Daniel Defoe

Fünftes Kapitel

Jetzt aber fing ich an, mich in anderen Stimmungen zu ergehen. Ich las täglich in Gottes Wort und wendete seine Tröstungen auf meine gegenwärtige Lage an. Eines Morgens, da ich sehr traurig war, fiel mir die Bibelstelle in die Augen: »Ich will dich nicht verlassen noch versäumen«. Sofort fiel mir auf, daß diese Worte wie für mich geschrieben seien. Weshalb wären sie auch sonst wohl gerade in dem Augenblick mir aufgestoßen, als ich mich über meine Lage grämte und klagte, daß ich ein von Gott und Menschen Verlassener sei? »Nun denn«, sagte ich mir jetzt, »wenn Gott dich nicht verlassen will, was kann dir dann geschehen, und was liegt daran, wenn auch die ganze Welt dich verläßt, da du doch siehst, daß, wenn du die ganze Welt gewännest und solltest Gottes Gnade und Segen dafür entbehren, dein Schade unvergleichlich größer sein würde!«

Von diesem Augenblick an kam ich zu der Erkenntniß, daß ich in dieser Einsamkeit seliger zu sein vermochte, als ich vermuthlich in irgend einer andern Lebenslage gewesen wäre. Nun dankte ich Gott sogar dafür, daß er mich hierher gebracht hatte. Aber ich weiß nicht, wie es kam, daß ich bei diesem Gedanken erschrak und ihm nicht Worte zu geben wagte. »Wie kannst du so heucheln«, sagte ich laut vor mich hin, »und dich stellen, als ob du Gott für eine Lage dankbar seiest, in der zufrieden zu sein du zwar dir Mühe gibst, aus der du aber doch mit herzlichem Dank dich befreien lassen würdest.« Wenn ich nun auch in solcher Weise mit meinem Danke inne hielt, so sprach ich ihn doch um so aufrichtiger dafür aus, daß mir Gott die Augen geöffnet und mich mein früheres Leben im richtigen Lichte hatte sehen, betrauern und bereuen lassen. Niemals öffnete oder schloß ich die Bibel, ohne Gott für die segensreiche Fügung zu danken, der meinen Freund in England. ohne daß ich ihm Auftrag dazu gegeben, veranlaßt hatte, sie unter meine Habe zu packen, und der mir beigestanden, daß ich sie später aus dem Schiffswrack hatte retten können.

In solcher Gemüthsstimmung begann ich mein drittes Jahr. Wenn ich aus dem Verlaufe des zweiten bezüglich meiner Arbeiten den Leser auch nicht mit dem Bericht über so viel Einzelnheiten ermüdet habe wie in der Erzählung von dem ersten, so wird man doch im Allgemeinen bemerkt haben, daß ich selten müßig gewesen war. Ich hatte meine Zeit regelmäßig eingetheilt und für gewisse tägliche Beschäftigungen fest bestimmt. Dazu gehörten vor Allem mein Gottesdienst und das Bibellesen, das ich eine Zeitlang täglich dreimal vornahm; zweitens, mein Ausgang mit dem Gewehr nach Lebensmitteln, der mich gewöhnlich drei Morgenstunden in Anspruch nahm, wenn es nicht gerade regnete; drittens die Eintheilung und Zubereitung dessen, was ich erlegt oder gefangen hatte. Auch darüber ging ein großer Theil des Tages hin. Es ist dabei übrigens nicht zu vergessen, daß um Mittag, wenn die Sonne im Zenith stand, das Uebermaß der Hitze mich am Ausgehen hinderte, so daß ich nur etwa vier Abendstunden für jene Arbeit verwenden konnte. Zuweilen vertauschte ich auch die Zeit der verschiedenen Geschäfte, arbeitete am Morgen und ging dafür am Nachmittag auf die Jagd.

Neben der Kürze der Zeit, die ich auf die Arbeit verwenden konnte, muß man die ungemeine Mühseligkeit der letzteren in Anschlag bringen und bedenken, wie viele Stunden durch Mangel an Werkzeug, an Hülfe, an Geschick bei Allem, was ich in Angriff nahm, verloren ging. So brachte ich zum Beispiel volle zweiundvierzig Tage damit zu, ein Brett für ein langes Gestell herzurichten, das ich für meine Höhle brauchte. Zwei Zimmerleute mit dem gehörigen Werkzeug und einem Sägebock hätten in einem halben Tag aus demselben Baum sechs solcher Bretter schneiden können.

Das Verfahren, was ich bei jener Arbeit einschlug, war folgendes: Zunächst war ich genöthigt einen großen Baum zu fällen, da mein Brett eine ansehnliche Breite haben mußte. Damit hatte ich drei Tage zu thun, und zwei weitere nahmen die Entfernung der Zweige und die Gestaltung des Stammes zu einem einzigen Block in Anspruch. Mit unglaublicher Arbeit hackte und hämmerte ich an den beiden Seiten des Baumes, bis er begann sich leicht genug bewegen zu lassen. Hierauf machte ich ihn auf der einen Seite von einem Ende bis zum andern eben und glatt und nahm dann dieselbe Arbeit auf der anderen Seite vor, bis das Brett etwa drei Zoll dick war. Jedermann kann sich vorstellen, wie viel Mühe diese Thätigkeit erforderte, aber Fleiß und Geduld ließen mich dieses, wie viele andere Dinge, endlich doch fertig bringen.

Es waren jetzt die Monate November und December herangekommen, und ich hoffte bald eine Ernte von meinem Reis und Korn zu gewinnen. Das Feld, das ich damit besäet, war nicht groß, da, wie bemerkt, meine Aussaat von jeder Kornart, weil ich die frühere ganze Ernte eingebüßt, nicht mehr als eine halbe englische Metze betragen hatte. Diesmal aber versprach der Ertrag reichlich zu werden. Da aber sah ich plötzlich mein Getreidefeld von allerlei Feinden bedroht, die ich nur mit Mühe von ihm fern halten konnte. Vor Allem durch die Ziegen und die hasenähnlichen Thiere, welche Geschmack an den Halmen gefunden hatten und Tag und Nacht daran fraßen, so daß viele Halme nicht zu Aehren aufgehen konnten.

Hierfür sah ich kein anderes Mittel der Abhülfe, als daß ich mit großer Arbeit und Eile eine Einfriedigung um das Stück Land zog. Innerhalb drei Wochen war das kleine Feldstück vollkommen eingehegt, und da ich bei Tage mehrmals einige von den Thieren schoß, und des Nachts meinen Hund, den ich an einen der Pfähle band, wo er die ganze Nacht hindurch bellte, zum Wächter setzte, so zogen sich die Feinde binnen kurzer Zeit weg, und das Korn wuchs hoch heran, stand gut und begann zusehends zu reifen.

Wie mir aber früher die vierfüßigen Thiere Schaden gethan hatten, so lange das Korn grün war, so drohten ihm jetzt, als es Aehren trug, die Vögel. Als ich das Feld besuchte, um zu wissen, wie es gedeihe, fand ich eine Menge gefiedertes Volk ringsherum, das nur auf den Augenblick zu warten schien, bis ich mich entfernt habe. Sofort gab ich, da ich mein Gewehr bei mir trug, Feuer unter den Schwarm, und alsbald erhob sich mitten aus dem Korn eine Wolke von Vögeln, die ich vorher gar nicht gesehen hatte.

Dies verdroß mich sehr, denn ich sah voraus, daß binnen wenigen Tagen meine ganze Hoffnung zu nichte sein, sowie daß ich es niemals bis zu einer ordentlichen Ernte bringen und später in Mangel gerathen würde. Daher beschloß ich mein Korn, wenn möglich, zu retten, und wenn ich es auch Tag und Nacht bewachen sollte. Zuerst untersuchte ich den schon angerichteten Schaden und fand, daß die Vögel eine Menge Körner bereits gefressen hatten. Da diese aber noch zu grün waren, belief sich der Verlust nicht sehr hoch, und wenn ich den Rest rettete, so konnte die Ernte wohl immer noch eine gute werden.

Während ich bei dieser Gelegenheit, neben dem Feld stehend, mein Gewehr lud, sah ich die Diebe rings auf allen Bäumen sitzen, als ob sie nur auf mein Weggehen warteten. Deshalb that ich, als ob ich mich entfernen wollte, und kaum war ich ihnen aus dem Gesicht gekommen, als sie auch schon, einer nach dem andern, wieder ins Korn fielen. Das reizte mich so, daß ich nicht Geduld hatte zu warten, bis sich noch mehre eingefunden haben würden. Ich wußte, daß jedes Korn, das sie jetzt fraßen, mich sozusagen um eine zukünftige Metze bringe. Daher schlich ich mich an die Hecke und tödtete diesmal drei. Das war auch für meinen Zweck vorläufig genug. Ich machte es mit den Erlegten, wie man es in England mit ausgezeichneten Dieben macht: ich hing sie nämlich, zum abschreckenden Exempel für die anderen, auf. Man sollte kaum denken, daß dies eine solche Wirkung hätte haben können, wie es in der That der Fall war. Denn die Vögel blieben von nun an nicht nur von meinem Korn weg, sondern zogen sich auch sehr bald ganz aus dieser Gegend der Insel weg, und ich habe, so lange die Vogelscheuchen hingen, niemals wieder einen der gefiederten Diebe in der Nähe meines Feldes bemerkt. Wie man denken kann, war ich sehr erfreut darüber; gegen Ende des December, in der zweiten Herbstzeit des Jahres, heimste ich dann mein Korn ein.

Da mir bei dieser Arbeit der Mangel einer Sense oder Sichel sehr fühlbar wurde, blieb mir nichts Anderes übrig, als mir, so gut es ging, eine solche aus einem der breiten Säbel, die ich unter den Waffen aus dem Schiffe gerettet hatte, anzufertigen. Uebrigens war meine erste Ernte nur mäßig, und das Schneiden derselben machte mir daher keine große Mühe. Ich vollzog es auf meine besondere Weise, indem ich nur die Aehren abschnitt und sie in einem großen Korb, den ich mir geflochten, heimbrachte. Dann entkörnte ich sie mit den Händen und gewann dabei nach meinem Ueberschlag (denn ich mußte nach dem bloßen Auge schätzen, da ich kein Maß hatte) nur etwa zwei Scheffel Reis und über zwei und einen halben Scheffel Gerste.

Trotzdem diente diese Ernte mir zu großer Ermuthigung, da ich hoffte, mir nun mit Gottes Hülfe in Zukunft auch Brod verschaffen zu können. Dabei zeigten sich aber neue Schwierigkeiten. Ich wußte nämlich weder, wie ich das Korn zerquetschen und Mehl daraus bereiten, noch wie ich dieses von der Kleie reinigen solle, und ebensowenig wie ich dann aus dem Mehl Brodteig gewinnen und diesen backen könne. Diese Zweifel vereint mit dem Wunsche, einen reichlichen Vorrath zu besitzen, um für meinen künftigen Unterhalt Sorge zu tragen, veranlagten mich, die jetzige Ernte noch nicht anzugreifen, sondern sie abermals ganz zur Aussaat aufzubewahren. Inzwischen nahm ich mir vor, all mein Nachdenken und meine ganze Thätigkeit auf das große Werk der Brodbereitung zu verwenden.

Jetzt konnte ich mit Wahrheit sagen, daß ich für mein tägliches Brod arbeite. Es ist fast wundersam, und wenige Menschen haben wohl je darüber nachgedacht, wie viel Dinge nothwendig sind, um nur den einen Artikel Brod bis zur Vollendung zu bringen. Mir aber, der ich im nackten Zustand der Natur lebte, kam dies, seit ich die erste Handvoll Korn gewonnen, in entmutigender Weise zu täglich klarerem Bewußtsein.

Zunächst hatte ich weder einen Pflug, die Erde zu ackern, noch einen Spaten, sie umzugraben. Diesem Mangel half ich jedoch, wie erzählt, ab, indem ich mir einen hölzernen Spaten machte. Allein mit diesem ging die Arbeit eben auch nur in hölzerner Manier von Statten, und wiewohl seine Anfertigung mich manchen Tag gekostet hatte, nutzte er sich, weil er keinen eisernen Beschlag hatte, rasch ab, und ich brachte die Arbeit mit ihm auch nur ungenügend zu Stande. Indeß schickte ich mich auch hierein mit Geduld.

Sodann, als das Korn gesäet war, fehlte es mir an einer Egge. Ich half mir, indem ich, über das Land gehend, einen großen und schweren Baumzweig darüber schleifte und die Erde also mehr kratzte als eggte. Dann brauchte ich, sobald das Korn hervorgewachsen war, gleichfalls, wie schon erwähnt ist, eine Menge von Dingen, um es einzuzäunen, zu schneiden, zu trocknen, einzubringen, zu dreschen, von der Spreu zu trennen und es dann aufzubewahren Ferner hätte ich auch eine Mühle nöthig gehabt, es zu mahlen, Siebe, um das Mehl zu reinigen, Hefe und Salz, um Brod daraus zu machen, und einen Ofen, um es zu backen. Trotzdem ich alle diese Dinge entbehrte, war mir das Korn doch von unschätzbarem Vortheil. Die Mühsamkeit und Langwierigkeit der Arbeit hatte, abgesehen davon, daß sie eben nicht zu äudern war, insofern für mich keine Bedeutung, als ich ja mit meiner Zeit nicht so sparsam zu sein brauchte. Ich hatte einen Theil des Tages für jene Arbeiten ein und für allemal bestimmt, und da ich Willens war, vorläufig Nichts von dem Korn für Brod zu verwenden, so konnte ich während der nächsten sechs Monate meine ganze Thätigkeit und Erfindungsgabe zur Beschaffung von Gerätschaften benutzen, welche für die spätere Verwerthung meines Getreides nöthig waren.

Da ich jetzt Samen genug besaß, um mehr als einen Morgen Land damit zu bestellen, mußte ich mir zunächst ein größeres Stück Erde bearbeiten. Vorher brauchte ich über eine Woche zur Anfertigung eines Spatens, der aber, wie gesagt, doch nur ein trauriger Nothbehelf wurde und doppelte Anstrengung bei der Arbeit nöthig machte. Nachdem ich auch damit zu Stande gekommen, streute ich meinen Samen in zwei große, flache Landstücke, die meinem Hause zunächst gelegen waren und mir tauglich schienen. Ich umgab sie mit einer dichten Hecke von demselben Strauchwerk, das ich schon früher angepflanzt hatte, und das, wie ich wußte, von raschem Wachsthum war, so daß ich binnen Jahresfrist auf eine starke lebendige Hecke rechnen konnte, die nur geringer Ausbesserung bedurfte. Ich brauchte zu dieser Arbeit nicht weniger als drei volle Monate, weil der größte Theil dieser Zeit in die Regenperiode fiel, in der ich nicht oft ausgehen konnte.

Während des Regens unterhielt ich mich zu Hause bei der Arbeit damit, daß ich meinen Papagei sprechen lehrte. Es gelang mir bald, ihm seinen eigenen Namen beizubringen, so daß er ihn zuletzt ganz deutlich aussprach. Pol war das erste Wort, was ich auf der Insel aus einem andern als meinem eignen Munde hörte.

Daneben verwendete ich meine Hauptthätigkeit auf ein neues großes Unternehmen. Längst hatte ich nämlich auf Mittel und Wege gesonnen, mich mit einigen irdenen Gefäßen zu versehen, die ich schmerzlich entbehrte. Ich war überzeugt, daß ich, sobald sich nur eine einigermaßen geeignete Art Thon finden ließe, daraus Töpfe formen könnte, die, in der Sonne des heißen Klimas getrocknet, hart und stark genug zur Benutzung und namentlich zur Aufbewahrung trocken zu haltender Sachen sein würden. Da ich sie vor Allem um Korn, Mehl und dergleichen zu bereiten brauchte, so beschloß ich jetzt einige solche möglichst große Gefäße im Voraus anzufertigen, an die ich weiter keine Ansprüche machte, als daß sie wie Krüge aufrecht stehen und was ich hinein thäte wohl verwahren könnten.

Der Leser würde mich bedauern, oder wahrscheinlicher auslachen, wenn ich ihm erzählte, wie viel ungeschickte Versuche ich hierbei unternahm, was für wunderliche, plumpe, häßliche Dinger ich zu Stande brachte, wie viele davon zusammen oder auseinander fielen, weil der Thon nicht steif genug war, die Form zu halten; wie viele ferner in der starken Sonnenhitze sprangen und wie viele vom bloßen Anfassen entzwei gingen. Nachdem ich mit großer Mühe den Thon gefunden, ihn ausgegraben, angefeuchtet nach Hause getragen und verarbeitet hatte, gelang es mir, binnen ungefähr zwei Monaten nicht mehr als zwei große häßliche Dinger (Krüge darf ich sie nicht nennen) fertig zu bringen.

Als die Sonne diese hart und trocken gebrannt hatte, flocht ich sie in Körbe, damit sie nicht zerbrechen sollten. Den kleinen Raum zwischen den Töpfen und dem Geflecht füllte ich mit Reis- und Gerstenstroh aus und hoffte nun, diese Gefäße würden Korn und Mehl aufbewahren können.

Während meine Arbeit in Bezug auf die großen Töpfe mangelhaft ausgefallen war, hatte ich bessern Erfolg bei der Verfertigung von allerlei kleinem Geschirr, z. B. runden Töpfchen, flachen Schüsseln, Krügen und Tiegeln und was mir sonst noch unter der Hand gerieth. Die Sonnenglut brannte diese Sachen außerordentlich fest.

Dies Alles aber erfüllte noch nicht meinen Zweck, ein irdenes Gefäß herzustellen, welches Flüssigkeiten halten und dem Feuer ausgesetzt werden könnte; dazu war keins von jenen Gefäßen zu brauchen. Da begegnete es mir einige Zeit später, als ich eines Tages ein ziemlich großes Feuer, das ich angezündet, um mir Fleisch daran zu braten, auslöschen wollte, daß ich darin einen Scherben von einem meiner irdenen Gesäße fand, steinhart gebrannt und ziegelroth. Ich war sehr angenehm überrascht durch diesen Anblick und sagte mir, daß, wenn ein solches Stück von meinem Geschirr sich brennen ließe, dies auch mit den ganzen Gefäßen möglich sein müsse.

Dies veranlaßte mich nachzudenken, wie ich mein Feuer einzurichten habe, um einige Töpfe daran zu brennen. Ich hatte keinen Begriff von einem Brennofen, wie die Töpfer sie benutzen, oder vom Glasiren mit Blei, von welchem letzteren ich ja eine Quantität besaß, die ich wohl dazu hätte verwenden können. Lediglich zum Versuche stellte ich drei große Tiegel und zwei oder drei Töpfe aufeinander und vertheilte mein Brennholz rings herum, mit einem großen Haufen Asche als Unterlage; dann versah ich das Feuer von Außen her und obenauf mit frischem Brennmaterial, bis ich die Töpfe innerhalb des Feuers durch und durch roth glühend werden sah, ohne daß sie zerplatzten. Als ihre Farbe hellroth geworden war, ließ ich sie in derselben Hitze noch etwa fünf bis sechs Stunden stehen, bis ich wahrnahm, daß einer von ihnen anfing zu schmelzen oder zu fließen, ohne jedoch entzwei zu springen. Denn der dem Thon beigemischte Sand schmolz durch die scharfe Hitze und würde zu Glas geworden sein, wenn ich so fortgefahren hätte. Ich milderte daher das Feuer nach und nach, bis die Töpfe die rothe Farbe verloren; nachdem ich die ganze Nacht dabei gewacht und dafür gesorgt hatte, daß das Feuer nicht zu schnell nachließ, hatte ich am andern Morgen drei sehr gute, ich will nicht sagen schöne, Tiegel und zwei andere irdene Gefäße, so hart gebrannt, als es nur zu wünschen war. Der eine davon erschien völlig glasirt durch den herausgeflossenen Sand.

Ich habe kaum nöthig zu sagen, daß ich nach diesem Experiment keinerlei irdenes Geschirr zu meinem Gebrauch mehr entbehrte; es fiel aber, wie ich nicht verhehlen will, hinsichtlich der Form sehr unvollkommen aus. Machte ich doch meine Gefäße ganz auf dieselbe Art, wie Kinder aus Sand Topfkuchen backen, oder wie eine Köchin, die nie gelernt hat mit Teig umzugehen, eine Pastete formen würde.

Niemals aber hat wohl Jemand größere Freude über einen unbedeutenden Gegenstand gehabt, als ich sie empfand, da es mir endlich gelungen war, einen irdenen Topf zu machen, der das Feuer zu ertragen vermochte. Ich konnte kaum die Zeit erwarten, bis mein Geschirr kalt geworden war und ich einen der Töpfe halb mit Wasser angefüllt wieder an das Feuer setzen und Fleisch darin kochen konnte, was ausgezeichnet gelang. Von einem Stück Fleisch einer jungen Ziege bereitete ich mir sehr gute Bouillon, hatte aber freilich weder Graupen, noch sonstige Zuthaten, um sie so schmackhaft zu machen, wie ich sie wohl gern gehabt hätte.

Meine Gedanken richteten sich nun zunächst auf Anfertigung eines steinernen Mörsers, um das Korn darin zu zerstampfen. Denn daß mein einziges Paar Hände es bis zum Kunstwerk einer Mühle bringen werde, daran war nicht zu denken. Für diese aber einen Ersatz zu finden, machte mir nicht geringe Schwierigkeit. Unter allen Handwerken der Welt war ich zu dem der Steinhauerei am wenigsten ausgerüstet. Es fehlten mir nicht weniger als alle Werkzeuge, um die Sache in Angriff zu nehmen. Manchen Tag wendete ich daran, einen Stein ausfindig zu machen, der groß genug zum Aushöhlen und zur Umgestaltung in einen Mörser wäre; aber ich fand durchaus nur solche, die in dem Felsen fest saßen und die ich auf keinerlei Weise ausgraben oder ausschneiden konnte. Auch waren die Felsen auf der Insel an sich nicht von hinreichender Härte. Sie bestanden vielmehr alle aus einer sandigen, bröckeligen Steinart, die weder die Wucht einer schweren Keule aushalten konnte, noch geeignet war, das Korn darin, ohne es mit Sand zu vermengen, klein zu stoßen. Nachdem ich sehr viel Zeit mit dem Suchen verloren hatte, gab ich es auf und beschloß, mich nach einem harten Holzklotz umzusehen, den ich auch in der That viel leichter fand. Als ich einen, den ich fortzubewegen vermochte, ausgesucht hatte, rundete ich ihn ab und formte ihn an der Außenseite mittels Axt und Hacke. Dann arbeitete ich mit unendlicher Mühe durch Feuer eine Höhlung hinein, wie die Indianer in Brasilien ihre Canoes auszuhöhlen pflegen. Hierauf fertigte ich mir eine große schwere Keule oder richtiger einen Schlägel von dem sogenannten Eisenholz an und verwahrte beides für die Zeit nach meiner nächsten Ernte, wo ich das Korn zu mahlen, oder vielmehr es zu Mehl zu stoßen und dann Brod daraus zu backen gedachte.

Die nächste schwere Aufgabe bestand in der Beschaffung eines Siebes oder Beutels, um das Korn darin zu reinigen und es von den Hülsen zu befreien. Denn ohne ein solches Ding Brod herzustellen hielt ich für unmöglich, wagte aber auch kaum auf ein Gelingen dieses Unternehmens zu hoffen. Ich hatte nicht das Mindeste, womit es allenfalls zu bewerkstelligen gewesen wäre, zum Beispiel Gaze oder ähnliches feines dünnes Zeug. Mehre Monate hindurch wußte ich nicht, wie ich die Sache angreifen sollte; besonders deshalb, weil, was ich noch an Leinwand besaß, aus bloßen Lumpen bestand. Zwar hatte ich Ziegenhaare, aber ich verstand sie nicht zu spinnen, und hätte ich es auch verstanden, so fehlte mir doch jedes nöthige Werkzeug dazu. Endlich fiel mir als einziges Auskunftsmittel ein, daß sich unter den Matrosenkleidungsstücken, die ich aus dem Schiff gerettet hatte, auch einige Halstücher von Kattun oder Mousselin befanden. Aus diesen verfertigte ich denn drei kleine Beutel, die ihren Zweck leidlich erfüllten, und behalf mich damit mehre Jahre hindurch. Wie ich es später anfing, werde ich seiner Zeit berichten.

Nun mußte auch die Art des Backens selbst überlegt werden und wie ich es anstellen sollte Brod zu bekommen, wenn ich erst das Korn haben würde. Erstens nämlich fehlte mir die Hefe; da es für diesen Mangel absolut keine Abhülfe gab, so machte ich mir darüber weiter kein Kopfzerbrechen. Aber auch um einen Ofen war ich sehr verlegen. Endlich verfiel ich auf folgenden Ausweg: ich verfertigte einige sehr breite, aber flache irdene Gefäße, etwa zwei Fuß im Durchmesser und nicht mehr als neun Zoll hoch. Diese brannte ich im Feuer, wie ich es mit den andern gemacht hatte, und stellte sie vorläufig bei Seite. Als ich dann später ans Backen ging, zündete ich ein großes Feuer auf einem Herd an, den ich mit einigen viereckigen Ziegeln, gleichfalls aus eigner Fabrik, gebaut hatte, bedeckte, sobald das Brennholz ziemlich zu Asche oder zu lebendigen Kohlen verbrannt war, damit den Herd gänzlich und ließ sie da liegen, bis die Platte ganz heiß war. Dann fegte ich alle Asche ab und legte die Brode darauf, stülpte die irdenen Schüsseln darüber und häufte dann die Asche wieder von Außen darum, um so die Hitze zusammenzuhalten und zu verstärken. Auf diese Weise buk ich mein Gerstenbrod so gut wie in dem besten Backofen der Welt und bildete mich nebenbei in ganz kurzer Zeit auch zum Conditor aus. Denn ich bereitete mir auch verschiedene Arten von Kuchen und Puddings aus Reis. Freilich Pasteten zu backen, mußte ich bleiben lassen, da ich ja doch Nichts gehabt hätte, um sie zu füllen, außer etwa Vögel und Ziegenfleisch.

Es kann nicht Wunder nehmen, daß über alle diese Dinge der größte Theil des dritten Jahres meines Aufenthalts auf der Insel verstrich: besonders wenn man bedenkt, daß ich zwischendurch auch meine erste Ernte und die Bestellung des Feldes zu besorgen hatte. Ich schnitt mein Korn zur rechten Zeit, brachte es so gut ich konnte ein und bewahrte es in den Aehren in meinen großen Körben auf, bis ich Zeit fand es auszureiben. Denn ich hatte ja weder Tenne, noch Flegel, um es regelrecht dreschen zu können.

Da jetzt meine Kornvorräthe zuzunehmen begannen, wurde es nöthig, auch die Scheunen größer zu bauen. Ich brauchte einen besondern Raum, um meinen Vorrath aufzuheben, denn das Korn hatte sich in dem Maße vervielfältigt, daß ich ungefähr zwanzig Scheffel Gerste und ebenso viel oder mehr Reis besaß. Von nun an beschloß ich, aus dem Vollen damit zu wirthschaften, besonders da mein Brod jetzt schon seit einer ganzen Weile völlig aufgezehrt ward. Ich nahm mir vor darauf zu achten, wie viel ich in Zeit von einem Jahr verbrauchen würde, um nur einmal jährlich säen zu müssen. Da sich hierbei ergab, daß die vierzig Scheffel Gerste und Reis viel mehr waren, als ich in einem Jahre verzehren konnte, beschloß ich, alle Jahre dieselbe Quantität wie das letzte Mal zu säen, in der Hoffnung, dies würde hinreichen, mich reichlich mit Brod und dergleichen zu versorgen.

Während der ganzen Zeit, in welcher diese Angelegenheiten mich beschäftigten, schweiften, wie man sich denken kann, meine Gedanken auch oftmals nach dem fernen Lande hinüber, welches ich von der andern Seite der Insel aus erblickt hatte. Ich wünschte im Stillen an jener Küste zu sein, die ich für das feste Land und für eine bewohnte Gegend hielt, und von wo aus ich mich auf eine oder die andere Art weiter zu befördern und vielleicht endlich Mittel und Wege zur Flucht zu finden hoffte. An die Gefahren, die mir dabei drohen würden, dachte ich gar nicht. Wie leicht hätte ich den Wilden in die Hände fallen können, und zwar solchen, die ich Ursache hatte für schlimmer zu halten als die Löwen und Tiger in Afrika. Wäre ich einmal in ihre Gewalt gerathen, dann war tausend gegen eins zu wetten, daß sie mich tödten, vielleicht gar auffressen würden; denn ich hatte gehört, daß die Bewohner der karaibischen Küste Cannibalen oder Menschenfresser seien, und nach meiner Berechnung der Breitengrade wußte ich mich nicht weit von dieser Küste entfernt. Aber auch wenn keine Cannibalen dort lebten, mußte ich doch annehmen, die Bewohner jener Gegend würden mich wahrscheinlich tödten. Hatten sie es doch mit vielen Europäern, die in ihre Hände gefallen, so gemacht, sogar wenn diese in Menge zusammen gewesen waren. Wie viel mehr drohte das mir Einzelnem, der ich mich wenig oder gar nicht vertheidigen konnte. Alle diese ernstlich zu erwägenden Bedenken, die später auch wirklich in meiner Seele auftauchten, flößten mir anfangs gar keine Besorgniß ein, und mein Sinn stand sehnsüchtig danach, auf das andere Ufer hinüber zu gelangen.

Wie sehr wünschte ich jetzt meinen Knaben Xury und das Langboot mit dem dreieckigen Segel herbei, in welchem ich über tausend Meilen an der afrikanischen Küste entlang gefahren war. Doch das blieb eine vergebliche Sehnsucht. Da kam mir eines Tages der Einfall, mich einmal nach dem Boot von unserem Schiffe wieder umzusehen, das, wie ich seiner Zeit erzählt habe, vom Sturm weit auf das Ufer hinauf getrieben war, als wir Schiffbruch gelitten hatten. Es befand sich auch noch beinahe an derselben Stelle, aber nicht ganz in der früheren Lage; die Gewalt von Wind und Wellen hatte es fast völlig umgekehrt und gegen einen hohen sandigen Uferrand getrieben, wo es mit dem Boden nach oben gewandt, aber nicht mehr wie anfangs von Wasser umgeben, lag. Wenn ich Arbeitskräfte genug gehabt hätte, um es wieder in Stand zu setzen und es flott zu machen, so würde das Boot noch ganz brauchbar gewesen sein, und es wäre mir dann ein Leichtes gewesen, darin nach Brasilien zurückzukehren. Obgleich ich nun hätte voraussehen können, daß ich ebenso gut die Insel selbst fort zu bewegen vermocht hätte, als das Boot aufzurichten und es auf seinen Bauch zu stellen, so ging ich dennoch in den Wald, schnitt Hebel und Rollen und brachte sie an das Boot, um zu versuchen, was ich ausrichten könnte. Dabei meinte ich, wenn ich es nur umkehren könnte, sei der Schaden, den es erlitten, leicht auszubessern, und ich würde dann leicht damit in See gehen können.

Ich sparte keine Mühe an diesem fruchtlosen Stück Arbeit und verwendete, glaube ich, drei bis vier Wochen darauf. Als ich es endlich unmöglich fand, das Boot mit meinen geringen Kräften zu heben, verfiel ich darauf, den Sand wegzuschaufeln, um es zu unterminiren und dadurch zu Falle zu bringen, und stellte Holzklötze auf, um es zu stützen und seinem Fall die nöthige Richtung zu geben.

Nachdem ich aber damit zu Stande gekommen war, zeigte es sich mir unmöglich, das Fahrzeug wieder aufzurichten, oder darunter zu gelangen, und viel weniger noch, es vorwärts nach dem Wasser hinzubewegen. So sah ich mich denn gezwungen, die Sache aufzugeben. Trotzdem aber so die Hoffnung, die ich auf das Boot gesetzt hatte, vereitelt war, stieg mein Verlangen, mich auf das Meer zu wagen, je mehr die Möglichkeit dazu verschwand, statt daß es sich minderte. Mit der Zeit kam ich auf den Gedanken, ob es nicht möglich sei, mir selbst ein Canoe oder eine Pirogue zu fertigen, wie sie die Eingeborenen jener Gegenden, ohne Werkzeuge, ja ich möchte sagen fast ohne alle Arbeit aus großen Baumstämmen machen. Es schien mir das bei genauerer Ueberlegung auch nicht nur möglich, sondern sogar leicht, und ich freute mich sehr darauf, den Plan auszuführen. Hatte ich doch dazu weit mehr Hülfsmittel als die Neger oder Indianer. Dabei bedachte ich aber ganz und gar nicht den besondern anderen Umstand, mit dem ich zu kämpfen haben würde, den Mangel an Kräften, nämlich zum Transport des fertigen Canoe's ins Wasser. Das mußte mir viel größere Schwierigkeiten machen, als der Mangel an Werkzeugen den Indianern. Denn was konnte es mir helfen, wenn ich, nachdem ich im Walde einen dicken Baum aufgesucht und mit vieler Mühe gefällt, ihn hierauf mit Hülfe meines Handwerkszeugs behauen und an der Außenseite ihm die richtige Form gegeben, ihn auch inwendig ausgehöhlt und so in ein Boot verwandelt hätte, dieses nach aller Mühe an seiner Stelle liegen lassen mußte und nicht im Stande war, es flott zu machen! Ich hatte nicht im Mindesten, bevor ich an dem Boot zu arbeiten anfing, über dies Verhältniß nachgedacht; denn sonst würde sich mir ja sofort die Frage aufgedrängt haben, wie ich es ins Meer schaffen solle. Nein, meine Gedanken waren so eingenommen von der beabsichtigten Seereise, daß ich nicht einen Augenblick überlegte, in welcher Weise ich das Ding vom Lande weg bekommen könne. Und doch lag es in der Natur der Sache, daß es mir leichter sein mußte, das Boot fünfundvierzig Meilen weit im Wasser, als auch nur ebenso viel Schritte auf dem Land, nämlich von der Stelle, wo es lag, bis ans Ufer fortzubringen. Ich machte mich an die Anfertigung meines Fahrzeugs in so wahnwitzigem Eifer, als ob mir mein Bischen Menschenverstand abhanden gekommen wäre. Nicht als ob die Frage, wie ich es anfangen sollte, das Boot flott zu machen, mir nicht nachträglich oft durch den Kopf gegangen wäre. Aber ich schnitt dieselbe ein- für allemal durch die alberne Antwort ab: Mache nur erst das Boot fertig, das Uebrige wird sich dann finden. So begann ich denn in leichtsinniger Hast mein Werk. Zunächst fällte ich eine Ceder. Es ist sehr fraglich, ob Salomo zum Bau des Tempels in Jerusalem einen so prachtvollen Stamm, wie der meinige war, zu verwenden gehabt hat. Derselbe maß an seinem unteren Ende, dicht an der Wurzel, fünf Fuß zehn Zoll im Durchmesser und zweiundzwanzig Fuß weiter nach oben immer noch vier Fuß elf Zoll; am oberen, noch mehr verjüngten Theil gliederte er sich in Aeste. Mit unbeschreiblicher Mühsal hatte ich diesen Baum umgehauen; zwanzig Tage lang hieb und hackte ich dann an ihm herum, und vierzehn weitere Tage erforderte das Beseitigen der Aeste und Zweige und der ganzen ungeheuren Krone, was ich mit Axt und Beil bewerkstelligte. Dann verwendete ich einen ganzen Monat darauf, ihn so zu behauen, daß er Form und richtige Verhältnisse annahm und eine Art von Kiel bekam, damit er aufrecht, wie es sich gehört, schwimmen konnte. Weitere drei Monate kostete es mich, das Innere zu höhlen und zu einem richtigen Boote auszuarbeiten. Dies Letztere brachte ich ohne Feuer lediglich mit Hammer und Meißel, wenn auch nur mit großer Mühsal zu Stande, und so hatte ich denn endlich eine sehr hübsche Pirogue fertig, die sechsundzwanzig Personen fassen konnte, also auch hinlänglich groß genug war, mich und mein Hab und Gut aufzunehmen.

Als das Werk vollendet dastand, freute ich mich außerordentlich darüber. Das Boot war viel größer, als ich je ein aus einem Baumstamm gefertigtes Canoe gesehen hatte, und manchen sauern Hieb hatte es mich gekostet, das kann ich versichern. Hätte ich es nun auch in das Wasser zu schaffen vermocht, so bezweifle ich gar nicht, daß ich die wahnsinnigste und unausführbarste Reise, die je unternommen worden, darin angetreten haben würde. Alle meine Versuche aber, es an das Wasser zu bringen, schlugen fehl, obgleich ich auch hierauf Mühe genug verwendete. Das Boot lag nur etwa hundert Schritt vom Ufer entfernt, aber gleich die erste Schwierigkeit bestand darin, daß die Insel nach der Flußmündung hin eine Anhöhe bildete. Um dies Hinderniß zu beseitigen, entschloß ich mich, die Erde abzugraben und auf solche Weise einen Abhang herzustellen. Ich begann die unendlich mühselige Arbeit mit Feuereifer. Wer läßt sich auch eine Mühe verdrießen, wenn die Freiheit damit zu erwerben steht! Als jedoch diese Aufgabe gelöst und die erste Schwierigkeit gehoben war, befand ich mich um nichts weiter als vorher, denn ich konnte jetzt mein Canoe ebensowenig von der Stelle bewegen, wie früher das andere Boot. Nun maß ich die Entfernung aus und beschloß, einen Kanal zu graben, um, da ich mein Boot nicht nach dem Wasser zu schaffen vermochte, das Wasser nach dem Boote hinzuleiten. Auch dieses Werk fing ich muthig an, jedoch als ich näher darüber nachdachte und ausrechnete, wie tief und breit ich graben müßte und wie ich die ausgegrabene Erde fortschaffen sollte, fand ich, daß ich mit den beiden mir einzig zu Gebote stehenden Händen zehn bis zwölf Jahre nöthig haben würde, ehe ich damit fertig sein könnte. Denn die Küste lag so hoch, daß der Kanal am oberen Ende wenigstens zwanzig Fuß tief werden mußte. Endlich, wenn auch mit großem Widerstreben, gab ich auch diesen Versuch auf.

Ich war herzlich bekümmert darüber, und jetzt erst sah ich ein, wie thöricht es ist, ein Werk zu beginnen, ehe man die Kosten veranschlagt und seine Fähigkeit, es durchzuführen, gehörig geprüft hat.

Mitten in diesen Arbeiten ging das vierte Jahr meines Aufenthalts auf der Insel zu Ende. Ich feierte den Jahrestag mit derselben Andacht und in gleicher Sammlung des Gemüths als die frühern Male. Denn durch fortwährendes Studium und ernstliches Forschen in Gottes Wort und mit Hülfe seiner Gnade war ich zu einer viel tieferen religiösen Erkenntniß als früher gelangt. Ich sah jetzt alle Dinge anders an als sonst. Die Welt betrachtete ich jetzt als etwas mir Fernliegendes, das mich Nichts anging, davon ich Nichts zu erwarten hätte und danach mich nicht verlangte. Ich hatte jetzt Nichts mehr mit ihr zu schaffen, noch war es wahrscheinlich, daß ich es je wieder haben würde. Darum stellte ich sie mir vor, wie wir vielleicht im Jenseits thun werden, als einen Ort, an dem wir gelebt, den wir aber verlassen haben, und wohl konnte ich sagen, wie Vater Abraham zum reichen Manne: »Zwischen mir und Euch ist eine große Kluft befestiget«.

Vor allen Dingen war ich hier abgesondert von aller Bosheit der Welt. Für mich gab es weder Fleischeslust, noch Augenlust, noch Eitelkeit des Lebens. Ich begehrte Nichts, denn ich besaß Alles, was ich genießen konnte. Ich war Herr der ganzen Insel; wenn es mir beliebte, konnte ich mich König oder Kaiser des Landes nennen, das ich in Besitz genommen hatte. Es gab keinen Rivalen, keinen Prätendenten neben mir, Keinen, der meine Herrschaft angefochten oder getheilt hätte. Ich hätte ganze Schiffsladungen voll Korn produciren können, aber ich vermochte sie nicht nutzbar zu machen, und darum säete ich nur eben so viel aus, als mein eigener Bedarf erforderte. Auch Wasser- und Landschildkröten hatte ich in Menge, aber mehr als von Zeit zu Zeit eine einzige konnte ich nicht verwenden. Ich besaß Bauholz genug. um eine ganze Flotte von Schiffen damit bauen, und Trauben genug, um mit ihnen als Wein oder Rosinen diese Flotte vollständig befrachten zu können. Jedoch was half mir das, was ich nicht nützen konnte? Ich hatte genug zu essen und meine Lebensnothdurft zu befriedigen, was sollte ich mit dem Uebrigen machen? Wenn ich mehr Thiere tödtete, als ich aufessen konnte, so mußte das Fleisch von dem Hund oder den Würmern gefressen werden. Säete ich mehr Korn, als ich verbrauchen konnte, so verdarb es; die Bäume, die ich fällte, blieben liegen und verfaulten; ich konnte sie zu nichts Anderem als zu Brennholz verwenden, und auch das brauchte ich nur, um meine Speisen zu bereiten.

Kurz, Natur und Erfahrung lehrten mich, bei genauer Betrachtung, daß alle guten Dinge dieser Welt nicht mehr Werth für uns haben, als in so weit wir sie gebrauchen können. Wie viel wir auch immer anhäufen mögen, um es Anderen zu geben, wir genießen nur gerade so viel, als wir selbst nöthig haben, und nicht mehr. Der habgierigste, gewinnsüchtigste Geizhals in der Welt würde vom Laster der Begehrlichkeit geheilt worden sein wenn er an meiner Stelle gewesen wäre; denn ich besaß ja unendlich viel mehr, als ich je verwenden konnte. Es blieb mir Nichts zu wünschen übrig, außer einigen Kleinigkeiten, die mir allerdings sehr willkommen gewesen sein würden. Ich war, wie ich früher erwähnt habe, im Besitz eines Beutels voll Geld, das aus Silber und Gold ungefähr im Werth von sechsunddreißig Pfund Sterling bestand. Aber, du lieber Gott! da lag nun das schlechte, erbärmliche, unnütze Zeug; ich hatte keine Art von Verwendung dafür, und oft dachte ich bei mir, wie gern ich eine Handvoll davon für eine Anzahl Tabakspfeifen oder für eine Handmühle, um mein Korn damit zu mahlen, geben würde. Ja, das Ganze hätte ich mit Freuden hingegeben für ein wenig englischen Runkelrüben- und Mohrrübensamen oder für ein Häuflein Erbsen und Bohnen und eine Flasche voll Tinte.

Wie jetzt die Sachen standen, hatte ich nicht den geringsten Vortheil oder Gewinn von jenem Mammon. Er lag im Kasten und verrostete durch die Feuchtigkeit der Höhle in der nassen Jahreszeit. Und hätte ich den Kasten voller Diamanten gehabt, so wäre es nicht anders gewesen; sie hätten keinen Werth für mich gehabt, weil ich sie nicht brauchen konnte.

Mit der Zeit war mein Leben viel freudiger geworden als im Anfange, sowohl das leibliche als das geistige. Ich setzte mich oftmals mit Dankbarkeit zu Tische und bewunderte die göttliche Vorsehung, die mir so den Tisch in der Wüste gedeckt hatte. Ich lernte mehr die Lichtseite meiner Lage ansehen und weniger bei der Schattenseite verweilen, und das gewährte mir zuweilen so viel innere Freude, daß ich es gar nicht auszudrücken vermag. Diesen Umstand erwähne ich hier, um ihn unzufriedenen Leuten einzuprägen, die nicht behaglich genießen können, was Gott ihnen bescheert hat, weil sie immer Dinge ansehen und begehren, die er ihnen versagt hat. Alle Unzufriedenheit über das, was uns fehlt, scheint mir aus unserm Mangel an Dankbarkeit für das, was wir haben, zu entspringen.

Noch eine andere Betrachtung war mir von großem Nutzen und würde das unzweifelhaft einem Jeden sein, der in solche Trübsale wie die meinigen gerathen ist. Ich verglich oft meinen jetzigen Zustand mit den Erwartungen, die ich anfangs davon gehegt hatte, oder vielmehr mit der Lage, in die ich unfehlbar gerathen sein würde, wenn nicht Gottes gütige Vorsehung es wunderbar gefügt hätte, daß das Schiff so nahe an meine Küste angetrieben wurde, wo ich es nicht nur hatte erreichen können, sondern auch Alles, was ich daraus mitnehmen wollte, zu meiner Erleichterung und Bequemlichkeit sicher ans Land zu bringen vermocht hatte. Denn ohne dies hätte es mir ja an jedem Handwerkszeug zu meinen Arbeiten gefehlt, an jeder Waffe zu meiner Vertheidigung und an Pulver und Blei, um mir Nahrung zu verschaffen.

Ganze Stunden, ich möchte sagen ganze Tage verwendete ich darauf, mir in den lebhaftesten Farben auszumalen, was ich angefangen haben würde, wenn ich Nichts aus dem Schiffe gerettet hätte. Nichts als Fische und Schildkröten wären in diesem Falle zu meiner Nahrung vorhanden gewesen, und da ich diese erst nach längerer Zeit auffand, hätte ich wahrscheinlich schon früher verhungern oder, wäre das auch nicht geschehen, doch stets wie ein Wilder leben müssen. Wenn es mir z. B. gelungen wäre, durch List eine Ziege oder einen Vogel zu tödten, so hätte ich ja nicht gewußt, wie ich das Thier hätte aufschneiden oder abhäuten, oder das Fleisch von dem Fell und den Eingeweiden trennen, oder es zerlegen sollen. Es wäre mir nichts Anderes übrig geblieben, als es mit den Zähnen zu zernagen und mit den Nägeln zu zerreißen wie ein wildes Thier.

Solche Erwägungen machten mich sehr erkenntlich für die Güte der Vorsehung und sehr dankbar in meiner gegenwärtigen Lage, trotz all ihren Entbehrungen und all ihren Mißlichkeiten. Ich möchte das auch besonders Denen zur Nachachtung empfehlen, die geneigt sind, in ihrem Elend zu sagen: »Gibt es denn noch andere Leiden, die so groß sind wie die meinigen?« Mögen sie einsehen, wie viel schlimmer es Andere haben und sie selbst es haben könnten, wenn der Himmel es für gut befunden hätte. Wieder ein anderer Gedanke, der auch dazu beitrug, mein Herz mit Trost zu erfüllen, war der, daß ich meine Lage mit jener verglich, die ich verdient hatte, und in die von der Hand Gottes versetzt zu werden, ich sonach hätte erwarten müssen. Ich hatte ein schreckliches Leben geführt, völlig ohne Gotteserkenntniß und ohne Gottesfurcht. Von Vater und Mutter war ich zwar gut unterwiesen worden, auch hatten sie nicht unterlassen, mir schon frühzeitig eine heilige Scheu vor Gott und einen Begriff von meinen Pflichten und von dem, was der Zweck meines Daseins von mir forderte, beizubringen. Aber ach! ich war so früh in das Leben und Treiben der Seeleute gerathen, das vor allen anderen ein gottloses zu sein pflegt (obgleich ja gerade der Seemann immerfort die Allmacht Gottes in den Schrecken der Natur unmittelbar vor Augen hat), daß das Bischen Religion, was ich bisher noch gehabt hatte, von meinen Genossen vollends aus mir herausgelacht war. Dazu hatte sich die mir zur Gewohnheit gewordene Verachtung der Gefahr und des Todes gesellt und später der gänzliche Mangel an Gelegenheit, mit irgend einem anderen Wesen meines Gleichen zu verkehren und irgend etwas Gutes oder zum Guten Führendes zu hören.

So weit entfernt von allem Guten war ich gewesen, so ohne jeden Begriff von dem, was ich war und was ich sein sollte, daß ich bei den wunderbarsten Errettungen, die ich erfahren, wie z. B. bei meiner Flucht von Saleh, bei meiner Aufnahme auf dem portugiesischen Schiffe, bei dem Gelingen meiner Unternehmungen in Brasilien, bei dem Eintreffen meiner Ladung aus England u. s. w., nicht ein einziges Mal ein »Gott sei Dank!« auch nur gedacht, geschweige denn ausgesprochen hatte. Auch in der allergrößten Noth war es mir nie eingefallen, ihn anzurufen oder auch nur zu sagen: »Herr erbarme dich meiner!« Nein, nicht einmal den Namen Gottes hatte ich in den Mund genommen, es sei denn, um dabei zu fluchen oder ihn zu lästern.

Viele Monate hindurch war meine Seele schwer bekümmert gewesen, wenn ich über mein früheres böses und verstocktes Leben nachgedacht, wenn ich um mich geblickt und die besondere Fügung betrachtet hatte, die seit meiner Ankunft an diesem Orte über mir waltete, und wenn ich erwog, wie reich mich Gott mit Wohlthaten überschüttet hatte. Hatte er mich doch nicht nur gelinder gestraft, als meine Sünden verdienten, sondern auch noch überreichlich für mich gesorgt. Dieser Umstand bestärkte mich auch in der Hoffnung, daß meine Reue angenommen sei, und daß Gott mir Gnade geschenkt habe.

Solche Betrachtungen führten mich nicht allein zu einer völligen Ergebung in den Willen Gottes und alle seine Schickungen, sondern sogar zu einer aufrichtigen Dankbarkeit für meine gegenwärtige Lage. Ich erkannte nun klar, daß ich mich nicht beklagen dürfte, da mir ja das Leben geschenkt und ich nicht einmal nach Verhältniß meiner Sünden gestraft worden sei, daß ich so viele Wohlthaten genieße, die ich an diesem Orte nicht erwarten durfte. Ich sagte mir, ich müsse allen Kummer fahrenlassen und mich vielmehr freuen und alle Tage für mein tägliches Brod danken, welches mir nur durch eine Menge von Wundern bereitet werden konnte. War denn nicht das Wunder, durch welches ich gesättigt wurde, ebenso groß als das, durch welches Elias von den Raben gespeist wurde, ja, gehörte zu jenem nicht vielmehr eine ganze Reihenfolge von Wundern? Gab es im ganzen Bereich der unbewohnten Erde einen Ort, wohin verschlagen ich mich besser befunden haben würde als auf meiner Insel, wo ich zwar – und das war allerdings ein rechter Kummer – keine menschliche Gesellschaft, aber auch keine reißenden Thiere, keine gierigen Wölfe und Tiger gefunden, keine ungesunden oder giftigen Geschöpfe, deren Genuß mir schädlich werden konnte, keine Wilden, die mich umgebracht haben würden, angetroffen hatte? Wie ich hier einerseits ein Leben des Elendes führte, so war es andererseits doch auch wieder ein Leben der Gnade. Um es zu einem ganz glücklichen Leben zumachen, brauchte ich mich nur täglich durch die Erkenntniß der Güte Gottes und seiner Fürsorge für meine Bedürfnisse trösten zu lassen. Aber wirklich hörte ich, als ich in dieser Uebung erst einige Fortschritte gemacht hatte, auf, traurig zu sein.

Während der langen Zeit, die ich jetzt schon auf der Insel weilte, waren viele von den Sachen, die ich zu meinem Gebrauche mit ans Land genommen hatte, entweder ganz, oder wenigstens zum größten Theil aufgebraucht.

Meine Tinte hatte, wie ich früher bemerkte, schon seit einiger Zeit bis auf einen kleinen Rest, welchen ich nach und nach immer mehr mit Wasser verdünnte, bis man auf dem Papier kaum noch einen Schein von Schwärze wahrnehmen konnte, abgenommen. So lange sie vorhielt, benutzte ich sie, um die Tage des Monats, an welchen irgend mir etwas Bemerkenswertes begegnete, aufzunotiren. Als ich diese Daten mit meiner Vergangenheit verglich, bemerkte ich ein merkwürdiges Zusammentreffen der Tage in Bezug auf die verschiedenen Schicksale, die mich betroffen hatten. Wäre ich zu abergläubischer Beobachtung besonderer glück- oder unglückbringender Tage geneigter gewesen, so hätte sich hier Anlaß zu großer Verstärkung dieser Neigung geboten. Zuerst hatte ich ausgerechnet, daß ich an demselben Monatstage, an dem ich meinem Vater und meinen Verwandten durchgegangen und nach Hull entlaufen war, um mich dort einzuschiffen, später von dem türkischen Piratenschiff gefangen und zum Sklaven gemacht worden war. An dem Monatstage, wo ich aus dem Wrack des Schiffes auf der Rhede von Yarmouth gerettet worden, hatte ich später meine Flucht in dem Boote von Saleh ausgeführt. Ferner war mir an meinem Geburtstage, dem 30. September, das Leben, nach sechsundzwanzig Jahren, von Neuem auf so wunderbare Weise geschenkt worden, indem ich an die Insel getrieben war; und so hatte mein Leben der Sünde und mein Leben der Einsamkeit an demselben Tage seinen Anfang genommen.

Das Zweite, was außer der Tinte zu Ende ging, war mein Brod. Ich meine die Schiffszwiebacke, die ich aus dem Schiffe gerettet. Mit diesen hatte ich auf das allersparsamste gewirthschaftet und mir über ein Jahr lang nur Einen Zwieback täglich gestattet. Trotzdem mußte ich noch beinahe ein Jahr mich ohne Brod behelfen, bis ich solches aus selbst gebautem Korn bekam.

Auch meine Kleidungsstücke fingen an gewaltig in die Krümpe zu gehen. Von Wäsche besaß ich schon seit einer ganzen Weile nichts als eine Anzahl gewürfelter Hemden, die ich in den Kästen meiner Schiffsgenossen gefunden und sorgsam geschont hatte. Da ich oft wegen der Hitze nichts weiter als ein Hemd auf dem Leibe haben konnte, kam es mir sehr zu Statten, daß ich unter den Sachen der Schiffsmannschaft beinahe drei Dutzend von diesen Kleidungsstücken gefunden hatte. Auch einige dicke Wachtröcke der Matrosen waren noch vorhanden, aber die waren zu warm, um sie hier zu tragen. Allerdings glühete die Sonne oft so heiß, daß man meinen sollte, ich hätte überhaupt keine Kleidung nöthig gehabt. Jedoch hätte ich nicht ganz nackend gehen können, selbst wenn ich es gewollt hätte. Abgesehen davon, daß mir der Gedanke daran, obgleich ich allein lebte, unerträglich war, bestand auch noch der andere Grund, daß ich die Sonnenhitze viel besser vertragen konnte, wenn ich Etwas angezogen hatte. Die unmittelbare Hitze brannte mir die Haut wund, wenn ich hingegen ein Hemd trug, so brachte die Luft selbst darunter einige Bewegung hervor, und mir war unter demselben noch einmal so kühl, als ohne es. Ebensowenig durfte ich jemals wagen, ohne Hut oder Mütze in die Sonnenhitze hinauszugehen; denn diese brannte mit solcher Heftigkeit, daß sie mir sofort Kopfschmerzen verursachte, wenn sie mir direkt auf den Kopf schien. Dagegen verschwanden die Schmerzen gleich wieder, sobald ich meinen Hut aufsetzte.

Unter diesen Umständen hielt ich es für nöthig, die wenigen Lumpen, welche ich Kleider nannte, einigermaßen wieder in Stand zu setzen. Meine Westen hatte ich alle aufgetragen, daher beschloß ich zu versuchen, ob ich nicht aus den dicken Ueberröcken und aus dem, was ich sonst noch an Material besaß, mir Jacken anfertigen könnte. So machte ich mich nun ans Schneidern oder vielmehr ans Flicken. Ungeschickt genug stellte ich mich dazu an, das muß wahr sein. Indessen brachte ich doch zwei oder drei neue Westen ganz leidlich zu Stande und hoffte damit eine geraume Weile auszukommen. Was dagegen die Beinkleider betraf, so mußte ich mich damit fürs Erste auf das Allerdürftigste behelfen.

Ich habe früher erwähnt, daß ich die Felle aller vierfüßigen Thiere aufzubewahren pflegte. Ich hatte sie an Stangen aufgespannt in die Sonne gestellt. Hierdurch waren einige so trocken und hart geworden, daß sie nur wenig zu brauchen waren, andere aber schienen verwendbar zu sein. Das Erste, was ich mir daraus machte, war eine große Mütze. Ich kehrte die rauhe Seite des Felles nach Außen, zum Schutz gegen den Regen, und das Ding gelang mir so gut, daß ich mir später einen ganzen Anzug aus Thierfellen anfertigte; das heißt eine Weste und kurze Hosen. Die letzteren waren an den Knieen offen und gehörig weit, denn es kam mir mehr darauf an, kühl als warm dadurch gehalten zu werden. Ich darf nicht verschweigen, daß sie sich abscheulich ausnahmen. Denn war ich schon ein schlechter Zimmermann, so war ich doch ein noch schlechterer Schneider. Trotzdem konnte ich mich sehr gut damit behelfen. Ging ich aus und es fing an zu regnen, so ließ die rauhe Außenseite meiner Weste und Mütze das Wasser nicht eindringen, und ich blieb darin ganz trocken.

Ferner verwendete ich sehr viel Zeit und Mühe darauf, mir einen Sonnenschirm zu machen. Einen solchen wünschte und brauchte ich in der That sehr. In Brasilien hatte ich auch dergleichen verfertigen sehen, dort dienen sie zum Schutze gegen die große Hitze, und hier kam mir die Hitze mindestens ebenso groß, wenn nicht größer vor als dort, und die Insel lag ja auch dem Aequator näher. Da ich genöthigt war viel auszugehen, mußte mir ein Schirm nicht nur gegen die Sonne, sondern auch gegen den Regen von großem Nutzen sein. Ich gab mir die erdenklichste Mühe, und doch dauerte es sehr lange, bis ich ein solches Ding fertig gebracht hatte, was zusammenzuhalten versprach. Nachdem ich schon glaubte das richtige Verfahren entdeckt zu haben, mißglückten noch zwei oder drei Versuche, bis einer gelang, der mich zufrieden stellte. Die größte Schwierigkeit hatte die Einrichtung, durch die ich den Schirm zusammenlegen konnte, mir gemacht. Denn wenn ich ihn nur aufzuspannen, nicht aber auch zusammenzulegen und einzuziehen vermocht hätte, so würde ich ihn nicht anders als immer über dem Kopfe haben tragen können, und das ging doch nicht. Endlich gelang mir, wie gesagt, ein ziemlich zweckmäßiges Gestell, das ich mit Fellen, die Haare nach Außen gewendet, überzog, so daß der Regen wie von einem schrägen Dache ablief. Auch gegen die Sonne gewährte dieser Schirm so hinreichenden Schutz, daß ich jetzt in dem heißesten Wetter mit mehr Annehmlichkeit im Freien sein konnte als sonst bei kühlster Temperatur. Hatte ich ihn nicht nöthig, so legte ich ihn zusammen und trug ihn unter dem Arme.

So lebte ich nun in der größten Zufriedenheit; meine Seele fand ihre Ruhe in der gänzlichen Ergebung in Gottes Willen, und ich überließ mich unbedingt den Fügungen seiner Vorsehung. Das war besser als menschlicher Umgang für mich, und so oft ich anfing, die Entbehrung eines Gesprächs zu beklagen, fragte ich mich alsbald, ob nicht der Verkehr mit meinen eigenen Gedanken und sozusagen mit Gott selbst dem größten Vergnügen, das menschliche Gesellschaft gewähren kann, vorzuziehen sei.

Im Uebrigen wüßte ich nicht, daß in den nächstfolgenden fünf Jahren irgend etwas Außergewöhnliches vorgefallen wäre. Ich lebte in derselben Weise, in gleicher Lage und an demselben Orte wie bisher fort. Abgesehen von der jährlich wiederkehrenden Arbeit des Anbauens von Gerste und Reis und des Zubereitens der Rosinen, von welchen ich mir immer genug vorräthig hielt, um für ein Jahr im Voraus versorgt zu sein, und abgesehen von dem täglichen Ausgang mit meiner Flinte, bestand meine Beschäftigung hauptsächlich in dem Bau eines zweiten Canoe's. Endlich hatte ich denn auch eins fertig gebracht. Nachdem ich einen sechs Fuß breiten und vier Fuß tiefen Kanal gegraben, gelang es auch, dasselbe fast eine halbe Meile weit den Fluß hinabzuschaffen. Jenes erste, welches so unvernünftig groß geworden war, weil ich nicht gehörig vorher überlegt hatte, wie ich es von der Stelle bewegen sollte, und von dem ich endlich eingesehen, daß ich es weder an das Wasser, noch das Wasser zu ihm bringen könnte, hatte ich liegen lassen müssen, wo es lag, als eine Mahnung für mich, ein andermal klüger zu sein. Das war ich denn auch das zweite Mal wirklich gewesen. Wenn ich auch keinen ganz passenden Baum hatte finden können und keine dem Wasser näher gelegene Stelle als eine beinahe eine halbe Meile davon entfernte, so hatte ich doch bald gesehen, daß es diesmal gelingen würde, und daß ich das Unternehmen nicht wieder aufzugeben brauchte. Obgleich ich fast zwei Jahre darauf verwendete, ließ ich mich doch keine Mühe verdrießen, in der Hoffnung, endlich ein Boot zu haben, in dem ich mich auf die See begeben könnte. Als jedoch meine kleine Pirogue fertig war, fand sich, daß ihre Größe durchaus nicht genügte, um die Absicht, die mir beim Bau der ersten vorgeschwebt hatte, damit auszuführen; ich meine die Fahrt nach dem Festlande. Der Meeresarm, der mich von diesem trennte, war über vierzig Meilen breit, daher machte die Kleinheit des Fahrzeuges diesen Plan unmöglich, und ich dachte nicht weiter daran.

Da ich das Boot aber nun einmal hatte, nahm ich mir vor, darin eine Fahrt um die Insel zu unternehmen. Denn als ich früher zu Lande, wie ich es beschrieben habe, auf der andern Seite derselben gewesen war, hatten mir die bei dieser Gelegenheit gemachten Entdeckungen die größte Lust erweckt, auch noch weitere Theile der Küste kennen zu lernen. Deshalb beschäftigte mich jetzt, wo ich mich im Besitze eines Bootes sah, kein anderer Gedanke, als eine Segelfahrt um die Insel anzustellen. Zu diesem Zwecke, und um es an keiner Vorsicht und Ueberlegung fehlen zu lassen, errichtete ich einen kleinen Mast in meinem Boote und befestigte daran ein Segel, das ich aus einem der alten Schiffssegel angefertigt hatte, von denen ich einen großen Vorrath aufbewahrte. Als Mast und Segel angebracht waren, probirte ich das Boot und fand, daß es vortrefflich segelte. Dann brachte ich kleine Kästen oder Abschläge an beiden Enden des Fahrzeuges an, um nothwendige Gerätschaften, Lebensmittel, Schießbedarf u. s. w. darin trocken zu halten und vor dem Regen und dem Wellenschaum zu schützen. Ferner schnitt ich eine schmale lange Höhlung in die innere Seite des Bootes, wo hinein ich meine Flinte legen konnte, und versah sie mit einer Klappe, um das Gewehr vor der Nässe zu bewahren. Am unteren Ende meines Fahrzeugs befestigte ich hierauf meinen Sonnenschirm auf dieselbe Weise wie den Mast, damit er über meinem Kopfe ausgespannt gleich einem Zelt die Sonnenhitze von mir abhalten sollte.

Zunächst machte ich hin und wieder einen kleinen Ausflug in die See, wagte mich aber niemals weit hinaus und entfernte mich auch nicht sehr von der Flußmündung. Endlich aber beschloß ich, begierig, den Umfang meines Reiches kennen zu lernen, die Umsegelung zu unternehmen. Demgemäß verproviantirte ich mein Fahrzeug für die Reise mit zwei Dutzend meiner Brode, oder, richtiger gesagt, Gerstenkuchen, mit einem Topfe voll gerösteter Reiskörner, von denen ich häufig zu essen pflegte, ferner mit einer kleinen Flasche Rum und der Hälfte einer erlegten Ziege. Auch Pulver und Blei nahm ich mit, um weitere Ziegen schießen zu können, und versah mich ferner mit zwei von den großen Ueberröcken, die ich, wie ich vorher erwähnte, aus den Koffern der Seeleute gerettet hatte. Auf einem davon wollte ich liegen, mit dem andern gedachte ich mich des Nachts zuzudecken.

Es war am 6. November, im zehnten Jahre meiner Herrschaft, oder, wenn man will, meiner Gefangenschaft, als ich diese Reise antrat. Dieselbe dehnte sich viel länger aus, als ich erwartet hatte. Denn obgleich die Insel selbst nicht sehr groß war, entdeckte ich, auf der östlichen Seite angekommen, eine lange Felsenkette, die sich ungefähr zwei Seemeilen weit in das Meer erstreckte und theils über, theils unter dem Wasser fortlief, an deren Ende eine Sandbank, ebenfalls eine halbe Meile lang, trocken zu Tage lag, so daß ich mich genöthigt sah, diese Landspitze in einem weiten Umweg zu umschiffen.

Anfangs, als ich diese Entdeckung machte, war ich schon im Begriff, die Unternehmung aufzugeben, da ich nicht wußte, wie weit ich genöthigt sein würde in die See hinauszufahren, und ebensowenig, wie ich zurück kommen sollte. Ich ging deshalb vorläufig vor Anker. Denn auch eine Art von Anker hatte ich mir aus einem zerbrochenen Bootshaken, den ich vom Schiffe mitgebracht, verfertigt. Nachdem ich das Boot so befestigt hatte, nahm ich die Flinte, begab mich ans Land und erstieg einen Hügel, von dem ich eine Uebersicht über jene Landzunge zu haben glaubte. Wirklich ermaß ich von dort ihre ganze Ausdehnung und beschloß nun, die Umfahrt zu wagen.

Von dem Hügel, auf dem ich stand, erblickte ich eine starke und wahrhaft reißende Strömung, die von Westen nach Osten verlief und ganz nahe an jene Landspitze heran kam. Ich achtete um so mehr darauf, als ich Gefahr davon befürchtete. Denn wenn ich in die Strömung gerieth, konnte ich durch ihre Gewalt in die See hinausgetrieben werden und vielleicht nicht im Stande sein, die Insel wieder zu gewinnen. In der That glaube ich, daß, wäre ich nicht vorher auf den Hügel gestiegen, es so gekommen sein würde. Denn eine gleiche Strömung ging auf der anderen Seite der Insel, nur weiter vom Ufer entfernt, und ferner befand sich dicht an der Küste ein starker Strudel, so daß ich, wenn ich auch die Strömung vermieden hätte, unfehlbar in jenen gerathen wäre.

Dort lag ich nun zwei Tage lang. Der Wind blies ziemlich frisch aus Ostsüdost, und da das gerade die der Strömung entgegenlaufende Richtung war, verursachte er eine starke Braudung gegen die Spitze. Es schien mir deshalb gefährlich, mich zu nahe an der Küste zu halten, theils wegen der Brandung, theils, wenn ich mich zu weit davon entfernte, wegen der Strömung.

Am Morgen des dritten Tages war das Meer ruhig. Der Wind hatte sich über Nacht gelegt, und so wagte ich mich denn hinaus. Aber wiederum sollte ich ein warnendes Beispiel für unbesonnene und unwissende Seefahrer werden. Denn kaum war ich an der Spitze angelangt und nicht um eines Bootes Länge von der Küste entfernt, als ich mich auch schon in sehr tiefem Wasser und in einer so reißenden Strömung wie an einem Mühlenwehr befand. Mein Boot wurde mit solcher Gewalt fortgerissen, daß ich es trotz aller Anstrengung nicht einmal am Rande des Stromes halten konnte, sondern mich weiter und weiter von dem Strudel, der mir zur Linken blieb, abgetrieben sah. Kein Wind kam mir zu Hülfe und mit meinem Rudern konnte ich so gut als Nichts ausrichten. Ich fing an, mich für verloren zu halten; denn weil die Strömung auf beiden Seiten der Insel ging, wußte ich, daß ihre Enden sich einige Seemeilen weiter vereinigen mußten, und glaubte deshalb unfehlbar umkommen zu müssen. Indem mir nämlich keine Möglichkeit schien, sie zu vermeiden, hatte ich nur die sichere Aussicht des Todes, und zwar nicht durch das Wasser, denn das war ruhig genug, sondern durch den Hunger.

Allerdings hatte ich eine Schildkröte, die ich am Ufer gefunden, und die so groß war, daß ich sie kaum aufzuheben vermochte, in das Boot geworfen. Auch einen großen Krug frischen Wassers besaß ich, aber was half das Alles, wenn ich in den weiten Ocean getrieben wurde, wo sicherlich keine Küste, kein Festland und keine Insel im Umkreis von wenigstens tausend Meilen zu finden gewesen wäre.

Da erkannte ich nun, wie leicht es für Gottes Vorsehung ist, die elendeste Lage, in der der Mensch sein kann, zu einer noch elenderen zu machen. Ich blickte jetzt nach meiner öden, einsamen Insel zurück als nach dem lieblichsten Orte der Welt, und alle Glückseligkeit, die mein Herz sich wünschte, bestand darin, nur wieder dort sein zu können. Ich streckte meine Hände mit sehnlichem Verlangen danach aus: »O du glückliche Wüste!« sagte ich, »soll ich dich nie wiedersehen? Wohin werde ich elende Kreatur gerathen!« Dann machte ich mir Vorwürfe über mein undankbares Gemüth und über meine früheren Klagen in Bezug auf meine Einsamkeit. Was hätte ich nicht jetzt darum gegeben, wieder dort am Lande zu sein! So sehen wir nie unsere Lage im rechten Licht, bis sie uns durch den Gegensatz erleuchtet wird, noch auch wissen wir das, was wir besitzen, eher zu schätzen, als bis wir es verloren haben.

Es ist unmöglich, die Bestürzung zu beschreiben, in die ich gerieth, als ich mich von meiner geliebten Insel ab und beinahe zwei Seemeilen in den weiten Ocean getrieben sah. Ich verzweifelte völlig daran, jemals wieder mein Eiland zu erreichen. Nichtsdestoweniger jedoch arbeitete ich mich so lange ab, bis meine Kräfte beinahe erschöpft waren, indem ich das Boot so viel als möglich nach Norden, das heißt auf der dem Strudel zunächst liegenden Seite der Strömung zu halten suchte. Endlich um Mittag, als die Sonne gerade über meinem Haupte stand, kam es mir vor, als fühlte ich eine leichte Brise von Südsüdost her mir entgegen wehen. Das erleichterte mir das Herz ein wenig, und noch mehr erfreute es mich, als etwa eine halbe Stunde später ein hübscher kleiner Sturm zu sausen anfing.

Mittlerweile war ich erschrecklich weit von der Insel weg gerathen. Wäre nur die kleinste Wolke oder ein leichter Nebel mir in den Weg gekommen, so hätte es auf eine ganz unerwartete Weise um mich geschehen sein müssen. Denn ich hatte keinen Kompaß an Bord und würde daher nicht gewußt haben, wie ich nach der Insel zusteuern sollte, sobald sie mir nur ein einziges Mal aus dem Gesicht entschwunden wäre. Aber das Wetter blieb klar. Ich machte mich jetzt daran, meinen Mast wieder aufzurichten und das Segel auszubreiten, und hielt, so gut ich irgend konnte, die Richtung nach Norden, um nur aus der Strömung heraus zu kommen. Kaum hatte ich Segel und Mast in Ordnung, und kaum fing das Boot an, langsam dahinzugleiten, als ich an der Klarheit des Wassers bemerkte, daß eine Veränderung der Strömung in der Nähe sein müsse. Denn wo der Strom reißend ging, war das Wasser trübe, wo dagegen das Wasser sich aufhellte, ließ die Stärke der Strömung nach. Gleich darauf bemerkte ich etwa eine halbe Meile gen Osten eine Brandung gegen einige Felsen. Diese theilten den Strom, wie ich wahrnahm, und wie sein größerer Theil mehr nach Süden abfloß, so wurde der andere von dem Widerstande der Felsen zurückgeschlagen, bildete einen starken Strudel und strömte dann in raschem Fluß wieder nach Nordwesten zurück.

Nur wer es weiß, was es heißt, wenn Einem, der schon auf der Leiter steht, ein Aufschub der Exekution verkündet wird, oder wie Einem zu Muthe ist, der Räuberhänden, die ihm eben den Garaus machen wollen, entrinnt, oder wer sonst je in einer ähnlichen Lage gewesen ist, kann sich einen Begriff von der freudigen Ueberraschung machen, die ich jetzt erfuhr, und wie froh ich war, mein Boot in diesen Strudel leiten zu können. Da der Wind auch stärker zu wehen begann, breitete ich fröhlich meine Segel gegen ihn aus und lief lustig vor der Brise dahin, von dem starken Strom getragen.

Der Strudel brachte mich noch ungefähr eine Seemeile auf meinem Rückwege weiter, direkt nach der Insel hin, jedoch etwa zwei Meilen nördlich von der Strömung, die mich vorher abgetrieben hatte, so daß, als ich mich der Insel näherte, die nördliche Küste derselben vor mir lag, das heißt, das andere, dem, von welchem ich herkam, entgegengesetzte Inselende.

Ich legte etwas mehr als eine Seemeile mit Hülfe des Strudels zurück und bemerkte dann, daß er aufhörte und mir nicht weiter dienen konnte. Jetzt aber befand ich mich zwischen den beiden andern großen Strömungen, der südlichen, die mich vom Lande abgetrieben hatte, und der nördlichen, die ungefähr eine Seemeile weiter auf der anderen Seite floß. Hier in der Mitte, im Schutze der Insel, fand ich das Wasser ganz still und nach keiner Seite fließend. Da der Wind mir noch immer günstig wehte, so steuerte ich weiter direkt auf die Insel los, wenn ich gleich nicht so schnell vorwärts kam als bisher. Etwa um vier Uhr Nachmittags, als ich nur noch ungefähr eine Seemeile vom Lande entfernt war, entdeckte ich, daß die Felsenspitze, die durch ihren südlichen Vorsprung, an dem sich die Strömung brach, mein Mißgeschick herbeigeführt hatte, noch einen zweiten Strudel nach Norden bildete. Ich fand denselben sehr stark, aber er floß nicht gerade in derselben Richtung, in der mein Cours ging, nämlich nach Westen, sondern er strömte fast direkt nach Norden. Da sich aber ein frischer Wind erhoben hatte, segelte ich über den Strudel weg auf Nordwest haltend, und kam in Zeit von einer Stunde der Insel bis auf etwa eine Meile nahe, wo ich nun im ruhigen Wasser sehr bald landen konnte.

Am Ufer angekommen, fiel ich auf die Kniee nieder und dankte Gott für meine Errettung. Nun gab ich jeden Gedanken an ein Entrinnen in meinem Boote auf. Ich stärkte mich mit den Nahrungsmitteln, die ich bei mir führte, brachte mein Boot ganz nahe am Ufer in einer kleinen Bucht, die ich dort entdeckt hatte, unter einigen Bäumen in Sicherheit und legte mich hierauf zum Schlafen nieder, denn ich war begreiflicher Weise äußerst erschöpft von den Anstrengungen dieser Reise.

Jetzt gerieth ich in nicht geringe Verlegenheit durch die Erwägung, welchen Rückweg ich mit meinem Boote einschlagen sollte. Ich war in zu großer Gefahr gewesen und wußte zu gut, was es damit auf sich habe, um daran zu denken, den Weg, den ich gekommen war, auch wieder zurück zu nehmen. Wie es auf der anderen Seite (ich meine an der Westküste) aussah, wußte ich nicht, hatte auch keine Lust, noch einmal solche Abenteuer zu bestehen. Daher beschloß ich, in westlicher Richtung an der Küste entlang zu fahren und zu sehen, ob ich nicht irgend wo eine Bucht finde, wo ich meine Pirogue in Sicherheit ankern und von wo ich sie später wieder abholen könnte, wenn ich ihrer bedürfte. Nach einer Fahrt von ungefähr drei Meilen, längs der Küste, kam ich denn auch an eine vorzügliche Einfahrt, die anfangs etwa eine Meile breit war, weiter ins Land hinein aber sich verengerte, bis sie in einen ganz kleinen Fluß oder Bach auslief. Dort bildete sie einen sehr bequemen Hafen, und mein Boot lag darin, wie in einem eigens zu diesem Zwecke gebauten Dock. Nachdem ich angelegt und mein Fahrzeug ganz sicher befestigt hatte, ging ich ans Land, um mich umzusehen und auszuspähen, wo ich mich befände.

Hier bemerkte ich bald, daß ich nur ganz wenig über die Gegend hinaus gelangt war, die ich schon früher bei Gelegenheit meiner Fußreise nach dieser Küste berührt hatte. Daher nahm ich weiter nichts aus meinem Boote mit, als die Flinte und den Sonnenschirm (denn es war furchtbar heiß), und trat meine Wanderung an. Diese stach sehr angenehm von der Reise, die ich soeben beendigt hatte, ab. Am Abend erreichte ich meine alte Hütte, wo ich Alles so vorfand, wie ich es verlassen. Ich hielt nämlich in derselben immer gute Ordnung, weil ich sie, wie ich schon erwähnt, als meinen Landsitz betrachtete.

Nachdem ich über den Zaun gestiegen, legte ich mich in den Schatten nieder, um meine müden Glieder auszuruhen, und schlief ein. Aber wer, der diese Geschichte liest, kann sich meine Ueberraschung vorstellen, als ich durch eine Stimme aus dem Schlafe geweckt wurde, die mich wiederholt beim Namen rief: »Robin, Robin, Robin Crusoe, armer Robin Crusoe! Wo bist du, Robin Crusoe? Wo bist du? Wo bist du gewesen?«

Zuerst, da ich wegen meiner großen Ermüdung vom Rudern am Vormittag und von dem weiten Wege am Nachmittag sehr fest geschlafen, wurde ich nicht gleich ganz wach, sondern glaubte zwischen Schlafen und Wachen nur zu träumen, daß Jemand mit mir spreche. Als aber die Stimme fortfuhr, immerfort »Robin Crusoe, Robin Crusoe!« zu wiederholen, erwachte ich endlich völlig und war anfangs nicht wenig erschreckt, so daß ich in äußerster Bestürzung in die Höhe fuhr. Jedoch sobald ich die Augen aufgeschlagen hatte, erblickte ich auch schon meinen Pol auf der Hecke sitzend und wußte nun sofort, daß er es gewesen war, der mich angerufen hatte. Gerade in solchen traurig fragenden Ausrufen pflegte ich zu ihm zu sprechen und sie ihm zu lehren. Er hatte sie auch so vollkommen gelernt, daß er oft, auf meinem Finger sitzend und seinen Schnabel dicht an mein Gesicht gelegt, ausrief: »Armer Robin Crusoe! Wo bist du? Wo bist du gewesen? Wie kommst du hierher?« und dergleichen mehr, was ich ihm beigebracht hatte. Indessen wenn ich auch jetzt wußte, daß es nur der Papagei war und daß es wirklich Niemand anders gewesen sein konnte, dauerte es doch eine ganze Weile, bis ich mich zu fassen vermochte. Es wunderte mich nämlich, daß das Thier hierher gekommen war. Sobald ich mich jedoch vollkommen überzeugt hatte, daß Niemand anders als mein getreuer Pol in meiner Nähe sei, erholte ich mich von meinem Schrecken, streckte meine Hand aus und rief ihn bei seinem Namen. Hierauf kam das zutrauliche Thier angeflogen, setzte sich, wie es gewohnt war, auf meinen Daumen und fuhr fort zu mir zu sprechen: »Armer Robin Crusoe! und wie kommst du hierher? Wo bist du gewesen?« als ob er hoch erfreut wäre, mich wieder zu sehen. Ich nahm ihn zu mir und begab mich denn nach Hause. Jetzt hatte ich für eine Zeitlang genug am Seefahren. Die Gefahr, in der ich geschwebt, gab mir für viele Tage Stoff zum stillen Nachdenken. Sehr froh würde ich gewesen sein, wenn ich mein Boot wieder auf dieser Seite der Insel gehabt hätte, doch wußte ich nicht, wie ich es anfangen sollte, es herbeizuschaffen. Auf der Ostseite, der entlang ich gefahren war, durfte ich, wie ich wußte, nicht wagen es zu holen. Mein Herz stockte, und das Blut gerann mir in den Adern, wenn ich nur daran dachte. Wie es auf der andern Seite der Insel aussah, war mir unbekannt. Aber wenn die Strömung mit derselben Gewalt östlich nach der Küste hin sich bewegte, als sie an der andern Seite davon abtrieb, drohte mir ja dort gleiche Gefahr, mit dem Strome fort und an der Insel vorbeigerissen zu werden, wie ich vorher davon abgetrieben worden war. Mit diesem Gedanken tröstete ich mich über den zeitweiligen Verlust des Bootes, welches allerdings das Werk vieler, Monate langer Arbeit gewesen war, und das ich mit so besonders großer Mühe und so bedeutendem Zeitaufwand in das Meer geschafft hatte.

Nachdem ich jenes Verlangen bezwungen hatte, führte ich fast ein Jahr lang ein sehr stilles, zurückgezogenes Leben. In meinem Gemüthe war ich nun ganz mit meiner Lage ausgesöhnt und vollkommen gewillt, mich allen Anordnungen der Vorsehung ruhig zu fügen. Ich fühlte mich wirklich in jeder Hinsicht ganz glücklich, wobei ich jedoch das Gefühl der Einsamkeit nicht in Anschlag bringe.

Während dieser Zeit vervollkommnete ich mich in allen mechanischen Fertigkeiten, zu deren Uebung mich meine Bedürfnisse genöthigt hatten. Ich glaube, ich hätte jetzt, vorkommenden Falls, einen ganz leidlichen Zimmermann vorstellen können, wobei natürlich zu bedenken ist, wie wenig Handwerkszeug mir zu Gebote stand.

Außerdem brachte ich es zu einer unerwarteten Verbesserung meines Thongeschirres. Seit ich darauf verfiel, den Thon auf einer Scheibe zu drehen, ging die Herstellung meiner Gefäße weit leichter von Statten, und dieselben wurden jetzt rund und wohlgestaltet, während ich früher nur unförmliche Dinger zu Stande gebracht hatte. Nie aber, glaube ich, war ich stolzer auf meine Geschicklichkeit, oder erfreuter über irgend eine Erfindung, als da es mir gelang, eine Tabakspfeife zu machen. Zwar stellte sie fertig geworden nur ein sehr häßliches, plumpes Ding dar, auch bestand sie nur aus gebranntem Thon wie die anderen Töpferwaaren, allein sie war hart und fest und ließ den Rauch, ganz wie es sich gehört, hindurch ziehen. Wie groß war mein Entzücken darüber! Ich hatte früher viel geraucht, auch waren Pfeifen auf dem Schiffe gewesen, aber ich hatte sie nicht mitgenommen, da mir unbekannt war, daß es auf der Insel Tabak gab. Nachher, als ich das Schiff aufs Neue durchsuchte, hatte ich keine mehr finden können.

Auch in Flechtarbeiten machte ich bedeutende Fortschritte und verfertigte einen Ueberfluß von allen möglichen Körben. Sie waren zwar nicht gerade schön, aber doch sehr handlich und bequem zur Aufbewahrung und zum Tragen vieler Sachen. Wenn ich zum Beispiel eine Ziege getödtet hatte, hing ich sie an einem Baum in der Höhe auf, zog sie ab, weidete sie aus, schnitt sie in Stücke und trug sie in einem meiner Körbe nach Hause. Ebenso machte ich's mit den Schildkröten, aus denen ich, nachdem ich sie aufgeschnitten, die Eier herausnahm und diese nebst einem oder zwei Stücken von dem Fleische, wie es für mich ausreichte, heimbrachte, während ich den Rest liegen ließ. Auch zur Aufbewahrung des Korns bediente ich mich großer tiefer Körbe. Sobald es trocken genug war, rieb ich es aus, siebte es durch und hob es dann in diesen Behältern auf.

Mit der Zeit bemerkte ich leider, daß mein Schießpulver bedeutend abnahm. Dies war ein unersetzlicher Mangel, deshalb überlegte ich, was ich anfangen sollte, wenn ich gar kein Pulver mehr hätte, auf welche Weise insbesondere ich dann Ziegen erlegen sollte. Ich hatte, wie bereits erzählt, im dritten Jahre meines hiesigen Aufenthalts eine junge Geis gefangen und aufgezogen. Meine Hoffnung, einen Bock dazu zu bekommen, hatte sich nicht erfüllt, und nachgerade war aus meinem Zicklein eine alte Ziege geworden. Ich hatte es nicht über mein Herz bringen können, sie zu schlachten, bis sie zuletzt an Altersschwäche gestorben war.

Da aber jetzt im elften Jahre meiner Anwesenheit auf der Insel, wie gesagt, meine Munition knapp zu werden begann, mußte ich auf eine Art und Weise, die Thiere lebendig einzufangen, sinnen. Vor Allem wünschte ich eine trächtige Mutterziege zu besitzen. Zu diesem Zwecke legte ich Schlingen, um sie darin zu verstricken, und ich glaube wohl, daß sich mehr als einmal welche darin fingen, aber die Stricke waren nicht gut, und Draht hatte ich nicht. Darum fand ich die Schlingen immer wieder zerrissen und den Köder aufgefressen.

Da beschloß ich endlich, den Fang in Gruben zu versuchen. Ich legte mehre tiefe Löcher an, und zwar an solchen Stellen, wo, wie ich beobachtet hatte, die Ziegen zu grasen pflegten; stellte darüber selbstverfertigte Hürden auf und beschwerte diese stark. Nun streute ich zuerst mehrmals Gerste und getrocknete Reiskörner aus, ohne die Falle anzubringen. Bald bemerkte ich auch an deutlichen Fußspuren, daß die Ziegen hineingegangen waren und das Korn gefressen hatten. Hierauf stellte ich in einer Nacht drei Fallen aus, die ich indessen am anderen Morgen alle unversehrt vorfand, trotzdem das Korn daraus verschwunden war. Das entmuthigte mich sehr, aber nachdem ich die Fallen verbessert, fand ich zuletzt, um die weiteren Einzelnheiten zu übergehen, als ich eines Morgens ausging, um nach meiner Vorrichtung zu sehen, in einer derselben einen alten großen Ziegenbock und in einer anderen drei junge Ziegen, eine männliche und zwei weibliche.

Was ich mit dem alten Bock anfangen sollte, wußte ich in der That nicht. Er war so wild, daß ich ihm nicht nahe zu kommen und ihn lebendig fortzubringen wagte, worauf es mir doch eben ankam. Zwar hätte ich ihn tödten können, doch das würde meinen Zweck nicht erfüllt haben. So ließ ich ihn denn laufen, und er rannte wie unsinnig davon. Damals wußte ich noch nicht, was ich später lernte, daß Hunger auch einen Löwen zähmen könne. Hätte ich ihn drei bis vier Tage ohne Nahrung in der Grube gelassen und ihm dann etwas Wasser und ein wenig Korn gebracht, so würde er so zahm wie die Ziegenlämmer geworden sein. Denn diese Art Thiere ist sehr gelehrig und leicht zu erziehen, wenn sie gehörig behandelt wird. Für diesmal ließ ich aber den Bock laufen und wendete mich zu den drei Lämmern, nahm eins nach dem andern heraus, band sie mit Stricken zusammen und brachte sie, obschon mit einiger Mühe, nach Hause.

Es dauerte eine geraume Zeit, ehe sie fressen wollten, aber durch einige zarte Körner, die ich ihnen hinstreute, ließen sie sich anlocken und fingen an zutraulich zu werden. Ich sah jetzt ein, daß, wenn ich mich für den Fall, daß mein Schießbedarf aufgebraucht sei, mit Ziegenfleisch versorgen wollte, das einzige Mittel sein würde, einige Ziegen aufzuziehen und zu zähmen und sie mit der Zeit wie eine Heerde Schafe auf meinem Hofe zu halten. Gleich darauf fiel mir jedoch ein, daß ich dann die zahmen von den wilden absperren müßte, da sie ja außerdem beim Heranwachsen immer wieder wild werden würden. Die einzige Art, dies möglich zu machen, schien mir, ein Stück Land wohl verschlossen durch eine Hecke zu umgrenzen, damit die darin befindlichen Thiere weder ausbrechen, noch die von draußen eindringen könnten.

Das war ein großes Unternehmen für ein einziges Paar Hände. Da ich aber die absolute Notwendigkeit desselben einsah, so machte ich mich sogleich an die Arbeit und suchte zuvörderst nach einem passenden Platze, wo die Thiere Nahrung und Trinkwasser und Schutz vor der Sonne finden könnten.

Wer sich auf dergleichen Dinge versteht, wird mich für sehr unvernünftig halten, wenn er hört, wie ich die Sache angriff. Nachdem ich nämlich eine alle diese Bedingungen erfüllende Stelle ausgesucht hatte, das heißt ein flaches offenes Stück Wiesenland, oder eine Savanna, wie die Ansiedler in den westlichen Kolonien es nennen, die von mehren kleinen Süßwasserrinnen durchschnitten und an einem Ende mit Wald bestanden war, begann ich aus übergroßer Vorsorge die Anlage meiner Hecke in der Weise, daß sie vollendet wenigstens zwei Meilen im Umkreis gehabt haben würde. Und doch war die Größe des Umfangs an sich dabei nicht das Schlimmste; denn wäre er auch zehn Meilen weit gewesen, so hätte ich wahrscheinlich doch Zeit genug gehabt, ihn auszuführen. Schlimmer aber war, daß mir nicht in den Sinn kam, wie meine Ziegen in einem so weiten Spielraum ja ebenso wild werden würden, als wenn ich ihnen die ganze Insel überlassen hätte, und daß ich sie in einem solchen Raume niemals würde einfangen können.

Die Hecke war bereits angefangen und, ich glaube, schon etwa fünfzig Schritte lang ausgeführt, als mir das Bedenken zuerst einfiel. Ich hielt sogleich mit dem Arbeiten inne und beschloß, vorläufig nur ein Stück Land von ungefähr 150 Ellen Länge und 100 Ellen Breite einzuschließen. Dies war ganz ausreichend für so viele Ziegen, als ich vernünftigerweise fürs Erste zu haben erwarten konnte, und wenn meine Heerde zunahm, konnte ich ja immer noch mehr Bodenfläche in die Umfassung hineinziehen.

An dies einigermaßen verständige Unternehmen machte ich mich nun mit gutem Muthe. Es dauerte etwa drei Monate, bis das erste Stück fertig umzäunt war. Bis dahin pflöckte ich die drei Lämmer an den besten Weidestellen an und ließ sie, um sie zahm zu machen, in möglichster Nähe von mir grasen. Zuweilen brachte ich ihnen einige Gerstenähren oder eine Handvoll Reis und ließ sie aus meiner Hand fressen, so daß, als die Einfassung fertig war und ich die Lämmer losband, sie mir auf dem Fuße folgten und nach einer Hand voll Korn hinter mir her blökten. Meine Einrichtung erfüllte ihren Zweck vollständig. und in etwa anderthalb Jahren hatte ich eine Heerde von zwölf Ziegen, einschließlich der Lämmer. Nach weiteren zwei Jahren waren es dreiundvierzig geworden, abgesehen von denen, die ich während dieser Zeit getödtet und zu meiner Nahrung verwendet hatte. Nach und nach legte ich fünf solcher eingezäunter Weideplätze an, in denen ich kleine Abtheilungen anbrachte, um die Thiere, die ich gerade gebrauchen wollte, hineinzutreiben. Die einzelnen Plätze brachte ich durch Gitterthüren mit einander in Verbindung.

Jetzt konnte ich nicht nur Ziegenfleisch, so viel ich immer essen mochte, haben, sondern obendrein Milch, und das war Etwas, was ich im Anfange nicht einmal für möglich gehalten hatte; daher gewährte es mir eine um so angenehmere Ueberraschung. Ich richtete jetzt eine förmliche Milchwirthschaft ein, denn ich gewann zuweilen vier bis acht Quart Milch an einem Tage. Die Natur lehrt jedes Geschöpf von der Nahrung, die sie ihm gibt, Gebrauch zu machen. So lernte auch ich, der nie eine Kuh, viel weniger eine Ziege gemolken oder die Bereitung von Butter und Käse mit angesehen hatte, wenn auch erst nach vielen mißglückten Versuchen, mit Leichtigkeit sehr gute Butter und Käse zu bereiten. Von nun an fehlte es mir daran nie mehr. Wie gnädig ist doch unser Gott gegen seine Geschöpfe, auch in den Lebenslagen, wo sie mitten ins Verderben gerathen zu sein scheinen! Wie kann er die bittersten Verhängnisse versüßen und uns Ursache geben, ihn für Kerker und Gefängnisse zu preisen! Welch ein reicher Tisch war hier in der Wüste für mich gedeckt, wo ich anfangs nichts als den Hungertod vor mir gesehen hatte!

Selbst ein Stoiker würde sich des Lächelns nicht haben erwehren können, hätte er mich und meine kleine Familie zum Mittagsmahle niedersitzen sehen. Da war zunächst meine Majestät, der Fürst und Herrscher der ganzen Insel. Das Leben meiner sämmtlichen Unterthanen stand unbedingt in meiner Gewalt. Ich konnte hängen, viertheilen, freilassen und gefangen halten, wen und wie ich wollte, und kein einziger Rebelle befand sich unter allen meinen Unterthanen. Man mußte es sehen, wie ich gleich einem König speiste, ganz allein, während meine Diener mir aufwarteten. Pol, als mein Günstling, genoß allein das Privileg, mit mir sprechen zu dürfen. Mein Hund, der inzwischen sehr alt und stumpf geworden war und leider nicht seines Gleichen auf der Insel gefunden hatte, um sein Geschlecht fortzupflanzen, saß stets zu meiner Rechten, und zwei Katzen, eine auf dieser, die andere auf jener Seite des Tisches, erwarteten ab und zu einen Brocken aus meiner Hand als ein Zeichen besonderer Gunst.

Es waren dies übrigens nicht mehr dieselben beiden Katzen, die ich mit ans Land gebracht hatte. Die lebten beide längst nicht mehr, und ich hatte sie eigenhändig in der Nähe meiner Wohnung begraben. Die eine von ihnen hatte sich aber, ich weiß nicht mit was für einer Art von Bestie gepaart und von ihrer Nachkommenschaft hatte ich zwei Junge aufgezogen, indessen die übrigen wild in den Wäldern umherliefen und mir auf die Dauer lästig fielen. Oftmals nämlich kamen sie in mein Haus und plünderten mich, bis ich mich endlich genöthigt sah, sie zu erschießen. Erst nachdem ich eine ganze Menge getödtet hatte, ließen sie mich endlich in Ruhe. Mit diesem Hofstaat und in dieser üppigen Weise lebte ich und entbehrte Nichts als Gesellschaft, und auch hiervon sollte ich einige Zeit später mehr als zu viel bekommen.

Wie ich schon bemerkt habe, wünschte ich sehr mein Boot bei mir zu haben, ohne daß ich jedoch Lust verspürte, mich seinetwegen wieder in Gefahren zu begeben. So dachte ich denn manchmal darüber nach, wie ich es herbeischaffen sollte, gab aber den Gedanken, es wieder zu bekommen, bald gänzlich auf. Eine sonderbare Unruhe trieb mich dagegen immerfort nach der Spitze der Insel, wo ich, wie erwähnt, bei meinem letzten Ausfluge auf den Hügel gestiegen war, um die Küste und den Lauf der Strömung zu übersehen. Das Verlangen, wieder dort zu sein, nahm alle Tage zu, bis ich endlich beschloß, die Reise dahin zu Lande zu machen, und zwar immer der Küste entlang. So begab ich mich denn abermals auf die Wanderschaft.

Hätte mich auf dieser irgend ein Landsmann von mir sehen können, er würde sich entweder vor mir entsetzt, oder ein großes Gelächter aufgeschlagen haben. Wenn ich zuweilen still stand und mich selbst betrachtete, so konnte ich nicht umhin, bei dem Gedanken zu lächeln, wie es wäre, wenn ich in einem solchen Aufzuge und in solchem Kostüm durch Yorkshire reisen wollte. Man stelle sich meine Erscheinung folgendermaßen vor:

Auf dem Kopfe trug ich eine hohe große unförmliche Mütze von Ziegenfell mit einer hinten lang herunterhängenden Krampe. Diese sollte sowohl die Sonne abhalten, als auch den Regen verhindern, mir hinten in den Nacken zu laufen. Denn Nichts ist in dieser Zone so schädlich, als wenn die Haut unter den Kleidern naß wird.

Ferner hatte ich eine kurze Jacke von Ziegenfell an, deren Schooß etwa bis über die Hüften herabfiel, und dazu ein Paar Kniehosen von demselben Stoffe. Diese letzteren waren aus der Haut eines alten Bockes gemacht, und die Haare hingen auf beiden Seiten herab, so daß meine Beinkleider wie lange Hosen bis über die Waden herunter reichten. Schuhe und Strümpfe besaß ich nicht, aber ich hatte mir dafür ein paar Dinger gemacht, die ich kaum zu benamen weiß. Es war eine Art von Stulpstiefeln, die hoch hinauf gingen und an den Seiten zugeschnürt waren gleich Kamaschen. Uebrigens hatten sie eine sehr uncivilisirte Form, wie überhaupt alle meine Kleidungsstücke höchst primitiv waren.

Außerdem trug ich einen breiten Gürtel von getrockneter Ziegenhaut, den ich anstatt einer Schnalle mit zwei Riemen aus demselben Stoffe befestigte. Daran hing in einer Art von Gehänge an Stelle eines Schwertes oder Dolches auf meiner einen Seite eine kleine Säge und auf der andern eine Hacke. Ein zweiter Lederriemen, etwas schmaler als der Gürtel, aber in derselben Art befestigt, hing mir über die Schulter, und daran unter dem linken Arm trug ich zwei Beutet, gleichfalls aus Ziegenfellen verfertigt, von denen der eine Pulver, der andere Kugeln und Schrot enthielt. Auf dem Rücken hatte ich einen Korb, auf der Schulter meine Flinte und über dem Kopfe meinen großen, plumpen, häßlichen Sonnenschirm, der übrigens nächst meiner Flinte das Nützlichste war, was ich bei mir führte. Was meine Gesichtsfarbe betraf, so war dieselbe nicht so mulattenhaft, als man sie wohl bei Jemandem hätte vermuthen sollen, der mit so geringer Fürsorge für dieselbe innerhalb der Wendekreise lebte. Meinen Bart hatte ich wachsen lassen, bis er eine Viertelelle lang war, aber da ich Scheeren und Rasirmesser in Menge besaß, hielt ich ihn jetzt ziemlich kurz geschnitten, ausgenommen den Schnurrbart, den ich zu einem langen türkischen Knebelbart gezogen hatte, wie ich ihn bei einigen Türken in Saleh gesehen. Die Mauren tragen nämlich keine solchen Bärte wie die Türken. Immerhin war Größe und Form meines Bartes abschreckend genug, und in England würde er für geradezu entsetzlich gegolten haben.

Uebrigens kam, da ja meine äußere Erscheinung von Niemandem beobachtet werden konnte, auf dies Alles wenig an. In jenem Aufzuge nun trat ich meine neue Reise an und blieb fünf bis sechs Tage fort. Zuerst wanderte ich der Küste entlang, direkt nach der Stelle, wo ich damals mit meinem Boote vor Anker gegangen war, um die Felsen zu erklettern. Da ich diesmal für kein Boot zu sorgen hatte, schlug ich einen nähern Weg zu Lande ein und erreichte dann auch auf diesem die erwähnte Höhe. Als ich von hier aus die vorspringende Felsenspitze überblickte, die ich vor Kurzem in meinem Boote hatte umfahren müssen, sah ich zu meiner Verwunderung das Meer ganz glatt und ruhig und gewahrte nichts von Brandung oder Wellen und Strömung, weder hier, noch an irgend einer andern Stelle. Ich konnte mir diese Erscheinung durchaus nicht erklären. Daher beschloß ich, sie eine Zeitlang zu beobachten, um zu entdecken, ob vielleicht die Ebbe und Flut einen Einfluß darauf habe. Bald überzeugte ich mich auch, wie sich die Sache verhielt. Wenn nämlich die Ebbe von Westen her eintrat, so vereinigte sie sich mit der starken Wassermasse eines großen Küstenstromes und brachte so jene Strömung hervor, welche, je nachdem der Wind mehr von Westen oder von Norden her wehte, der Küste näher oder entfernter floß. Nachdem ich bis gegen Abend gewartet und um die Zeit der Ebbe wieder den Felsen erstiegen hatte, sah ich die Strömung wieder ganz deutlich wie früher, nur weiter entfernt, fast eine halbe Seemeile von der Küste, während sie damals dicht an der Küste gegangen war und mich und mein Fahrzeug mit fortgerissen hatte, was unter andern Umständen nicht geschehen sein würde.

Diese Beobachtung überzeugte mich, daß ich nur auf den Eintritt der Ebbe und Flut zu achten brauchte, um mein Boot mit leichter Mühe um die Insel zurückführen zu können. Als ich aber an die Ausführung dachte, überfiel mich die Erinnerung an die früher überstandenen Gefahren dennoch mit solchem Schrecken, daß ich vorzog, einen anderen sicherern, wenn auch mühsameren Weg einzuschlagen. Dieser bestand darin, daß ich mir noch ein Canoe oder eine Pirogue zu bauen oder vielmehr zu hauen beschloß, um für jede Seite der Insel ein besonderes Fahrzeug zu haben.

Man muß sich erinnern, daß ich jetzt sozusagen zwei Ansiedelungen auf der Insel besaß. Erstens meine kleine Festung, d. h. das mit dem Wall umgebene Zelt, im Schutz des Felsens, mit der Höhle dahinter, die ich inzwischen zu mehren mit einander verbundenen Gemächern oder Kellern erweitert hatte. Der größte und trockenste dieser Räume, welche überdies eine Thür nach Außen hatten, war ganz angefüllt mit den früher erwähnten großen irdenen Gefäßen und mit vierzehn oder fünfzehn großen Körben, von denen jeder fünf bis sechs Scheffel hielt. In diesen bewahrte ich meine Vorräthe auf, besonders das Korn, theils in den Aehren, die dicht über dem Stroh abgeschnitten waren, theils ausgerieben, was ich mit den Händen zu bewerkstelligen pflegte.

Den sogenannten Wall hatte ich, wie früher erzählt ist, aus lauter langen Reisern und dünnen Stämmen aufgeführt, die aber jetzt alle zu Bäumen angewachsen waren und um diese Zeit bereits eine solche Höhe erreicht und sich so ausgebreitet hatten, daß Niemand dahinter eine menschliche Wohnung vermuthen konnte.

In der Nähe dieser meiner Wohnung, aber etwas weiter landeinwärts und niedriger gelegen, waren meine beiden Stücke Ackerland, welche ich stets in der gehörigen Bestellung und Kultur erhielt, und die mir alljährlich ihre Ernte lieferten. Als ich mich veranlaßt sah, mehr Getreide zu bauen, bediente ich mich dazu des angrenzenden gleich gut geeigneten Terrains.

Meine zweite Behausung war der sogenannte Landsitz. Auch dieser hatte sich zu einer ganz hübschen Ansiedelung entwickelt. Zunächst fand sich da die Laube, wie ich sie nannte. Ich erhielt dieselbe immer in gutem Stand, indem ich die umschließende Hecke, an die von Innen eine Leiter gelehnt war, stets in gleicher Höhe ließ. Die Bäume, die anfangs nichts als Stöcke gewesen, waren jetzt stark und hoch herangewachsen. Ich beschnitt sie so, daß sie sich ausbreiteten und mit ihrem dichten Laube erquickenden Schatten gaben. In der Mitte derselben ließ ich mein aus einem ausgespannten Stück Segeltuch errichtetes Zelt stehen, ohne daß es je der Ausbesserung oder Erneuerung bedurft hätte. Darunter hatte ich mir ein Sopha oder Ruhebett aus den Fellen erlegter Thiere und anderen weichen Gegenständen gemacht und darüber eine Decke, die ich aus unseren Schiffsbetten gerettet, ausgebreitet Neben dem Ruhebett hatte ich einen dicken Stock als Schutzwaffe stehen. Ich nahm dort mein Quartier, so oft ich Veranlassung fand, mich von meiner eigentlichen Wohnung zu entfernen.

Dicht daneben befanden sich die eingezäunten Weideplätze für mein Ziegenvieh. Da es mich unendliche Arbeit gekostet hatte, diese Räume in der beschriebenen Weise zu umschließen, war ich immer ängstlich darauf bedacht, die Umzäunungen in Ordnung zu erhalten, damit die Ziegen mir nicht entwischten. Niemals ging ich fort, ohne vorher mit vieler Mühe alle Oeffnungen der Hecke mit kleinen Stäben so dicht zu verschließen, daß die Umzäunung eher ein Gitter als eine Hecke zu nennen war und man kaum die Hand dazwischen durchstecken konnte. In der nächsten Regenzeit wuchsen diese Reiser alle zusammen und bildeten mit der Zeit eine starke Wand, ja sie wurden fester als ein gewöhnlicher Wall.

Dies Alles liefert den Beweis, daß ich nicht müßig war und keine Mühe scheute, Jegliches, was zu meiner Annehmlichkeit nothwendig erschien, herzurichten. Ich sah in meiner Heerde zahmer Hausthiere, die ich so nahe zur Hand hatte, einen lebendigen Vorrath von Fleisch, Milch, Butter und Käse, der für die ganze Dauer meines Aufenthalts auf der Insel, und wenn er auch noch vierzig Jahre währen sollte, vorhalten würde. Die Erhaltung derselben hing aber wesentlich davon ab, daß ich die Einzäunung möglichst vervollkommnete, damit die Heerde stets zusammen blieb. Diesen Zweck erreichte ich denn auch auf die erwähnte Art in dem Maße, daß ich, als die jungen Reiser, die ich so dicht gepflanzt, zu wachsen begannen, mich genöthigt sah, einige davon wieder abzureißen.

Hier war es auch, wo die Weintrauben wuchsen, die mir meine Wintervorräthe an Rosinen lieferten. Ich versäumte nicht, diese stets sehr sorgfältig zu konserviren, da sie den besten und wohlschmeckendsten Leckerbissen meiner ganzen Speisekarte bildeten. Sie waren wirklich nicht bloß schmackhaft, sondern auch im höchsten Grade heilsam, gesund, nahrhaft und äußerst erfrischend.

Da diese Ansiedelung etwa halbwegs zwischen meiner anderen Wohnung und dem Platze gelegen war, wo ich mein Boot befestigt hatte, so hielt ich mich gewöhnlich auf dem Wege nach letzterem eine Zeitlang dort auf. Denn ich pflegte mein Boot oft zu besuchen, um alles, was dazu gehörte, in der besten Ordnung zu erhalten. Auch fuhr ich manchmal zum Vergnügen darin aus, aber abenteuerliche Reisen wollte ich nicht wieder darin unternehmen, noch auch mich weiter als ein paar Steinwurfsweiten von der Küste entfernen. Denn ich war viel zu besorgt, wieder durch eine Strömung oder durch den Wind in unbekannte Gewässer verschlagen zu werden.

Jetzt gelange ich in dem Berichte von meinem einsamen Leben zu einem neuen Abschnitt.

Eines Tages, als ich gegen Mittag nach dem Boote ging, begab es sich, daß ich zu meiner größten Ueberraschung den Eindruck eines nackten menschlichen Fußes ganz deutlich in dem Sande des Ufers wahrnahm. Wie vom Donner gerührt, oder als hätte ich ein Gespenst gesehen, stand ich davor. Ich horchte, ich sah mich um, aber es war Nichts zu hören, noch zu erblicken. Ich erstieg einen Hügel, um mich weiter umschauen zu können, dann ging ich an der Küste auf und ab, aber es blieb Alles ohne Erfolg. Keine weiteren Fußspuren waren zu finden als jene eine. Ich ging zu ihr zurück, um zu sehen, ob nicht noch andere in der Nähe seien, oder ob ich mich vielleicht geirrt hätte. Aber Beides war nicht der Fall. Ich fand nur genau denselben Eindruck der Zehen, Fersen und übrigen Fußtheile. Wie die Spur dahin gekommen, wußte ich nicht und konnte es durchaus nicht begreifen. Eine Flut von wirren Gedanken stürmte auf mich ein, und völlig verstört und außer mir kam ich in meiner Festung an, ohne daß ich unterwegs, wie man zu sagen pflegt, den Boden unter meinen Füßen gefühlt hätte.

Es ist nicht zu beschreiben, in was für verschiedene Gestalten auf dem Wege meine erhitzte Einbildungskraft die Dinge verwandelte, was für eine Menge wilder Vorstellungen die Phantasie mir vorspiegelte und welche sonderbaren unerklärlichen Einfälle mir in den Sinn kamen. Als ich zu meiner Burg (denn diesen Namen hatte ich meiner Behausung gegeben) gelangt war, flüchtete ich hinein wie ein Verfolgter. Ob ich mittels der Leiter hineinstieg, weil das schneller ging, oder durch das Loch im Felsen, das ich meine Thür nannte, kroch, weiß ich heute noch nicht. Nie floh ein gehetzter Hase oder Fuchs in größerer Seelenangst seinem Zufluchtsort zu, als ich in jenem Augenblick.