liegen, wo du bist. Denn ich sagte mir, wie er mich erschreckt habe, könne er auch einen Wilden erschrecken, wenn je einer von denen so kühn sein sollte, hier hinein zu kommen, so lange noch Leben in ihm wäre.

Nachdem ich meinen Schreck überwunden hatte, fing ich an mich umzuschauen. Jetzt sah ich, daß die Höhle, die mir vorher so groß erschienen, nur sehr klein war. Sie mochte ungefähr zwölf Fuß in der Tiefe messen und war von unregelmäßiger Form, weder rund, noch viereckig. Man sah, daß sie die Natur allein zum Baumeister gehabt hatte. Dagegen bemerkte ich, daß die Höhlung sich noch weiter nach Innen erstreckte, jedoch in so niedriger Höhe, daß ich auf allen Vieren hätte hineinkriechen müssen. Da ich nicht wußte, wohin ich gelangen würde, und da ich auch kein Licht bei mir hatte, beschloß ich, den andern Tag mit Lichtern und einem Feuerzeug, welches letztere ich mir aus dem Schloß eines Gewehres gemacht hatte, sowie mit einer Pfanne voll glühender Kohlen wieder zu kommen. Wirklich kehrte ich am folgenden Tage, ausgerüstet mit sechs langen Talglichtern aus meiner eigenen Fabrik (ich verfertigte nämlich sehr schöne aus Ziegenfett), zurück und kroch auf allen Vieren in jenem niedrigen Loche etwa zehn Schritte weit, welche Handlung mir als eine kühne That erschien, da ich nicht wußte, wie weit und wohin ich gelangen würde. Als ich durch den Engweg hindurch war, fand ich eine ungefähr zwanzig Fuß hohe Wölbung und hier bot sich mir ein so herrlicher Anblick, wie ich ihn nie zuvor auf der Insel gehabt hatte. Die Seitenwände und die Decke dieser Höhlung strahlten das Licht meiner beiden Kerzen hunderttausendfältig wieder. Was in dem Felsen war, ob Diamanten oder andere Edelsteine oder Gold, was ich beinahe vermuthete, weiß ich nicht. Der Raum, in dem ich mich befand, bildete die schönste Grotte, die man sich denken kann, obgleich er an sich völlig dunkel war. Der Boden war trocken und eben und mit einer Art von seinem losen Kies bestreut. Kein ekelhaftes oder giftiges Gethier ließ sich hier sehen, auch waren die Wände nicht im mindesten feucht. Der einzige Uebelstand bestand in der Engigkeit des Einganges, doch hielt ich das eher für einen Vorzug, da ja diese Höhle ein sicheres Versteck und einen Zufluchtsort für mich abgeben sollte.

Hoch erfreut über meine Entdeckung beschloß ich, unverzüglich einige der Gegenstände, an deren Erhaltung mir am meisten gelegen war, hierher zu transportiren. Vor Allem mein Pulvermagazin und meinen Vorrath an Waffen: zwei Vogelflinten, deren ich im Ganzen drei hatte, und die Musketen, von denen ich acht besaß. Fünf behielt ich in meiner Festung, wo sie an dem Außenwalle schußfertig wie Kanonen aufgestellt und zu gleicher Zeit bereit waren, auf einer Expedition sofort mitgenommen zu werden. Bei Gelegenheit des Transportes meiner Munition öffnete ich zufällig das Pulverfaß, das ich aus dem Meere, wo es Wasser gezogen, aufgefischt hatte. Da ergab sich nun, daß das Wasser etwa zwei bis drei Zoll tief auf jeder Seite in das Pulver eingedrungen war und dasselbe so zusammengeklebt und verhärtet hatte, daß das in der Mitte befindliche ganz wohl erhalten war, wie der Kern in einer Nußschaale. Ich fand in dem Fasse nahe an sechzig Pfund sehr guten Pulvers vor, was mir zu dieser Zeit eine sehr angenehme Ueberraschung war. So brachte ich denn alles in jene Grotte, und behielt nie mehr als zwei bis drei Pfund Pulver in meiner Wohnung, aus Angst vor einem Ueberfall irgend einer Art. Auch alles Kugelblei, was ich noch besaß, barg ich dort. Ich kam mir jetzt vor wie einer jener alten Riesen, die in unzugänglichen Höhlen und Felslöchern wohnten. »Wenn mich nun«, so redete ich mir ein, »die Wilden, und wären es ihrer fünfhundert, verfolgen, so wird es ihnen nicht gelingen, mich aufzufinden, oder wenn auch das geschieht, werden sie doch nicht wagen, mich hier anzugreifen.« Der alte Bock, den ich im Todeskampfe angetroffen hatte, starb schon den Tag, nachdem ich ihn entdeckt, in dem Vorderraum der Höhle. Da ich es leichter fand, ihn in ein dort gegrabenes großes Loch zu werfen und mit Erde zu bedecken, als ihn hinaus zu schleifen, begrub ich ihn daselbst, damit meine Nase nichts davon zu leiden habe.

Mein Aufenthalt auf der Insel ging jetzt bereits ins dreiundzwanzigste Jahr. Ich war auf ihr so eingebürgert und an meine Lebensweise so gewöhnt, daß ich, wenn ich nur mit einiger Sicherheit hätte annehmen dürfen, daß keine Wilden kommen und mich beunruhigen würden, ganz zufrieden gewesen wäre, den Rest meiner Tage bis zu dem Augenblick, wo ich mich zum Sterben niederlegen würde, wie der alte Ziegenbock in der Höhle hier zu verbringen. Sogar einige kleine Zerstreuungen und Vergnügungen waren mir jetzt geboten, die mir die Zeit viel angenehmer verstreichen ließen als früher. Erstens nämlich hatte ich meinen Pol, wie erwähnt, sprechen gelehrt und er war so vertraulich mit mir und sprach manche Worte so deutlich und klar, daß ich große Freude darüber hatte. Nicht weniger als sechsundzwanzig Jahre hat er mit mir zusammen gelebt; wie lange er dann noch nachher existirt haben mag, weiß ich nicht. Doch behauptet man, wie ich mich erinnere, in Brasilien, dergleichen Thiere lebten hundert Jahre; vielleicht ist denn auch der arme Pol noch am Leben und ruft bis auf den heutigen Tag noch nach dem armen Robinson Crusoe. Auch mein Hund war mir sechzehn volle Jahre hindurch ein sehr treuer und ergebener Gefährte, dann starb er an Altersschwäche. Was meine Katzen betrifft, so vermehrten sie sich, wie ich bereits erzählt, in dem Grade, daß ich mich genöthigt sah, eine Anzahl todt zu schießen, damit sie nicht mich sammt aller meiner Habe auffräßen. Mit der Zeit, als die beiden alten, die ich mitgebracht hatte, gestorben waren, und ich die andern immer von mir gejagt und ihnen kein Futter gegeben hatte, liefen sie zuletzt alle wild im Walde umher bis auf zwei oder drei besondere Lieblinge von mir, die ich zahm erhielt, deren Junge ich aber, so oft sie welche hatten, ertränkte. Jene gehörten dann ebenfalls zu meiner Familie. Außerdem hielt ich mir immer einige zahme Ziegenlämmer im Hause, die mir aus der Hand fraßen. Ferner besaß ich noch zwei andere Papageien. Auch diese sprachen ganz gut und konnten beide den Namen Crusoe rufen, wenn auch nicht so deutlich wie mein erster, da ich mir mit keinem von ihnen so viel Mühe gegeben hatte als mit jenem. Sodann waren einige zahme, dem Namen nach mir unbekannte Seevögel um mich, die ich an der Küste gefangen und denen ich die Flügel beschnitten hatte. Seit die jungen Reiser, die ich vor meiner Wohnung angepflanzt hatte, zu einem hübschen dichten Baumgarten herangewachsen waren, richteten sich diese Vögel unter den niedrigen Bäumen häuslich ein und brüteten dort, was sehr angenehm war.

So hätte ich denn mit meinem damaligen Leben sehr zufrieden sein können, wenn nur nicht die Furcht vor den Wilden gewesen wäre. Aber das Geschick hatte mit diesen gerade für mich seine besondere Absicht. Jeder, dem meine Geschichte in die Hände fällt, mag sich folgende sehr wichtige Lehre merken: Oftmals in unserm Lebenslauf wird gerade das Uebel, welches wir am meisten zu vermeiden streben und das, wenn es uns befallen hat, uns am allerunerträglichsten erscheint, gerade das Mittel und die Pforte unserer Befreiung, durch welche allein wir wieder aus dem Kummer erlöst werden können, in den wir gerathen sind. Ich könnte davon viele Beispiele anführen aus meinem wunderbaren Lebenslaufe, aber nirgends war es auffallender, als während der letzten Jahre meines einsamen Aufenthaltes auf der Insel.

Es war im Monat Dezember im dreiundzwanzigsten Jahre des letzteren. Um diese Jahreszeit, während der südlichen Sonnenwende (Winter kann ich sie nicht nennen), pflegte ich meine Ernte einzubringen und war deshalb mehr als sonst draußen auf dem Felde beschäftigt. Als ich nun eines Tages früh am Morgen, ehe es noch ganz hell geworden, ausging, sah ich zu meiner größten Ueberraschung einen Feuerschein auf dem Strande. Derselbe leuchtete etwa zwei Meilen entfernt aus der Gegend, wo ich schon früher die Spuren der Wilden bemerkt hatte, aber nicht wie damals auf der andern Seite der Insel, sondern zu meiner großen Bestürzung auf der, wo ich wohnte.

Sehr überrascht und geängstigt durch diesen Anblick, wagte ich nicht, aus meinen Anlagen hinauszugehen, aus Furcht, angefallen zu werden. Aber auch hier fand ich keine Ruhe. Ich quälte mich mit dem Gedanken, die Wilden würden die Insel durchstreifen, mein Korn, das theils noch auf dem Halm, theils schon geschnitten auf dem Felde stand, oder irgend etwas Anderes von meinen Einrichtungen und Verbesserungen finden und sofort daraus schließen, daß sich Jemand hier aufhalten müsse. Es war klar, daß sie in diesem Fall nicht eher nachgelassen hätten, bis sie mich aufgefunden haben würden. In verzweifelter Stimmung eilte ich zu meiner Behausung, zog die Leiter hinter mir ein und gab dem Außenwerk meiner Behausung ein so wildes und natürliches Aussehen, wie ich irgend konnte.

Sodann traf ich im Innern meine Vorbereitungen, um mich in Vertheidigungszustand zu setzen. Zunächst lud ich alle meine Kanonen, wie ich sie nannte, das heißt die Musketen, die auf meinem neuen Walle aufgestellt waren, sowie sämmtliche Pistolen. Ich war entschlossen, mich bis auf den letzten Athemzug zu wehren. Auch vergaß ich nicht, mich ernstlich dem göttlichen Schutze zu befehlen und Gott inbrünstig zu bitten, daß er mich aus den Händen dieser Barbaren erretten möge. Nachdem ich mich ungefähr zwei Stunden ruhig verhalten, fing ich an, sehr ungeduldig und begierig nach Nachrichten vom Feinde zu werden, denn leider hatte ich keine Kundschafter auszuschicken. Ich wartete noch eine Weile und sann darüber nach, was ich beginnen sollte, dann aber konnte ich die Ungewißheit nicht länger ertragen. Ich legte meine Leiter an den Abhang an, wo der Absatz war, den ich früher beschrieben habe, zog sie hinter mir wieder auf, legte sie nochmals an und erstieg so den Gipfel des Hügels. Hier zog ich mein Fernglas hervor, legte mich platt auf den Bauch und richtete meinen Blick nach der Stelle, an der ich das Feuer gesehen hatte. Bald erblickte ich denn auch nicht weniger als neun nackte Wilde um ein kleines Feuer gelagert. Das letztere konnten sie nicht angezündet haben, um sich zu wärmen, da das Wetter fürchterlich heiß war, vielmehr sollte es vermuthlich dazu dienen, um eines ihrer barbarischen Gerichte von Menschenfleisch, welches sie entweder lebend oder todt mitgebracht hatten, daran zu braten.

Die Fremdlinge führten zwei Boote bei sich, die sie auf den Strand gezogen hatten. Es war gerade die Zeit der Ebbe, und mir kam es so vor, als erwarteten jene nur die rückkehrende Flut, um wieder abzufahren. Man kann sich schwerlich vorstellen, in welche Bestürzung mich der Anblick dieser Gäste versetzte. Besonders überraschte mich der Umstand, daß die Wilden auf meiner Seite der Insel und überdies ganz in meine Nähe gekommen waren. Als ich mich aber überzeugte, daß ihr Kommen immer nur mit der Ebbe geschehen konnte, fing ich wieder an mich einigermaßen zu beruhigen, da ich einsah, daß ich zur Zeit der Flut stets mit vollkommener Sicherheit ausgehen dürfte, wenn sie nicht schon vorher auf der Insel waren. In dieser Gewißheit bin ich später auch ganz gelassen an meine Erntearbeiten gegangen.

Wie ich erwartet hatte, so geschah es. Sobald die Flut von Westen her eintrat, sah ich, wie sich die Wilden sämmtlich einschifften und hinwegruderten. Ich muß noch bemerken, daß sie etwa eine Stunde vor ihrem Aufbruch angefangen hatten zu tanzen. Obgleich ich aber durch mein Glas deutlich ihre Stellungen und Bewegungen beobachten konnte, vermochte ich doch trotz der schärfsten Aufmerksamkeit nicht zu erkennen (Kleider trugen sie nicht, waren vielmehr völlig nackt), ob es Männer oder Frauen seien.

Sobald ich sie in den Booten und unterwegs wußte, nahm ich zwei Flinten auf die Schultern, steckte zwei Pistolen in den Gürtel, hing mein großes Schwert ohne Scheide an mich und eilte, so schnell ich konnte, nach dem Hügel, von wo aus ich die ersten Spuren der Gäste entdeckt hatte. Dort angekommen, was erst nach zwei Stunden geschah, da ich, mit Waffen schwer beladen, nicht schnell zu laufen vermochte, machte ich die Entdeckung, daß noch weitere drei Canoes mit Wilden da gewesen waren, und gleich darauf erblickte ich sie auch alle zusammen auf der See, nach dem Festland zusteuernd. Der schrecklichste Anblick für mich war aber, als ich beim Hinabsteigen nach der Küste die entsetzlichen Spuren der Greuel fand, die sie dort ausgeführt hatten: Blut, Knochen und Fleischreste menschlicher Körper, die von diesen Elenden unter Tanz und Scherzen zerrissen und verzehrt waren. Ich fühlte mich dermaßen empört über den Anblick, daß ich mir ernstlich vornahm, die nächsten, die ich dort antreffen würde, nieder zu machen, wer und wie viele es auch seien.

Offenbar waren die Besuche, welche die Wilden der Insel in dieser Weise abstatteten, nur selten. Es vergingen über fünfzehn Monate, ehe wieder einige landeten. Wenigstens sah ich in der Zwischenzeit keinen der Cannibalen, auch nicht Fußtritte, noch irgend welche andere Spuren von ihnen. Während der Regenzeit schienen sie sich schon ohnehin nicht, wenigstens nicht weit, auf das Meer zu wagen. Dennoch brachte ich diese ganze Zeit in einem unbehaglichen Zustaude zu, weil ich in der beständigen Furcht schwebte, daß sie mich einmal unerwartet überfallen könnten. Es ergibt sich hieraus aufs Neue, daß die Erwartung des Uebels schlimmer ist als das Leiden selbst, zumal da man diese Erwartung oder Befürchtung auf keine Weise los werden kann.

Inzwischen war ich fortwährend von Mordlust erfüllt. Ich verbrachte meine Stunden, die ich besser hätte anwenden sollen, meistenteils damit, Pläne zu schmieden, wie ich die Wilden beschleichen und überfallen wollte, sobald sie sich wieder blicken lassen würden. Besonders hoffte ich, werde mir das gelingen, wenn sie wieder, wie das letzte Mal, in zwei Haufen getheilt wären. Dabei bedachte ich nicht, daß ich, wenn ich auch eine Abtheilung von vielleicht zehn oder zwölf getödtet hätte, früher oder später wieder eine und dann noch eine und sofort bis ins Unendliche würde haben tödten müssen, bis ich endlich kein geringerer, ja eigentlich ein weit schlimmerer Mörder gewesen wäre als diese Menschenfresser selbst.

Ich verlebte jetzt meine Tage in großer Angst und Gemüthsunruhe, immer darauf gefaßt, jenen unbarmherzigen Menschen in die Hände zu fallen. Wenn ich mich ja einmal hinauswagte, so geschah es nicht, ohne daß ich mich fortwährend mit der größten Angst und Vorsicht umsah. Nun erst lernte ich das Gut recht schätzen, welches ich in der zahmen Ziegenheerde besaß. Denn ich getraute mich unter keiner Bedingung, meine Flinte abzuschießen, besonders auf der Seite der Insel, wo die Wilden gewöhnlich landeten, um diese nur ja nicht zu alarmiren. So viel sah ich nämlich sicher voraus, daß sie, wenn sie auch anfangs vor mir die Flucht ergriffen, doch mit Hunderten von Fahrzeugen in wenigen Tagen wiederkommen würden, in welchem Falle das Schicksal, das mich erwartete, unschwer voraus zu wissen war.

Indessen vergingen wieder ein Jahr und drei Monate, ohne daß ich irgend etwas von den Wilden zu sehen bekam. Dann erst stieß ich abermals auf sie, wie ich sogleich berichten werde. Gewiß mochten sie auch in der Zwischenzeit einige Male dagewesen sein, aber entweder hatten sie sich nicht aufgehalten, oder sie waren wenigstens von mir unbemerkt geblieben. Endlich aber ereignete sich, und zwar, wenn ich richtig gerechnet habe, im Monat Mai des vierundzwanzigsten Jahres meines Inselaufenthaltes ein sehr merkwürdiges Zusammentreffen mit ihnen.

Die Aufregung meines Gemüths während des vorhergehenden Zeitraums von fünfzehn bis sechzehn Monaten war groß. Ich schlief unruhig, hatte immer schlechte Träume und fuhr oft in der Nacht aus dem Schlafe auf. Bei Tage drückte mich schwerer Kummer, und des Nachts träumte ich oft davon, wie ich die Wilden tödten und womit ich diese That rechtfertigen wollte. Es war um die Mitte des Mai, ich glaube am sechzehnten, so weit ich den Tag nach meinem dürftigen hölzernen Kalender bestimmen kann (denn ich machte noch immer die Zeichen an dem Pfahle). Den ganzen Tag hatte ein heftiger Sturmwind gewüthet, verbunden mit häufigem Blitz und Donner, und darauf war eine wüste Nacht gefolgt. Ich weiß nicht mehr genau alle einzelnen Umstände, aber gewiß ist, daß mich, während ich gerade in der Bibel las und in sehr ernsthafte Gedanken über meine gegenwärtige Lage vertieft war, plötzlich der Knall eines Flintenschusses, der mir von der See her zu kommen schien, erschreckte. Dies war nun eine ganz andere Art von Ueberraschung als alle die mir früher zu Theil gewordenen, und die Sorgen, die mich jetzt erfüllten, unterschieden sich daher auch sehr von meinen früheren. In der größten Eile sprang ich auf, stellte meine Leiter schleunigst an die Mitte des Felsens, zog sie, auf dem Felsvorsprung angekommen, mir nach und erstieg sie zum zweiten Male. Ich erreichte den Gipfel gerade in dem Augenblick, als ein feuriges Aufblitzen mich auf einen zweiten Schuß horchen hieß, den ich dann auch nach ungefähr einer halben Minute hörte. Aus dem Schalle konnte ich schließen, daß er von dorther komme, wo ich einst in meinem Boote von der Strömung fortgerissen worden war. Ich vermuthete alsbald, daß hier ein Schiff in Noth sein müsse und daß sich ein anderes Schiff in der Nähe befände, nach welchem diese Nothschüsse, um von ihm Hülfe zu erlangen, abgefeuert würden.

Ich hatte Geistesgegenwart genug, sofort daran zu denken, daß, wenn auch ich den bedrängten Leuten nicht helfen könnte, doch sie mich vielleicht zu erretten vermöchten. Darum trug ich so viel dürres Holz, als ich bei der Hand hatte, zusammen und steckte es, nachdem ich einen guten Haufen aufgethürmt, in Brand. Das Holz war trocken und flammte deshalb hell auf, brannte auch trotz des heftigen Windes ganz nieder. Ich zweifelte nun nicht, daß, wenn wirklich ein Schiff in der Nähe sei, die Leute an Bord das Feuer gesehen haben müßten. Dies war denn auch der Fall gewesen. Denn sobald die Flamme aufloderte, hörte ich wieder einen Schuß und dann noch mehre, alle aus derselben Richtung. Ich unterhielt das Feuer die ganze Nacht hindurch bis zum Tagesanbruch. Als es ganz hell geworden war und der Himmel sich aufgeheitert hatte, sah ich in weiter Ferne einen Gegenstand auf der See, gerade östlich von der Insel, konnte aber selbst mit Hülfe des Fernglases nicht unterscheiden, ob es ein Segel oder der Rumpf eines Schiffes sei, denn die Entfernung war zu groß und die Luft über dem Wasser noch immer etwas dunstig.

Den ganzen Tag über schaute ich vielmals nach jenem Ding aus. Ich bemerkte bald, daß es sich nicht bewegte, und schloß daraus, daß es ein vor Anker liegendes Schiff sei. Da ich begreiflicher Weise begierig war, darüber ins Klare zu kommen, ergriff ich meine Flinte und lief nach der Südseite der Insel zu dem Felsen, wo ich einst von der Strömung entführt worden war. Von dort aus konnte ich, da das Wetter jetzt ganz klar geworden, zu meinem großen Kummer ganz deutlich das Wrack eines Schiffes erkennen, welches in der Nacht auf den verborgenen Klippen, die ich damals mit meinem Boote entdeckt hatte, gestrandet war. Dieselben Klippen waren früher, indem sie die Gewalt der Strömung gebrochen und eine Art von Gegenstrom hervorgebracht hatten, das Mittel zu meiner Rettung aus der verzweifeltsten, hoffnungslosesten Lage, in der ich mich in meinem ganzen Leben befunden, geworden. So wird oftmals das, was dem Einen zum Heile dient, dem Anderen zum Verderben. Wie es schien, waren die Leute in jenem Schiffe, wer sie auch sein mochten, in diesen Gewässern unbekannt und deshalb in der Nacht von dem starken, aus Ost und Ostnordost wehenden Winde auf die gänzlich unter Wasser liegenden Klippen getrieben worden. Hätten sie die Insel gesehen, was wahrscheinlich nicht der Fall war, so würden sie, das nahm ich wenigstens an, versucht haben, sich mit Hülfe ihres Bootes an die Küste zu retten. Ihre Nothschüsse aber, besonders seit sie, wie ich vermuthete, mein Feuer gesehen hatten, gaben mir mancherlei zu denken. Anfangs glaubte ich, die Leute seien, als sie mein Licht erblickten, in ihr Boot gestiegen und auf die Insel zugesteuert, aber durch die sehr hochgehende See verschlagen worden. Dann sagte ich mir wieder, sie könnten ja auch ihr Boot schon früher eingebüßt haben, wie das auf mancherlei Weise möglich war, z. B. durch die über das Schiff schlagenden Sturzwellen, die es für die Seefahrer oft nöthig machten, das Boot zu zerhauen oder auseinander zu nehmen, oder es gar eigenhändig über Bord zu werfen. Zuweilen vermuthete ich wieder, sie hätten vielleicht ein anderes Schiff oder mehre in ihrer Begleitung gehabt, von denen sie auf ihre Nothsignale aufgenommen und mit fortgeführt seien. Dann einmal stellte ich mir vor, sie seien alle in ihrem Boote in See gegangen und von der Strömung, in der ich mich einst befunden hatte, in die offene See hinausgerissen worden; wo denn ein elender Untergang für sie unvermeidlich sein mußte. Vielleicht, redete ich mir ein, sind sie gerade jetzt dem Verschmachten nahe und hungrig genug, um sich unter einander aufzufressen.

Dies Alles aber waren nicht mehr als bloße Vermuthungen. Ich konnte in meiner Lage nichts Anderes thun, als das Elend der armen Leute beklagen und sie bemitleiden. Dies übte wenigstens die gute Wirkung auf mich, daß ich mich immer mehr zur Dankbarkeit gegen Gott veranlaßt fühlte, der mich so überschwänglich reich in meiner traurigen Lebenslage versorgt und der von der Mannschaft zweier Schiffe, die nun schon an diesen Küsten verunglückt waren, nur allein mein Leben gerettet hatte. Ich machte hier aufs Neue die Beobachtung, daß die göttliche Vorsehung uns sehr selten in eine so unglückliche Lage oder in so großes Elend bringt, daß wir nicht immer noch für eins oder das andere erkenntlich sein und auf Andere blicken können, denen es noch schlechter ergeht als uns. Dies Letztere war wohl unzweifelhaft der Fall mit jenen armen Leuten. Ich mußte annehmen, auch kein einziger von ihnen sei gerettet worden. Denn wie hätte das geschehen sollen, wenn nicht gerade ein anderes Schiff in der Nähe war, welches sie an Bord nahm; das aber dünkte mich sehr unwahrscheinlich, da ich nicht die geringste Spur eines weiteren Fahrzeugs bemerkt hatte.

Ich habe keine Worte, um die leidenschaftliche Sehnsucht auszudrücken, die sich trotz Allem meiner Seele beim Gedanken, daß mir die Erlösung vielleicht nahe gewesen, bemächtigte. »Ach«, so rief ich zuweilen aus, »daß doch nur ein Paar Seelen, oder wenigstens eine einzige aus dem Schiffe gerettet wäre und bei mir Zuflucht gesucht hätte; daß ich einen Gefährten, einen Mitmenschen hätte, der mit mir sprechen und mit mir fühlen könnte!« In der ganzen Zeit meines einsamen Lebens hatte ich nie so heiß und so sehnsüchtig nach menschlicher Gesellschaft verlangt und den Mangel daran nie so schmerzlich empfunden als gerade damals.

Es gibt in den menschlichen Neigungen und Wünschen geheime Triebfedern, die, wenn sie durch irgend ein erreichbares Ziel, oder sei es auch ein unerreichbares, welches dem Geiste nur durch die Einbildungskraft vorgezaubert ist, in Bewegung gesetzt sind, die Seele zu einem solchen ungestümen und begierigen Verlangen anregen, daß die Entbehrung des Ersehnten geradezu unerträglich erscheint. So ging es mir mit jenem Wunsche, daß nur ein einziger Mensch gerettet sein möchte! »Ach, wäre es auch nur Einer!« Ich wiederholte, glaube ich, diese Worte wohl tausendmal, und so ergriffen war ich von meinem Verlangen, daß ich die Hände bei jenen Worten zusammendrückend meine Finger mit solcher Gewalt gegen die innere Handfläche preßte, daß ich, hätte ich irgend einen weichen Gegenstand in der Hand gehalten, ihn unwillkürlich zerquetscht haben würde. Dabei biß ich die Zähne aneinander, daß sie knirschten und ich sie nicht sogleich wieder auseinander bringen konnte. Ich überlasse es den Gelehrten, diese Erscheinungen zu erklären und in ihren Ursachen und Wirkungen darzustellen, und beschränke mich darauf, die einfache Thatsache zu berichten. Sie setzte mich selbst in Erstaunen, als ich sie an mir erfuhr, ohne zu wissen, woher sie rührte. Ohne Zweifel war es die Wirkung meiner heißen Wünsche und der lebhaften Vorstellung, die ich mir von dem Glücke gemacht hatte, wieder einmal mit einem christlichen Glaubensgenossen zu verkehren. Aber es sollte nicht sein, das Schicksal jener Leute oder das meinige, oder unser beider, gestattete es nicht. Bis zum letzten Jahre meines Aufenthaltes auf der Insel erfuhr ich nicht einmal, ob Jemand aus dem Schiffe gerettet sei oder nicht, sondern erlebte nur den Kummer, daß ich nach einigen Tagen den Leichnam eines ertrunkenen Knaben fand, der auf der Seite der Insel, in deren Nähe der Schiffbruch Statt gefunden, auf den Strand gespült war. Die Leiche war bekleidet mit einer Matrosenjacke, einem Paar kurzen leinenen Hosen und einem blauen leinenen Hemde. Nichts aber gab mir auch nur eine Andeutung, welcher Nation der Verunglückte angehörte. In seinen Taschen hatte er nichts weiter als zwei Piaster und eine Tabakspfeife, welche letztere mir zehnmal so viel werth war als das Geld.

Da das Wetter ganz windstill war, hatte ich große Lust, mich in meinem Boote nach dem Wrack hinauszuwagen. Gewiß konnte ich daselbst noch einen oder den anderen Gegenstand, der mir nützlich war, finden. Doch das war es nicht, was mich so sehr zu der Unternehmung antrieb. Vielmehr war es die Möglichkeit, daß doch noch ein lebendes Wesen an Bord sein könne, dem ich nicht nur das Leben zu retten, sondern durch dessen Rettung ich mir selbst das Leben unendlich viel angenehmer zu machen vermöchte. Dieser Gedanke lag mir so sehr am Herzen, daß ich Tag und Nacht keine Ruhe fand, bis ich zu dem festen Entschluß gekommen war, die Fahrt zu unternehmen. Indem ich alles Uebrige in Gottes Hand legte, tröstete ich mich mit dem Glauben, ein so heftiger innerer Antrieb müsse von einer unsichtbaren Leitung ausgehen und dürfe nicht unterdrückt werden, und es würde unrecht sein, wenn ich die Fahrt nicht unternehmen wollte.

In dieser Gemüthsstimmung eilte ich nach meiner Behausung zurück und traf die Vorbereitungen zu der Reise. Ich nahm einen kleinen Vorrath an Brod, einen großen Topf mit Trinkwasser, einen Kompaß, eine Flasche Rum (denn davon hatte ich immer noch eine ziemlich große Menge) und einen Korb voll Rosinen und trug alle diese Dinge nach meinem Boote. Dann schöpfte ich das Wasser aus dem letzteren, machte es flott, packte die Sachen hinein und ging nach Haus, um noch Anderes zu holen. Meine zweite Ladung bestand aus einem großen Sack mit Reis, dem Sonnenschirm, den ich als Zelt benutzen wollte, einem weiteren Gefäß mit Trinkwasser und ungefähr zwei Dutzend meiner kleinen Brödchen oder Gerstenkuchen. Außerdem nahm ich noch eine Flasche Ziegenmilch und einen Käse mit. Alles dieses schaffte ich mit vieler Mühe, im Schweiße meines Angesichts, nach dem Boote, bat Gott um seinen Segen für die Fahrt und stieß dann vom Ufer ab. Zunächst ruderte ich das Canoe an der Küste entlang, bis ich die äußerste Nordspitze der Insel erreicht hatte. Von dort mußte ich in das offene Meer hinaus. Noch einmal wurde ich jetzt bedenklich, ob ich die Fahrt wagen solle oder nicht. Ich blickte auf die reißenden Strömungen, die in der Ferne zu beiden Seiten der Insel dahinliefen und mir die schreckliche Erinnerung an die Gefahr, in der ich einst geschwebt hatte, wach riefen. Mein Herz fing an zu zagen. Ich mußte mir sagen, daß ich, wenn ich in eine dieser Strömungen geriethe, weit hinaus in die See getrieben werden würde, vielleicht so weit, daß ich die Insel aus den Augen verlöre und sie gar nicht wieder zu erreichen vermöchte. Denn wenn sich auch nur der leiseste Wind erhob, mußte ich in meinem kleinen Fahrzeug unrettbar verloren sein. Diese Gedanken wirkten so niederdrückend auf mich, daß ich das Unternehmen vorläufig wieder aufgab. Ich befestigte mein Boot in einer kleinen Bucht, stieg aus und setzte mich auf einen niedrigen Erdhügel nachdenklich und ängstlich, zwischen Furcht und Hoffnung schwankend, nieder. Während ich so in Gedanken dasaß, bemerkte ich, daß die Flut eintrat und damit meine Abreise für viele Stunden unmöglich gemacht war. Dabei fiel mir plötzlich ein, daß es praktisch wäre, die höchste Stelle des Ufers, die ich finden könnte, zu ersteigen, um den Einfluß der Flut auf die verschiedenen Strömungen zu beobachten und zu sehen, ob es nicht möglich sei, daß ich, wenn ich von der einen Seite abgetrieben würde, durch eine andere Flutrichtung wieder von derselben Strömung zurückgerissen werde. Dieser Gedanke war nicht sobald in mir aufgestiegen, als ich auch schon einen kleinen Hügel ins Auge faßte, der eine hinreichend weite Aussicht nach beiden Seiten gewährte. Von dort konnte ich die Strömungen sowie die Flutrichtung deutlich übersehen und danach bestimmen, wie ich meinen Rückweg einzurichten habe. Ich fand denn auch, daß die während der Ebbe vorherrschende Strömung dicht an der Südspitze der Insel entsprang, während die Flutströmung von der Nordküste ausging. Demnach hatte ich also Nichts zu thun, als mich auf meinem Rückwege immer an der Nordseite zu halten, dann mußte die Fahrt gelingen.

Ermuthigt durch diese Beobachtung, beschloß ich am folgenden Morgen mit Eintritt der Ebbe aufzubrechen. Ich übernachtete in meinem Canoe, indem ich einen der früher erwähnten warmen Ueberröcke zur Decke nahm, und stach am nächsten Morgen in See. Zunächst fuhr ich eine Strecke geradeaus nach Norden, bis ich anfing die Wirkung der östlichen Strömung zu empfinden, die mich mit großer Schnelligkeit vorwärts brachte, ohne jedoch mich so zu überwältigen, wie die Strömung an der Südseite gethan, die mich aller Gewalt über mein Fahrzeug beraubt hatte. Mit meinem Ruder steuernd, eilte ich jetzt sehr schnell auf das Wrack los und hatte es in weniger denn zwei Stunden erreicht.

Es war ein trauriger Anblick, der sich mir hier darbot. Das Schiff, seiner Bauart nach ein spanisches, saß fest eingekeilt zwischen zwei Klippen. Das Verdeck war bis zur Mitte des Schiffes von den Wellen zertrümmert, das Vordertheil aber hing auf den Felsen und war mit solcher Gewalt auf dieselben gestoßen, daß der Haupt und Fockmast dem Bord gleichgemacht, das heißt kurz abgebrochen waren. Das Bugspriet war noch unversehrt und der Schiffsschnabel wie die nächstgelegenen Schiffstheile schienen noch ganz fest zu sein. Als ich mich näherte, erschien ein Hund auf dem Schiffe, der, als er meiner ansichtig wurde, bellte und heulte. Als ich ihn rief, sprang er ins Wasser, um zu mir zu schwimmen. Ich nahm ihn in das Boot, fand ihn aber schon halbtodt vor Hunger und Durst. Als ich ihm ein Stück Brod bot, fraß er es wie ein gieriger Wolf, der vierzehn Tage lang im Schnee geschmachtet hat, auf. Hierauf gab ich dem armen Thier etwas frisches Wasser, woran es, wenn ich es gelitten hätte, sich todt getrunken haben würde. Alsdann ging ich an Bord. Das Erste, was ich hier erblickte, waren zwei ertrunkene Männer, die in der Küche oder dem Vorderverdeck lagen und sich fest umschlungen hielten. Hieraus schloß ich, was auch das Wahrscheinlichste war, daß, als das Schiff aufgestoßen war, der Sturm die Wellen mit solcher Gewalt und so unaufhörlich über dasselbe hingejagt habe, daß die Leute es nicht hätten aushalten können und in dem fortwährend überströmenden Wasser ebenso erstickt wären, als ob sie ganz unter Wasser gelegen hätten. Außer dem Hunde befand sich nichts Lebendes auf dem Schiffe. Die sämmtliche Ladung war vom Wasser verdorben. Einige Fässer mit Getränken, ob Wein oder Branntwein wußte ich nicht, lagen unten in dem Vorrathsraume. Ich konnte sie bei dem niedrigen Wasserstande sehen, aber sie waren zu groß, als daß ich mich mit ihnen hätte befassen können. Auch einige Kisten sah ich, die den Matrosen gehört zu haben schienen. Von diesen brachte ich zwei, ohne zuvor ihren Inhalt zu untersuchen, in mein Boot.

Hätte das Schiff hinten fest gesessen und wäre das Vordertheil abgebrochen gewesen, so wäre meine Reise, wie ich überzeugt bin, sehr gewinnreich gewesen. Denn nach dem, was ich in den beiden Kisten fand, mußte ich annehmen, daß das Schiff große Reichthümer an Bord hatte. Nach dem Cours, den es eingehalten, mußte es von Buenos Ayres oder dem Rio de la Plata in Südamerika über Brasilien nach der Havanna und von dort nach dem mexikanischen Meerbusen und weiter vielleicht nach Spanien bestimmt gewesen sein. Es barg ganz sicher große Schätze, aber jetzt waren sie Niemandem etwas nütze. Was aus der übrigen Mannschaft geworden, habe ich nie in Erfahrung gebracht.

Außer den beiden Kisten fand ich ein kleines Fäßchen mit Spirituosen, etwa zwanzig Maß haltend, welches ich gleichfalls mit vieler Mühe in mein Boot brachte. In einer der Kajüten befanden sich mehre Gewehre und ein großes Pulverhorn mit ungefähr vier Pfund Pulver. Die Gewehre ließ ich, da ich sie nicht gebrauchen konnte, liegen, das Pulverhorn aber nahm ich mit. Dann eignete ich mir noch eine Feuerschippe und Zange, die ich sehr nöthig brauchte, zu, sowie zwei kleine messingne Kessel, einen kupfernen Chokoladentopf und ein Rösteisen. Mit dieser Ladung und in Begleitung des Hundes trat ich meinen Rückweg mit der eintretenden Flut an. Ich erreichte an demselben Abend etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang die Insel wieder, im höchsten Grade erschöpft und ermüdet, und beschloß, die Nacht über in meinem Boote zu bleiben und am andern Morgen meine Beute in der neuen Höhle unterzubringen, ohne sie vorher nach meiner Wohnung zu tragen.

Nachdem ich mich erfrischt hatte, brachte ich die ganze Ladung ans Ufer und stellte eine genaue Untersuchung damit an. In dem Fasse fand ich eine Art Rum, aber nicht solchen, wie man ihn in Brasilien hat; auch taugte er nichts mehr. Als ich dagegen an das Oeffnen der Kisten kam, fand ich darin einige mir außerordentlich willkommne Sachen. In der einen befand sich unter Anderm ein eleganter Kasten mit Flaschen von ungewöhnlicher Farbe, die mit feinen und sehr guten gebrannten Wassern angefüllt waren. Jede Flasche enthielt ungefähr drei Schoppen und war am Halse mit Silberpapier beklebt. Auch zwei Töpfe mit vortrefflichem Eingemachten fand ich, die so gut verschlossen waren, daß das Salzwasser nicht hatte hineindringen können. Der Inhalt zweier anderer solcher Gefäße dagegen war verdorben. Ferner entdeckte ich einige sehr gute, mir hochwillkommne Hemden, etwa anderthalb Dutzend weißer leinener Taschentücher und eine Anzahl bunter Halstücher. Die ersteren konnte ich gleichfalls sehr gut gebrauchen, denn es diente mir zu großer Erfrischung, wenn ich an heißen Tagen mein Gesicht damit abwischte. Außerdem stieß ich, als ich auf den Boden der Kiste kam, auf drei große Beutel mit Piastern, die zusammen ungefähr elfhundert Stück enthielten. In einem derselben befanden sich auch in ein Stück Papier gewickelt sechs Golddublonen und einige kleine Barren oder Stückchen rohen Goldes, von denen jedes wohl beinah ein Pfund wiegen mochte. Die zweite Kiste enthielt nur einige werthlose Kleidungsstücke. Sie mußte wohl dem Gehülfen des Waffenschmiedes angehört haben, denn es war zwar kein Pulver darin, aber sie barg drei kleine Büchsen mit feinem Schrot, was vermuthlich zum Laden der Vogelflinten gedient hatte.

Im Ganzen war der Gewinnst, den ich auf dieser Reise an Sachen von wirklichem Werth für mich gemacht hatte, nur gering. Denn was hätte ich zum Beispiel mit dem Golde anfangen sollen? Es war mir nicht mehr werth als der Sand, über den ich schritt, und ich hätte es gern alles für einige Paar englische Schuhe und Strümpfe gegeben, deren ich in der That äußerst bedürftig war, und die ich nun schon seit vielen Jahren nicht mehr an den Füßen getragen hatte. Zwar hatte ich auch zwei Paar Schuhe erbeutet, die ich den beiden Ertrunkenen, welche ich in dem Wrack gesehen, von den Füßen gezogen, und zwei Paar hatte ich überdies in einer der Kisten gefunden. Wenn sie mir aber auch im höchsten Grade angenehm waren, stachen sie doch gegen unsere englischen Schuhe, sowohl in Bezug auf Bequemlichkeit als hinsichtlich der Dauerhaftigkeit, sehr ab, denn sie waren eher Sandalen als Schuhe zu nennen. In der zweiten Matrosenkiste fand ich auch noch etwa fünfzig Piaster in Realen, aber kein Gold. Dieser Behälter mußte also wohl einem ärmeren Manne gehört haben als die erste Kiste, die das Eigenthum eines Officiers gewesen zu sein schien. Uebrigens brachte ich das Geld, obwohl es mir unnütz schien, dennoch in der Höhle in Sicherheit und verwahrte es da, wie ich auch alles andere von unserem eigenen Schiffe Mitgenommene dort aufgehoben hatte. Es war wirklich recht Schade, daß mir nicht der andere Theil des Schiffes zur Beute gefallen, denn ich bin überzeugt, daß ich mein Canoe daraus mehrmals mit Gold hätte beladen können, das bis zu einer etwaigen Rückkehr nach England in der Höhle sicher genug gelegen haben würde.

Als meine gesammte Ladung in Sicherheit ans Land gebracht war, kehrte ich zu meinem Canoe zurück und steuerte es der Küste entlang in die schon früher benutzte Bucht. Hier legte ich es an und eilte dann auf dem kürzesten Wege zu meiner alten Wohnung, wo ich Alles in friedlicher Ordnung fand. Von jetzt an pflegte ich der Ruhe, lebte in voriger Weise und beschäftigte mich mit meinen häuslichen Angelegenheiten. Einige Zeit hindurch war mein Leben völlig ungestört, ich übte jedoch größere Wachsamkeit als sonst, schaute öfter auf die See aus und verließ meine Wohnung seltener als früher. Nur nach dem östlichen Inseltheil ging ich ohne Furcht, wo ich sicher sein durfte, daß die Wilden dort niemals landeten, und wo ich ohne große Sicherheitsmaßregeln und ohne ein schweres Gewicht von Waffen und Munition zu tragen mich ergehen konnte.

In solcher Weise lebte ich beinahe zwei Jahre. Mein unseliger Kopf aber, der mir immer wieder bewies, daß er dazu geschaffen sei, meine übrige Person unglücklich zu machen, steckte während dieser ganzen Zeit voll von Plänen und Projekten, die Insel zu verlassen. Zuweilen gelüstete es mich auch, das gescheiterte Schiff aufs Neue zu besuchen, wiewohl mir die Vernunft sagte, daß dort Nichts mehr zu finden sei, das sich der Gefahr des Weges verlohne. Hätte ich damals das Boot, in welchem ich aus Saleh geflohen war, besessen, ich würde, glaub' ich, mich in demselben auf gut Glück dem Meere anvertraut haben. Mein Benehmen kann allen Denjenigen, welche mit der am weitesten verbreiteten Menschenplage behaftet sind, aus der meines Bedünkens die Hälfte alles irdischen Elends besteht, zur Warnung dienen. Ich meine die Unzufriedenheit mit der Lebenslage, in die Gott und die Natur uns versetzt haben. Denn um hier nicht auf meine erste Thorheit und die Rathschläge meines Vaters, deren Nichtbefolgung sozusagen meine Ursünde war, zurückzukommen, so hatte mich doch der Fehler gleicher Art in der Folgezeit allein in meine traurige Lage gerathen lassen. Hätte mir die Vorsehung, die mich in Brasilien mit so glücklichem Erfolg meine Pflanzung betreiben ließ, mit eingeschränkten Wünschen begnadigt, wäre ich zufrieden gewesen, nach und nach vorwärts zu kommen, so würde ich gewiß inzwischen zu einem der angesehensten Pflanzer in jenem Lande gediehen sein. Ja, ich bin überzeugt, daß ich nach den Verbesserungen, die ich binnen so kurzer Zeit in meiner Besitzung eingeführt, und der Ausdehnung, welche diese dort so rasch gewonnen hatte, jetzt ein Mann von mehr als hunderttausend Moidor gewesen wäre. War es etwa vernünftig, eine so geordnete Lebenslage und eine wohlgedeihende Pflanzung zu verlassen, um als Supercargo in Guinea Neger zu holen, während mit Geduld und mit der Zeit mein Vermögen in der neuen Heimat bald so weit zugenommen haben würde, daß ich die Sklaven dicht vor meiner Hausthür von denen hätte kaufen können, die ein ständiges Geschäft daraus machten, sie zu holen? Der Preisunterschied verlohnte wahrhaftig nicht die große Gefahr, in die ich mich damals begeben hatte. Allein, wie es gewöhnlich bei jungen Hitzköpfen der Fall ist, daß das Nachdenken über ihre Thorheit Jahre erfordert, um sie zur Einsicht zu bringen und daß sie nur durch theuer erkaufte Erfahrung klug werden, so war es auch mit mir gewesen. Leider aber wurzelte jener Fehler in meinem Charakter so tief, daß ich auch jetzt nicht in meiner Lage mich zufrieden geben konnte, sondern beständig über die Mittel brütete, ihr zu entrinnen. Es wird vielleicht dem Leser ergötzlich sein, hier einen Bericht zu erhalten über die ersten Ideen zu jenem thörichten Fluchtplan und über das, worauf sie sich gründeten.

Man stelle sich also vor, daß ich nach meinem letzten Besuche bei dem Wrack, in meine Festung eingeschlossen, während meine Fregatte wie gewöhnlich an sicherer Stelle im Wasser lag, meine gewohnte Lebensweise ruhig fortsetzte. Ich besaß mehr Vermögen als sonst, war aber darum nicht reicher. Ich hatte nicht mehr Nutzen davon als die Indianer von den peruanischen Schätzen, ehe die Spanier in ihr Land kamen.

Nun geschah es in einer regnerischen Märznacht, im einundzwanzigsten Jahre nach meiner Ankunft auf dieser öden Insel, daß ich, während ich in meiner Hängematte, völlig gesund, ohne Schmerz und Unbehagen und ohne mich physisch oder moralisch im Mindesten mehr als gewöhnlich unwohl zu fühlen, lag, die ganze Nacht hindurch kein Auge zu schließen vermochte. Eine unbeschreibliche Menge, ein wahrer Wirbel von Gedanken bewegte sich mir im Kopfe, diesem großen Tummelplatz der Seele. Ich überdachte die ganze Geschichte meines Lebens, von der Zeit vor meiner Landung auf der Insel an durch die lange Reihe von Jahren nach meiner Ankunft hindurch. Indem ich die letzteren in meiner Erinnerung durchging, verglich ich meinen glücklichen Zustand während der ersten Zeit meines Aufenthalts mit dem Leben voll Sorge und Angst, das ich geführt, seit ich die Fußspuren im Sande bemerkt hatte. Zwar glaubte ich jetzt nicht mehr, daß die Wilden nicht auch früher vielleicht hundertmal die Insel besucht hätten, aber ehedem war mir davon Nichts bewußt gewesen, und ich hatte in furchtloser Ruhe dahingelebt. Obgleich meine Gefahr früher die gleiche wie jetzt gewesen war, hatte sie doch, da ich sie nicht kannte, gar nicht für mich existirt. Diese Erwägung regte in mir allerlei gute Gedanken an. Vorzüglich den folgenden: Die Vorsehung hat es unendlich gut für die Menschheit eingerichtet, indem sie unserem Wissen und Erkennen so enge Schranken zog. Der Mensch wandelt inmitten von tausend Gefahren, die, wenn er sie wahrnehmen würde, seine Seele in Verzweiflung setzen müßten; aber er bleibt heiter und ruhig, weil die ihn umgebende Gefährdung seinen Augen verborgen bleibt.

Von dieser Reflexion gelangte ich zu der Betrachtung der Gefahr, in welcher ich in Wirklichkeit seit manchem Jahr auf dieser Insel geschwebt hatte. Im Vollgefühl der Sicherheit und gänzlicher Ruhe war ich meinen Weg gegangen, während vielleicht nur ein Hügel, ein hoher Baum, das zufällige Einbrechen der Nacht zwischen mir und dem elendesten Tode gestanden hatte. Denn ein solcher hätte mich sicher erreicht, falls ich den Cannibalen in die Hände gefallen wäre, die mit mir gerade so wenig Umstände gemacht haben würden als mit einer Ziege oder Schildkröte. Es wäre ungerecht gegen mich selbst, wollte ich leugnen, daß ich in jener Nacht mit aufrichtiger Dankbarkeit anerkannte, dem großen Erretter meine Bewahrung schuldig zu sein, ohne den ich unvermeidlich in die Gewalt der unbarmherzigen Wilden hätte gerathen müssen.

Nun drängten sich mir aber wieder neue Betrachtungen über diese Elenden auf, und die Frage trat mir nahe, wie es möglich sei, daß der allweise Weltenlenker einen Theil seiner menschlichen Geschöpfe in einem solchen Zustande der Bestialität und in Neigungen verharren lassen könne, die sogar unter denen des Thieres stehen, nämlich in der Lust, ihres Gleichen zu verzehren. Von dieser fruchtlosen Frage kam ich auf die weiteren: In welchem Theile der Welt mögen diese Unglücklichen wohnen? Von wie weit her mögen sie bis zu dieser Insel gekommen sein und weshalb haben sie sich wohl so weit gewagt? Welcher Art von Fahrzeugen bedienen sie sich wohl? und endlich: Warum sollte es für mich nicht möglich sein, ebenso gut von hier fortzukommen, als sie hierher gelangt sind?

Daran, was ich thun würde, wenn ich in das Land der Wilden gekommen sein würde, was aus mir werden würde, wenn ich in ihre Hände fiele und wie ich denen zu entgehen vermöchte, wenn die Cannibalen mich verfolgten, an alles dieses dachte ich für den Augenblick nicht. Nicht einmal der Gedanke kam mir, woher ich unterwegs Nahrung bekommen sollte, oder wohin ich eigentlich meinen Weg zu richten habe. Meine Seele war ganz und gar ausgefüllt von dem Plane, daß ich mit meinem Boot das Festland zu erreichen versuchen wolle. Ich betrachtete meine damalige Lage als die unseligste, die gedacht werden könne, und mit der verglichen nur der Tod schlimmer erscheine. Dabei wähnte ich, wenn ich nur die Küste des Festlandes erreicht hätte, würde ich gewiß schon einen Befreier antreffen, oder wenn ich, wie an der afrikanischen Küste, das Ufer entlang bis zu einer bewohnten Gegend schiffte, würde ich da sicherlich Hülfe finden. Vielleicht könnte mir ja auch irgend ein Christenschiff begegnen und mich aufnehmen, oder aber, wenn wirklich selbst das Schlimmste sich ereignen sollte, könnte es ja nur der Tod sein, der auf einmal all meinem Mißgeschick ein Ende machen würde.

Man vergesse hierbei nicht, daß diese Gedanken die Frucht meiner gänzlichen Gemüthsverstörung und meiner ungeduldigen Stimmung waren. Die Veranlassung zu dieser lag in der langen Reihe von Sorgen, die mich heimgesucht hatten, und in der Enttäuschung, die mir auf dem Wrack begegnet war, wo ich mich so nahe der Erfüllung meines sehnlichen Wunsches, mit Menschen zusammenzutreffen und von ihnen etwas Näheres über meinen Aufenthaltsort zu erfahren, geglaubt hatte. Meine Gemüthsruhe, meine Ergebung in Gottes Willen und das Harren auf gnädige Fügung des Himmels schienen damals gänzlich aus mir gewichen zu sein. Ich war nicht im Stande, meine Gedanken von der Reise nach dem Festland abzuwenden, so heftig und unwiderstehlich stürmten sie auf mich ein.

Mehre Stunden hindurch dauerte diese Aufregung meiner Seele. Mein Blut gerieth in fieberhafte Hitze, und die Pulse schlugen mir heftig. Endlich überkam meine erschöpfte Natur ein gesunder Schlaf. Man sollte denken, daß ich von meinen Plänen geträumt hätte, aber das geschah nicht. Mein Traum zeigte mir vielmehr Folgendes: Ich hatte am Morgen, wie gewöhnlich, meine Festung verlassen. Da beobachtete ich am Strande, wie elf Wilde in zwei Canoes landeten und einen andern Wilden mit sich schleppten, den sie schlachten wollten, um ihn zu fressen. Plötzlich sprang der Gefangene davon und rannte fort, um sich das Leben zu retten. Es schien mir im Traume, als komme er zu dem kleinen Gebüsch an meiner Festung. Ich zeigte mich ihm und ermuthigte ihn lächelnd, da ich ihn allein sah und nicht wahrnahm, daß die Andern ihn auf seiner Flucht verfolgten. Er kniete vor mir nieder und schien mich um Hülfe anzuflehen. Ich zeigte ihm meine Leiter, ließ ihn übersteigen und führte ihn in meine Höhle. Von da an war er mein Diener, und nun, wo ich mir diesen Mann gewonnen, sagte ich zu mir selbst: Jetzt darfst du dich getrost nach dem Festland hinwagen. Dieser Bursch soll dir als Lootse dienen; er wird dir angeben, wie du dir Lebensmittel verschaffen kannst, welche Orte du meiden mußt, um nicht gefressen zu werden, wohin du dich wagen darfst und wohin nicht. Mitten in diesen Gedanken wachte ich auf. Der Eindruck der Freude über meine geträumte Aussicht auf Errettung war so unaussprechlich stark, daß die Enttäuschung, welche folgte, als ich zu mir selbst kam und einsah, daß ich nur geträumt hatte, mich in die tiefste Trauer versetzte.

Indeß zog ich mir aus diesem Vorgang den Schluß, daß die einzige Möglichkeit, wie ich einen Fluchtversuch wagen dürfe, davon abhänge, daß ich einen Wilden in meine Gewalt bekäme. Das konnte aber nur mit einem der Gefangenen geschehen, die auf die Insel gebracht würden, um dort gefressen zu werden. Diesem Plan stellte sich jedoch wiederum eine große Schwierigkeit entgegen. Er schien nämlich nur dadurch ausführbar, daß ich einen ganzen Haufen von Wilden angriff und alle bis auf einen tödtete. Dies war nicht nur ein verzweifeltes Unternehmen, das leicht fehlschlagen konnte, sondern ich machte mir auch aufs Neue Skrupel über die Rechtlichkeit desselben. Ich bebte vor dem Gedanken zurück, so viel Blut zu vergießen, wenn es auch für meine Rettung geschähe. Es ist unnöthig, die schon früher dargelegten Bedenken, die ich gegen ein solches Vorhaben hegte, hier zu wiederholen. Aber obgleich ich jetzt darin ein neues Motiv zu haben glaubte, daß ich mir vorstellte, jene Menschen seien meine Todfeinde und würden mich fressen, wenn sie könnten, daher es Nothwehr im äußersten Grade sei, sie anzugreifen, und daß ich dabei nur zu meiner Selbsterhaltung handle, wenn ich so verführe, als ob sie mich wirklich schon angegriffen hätten, so schreckte mich der Gedanke, Menschenblut um meiner Befreiung willen zu vergießen, doch so sehr, daß ich geraume Zeit mich nicht mit ihm befreunden konnte. Dennoch gewann nach langen inneren Kämpfen das unendliche Verlangen nach Befreiung die Ueberhand, und ich beschloß, mich, koste es was es wolle, eines jener Wilden zu bemächtigen. Daher galt es jetzt, über den schwierigen Punkt nachzudenken, wie dieser Plan auszuführen sei. Da ich aber kein zweckmäßigeres Verfahren zu ersinnen vermochte, nahm ich mir endlich vor, Nichts weiter zu thun, als mich auf die Lauer zu legen, auszukunden, wenn die Wilden aus Land kämen, und dann, das Uebrige dem guten Glück überlassend, diejenigen Maßregeln zu ergreifen, welche die Gelegenheit von selbst darbieten würde.

Diesen Entschluß im Kopfe, stellte ich mich so oft als möglich auf Posten, und zwar eine so lange Zeit, daß ich es endlich herzlich müde wurde. Ueber anderthalb Jahre harrte ich und begab mich fast täglich während dieses Zeitraums nach der Westseite und der Südwestspitze der Insel, um nach den Canoes zu spähen, aber keins ließ sich blicken.

Das wirkte zwar sehr entmutigend auf mich, aber meine Unruhe steigerte sich dadurch nur. Statt daß früher meine Sehnsucht durch die Zeit abgestumpft worden war, verschärfte sie sich jetzt nur um so mehr, je länger es währte. Ich war ehedem nicht so begierig gewesen, den Anblick der Wilden zu vermeiden, als mich jetzt sehnlichst nach demselben verlangte. Ich bildete mir ein, einen oder gar mehre Wilde, wenn ich sie hätte, gänzlich zu meinen Sklaven machen und es dahin bringen zu können, daß sie mir ganz zu Willen und in keiner Weise gefährlich sein würden, und lange Zeit hindurch gefiel ich mir in solchen Träumereien, ohne daß sich jedoch eine Aussicht auf ihre Verwirklichung eröffnet hätte.

Da nun wurde ich nach mehr als anderthalb Jahren, als ich die Ausführung meines Planes schon fast aufgegeben hatte, eines Morgens früh durch den Anblick von nicht weniger als fünf Canoes, die auf meiner Inselseite am Ufer lagen, überrascht. Die dazu gehörige Mannschaft war zwar nicht zu sehen, aber die große Zahl der Fahrzeuge schien alle meine Hoffnungen zu nichte zu machen. Ich wußte, daß immer vier oder sechs, oft auch mehr Wilde in einem Boote zu sitzen pflegten, und sah nicht ab, wie ich es anfangen sollte, als einzelner Mann zwanzig bis dreißig dieser Feinde anzugreifen. So lag ich denn mißmuthig und unruhig in meiner Festung, traf jedoch alle früher ausgesonnenen Anstalten und war gerade schlagfertig, als sich etwas Seltsames ereignete. Nachdem ich nämlich eine gute Weile gewartet, ob sich kein Lärm vernehmen lasse, hatte ich meine Gewehre an den Fuß der Leiter gestellt und war dann zu dem Gipfel des Hügels hinaufgeklettert, wobei ich jedoch den Kopf so gebogen hielt, daß man mich auf keine Weise bemerken konnte. Von dort aus beobachtete ich mittelst meines Fernglases, daß die Anzahl der Wilden sich auf nicht weniger als dreißig Mann belief. Sie hatten ein Feuer angezündet und eine Mahlzeit von gebratenem Fleisch vor sich. Wie sie es zubereitet, oder was es für Fleisch war, wußte ich nicht. Sie tanzten gerade in wunderbaren Windungen und mit barbarischen Grimassen rund um das Feuer herum.

Da bemerkte ich plötzlich durch mein Glas, wie man zwei Unglückliche aus den Booten, wo sie, wie es schien, gefesselt gelegen hatten, herbeischleppte, um sie zu schlachten. Den Einen von Beiden sah ich alsbald durch eine Keule oder ein hölzernes Schwert getroffen niederstürzen. Zwei oder drei der Cannibalen fielen sogleich über ihn her, um ihn für die Mahlzeit zu zerschneiden. Unterdeß stand das andere Schlachtopfer zur Seite, harrend, bis die Reihe an es komme. Mit einem Male zuckte in dem armen Teufel, der sich ein wenig frei fühlte, die Liebe zum Leben auf, und er rannte mit unglaublicher Schnelligkeit geraden Wegs nach der Gegend hin, in der meine Behausung lag. Ich war zum Tode erschrocken, als er diese Richtung einschlug, besonders da ich zu bemerken glaubte, daß ihn der ganze Haufen verfolgte.

Jetzt erwartete ich mit Bestimmtheit, auch der andere Theil meines Traumes würde sich erfüllen und der Flüchtling werde Schutz in meinem Gebüsch suchen. Dagegen durfte ich nicht darauf rechnen, daß, wie ich geträumt, die andern Wilden ihm nicht nacheilen und ihn nicht finden würden. Doch blieb ich auf meinem Posten und mein Muth stieg, als ich sah, daß nur drei Leute Jenen verfolgten. Noch mehr freute ich mich bei der Wahrnehmung, daß er sie an Schnelligkeit weit übertraf, und daß er, wenn er den Lauf nur eine halbe Stunde lang aushalten könne, sich retten werde.

Zwischen den Wilden und meiner Festung befand sich die früher oft erwähnte Bucht, in die ich immer mein Floß gesteuert hatte. Es war klar, daß der arme Kerl diese durchschwimmen mußte, wenn er nicht in die Hände der Verfolger fallen sollte. Wirklich warf sich der Flüchtling, an dem Meeresarme angekommen, ohne Weiteres in das Wasser, durchschwamm die gerade durch die Flut angeschwollene Strömung in etwa dreißig Stößen und rannte dann, ans Land gelangt, mit ungemeiner Kraft und Flinkheit weiter. Als die drei Wilden zur Bucht kamen, schien es, daß nur zwei von ihnen schwimmen konnten, der dritte aber nicht. Dieser schaute den Andern, als sie sich in die Flut gestürzt, nach und ging dann langsam zurück, was, wie sich zeigen wird, sein Glück war. Die Beiden brauchten noch einmal so lange Zeit, um die Bai zu durchschwimmen, als der Entflohene.

In diesem Augenblick kam mir lebhaft und unwiderstehlich der Gedanke, daß jetzt die Zeit sei, mir einen Diener und in ihm vielleicht zugleich auch einen hülfreichen Freund zu verschaffen, und daß ich offenbar von Gott bestimmt sei, dem armen Teufel das Leben zu retten. Ich stieg in möglichster Eile die Leitern herunter, ergriff die am Fuß derselben stehenden zwei Gewehre, erkletterte in gleicher Hast wieder den Gipfel des Hügels, eilte von dort aus dem Meere zu und gelangte dadurch zwischen den Flüchtling und die Verfolger. Den ersteren rief ich laut an. Er schaute sich um und war im ersten Augenblick wahrscheinlich vor mir in gleicher Furcht wie vor Jenen. Ich gab ihm aber ein Zeichen, zu mir zu kommen, und ging unterdessen langsam den beiden Andern entgegen.

Plötzlich stürzte ich mich auf den Vordersten und schlug ihn mit dem Flintenkolben nieder. Ich scheute mich Feuer zu geben, damit es die Uebrigen nicht hören sollten, wiewohl sie es bei der großen Entfernung schwerlich vernommen haben würden und, da sie auch den Rauch nicht zu sehen vermochten, schwerlich hätten vermuthen können, was der Knall zu bedeuten habe. Nachdem ich den einen der Wilden zu Boden geschmettert, hielt der andere erschrocken inne. Als ich näher kam, bemerkte ich, daß er Bogen und Pfeile führte und gerade nach mir zielte. So war ich denn doch zum Schuß gezwungen, mit dem ich ihn auch sofort tödtete.

Der arme Flüchtling war, obgleich er seine beiden Feinde niedergestreckt sah, doch so durch Feuer und Knall meines Gewehrs entsetzt, daß er wie eine Bildsäule stand und sich nicht vom Fleck rührte. Dabei schien er aber eher geneigt, zu fliehen als zu mir zu kommen. Ich rief ihn nochmals an und winkte ihm herbeizukommen. Er machte einige Schritte vorwärts, blieb dann stehen, ging wieder einige Schritte und hielt hierauf abermals inne. Ich sah, wie er zitterte, als ob er ebenso sterben zu müssen glaube wie seine beiden Feinde. Auf mein Winken und meine Zeichen zur Ermuthigung kam er näher und kniete alle zehn bis zwölf Schritte nieder, um seine Dankbarkeit dafür anzudeuten, daß ich ihm das Leben gerettet. Ich sah ihn lächelnd und freundlich an und forderte ihn mit Winken auf, noch näher zu kommen. Endlich befand er sich dicht bei mir, kniete abermals nieder, küßte die Erde, legte den Kopf auf den Boden, ergriff meinen Fuß und stellte diesen auf seinen Kopf. Er wollte damit, wie es schien, andeuten, daß er für alle Zeit mein Sklave sein werde.

Ich hob ihn auf und suchte ihn zu ermuthigen, so gut ich konnte. Aber es gab jetzt noch mehr zu thun. Ich bemerkte nämlich, daß der Wilde, den ich zu Boden geschlagen, nicht todt, sondern nur betäubt war und anfing wieder zu sich zu kommen. Ich deutete auf ihn, zum Zeichen, daß er sich wieder erhole. Der Gerettete sprach hierauf einige Worte, die ich zwar nicht verstand, über die ich mich aber dennoch sehr freute. Denn sie waren der erste Ton einer Menschenstimme, die ich außer der meinigen seit mehr als fünfundzwanzig Jahren vernommen hatte. Doch war zu solchen Betrachtungen jetzt keine Zeit. Der zu Boden geschmetterte Wilde hatte sich nämlich so weit erholt, daß er sich aufrecht zu setzen vermochte. Mein Gefangener schien erschreckt, als ich aber mit meiner Flinte nach dem Andern zielte, machte er (den ich von jetzt an meinen Wilden nennen will) mir ein Zeichen, daß ich ihm meinen Säbel, der ohne Scheide an meiner Seite hing, geben sollte. Nachdem ich das gethan, eilte er sofort auf seinen Feind los und schlug ihm mit einem Hieb so geschickt den Kopf ab, daß es kein Scharfrichter in England rascher und besser hätte fertig bringen können. Mich wunderte das um so mehr, weil ich wohl annehmen durfte, daß er nie im Leben ein anderes als die bei den Wilden gebräuchlichen hölzernen Schwerter in Händen gehabt hatte. Doch erfuhr ich später, daß diese Holzschwerter so scharf und von so hartem Holz sind, daß man mit ihnen Köpfe und Arme auf einen Schlag abhauen kann. Nachdem er sein Werk vollbracht, kam mein Sklave lachend zu mir zurück und legte mit allerlei Grimassen, die ich nicht verstand, den Säbel nebst dem Kopf des Getödteten zu meinen Füßen nieder.

Am meisten hatte den geretteten Wilden in Erstaunen gesetzt, wie ich es angefangen, den andern Indianer aus so großer Entfernung zu tödten. Er machte mir ein Zeichen, daß ich ihn zu Jenem gehen lassen solle, wozu ich ihn auch durch Winke aufforderte. Als er zu ihm gekommen war, stand er verwundert da, betrachtete ihn, wendete ihn von einer Seite auf die andere und beschaute die Wunde, welche die Kugel hervorgebracht hatte. Diese schien in die Brust gegangen zu sein, ohne daß starker Blutverlust eingetreten war, denn der Getroffene war nach Innen verblutet und völlig todt.

Mein Sklave nahm ihm Bogen und Pfeile weg und kam damit zurück. Jetzt wandte ich mich zur Rückkehr und gab ihm durch Zeichen zu verstehen, daß er mit mir kommen möge, da noch andere Verfolger nahen könnten. Er bedeutete mir, daß er die Todten in den Sand verscharren wolle, damit die Uebrigen sie nicht entdeckten, wenn sie hinter ihm her kämen. Sobald ich ihm durch Zeichen die Erlaubniß dazu gegeben, scharrte er sofort mit den Händen Löcher in den Sand und begrub Einen nach dem Andern binnen etwa einer Viertelstunde. Dann rief ich ihn und nahm ihn mit mir, ging aber statt zu meiner Festung nach meiner in dem abgelegenen Theile der Insel befindlichen Höhle. (Demnach ließ ich den Theil meines Traumes, in welchem der Flüchtling sich in mein Gebüsch verborgen hatte, sich nicht verwirklichen.) In der Höhle gab ich ihm Brod, ein Bündel Rosinen und einen Trunk Wassers, nach welchem er in Folge seines Laufs sehr gierig schien. Als er sich so erquickt hatte, bedeutete ich ihm, daß er sich schlafen legen solle. Ich zeigte ihm einen Ort, wo ein Haufen Reisstroh und eine Decke zu meinem eigenen zeitweiligen Gebrauch lag, und der arme Bursch hatte sich kaum darauf ausgestreckt, als er auch schon eingeschlafen war.

Er war ein stattlicher, hübscher Kerl, wohlgebaut, kräftig von Gliedern, schlank und wohl proportionirt. Nach meiner Berechnung zählte er etwa sechsundzwanzig Jahre. Seine Gesichtszüge waren männlich und ohne wilden Ausdruck. Besonders wenn er lächelte, hatte er die ganze Anmuth und Sanftmuth eines gebildeten Europäers. Sein Haar war lang und schwarz und nicht völlig gekräuselt; die Stirn hoch und breit und seine Augen sehr lebhaft und von einem funkelnden scharfen Ausdruck. Seine Hautfarbe war nicht völlig schwarz, sondern braungelb, aber nicht von jener häßlichen gelben, widerlichen Farbe, wie man sie bei den brasilianischen, virginischen und anderen Eingeborenen von Amerika sieht, sondern von einer Art glänzenden Olivenbrauns, das einen angenehmen, aber schwer beschreiblichen Anblick gewährte. Sein Gesicht war rund und voll, die Nase klein und nicht platt wie die der Neger, der Mund schön, die Lippen schmal, die Zähne wohlgereiht und weiß wie Elfenbein.

Nachdem er über eine halbe Stunde lang geschlafen oder richtiger geschlummert hatte, erwachte er und kam aus der Höhle zu mir in die dicht daneben befindliche Einfriedigung, wo ich gerade meine Ziegen molk. Sobald er mich erblickte, eilte er herbei, warf sich auf die Erde und suchte mir mit allen möglichen seltsamen Geberden seine Dankbarkeit zu bezeigen. Zuletzt legte er den Kopf auf die flache Erde und setzte, wie schon einmal, einen meiner Füße darauf. Kurz, er suchte durch Zeichen der Unterwürfigkeit und demüthigen Ergebenheit anzudeuten, daß er mir sein ganzes Leben hindurch treu zu dienen gewillt sei. Das Meiste von dem, was er sagen wollte, begriff ich auch, und ich gab ihm zu verstehen, daß ich mit ihm zufrieden sei.