Daniel Defoe

Viertes Kapitel

Den 16. April. Heute wurde ich mit der Leiter fertig. So oft ich diese benutzt hatte, zog ich sie mir nach und legte sie im Innern der Umfriedigung nieder, so daß ich, wenn ich mich in meiner Wohnung befand, gegen Außen gänzlich abgeschlossen war.

Schon am nächsten Tage aber, nachdem ich die Einfriedigung vollendet, wäre fast meine ganze Arbeit über den Haufen geworfen worden und ich selbst beinahe umgekommen. Die Sache verhielt sich so. Ich war hinter meinem Zelte gerade am Eingang in die Höhle beschäftigt, als mich ein unerwartetes Ereigniß furchtbar erschreckte. Ich sah nämlich die Erde, welche die Decke meiner Höhle bildete, mit Einem Mal sich loslösen und von dem Gipfel des Hügels über mir herabstürzen. Zwei der Pfähle, mit denen ich die Wölbung meiner Höhle gestützt hatte, krachten mit fürchterlichem Lärm zusammen. Ich war aufs Aeußerste bestürzt, hatte jedoch keine Ahnung von der wirklichen Ursache, indem ich glaubte, meine Höhlendecke stürze wieder in derselben Weise ein, wie es mit einem Theil derselben schon einmal geschehen war. Aus Furcht, lebendig begraben zu werden, rannte ich nach meiner Leiter und glaubte mich nicht eher im Sichern und vor den herabstürzenden Felsen geschützt, als bis ich über meine Palissadirung geklettert war.

Kaum hatte ich den Fuß auf den Boden gesetzt, als ich erkannte, daß ein schreckliches Erdbeben die Ursache der Erschütterung war. Der Erdboden, auf dem ich stand, wurde nämlich dreimal in Zwischenräumen von je etwa acht Minuten durch solche Stöße erschüttert, daß sie das festeste Gebäude umgeworfen haben würden. Ein großes Stück der Felsspitze, die ungefähr eine halbe Meile von mir entfernt über das Ufer ragte, stürzte mit einem so entsetzlichen Getöse, wie ich es im Leben nicht gehört, in das Meer. Auch dieses befand sich in heftiger Bewegung, und wie mir schien, waren die Stöße unter dem Wasser noch stärker als die auf der Insel.

Ich erschrak so sehr, denn ich hatte dergleichen nie erlebt und auch niemals nur davon erzählen gehört, daß ich wie todt vor Bestürzung war. Die Erderschütterung machte mir übel, als ob ich seekrank sei. Erst der Lärm des herabstürzenden Felsens erweckte mich wieder aus meiner Betäubung und ich glaubte jetzt nichts Anderes, als der Hügel werde zusammensinken und mein Zelt nebst meiner ganzen Habe begraben, ein Gedanke, der mir abermals das Herz erbeben machte.

Nachdem aber der dritte Stoß vorüber war und ich einige Zeit hindurch Nichts verspürte, begann ich wieder Muth zu schöpfen. Dennoch wagte ich noch nicht wieder über meine Einzäunung zu steigen, aus Furcht verschüttet zu werden. Ich saß still und trostlos auf der Erde, ohne zu wissen, was ich anfangen sollte. Diese ganze Zeit über kam mir nicht der geringste religiöse Gedanke in den Sinn. Nur das gewöhnliche »Gott sei mir gnädig« ging über meine Lippen, und auch das wiederholte ich nicht mehr, sobald das Ereigniß vorüber war.

Während ich so saß, sah ich, wie der Himmel sich mit Wolken überzog, als ob ein Regen drohe. Nach und nach erhob sich der Wind, und in weniger als einer halben Stunde tobte ein fürchterlicher Sturm. Die See war plötzlich mit Schaum bedeckt, die Braudung tobte am Ufer, starke Bäume wurden entwurzelt. Erst nach drei Stunden begann der Sturm sich zu mildern, und nach weiteren zwei Stunden wurde es dann vollkommen windstill und fing an stark zu regnen. Diese ganze Zeit über saß ich niedergeschlagen und furchtsam auf der Erde. Plötzlich aber fiel mir ein, daß dieser Wind und Regen wohl die gewöhnlichen Folgen des Erdbebens sein möchten, und daß dieses daher aufgehört habe. Jetzt erst erwachten meine Lebensgeister wieder. Der Regen trieb mich in meine Behausung zurück, wo ich mich im Zelt niedersetzte, bis mich der heftige Regen in die Höhle zu gehen zwang, obgleich ich noch immer nicht von der Furcht befreit war, sie werde mir über dem Kopfe zusammenstürzen.

Dort zwangen mich die Regengüsse, rasch eine Arbeit in Angriff zu nehmen. Ich erkannte nämlich die Notwendigkeit, eine Rinne zu machen, damit das Wasser einen Ausweg aus der Höhle nehmen könne. Als ich nach einiger Zeit bemerkte, daß keine weiteren Erderschütterungen eintraten, fing ich an ruhiger zu werden. Um mich, was mir sehr noth that, einigermaßen wieder zu Kräften zu bringen, ging ich an mein kleines Proviantmagazin und nahm einen Schluck Rum, wobei ich jedoch wie immer sparsam verfuhr, da ich, wie mir wohl bewußt war, außer diesem Vorrath keinen weiteren hatte. Es regnete die ganze Nacht und einen großen Theil des nächsten Tages hindurch, so daß ich nicht ausgehen konnte. Als ich wieder einige Fassung gewonnen, dachte ich darüber nach, was ich jetzt anfangen solle. Ich erwog, daß ich, wenn die Insel solchen Erderschütternden öfters ausgesetzt sei, in der Höhle nicht wohnen bleiben könne, sondern darauf sinnen müsse, mir auf einem freien Platze ein Hüttchen zu bauen und es wiederum, um mich vor wilden Thieren und Menschen zu sichern, mit einer Einfriedigung zu versehen. Denn ich glaubte, wenn ich hier wohnen bliebe, würde ich früher oder später sicher lebendig begraben werden.

Ans diesen Gründen beschloß ich denn, mein Zelt von seinem jetzigen Platze unter dem Felsvorsprung, von dem ich fürchtete, er werde bei der nächsten Erschütterung sicherlich auf jenes stürzen, zu entfernen. Die beiden nächsten Tage, den 19. und 20. April, verwendete ich auf die Nachforschung nach einem Platz, wohin ich meine Wohnung verlegen sollte. Die Furcht, verschüttet zu werden, ließ mich nicht ruhig schlafen. Fast ebenso stark aber war auch die Angst davor, im Freien, ohne irgend eine Schutzwehr, zu schlafen, und als ich mich umschaute und bemerkte, wie Alles um mich wieder in bester Ordnung war, und wie wohl verborgen und sicher ich jetzt wohnte, kam mich doch eine große Abneigung an, meinen Aufenthalt zu wechseln.

Ich bedachte daneben auch, wie viel Zeit mich dieser Wechsel kosten würde, und daß ich einstweilen, bis ich mir einen neuen Zufluchtsort verschafft hätte, ja doch auf gut Glück bleiben müsse, wo ich war. Mit dieser Erwägung suchte ich mich vorläufig zu beruhigen und beschloß nur, mit möglichster Eile mir eine neue Umhegung anzulegen und dann mein Zelt dahineinzubringen, vorläufig aber zu bleiben, wo ich mich befand.

Den 22. April. Am nächsten Morgen überlegte ich, wie ich meinen Vorsatz ausführen sollte. Es mangelte mir jetzt sehr am nöthigen Werkzeug. Ich hatte zwar drei große Aexte und eine Menge kleiner Beile (die wir an Bord gehabt hatten, um sie den Wilden zu verkaufen), aber durch das Behauen des vielen harten Holzes waren diese voll Scharten und stumpf geworden. Nun besaß ich wohl auch den Schleifstein, aber ich vermochte ihn nicht ordentlich in Bewegung zu setzen. Diese Sache kostete mich so viel Nachdenken, als ein Staatsmann nur auf eine wichtige politische Angelegenheit oder ein Richter auf Abfassung eines Urtheils über Leben und Tod verwenden kann. Endlich brachte ich denn auch ein Schleifrad fertig, das ich vermittels einer Schnur durch Treten bewegen und dabei die Hände frei behalten konnte.

Anmerkung. Ich hatte in England nie ein solches Ding gesehen oder mich wenigstens nicht darum gekümmert, wie es gemacht wird; wiewohl ich später sah, daß man dergleichen dort sehr häufig benutzt. Meine Maschine nahm daher bis zu ihrer Vollendung eine volle Woche Arbeitszeit in Anspruch.

Den 28. und 29. April. Diese beiden Tage verwendete ich gänzlich dazu, meine Werkzeuge zu schärfen, wobei sich meine Schleifmaschine bestens bewährte.

Den 30. April. Da ich schon seit einiger Zeit bemerkt hatte, daß mein Brod stark auf die Neige gehe, schränkte ich mich, wennschon mit sehr schwerem Herzen, von jetzt an auf ein einziges Stück Zwieback für jeden Tag ein.

Den 1. Mai. Als ich Morgens während der Ebbe das Meer überschaute, sah ich am Strande etwas ungewöhnlich Hervorragendes, das wie eine Tonne aussah. Als ich näher kam, fand ich ein Fäßchen und einige Stücke von dem Schiffswrack, die während des letzten Sturms an das Land getrieben waren. Indem ich nach dem Schiffsrumpf selbst hinüberblickte, schien mir dieser höher aus dem Wasser hervorzuragen als früher. Bei der Untersuchung des Fäßchens fand ich, daß es Pulver enthielt, das aber naß gewesen und dann steinhart zusammengebacken war. Ich rollte das Faß vorläufig höher ans Ufer und ging dann auf dem Sande so nah als möglich an das Wrack, um zu untersuchen, ob etwa von demselben noch mehr zu holen sei.

Hier sah ich nun, daß das Schiff auffallend seine Lage verändert hatte. Das Vordertheil, das früher vom Sand verschüttet gewesen war, hatte sich sechs Fuß in die Höhe gehoben, und der Stern, der bald nachdem ich ihn das letzte Mal durchstöbert, durch die Gewalt der Wellen zertrümmert und von dem übrigen losgerissen war, lag nun umgestürzt auf der Seite. Da jetzt ein Sandhügel an der Stelle aufgethürmt war, wo ich früher eine Viertelmeile zu schwimmen gehabt hatte, um an das Wrack zu kommen, vermochte ich nun während der Ebbe trockenen Fußes bis zu demselben zu gelangen. Anfangs befremdete mich diese Wahrnehmung, bald aber erkannte ich, daß die Veränderung durch das Erdbeben bewirkt sein müsse. Durch dessen Gewalt war auch das Schiff noch mehr als früher zertrümmert worden, so daß täglich allerlei Dinge von der See abgelöst und, durch Wind und Wellen allmählich fortgeschwemmt, ans Land getrieben wurden.

Diese Dinge zogen meine Gedanken von dem Plane, meine Wohnung zu verändern, wieder ab, und ich beschäftigte mich eifrig, besonders an diesem Tage, mit der Erwägung, auf welche Weise ich in das Schiff einzudringen vermöchte. Ich fand jedoch anfangs kein Mittel, da die ganze Innenseite desselben von Sand bedeckt war. Da ich aber schon gelernt hatte, an Nichts zu verzweifelt, beschloß ich, was ich nur vom Schiffe lostrennen könne, mir zu holen, weil ich überzeugt war, es in der einen oder andern Weise verwerthen zu können.

Den 3. Mai. Zunächst durchschnitt ich mit meiner Säge einen Balken, der, wie es mir schien, einen Theil des Quarterdecks zusammenhielt. Als ich ihn in Stücke gesägt, beseitigte ich von dem höchstgelegenen Theil, so gut es gehen wollte, den Sand, wurde aber durch die steigende Flut genöthigt, meine Arbeit für diesmal zu unterbrechen.

Den 4. Mai. Ich fischte heute mit der Angel, erbeutete aber keinen eßbaren Fisch. Schon war ich der Beschäftigung müde und stand im Begriff heimzukehren, als ich einen jungen Delphin fing. Ich hatte mir nämlich aus Taugarn eine lange Schnur gemacht und damit, wiewohl ich keinen Angelhaken besaß, zu andern Zeiten Fische genug gefangen, wenigstens so viel für meine Mahlzeit nöthig waren. Um sie verspeisen zu können, pflegte ich sie an der Sonne zu trocknen.

Den 5. Mai. Am Wrack gearbeitet. Ich sägte noch einen andern Balken ab, machte drei große Fichtenbretter vom Deck los, band sie zusammen und ließ sie durch die Flut an den Strand treiben.

Den 6. Mai. Ich arbeitete abermals am Schiffsrumpf, zog mehre eiserne Bolzen und anderes Eisenwerk heraus, kam aber so ermüdet von der schweren Arbeit zurück, daß ich beschloß die Sache aufzugeben.

Den 7. Mai. Wiederum war ich zum Wrack gegangen, doch nicht in der Absicht, daran zu arbeiten. Ich fand, daß es durch sein eignes Gewicht auseinandergebrochen war, nachdem ich die Querbalken herausgesägt hatte. Es lagen jetzt mehre Stücke des Rumpfes abgerissen umher, und ich vermochte nun in das Innere des Schiffs zu sehen, das aber fast ganz mit Wasser und Sand angefüllt war.

Den 8. Mai. Ich ging wiederum zu dem Schiffe und nahm diesmal ein Brecheisen mit, um das Deck aufzubrechen, das jetzt ganz frei von Wasser und Sand dalag. Zwei Planken, die ich losgerissen, wurden durch die Flut gleichfalls ans Ufer geschwemmt. Das Brecheisen ließ ich für den nächsten Tag im Wrack zurück.

Den 9. Mai. Auch heute begab ich mich zu dem Schiffsrumpf und brach nun mit dem Eisen einen Weg in denselben, wobei ich auf mehre Tonnen stieß, die ich frei machte, ohne sie jedoch öffnen zu können. Auch fand ich eine Rolle englischen Blei's, die aber zu schwer war, als daß ich vermocht hätte, sie fortzuschaffen.

Den 10. bis 14. Mai. An allen diesen Tagen ging ich zu dem Wrack und holte mir nach und nach eine große Menge Bretter und Balkenwerk sowie etwa zwei Centner Eisen.

Den 15. Mai. Ich hatte zwei Beile mitgenommen, um zu versuchen, ob ich nicht ein Stück von der Bleirolle abtrennen könne, indem ich die Schneide des einen auf dieselbe setzte und sie mit dem Gewicht des andern hineintrieb. Da das Blei jedoch anderthalb Fuß tief im Wasser lag, gelang es mir nicht.

Den 16. Mai. Während der Nacht hatte es stark gewindet, und das Wrack schien am Morgen durch die Gewalt der Wellen noch mehr zertrümmert als vorher. Ich hatte mich an diesem Tage lange in den Wäldern herumgetrieben, um mir eine Taubenmahlzeit zu verschaffen, da die steigende Flut mich hinderte, an das Wrack zu gehen.

Den 17. Mai. Heute gewahrte ich einige Schiffstrümmer, welche die Wellen etwa zwei Meilen von mir entfernt ans Land getrieben hatten. Ich begab mich dahin und erkannte sie als ein Stück des Vordertheils, doch waren sie zu schwer, und ich konnte sie deshalb nicht fortbringen.

Den 24. Mai. An jedem der letztvergangenen Tage arbeitete ich am Schiff und löste mit schwerer Mühe mittels des Brecheisens so viel davon ab, daß bei der ersten starken Flut einige Tonnen und zwei Matrosenkisten fortgeschwemmt wurden. Aber der Wind wehte vom Lande her und so gelangte diesen Tag Nichts ans Ufer, außer einigem Stücken Holz und einem Faß mit brasilianischem Schweinefleisch, das aber durch Salzwasser und Sand verdorben war.

Ich trieb dieselbe Arbeit bis zum 15. Juni an jedem Tag, wenn ich nicht gerade für meinen Lebensunterhalt zu sorgen hatte, was ich aber stets zur Zeit der Flut that, um beim Beginn der Ebbe frei zu sein. Ich hatte mir nach und nach Bretter, Planken und Eisenwerk genug verschafft, um damit ein stattliches Boot erbauen zu können, wenn ich es nur verstanden hätte. Auch von der Bleirolle hatte ich allmählich in einzelnen Stücken beinahe einen Centner schwer herübergebracht.

Den 16. Juni. Ich fand heute am Strande eine große Schildkröte. Es war die erste, die ich seit meiner Anwesenheit auf der Insel sah, was nur an zufälligem Mißgeschick lag. Denn wenn ich von ungefähr einmal auf die andere Seite des Ufers gekommen wäre, hätte ich täglich, wie ich später sah, Schildkröten zu Hunderten bekommen können. Jedoch wäre mir das vielleicht theuer zu stehen gekommen.

Den 17. Juni. Als ich die Schildkröte zu kochen versuchte, fand ich in ihrem Leibe etwa sechzig Eier; das Fleisch schien mir das saftigste und wohlschmeckendste, das ich im Leben genossen, nachdem ich aus diesem trostlosen Eiland seit meiner Ankunft nur Ziegen- und Vogelfleisch gegessen hatte.

Den 18. Juni. Es regnete den ganzen Tag, und ich blieb daher zu Hause. Der Regen schien mir diesmal eine ungewöhnliche Kälte zu verbreiten, und es überkam mich ein unter diesem Breitengrad ungewöhnliches Frösteln.

Den 19. Juni. Ich fühlte mich sehr unwohl und fror so, als ob es ganz kaltes Wetter gewesen wäre.

Den 20. Juni. Die ganze letzte Nacht that ich kein Auge zu und litt an heftigen Kopfschmerzen und Fieberhitze.

Den 21. Juni. Ich war sehr krank. Der Gedanke an meine traurige Lage und an meine gänzliche Hülflosigkeit machte mich bis zum Tode betrübt. Zum ersten Mal seit dem Sturm von Hull betete ich zu Gott, freilich ohne zu wissen, was und warum ich es sagte, denn meine Gedanken waren in vollständiger Verwirrung.

Den 22. Juni. Heute fühlte ich mich ein wenig besser, war aber immer noch in schrecklicher Furcht vor einer schweren Krankheit.

Den 23. Juni. Es ging wir wieder sehr schlecht. Kälte und Fieberschauer quälten mich, und dann trat heftiges Kopfweh ein.

Den 24. Juni. Mein Zustand schien sich heute bedeutend der Besserung zu nähern.

Den 25. Juni. Wiederum suchte mich ein heftiger Anfall heim. Der Fieberschauer hielt sieben Stunden an. Frost und Hitze wechselten, dann trat ein gelinder Schweiß ein.

Den 26. Juni. Ich befand mich heute wohler. Um mir etwas Eßbares zu verschaffen, nahm ich das Gewehr und erlegte auch, wiewohl ich mich sehr schwach fühlte, eine Geis, brachte sie mit vieler Mühe nach Hause, röstete mir ein Stückchen Fleisch und verzehrte es. Gern hätte ich mir Bouillon gekocht, aber es mangelte mir an einem Gefäß dazu.

Den 27. Juni. Der Fieberanfall war wieder so heftig, daß ich den ganzen Tag über, ohne zu essen oder zu trinken, im Bette bleiben mußte. Fast wäre ich vor Durst verkommen, aber ich war zu schwach aufzustehen und mir einen Trunk Wassers zu holen. Ich betete wieder zu Gott, aber ich war zu schwach im Kopfe und wußte auch überdies nicht recht, was ich sagen sollte. Ich rief nur immer: »Herr sieh mich an! Gott sei mir gnädig und erbarme dich meiner!« Das trieb ich, glaub' ich, gegen drei Stunden lang, bis der Fieberanfall nachließ und ich in einen festen Schlaf verfiel, aus dem ich erst tief in der Nacht erwachte. Danach fühlte ich mich weit kräftiger, aber doch noch immer schwach genug, und besonders litt ich entsetzlichen Durst. Gleichwohl, da ich kein Wasser in der Nähe hatte, mußte ich still liegen bleiben bis zum Morgen, wo ich denn auch wieder einschlief.

Während dieses letzten Schlafes hatte ich folgenden schrecklichen Traum. Ich glaubte außerhalb meiner Einfriedigung auf dem Platze zu sitzen, wo ich während des Sturms nach dem Erdbeben gesessen hatte. Dort sah ich aus einer großen schwarzen Wolke einen Mann von hellen Flammen umgeben, welche die Erde erleuchteten, herabsteigen. Der Glanz, der ihn umstrahlte, war so stark, daß ihn meine Augen kaum ertrugen. Sein Gesicht war unaussprechlich schreckenerregend. Als er den Boden betrat, schien mir die Erde wie bei dem Erdbeben zu zittern, und Blitze durchzuckten rings die Luft. Auf der Erde angekommen, trat er auf mich zu, einen langen Speer in der Hand, als ob er mich tödten wolle. Er redete mich in einiger Entfernung von dem Gipfel einer kleinen Erhöhung aus mit fürchterlicher Stimme an, doch verstand ich nur das Folgende: »Alles dies hast du geschaut, ohne dich zur Buße bewegen zu lassen, darum sollst du sterben.« Dabei erhob er die Lanze, um mich zu durchbohren.

Niemand wird erwarten, daß ich das Entsetzen, welches meine Seele bei dieser Vision erfüllte, schildere. Ich meinte im Traume, das Entsetzliche könne selbst nur ein Traum sein, aber auch nachdem ich erwacht war und erkannte, daß ich nur geträumt hatte, war meine Angst über alle Beschreibung groß.

Leider fehlte es mir an aller Religion. Was ich durch die vortreffliche Unterweisung meines Vaters davon gelernt hatte, war in dem ununterbrochenen achtjährigen Seeleben und dem beständigen Verkehr mit ebenso gottlosen Menschen, wie ich war, mir abhanden gekommen. Ich erinnere mich nicht, daß ich während dieser ganzen Zeit meine Gedanken ein einziges Mal zu Gott erhoben oder über meinen Wandel nachgedacht hätte. Eine gewisse Stumpfheit des Herzens, eine Gleichgültigkeit gegen alles Bessere und eine völlige Bewußtlosigkeit von der Sünde hatte ganz und gar Besitz von meiner Seele genommen. Ich war ein so verhärtetes gedankenloses elendes Geschöpf, als nur eines unter Seeleuten je zu finden war. Weder von der Furcht Gottes in Gefahren, noch vom Dankgefühl gegen Gott nach der Errettung hatte ich die geringste Ahnung.

Man wird dies nach dem, was ich von meiner Geschichte berichtet habe, um so eher glauben, wenn ich hinzufüge, daß während jener wechselvollen Reihe von Unglücksfällen, die ich bis dahin erlebt hatte, mir nicht ein einziges Mal der Gedanke gekommen war, daß das die Hand Gottes herbeigeführt und daß es die gerechte Strafe meiner Sünden sei. Die Strafe nämlich entweder wegen des Ungehorsams gegen meinen Vater, oder wegen meiner gegenwärtigen Sünden, die groß genug waren, oder endlich die Züchtigung für den gesammten Verlauf meines nichtswürdigen Lebens.

Auch während ich mich noch auf der unheilvollen Reise an den öden Küsten von Afrika befand, war es mir keinmal eingefallen, Gott um einen Fingerzeig zu bitten, wohin ich mich wenden solle, oder seinen Schutz gegen gefräßige Thiere und grausame Menschen anzuflehen. Ich hatte weder an Gott, noch an eine Vorsehung gedacht, sondern nur wie ein rohes Thier nach meinen natürlichen Eingebungen gehandelt, indem ich nur dem Folge leistete, was mich der gesunde Menschenverstand lehrte, und auch dem kaum. Ebenso war mir, nachdem der portugiesische Kapitän mich gerettet, in sein Schiff aufgenommen, gut behandelt und sich barmherzig und gerecht gegen mich bezeigt hatte, dennoch nicht das geringste Dankgefühl in die Seele gekommen. Als ich dann wieder Schiffbruch gelitten und an dieser Insel die Gefahr des Ertrinkens ausgestanden hatte, war ich abermals weit davon entfernt gewesen, Gewissensbisse zu fühlen oder mein Unglück als ein gerechtes Gericht anzusehen. Nur das wiederholte ich oft bei mir, daß ich ein Unglücksvogel und zu einem ununterbrochenen Elend geboren sei.

Freilich das muß ich mir nachsagen, daß ich, als ich zuerst ans Land gekommen war und alle meine Schiffsgefährten ertrunken, mich selbst aber gerettet sah, eine Art von Entzücken und einige Regungen der Seele empfunden hatte, die unter Gottes gnädigem Beistand zu wirklicher Dankbarkeit sich hätten entwickeln können. Aber das hatte geendet, wie es angefangen, nämlich in einer flüchtigen Freude gewöhnlicher Art. Ich war nur voll Freude gewesen, daß ich am Leben geblieben, und hatte nicht im Geringsten die große Güte der Hand, die mich erhalten und vor allen Andern ausgezeichnet hatte, bedacht. Es war eben bloß die gemeine Art von Wohlempfinden gewesen, welche Seeleute regelmäßig fühlen, wenn sie aus einem Schiffbruch glücklich ans Land gekommen sind, und die sie in der nächsten Bowle Punsch für immer ertränken. So war es auch während der ganzen bisherigen Zeit meines einsamen Lebens in mir geblieben. Sogar als ich später aufmerksamer darüber nachgedacht hatte, wie ich auf diese schreckliche Insel verschlagen sei und außer dem Bereiche der Menschheit ohne Hoffnung auf Rettung lebe, war doch, sobald sich mir nur die Aussicht am Leben zu bleiben und nicht vor Hunger umzukommen zeigte, all meine Betrübniß verschwunden; ich fing an ganz ruhig zu sein, machte mich sofort an die Arbeit, um mir das Dasein zu fristen, und war weit entfernt von dem Gedanken, daß Gott sein Gericht an mir vollzogen und seine Hand über mich ausgereckt habe.

Erst das Aufgehen des Korns hatte, wie ich in meinem Tagebuch erwähnte, einen kleinen Eindruck auf mich bewirkt und mich nachdenklich gemacht, so lang ich es für etwas Wunderbares hielt. Aber sobald dies aufhörte, war auch jene Wirkung wieder vollkommen verraucht. Sogar das Erdbeben, wiewohl es keine furchtbarere Naturerscheinung und Nichts, das die unsichtbare Macht, die Alles lenkt, augenscheinlicher zeigt, geben kann, hatte, als der erste Schreck vorüber war, keine dauernde Einwirkung bei mir hinterlassen. Ich dachte jetzt nicht mehr an Gott und daran, daß mein gegenwärtiges Elend von ihm geschickt sei, als in der glücklichsten Zeit meines Lebens. Nun aber, nachdem ich erkrankt war und sich die Aussicht auf langsame Todesqual mir vor Augen stellte, als mein Lebensmuth unter der Last der schweren Leiden anfing zu sinken und meine Natur durch das heftige Fieber erschöpft war, begann mein Gewissen, das so lange geschlafen hatte, aufzuwachen und Vorwürfe über meine Vergangenheit, in der ich so offenbar Gottes Gericht über mich herauf beschworen, wurden in mir laut. Diese Gedanken lagen besonders am zweiten oder dritten Tag meiner Krankheit schwer auf mir. Die Gewalt des Fiebers und die Gewissensbisse preßten mir einige Worte aus, die wie ein Gebet zu Gott lauteten, wiewohl sie weder Wünsche, noch Hoffnungen aussprachen. Sie waren vielmehr der bloße Ausdruck meiner Furcht und Verzweiflung. Meine Gedankenverwirrung und die Angst, in so elender Lage umkommen zu müssen, veranlaßten Empfindungen in meiner Seele, die sich in allerlei Worten Luft machten, wie etwa: »Gott, welch ein erbärmliches Geschöpf bin ich! Wenn ich krank werde, muß ich sicherlich hülflos verschmachten«. Thränen brachen aus meinen Augen, und die Worte meines Vaters kamen mir ins Gedächtniß, insbesondere seine Prophezeiung, daß, wenn ich seinem Rathe nicht folge, Gottes Segen mir fehlen und ich einmal Zeit haben würde, über meine Thorheit nachzudenken, wenn Niemand vorhanden sein werde, mir Beistand zu leisten »Jetzt«, rief ich laut, »haben sich diese Worte bewahrheitet und Gottes Strafe ist über mich gekommen. Ich habe der Vorsehung, die mich gnädig in eine Lebenslage versetzt hatte, in der ich glücklich und zufrieden leben konnte, Trotz geboten. Ich wollte nicht sehen, was mir verliehen war an göttlichem Segen; nun trauern meine Eltern über meine Thorheit und ich trauere über die Folgen derselben. Ich habe den Beistand Derer, die mir Alles im Leben leicht gemacht haben würden, zurückgewiesen und bin nun ohne Hülfe, ohne Trost, ohne Rath.« Dann rief ich: »Herr, hilf mir, denn ich bin in großem Elend!« Dies war, wenn ich so sagen darf, das erste Gebet, das ich seit vielen Jahren aussprach. Doch ich kehre wieder zu meinem Tagebuch zurück.

Den 28. Juni. Da ich durch den Schlaf, den ich genossen, einigermaßen gekräftigt und der Fieberanfall gänzlich vorüber war, stand ich auf. Trotz des Entsetzens, das mir mein Traum eingeflößt, dachte ich doch daran, daß mein Fieber am nächsten Tage wiederkehren werde, und daß es Zeit sei, mich für eine etwaige Krankheit mit Erfrischungen zu versehen. Ich füllte daher vor Allem eine große Flasche mit Wasser und stellte sie auf meinen Tisch, so daß ich sie vom Bett aus erreichen konnte. Um die Kälte des Wassers etwas zu vermindern, mischte ich etwa ein Viertelquart Rum hinein; dann holte ich mir ein Stück Ziegenfleisch und röstete es auf Kohlen, konnte aber nur wenig davon essen. Ich machte einen Gang, fühlte mich aber sehr schwach, und das Herz war mir schwer in der Furcht vor der Wiederkehr des Fiebers. Mein Nachtessen bereitete ich mir aus drei Schildkröteneiern, die ich in der Asche röstete, und dies war der erste Bissen, den ich, so lange ich mich erinnern konnte, unter Anrufung des göttlichen Segens verzehrte.

Nach der Mahlzeit versuchte ich abermals einen Spaziergang zu machen, war aber so kraftlos, daß ich kaum meine Flinte zu tragen vermochte, ohne die ich nie ausging. Ich setzte mich daher nach wenigen Schritten auf die Erde nieder und blickte nach der See hinaus, die in völliger Stille vor mir lag. Jetzt stiegen allerlei Gedanken in mir auf, z. B. »Wie wunderbar ist doch diese Erde und dies Meer! Wer hat sie geschaffen? Wer bin ich, und wer sind alle die anderen Geschöpfe auf Erden und von wannen sind sie gekommen? Gewiß gibt es eine verborgene Macht, die Wasser und Land, Himmel und Erde gebildet hat, aber wo ist sie?« Und nun ergab sich die natürliche Antwort: »Gott hat Alles dies hervorgebracht!« – »Nun denn«, so dachte ich weiter, »wenn Gott Alles dies geschaffen hat, so regiert er auch Alles, und Nichts in dem weiten Umfang seiner Werke kann seiner Allwissenheit entgehen. Und weiter, wenn Nichts ohne sein Wissen geschieht, so weiß er auch, daß ich hier in dieser schrecklichen Lage bin, und wenn Alles auf seine Anordnung eintritt, so hat er auch Alles dies über mich verhängt.« Daran reihte sich unmittelbar die Frage: »Warum hat Gott dies so gefügt? Womit habe ich ein solches Geschick verdient?« Da aber schrak mein Gewissen alsbald wie vor einer Gotteslästerung zurück, und ich glaubte eine Stimme zu hören, die mir zurief: »Elender! Fragst du noch, was du verschuldet hast? Schau zurück auf dein schändlich vergeudetes Leben und frage dich lieber, was du nicht verbrochen hast! Frage, warum du nicht längst vernichtet bist! Warum du nicht auf der Rhede von Yarmouth ertrunken, nicht in dem Seegefecht mit dem Mann von Saleh getödtet, nicht von den Bestien an der afrikanischen Küste gefressen oder hier ertrunken bist, als alle deine Reisegefährten untergingen. Willst du noch fragen, was du gesündigt hast?«

Diese Gedanken überfielen mich mit einer solchen Gewalt, daß ich wie niedergedonnert in düsterem Sinnen nach meiner Behausung zurückschlich. Ich hatte keine Lust zu schlafen, sondern saß in meinem Stuhl, nachdem ich beim Dunkelwerden meine Lampe angezündet hatte.

Jetzt fiel mir ein, daß die Brasilianer sich als eines Heilmittels in fast allen Krankheiten des Tabaks bedienen, und daß ich in einer meiner Kisten ein Stück einer Tabaksrolle, das völlig zubereitet war, sowie ein anderes noch in grünem und unfertigem Zustand befindliches aufbewahrte.

Die Erinnerung hieran, die mir ohne Zweifel der Himmel selbst eingegeben, trieb mich zu jener Kiste, in der ich ein Labsal für Leib und Seele fand. Ich öffnete sie, nahm den Tabak und, da die wenigen Bücher, die ich gerettet, auch dort lagen, auch eine der erwähnten Bibeln heraus, in welcher zu lesen ich früher weder Zeit noch Lust gehabt hatte. Beides legte ich auf meinen Tisch.

Da ich nicht wußte, wie der Tabak anzuwenden sei, machte ich verschiedene Versuche, um zu sehen, ob er mir auf eine oder die andere Weise helfen könne. Zunächst kaute ich ein Stück eines Blattes, fühlte mich aber davon, da der Tabak noch grün und kräftig und ich nicht daran gewöhnt war, wie betäubt. Außerdem weichte ich einige Stückchen etliche Stunden in Rum auf, in der Absicht, davon einen Schluck beim Schlafengehen zu nehmen. Endlich verbrannte ich eine Portion auf Kohlen und hielt meine Nase in den Dampf, so lange ich es aushalten konnte.

In den Pausen dieser Beschäftigung griff ich nach der Bibel und fing an, darin zu lesen. Doch war mir der Kopf von dem Tabaksrauch zu verwirrt, um lange dabei zu bleiben. Als ich das Buch aufs Gerathewohl geöffnet, fiel mir die Stelle zuerst ins Auge: »Rufe mich an in der Noth, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen«.

Diese Worte paßten so sehr für meine Lage, daß sie einen gewissen Eindruck auf mich hervorbrachten, jedoch war dieser für jetzt noch nicht so tief als der, den dieselben Worte später in mir hervorriefen. Denn das Wort Errettung schien mir noch, sozusagen, ohne Sinn für mich; die Erlösung aus meiner Einsamkeit dünkte mich so fern und so unmöglich, daß ich, gleich den Kindern Israel, die, als ihnen Fleisch verheißen wurde, sprachen: »Kann Gott uns einen Tisch in der Wüste decken?« sagte: »Vermag auch Gott selbst mich wohl zu erretten aus dieser Oede?« Da die folgenden Jahre hindurch sich auch wirklich kein Hoffnungsschimmer in dieser Hinsicht zeigte, so kehrte jener Gedanke noch oft in mir wieder. Gleichwohl aber gaben mir jene Worte von jetzt an Veranlassung zu häufigem Nachdenken.

Weil es inzwischen spät geworden war und die Betäubung durch den Tabak mich schläfrig gemacht hatte, ging ich, nachdem ich meine Lampe hatte brennen lassen, zu Bett. Ehe ich mich aber niederlegte, that ich, was ich in meinem ganzen Leben nicht gethan hatte. Ich kniete nieder und betete zu Gott, daß er seine Verheißung an mir erfüllen und mich erretten möge, wenn ich ihn anriefe in der Noth.

Hierauf trank ich den Rum, in den ich den Tabak getaucht hatte, der Trank war jedoch so scharf und bitter, daß ich ihn fast nicht hinunterzubringen vermochte. Kaum zu Bette gestiegen, fiel ich in einen tiefen Schlaf und erwachte erst gegen drei Uhr des folgenden Nachmittags. Ja, zuweilen bilde ich mir noch bis auf den heutigen Tag ein, damals auch den ganzen andern Tag und die nächste Nacht hindurch geschlafen zu haben. Denn, wie sich einige Jahre später zeigte, fehlte mir ein Tag in meiner Zeitrechnung, ohne daß ich wußte, wohin er gekommen war. Sei dem aber wie ihm wolle, ich fühlte mich beim Erwachen ungemein erfrischt und meinen Lebensmuth heiter gekräftigt. Als ich aufgestanden war, konnte ich besser gehen als früher und spürte Hunger. Auch blieb ich am nächsten Tag (den 29. Juni) vom Fieber frei und erholte mich von da an allmählich ganz.

Den 30. Juni hatte ich gleichfalls einen fieberfreien Tag und ging daher mit dem Gewehr aus, entfernte mich jedoch absichtlich nicht weit. Ich schoß einige Seevögel von der Art der Baumgänse und brachte sie heim. Da ich jedoch keine große Lust verspürte, sie zu verzehren, begnügte ich mich wieder mit einigen Schildkröteneiern, die mir trefflich mundeten. Am Abend wiederholte ich das Mittel, das mir am vorigen Tage gut bekommen zu sein schien. Ich nahm wieder etwas von dem Rum, in welchem ich Tabak erweicht hatte, jedoch weniger als daß erste Mal, und unterließ auch, den Tabak zu kauen und den Rauch einzuathmen. Doch fühlte ich mich am andern Morgen (es war der 1. Juli) nicht so wohl, als ich gehofft, hatte auch einen neuen Fieberanfall, doch war er nicht stark.

Den 2. Juli. An diesem Tage wandte ich den Tabak wieder auf die drei erwähnten verschiedenen Arten an und betäubte mich wie früher, indem ich diesmal die Menge des Aufgusses verdoppelte.

Den 3. Juli. Das Fieber kehrte von jetzt an nicht wieder, obwohl ich erst nach mehren Wochen ganz wieder zu Kräften kam. Während ich mich erholte, kehrten meine Gedanken immer wieder zu den Worten der Schrift zurück: »So will ich dich erretten«. Die Unmöglichkeit meiner Befreiung bedrückte mir das Gemüth schwer, wiewohl ich doch immer wieder auf eine solche harrte. Da aber fiel mir plötzlich ein, daß ich ja über diese große Betrübniß die mir wirklich schon zu Theil gewordene Rettung vergessen hätte. Ich fragte mich: Bist du nicht wie durch ein Wunder von deiner Krankheit erlöst, aus der trostlosesten Lage, in der Jemand sein kann? Und hast du dafür deinen schuldigen Dank gezollt? Gott hat dich gerettet, und du hast ihn nicht dafür gepriesen. Wie darfst du auf eine größere Errettung hoffen? Dies bewegte mir das Herz so sehr, daß ich alsbald niederkniete und Gott laut für meine Genesung dankte.

Den 4. Juli. Am Morgen nahm ich die Bibel und fing an, aufmerksam im neuen Testamente zu lesen. Ich machte mir zur Vorschrift, von jetzt an jeden Abend und Morgen eine Weile darin zu lesen, ohne mich jedoch dabei an eine bestimmte Kapitelzahl zu binden, sondern nur so lange, als meine Gedanken dabei haften würden. Nicht lange, nachdem ich diese Thätigkeit begonnen, fühlte ich eine tiefe und aufrichtige Betrübniß über die Verworfenheit meines vergangenen Lebens. Mein Traum wurde wieder in mir lebendig und die Worte: »Alles dieses hat dich nicht zur Buße geführt«, traten mir vor die Seele. Ich hatte Gott ernstlich angefleht, daß er mir Reue ins Herz gebe, als ich zufällig an demselben Tag auf die Schriftstelle stieß: »Den hat Gott durch seine rechte Hand erhöhet zu einem Fürsten und Heiland, zu geben Israel Buße und Vergebung der Sünden«. Ich legte das Buch fort, und Herz und Hand in einer Art freudigen Entzückens zum Himmel erhebend, rief ich laut: »Jesus, du Sohn Davids, Jesus, du erhöheter Fürst und Heiland, gib mir ein bußfertiges Herz!«

Das war das erste Mal im Leben, daß ich mit Wahrheit behaupten konnte, gebetet zu haben. Denn ich hatte aus dem tiefsten Gefühle meiner Lage und in einer Hoffnung zu Gott gerufen, die auf seine Verheißung gegründet war, und von jetzt an faßte ich auch den Glauben, daß Gott mich erhören würde.

Ich verstand jetzt die früher erwähnten Worte: »Rufe mich an in der Noth, so will ich dich erretten« in einem andern Sinn als damals, wo ich dabei nur an meine Erlösung aus der Gefangenschaft dachte (denn wie groß auch die Insel war, auf der ich lebte, so war sie doch für mich ein Gefängniß im schlimmsten Sinne des Wortes). Nun aber, jene Stelle anders verstehend, suchte ich, in Furcht und Schrecken über die Sünden meiner vorigen Tage, nur Befreiung von dem Gewicht der Schuld, die auf meiner Seele lag. Mein einsames Leben bekümmerte mich nun nicht mehr. Ich bat nicht um und dachte nicht an Erlösung aus demselben; es schien mir Nichts im Vergleich zu jenem Elend. Und dies sei für alle meine Leser gesagt: daß, wenn sie zur Erkenntniß der Wahrheit gekommen sind, sie die Erlösung von der Sünde als einen viel größeren Segen empfinden werden als die Befreiung aus der Trübsal.

Doch ich wende mich nun wieder zu meinem Tagebuch. Meine Lage war zwar jetzt so elend als früher, aber sie bedrückte meine Seele weit weniger. Meine Gedanken richteten sich durch Gebet und Lesen in der Schrift auf Dinge höherer Art. Ich fühlte einen Trost in mir, wie ich ihn vorher nie empfunden, und jetzt kehrte auch meine volle Kraft und Gesundheit zurück. Ich entschloß mich, mir Alles, was ich bedurfte, durch Arbeit zu verschaffen, und von nun an ein möglichst regelmäßiges Leben zu führen.

Vom 4. bis 14. Juli verwendete ich meine Zeit zu neuen ausgedehnteren Gängen mit meinem Gewehr. Es ist kaum zu glauben, wie sehr herunter und schwach ich mich anfangs dabei fühlte. Die Heilmittel, die ich gebraucht hatte, waren gewiß niemals vorher von Jemandem gegen das Fieber angewendet worden, und ich kann das Experiment auch Niemandem empfehlen. Denn wiewohl es mich von dem Fieber befreit hatte, war ich doch auch wieder dadurch sehr geschwächt worden und litt noch geraume Zeit hindurch in Folge desselben an Nervenzucken und Zittern. Ich erkannte jetzt auch, daß es meiner Gesundheit sehr nachtheilig sei, während der Regenzeit auszugehen, besonders wenn der Regen von Wind und Sturm begleitet war. Sodann bemerkte ich, daß der im September und Oktober fallende Regen bei stürmischem Wetter mir viel gefährlicher war, als Sturm und Regen, wenn sie in der trockenen Zeit auftraten.

Ich befand mich jetzt schon über zehn Monate auf meiner einsamen Insel. Eine Möglichkeit, aus meiner trostlosen Lage befreit zu werden, schien mir nicht mehr vorhanden, weil ich fest glaubte, es habe noch nie ein menschliches Wesen außer mir einen Fuß auf diese Erde gesetzt.

Da ich jetzt meine Behausung hinlänglich gesichert zu haben meinte, spürte ich lebhaftes Verlangen, die Insel genauer kennen zu lernen und zu untersuchen, was für mir noch unbekannte Erzeugnisse darauf zu finden seien.

Ich begann diese Nachforschung am 15. Juli. Zunächst begab ich mich nach der kleinen Bucht, in die ich meine Flöße gesteuert hatte. Nachdem ich von dort aus den Fluß etwa zwei Meilen stromaufwärts verfolgt hatte, bemerkte ich, daß hier die Flut nicht weiter ging, und daß die Bucht sich in einem kleinen reißenden Bach von sehr frischem und klarem Wasser fortsetzte. Da es aber gerade die trockene Jahreszeit war, fand sich an einigen Stellen fast gar kein Wasser, oder es fehlte wenigstens eine sichtbare Strömung. An den Ufern des Baches traf ich auf liebliche grasreiche Wiesen, und an den höher gelegenen Uferstellen, welche das Wasser vermutlich nie erreichte, grünten zahlreiche Tabaksblätter auf starken und hohen Stengeln. Auch andere, mir aber unbekannte Pflanzen, die vielleicht, ohne daß ich es wußte, besondere gute Eigenschaften besaßen, fanden sich dort. Ich suchte vor Allem nach der Maniokpflanze, welche den Indianern in diesen Erdgegenden überall statt des Brodes dient, aber es war keine zu sehen. Dagegen bemerkte ich große Aloëstauden und etwas wildes, aus Mangel an Pflege verkümmertes Zuckerrohr.

Für diesmal begnügte ich mich mit diesen Entdeckungen und kehrte heim, indem ich bei mir überlegte, auf welche Art es mir gelingen könnte, die etwaige Trefflichkeit einer oder der andern Pflanzenfrucht zu entdecken. Mein Nachdenken war jedoch fruchtlos. Ich hatte mich während meines Aufenthalts in Brasilien zu wenig mit der Beobachtung der Pflanzenwelt abgegeben, um aus dieser jetzt irgend welchen Nutzen ziehen zu können.

Am nächsten Tag, den 16. Juli, schlug ich wieder denselben Weg ein. Etwas weiter als früher vorgedrungen, stieß ich auf das Ende des Baches und der Wiesen und die Gegend fing an waldiger zu werden. Hier fand ich verschiedene Früchte, besonders eine Menge Melonen und Weintrauben. Die Reben rankten sich von Baum zu Baum, und die Beeren waren gerade in voller Reife. Diese überraschende Entdeckung erfreute mich sehr; doch warnte mich vor zu reichlichem Genuß die Erinnerung daran, daß während meines Aufenthalts an der Barbarenküste einige englische Sklaven in Folge übermäßigen Weintraubenessens an der Ruhr und dem Fieber gestorben waren. Gleichwohl machte ich mir die Trauben vortrefflich zu Nutze. Ich hob sie nämlich in der Sonne getrocknet als Rosinen auf, die mir für die Zeit, wenn es keine Trauben mehr geben würde, als eine angenehme Speise dienen sollten.

Da ich den ganzen Abend an jenem Platze verweilt hatte, konnte ich nicht mehr zu meiner Behausung zurückkehren. Zum ersten Mal schlief ich sozusagen außer dem Hause; das heißt ich erstieg wieder, wie in der ersten Nacht nach meiner Ankunft auf der Insel, einen Baum und ruhete dort vortrefflich. Am andern Morgen setzte ich meinen Weg fort, und zwar nach meiner Berechnung etwa vier Meilen das Thal entlang, das sich zwischen zwei Hügelreihen nordwärts erstreckte. Am Ende meiner Wanderung kam ich zu einer Lichtung, von der aus die Gegend sich westlich auszudehnen schien. Ein frischer Quell, der seitwärts von mir an einer Anhöhe entsprang, nahm seinen Weg nach Osten hin. Die Landschaft bot einen üppig blühenden, saftgrünen Anblick und erschien wie ein wohlgepflegter Garten. Ich stieg ein wenig an der Seite dieses lieblichen Thals herab und überblickte es mit einer Art wehmüthiger Freude in dem Gedanken, daß dies Alles mir gehöre, daß ich unbestreitbarer Herr und König dieses Landes sei und daß, wenn ich es in bewohnte Gegend versetzen könnte, es ein Erbe so groß, wie nur irgend ein Lord in England es besitzen mag, repräsentiren würde.

Rings umher standen Cocusnußbäume in Menge, auch Orangen-, Limonen- und Citronenbäume, aber alle wild und gegenwärtig nur mit wenigen Früchten behangen. Indeß schmeckten die grünen Limonen, die ich brach, nicht nur vortrefflich, sondern später verschaffte mir der Saft, den ich mit Wasser mischte, auch ein sehr gesundes kühles und labendes Getränke. Ich hatte nun alle Hände voll zu thun, um Früchte zu sammeln und heim zu bringen, da ich beabsichtigte, mir einen Vorrath von Trauben, Limonen und Citronen für die Regenzeit, die ich nahe wußte, zu sammeln. Zu diesem Zweck häufte ich eine große Menge von Trauben auf, sammelte eine kleinere an einem anderen Platze und einen guten Theil Limonen in einem dritten Haufen. Einige der Früchte nahm ich sogleich mit nach Hause, den Rest gedachte ich in einem Beutel oder Sack später zu holen. Nach dreitägiger Entfernung zu meiner Wohnung zurückgelangt, fand ich, daß die Trauben, die ich bei mir trug, unterwegs verdorben waren; ihre eigne Schwere hatte die Beeren zerdrückt, während die wenigen Limonen, die ich mitgenommen, sich unversehrt erhalten hatten.

Am nächsten Tage, den 19., ging ich mit zwei kleinen Säcken versehen aus, um meine Ernte zu holen. Aber wie erstaunte ich, als ich zu meinen aufgehäuften Trauben, die, während ich sie gepflückt hatte, so voll und schön gewesen waren, kam, sie zerstreut, zerrissen, zertreten und zum Theil verzehrt fand. Ich schloß daraus, daß das Unheil von wilden, mir unbekannten Thieren angerichtet sei. Da ich somit die Unmöglichkeit einsah, die Trauben hier aufgehäuft liegen zu lassen, und da ich sie auch nicht in meinen Säcken mitnehmen konnte, weil sie in jenem Fall gefressen, in diesem verdorben sein würden, verfiel ich auf ein anderes Auskunftsmittel: nachdem ich nämlich eine große Menge Trauben gesammelt hatte, hing ich sie an Baumzweigen auf, um sie in Sicherheit von der Sonne trocknen zu lassen. Von den Citronen und Limonen nahm ich dagegen so viel mit, als ich nur zu tragen vermochte.

Auf dem Heimweg betrachtete ich mit großer Freude die Fruchtbarkeit des Thals und die Lieblichkeit der Gegend, die auch vor Stürmen geschützt und mit Wasser und Holz reichlich versehen war. Jetzt machte ich mir Vorwürfe, daß ich meine Behausung thörichter Weise an einer Stelle angeschlagen hatte, die in bei weitem der ungünstigsten Gegend der Insel gelegen sei, und begann ernstlich an eine Wohnungsveränderung zu denken und mich nach einem Obdach, das gleiche Sicherheit wie mein jetziges biete, in diesem reizenden fruchtbaren Theil des Landes umzusehen.

Dieser Gedanke ging mir sehr im Kopfe herum und reizte mich eine Weile außerordentlich. Bei näherer Betrachtung aber erwog ich, daß ich jetzt auf der Seeseite wohnte, wo mindestens die Möglichkeit vorhanden war, daß sich ein erwünschtes Unheil ereignen und ein gleiches Mißgeschick wie das meinige auch andere Unglückliche dort ans Land gerathen lassen könnte. Wie unwahrscheinlich das auch bedünken mochte, so hieß doch, mich in den Hügeln und Wäldern inmitten der Insel anzusiedeln auf meine Erlösung geradezu Verzicht leisten, und so kam ich denn auch zur Einsicht, daß ich deshalb auf keinen Fall meine Wohnung verändern dürfe. Da ich aber förmlich verliebt in jene Gegend war, brachte ich einen großen Theil meiner Zeit während des Restes des Monats Juli dort zu. Ich baute mir eine Art von kleiner Laube, die ich in einiger Entfernung mit einem starken Zaun, so hoch als ich mit den Armen reichen konnte, umgab. Dort schlief ich zuweilen mehre Nächte hinter einander ganz ruhig, indem ich den Zaun wie den um meine alte Wohnung mit einer Leiter überkletterte. So konnte ich mir denn einbilden, jetzt ein Landhaus und ein Haus an der Küste zu besitzen.

Jene Arbeiten nahmen mich bis zu Anfang des August in Anspruch. Kaum hatte ich die Einfriedigung vollendet und fing an mich der Früchte meiner Arbeit zu erfreuen, als die Regenzeit mich fest in meiner zuerstgewählten Behausung einschloß. Denn wiewohl ich in der zweiten mir von einem Stück eines Segels gleichfalls ein Zelt errichtet hatte, fehlte mir dort doch der Schutz eines Hügels, um die Stürme abzuhalten, sowie auch eine Höhle, um darin bei ungewöhnlich starkem Regen Schutz zu suchen.

Am 3. August schienen mir die aufgehängten Trauben hinlänglich trocken; sie waren auch wirklich zu trefflichen Rosinen geworden. Ich fing an, sie von den Bäumen abzunehmen und das war gut, denn der Regen würde sie außerdem bald verdorben und mich um den besten Theil meines Winterunterhalts gebracht haben. Nachdem ich nämlich über zweihundert große Trauben eingeheimst und in meine Höhle geschafft hatte, begann der Regen und dauerte vom 14. August bis zur Mitte des Oktober fort. Einige Male war er so heftig, daß ich mehre Tage hindurch meine Höhle keinmal verlassen konnte.

Während dieser Zeit wurde ich durch einen Familienzuwachs sehr überrascht. Ich hatte eine Weile in Sorgen um eine meiner Katzen gelebt, die verschwunden gewesen war, so daß ich geglaubt hatte, sie sei umgekommen. Nachdem sie geraume Zeit nichts von sich hatte sehen und hören lassen, kam sie plötzlich gegen Ende des August mit drei Jungen heim. Dies befremdete mich sehr. Zwar hatte ich einmal eine wilde Katze geschossen, aber, wie mir schien, war dieselbe von der europäischen Art völlig verschieden gewesen, und ich hatte daher geglaubt, die hier einheimische Art würde sich mit jener nicht paaren. Die Kätzchen glichen aber ganz der Mutter, und da meine beiden Katzen Weibchen waren, fand ich das sehr seltsam. Durch diese drei Katzen wurde ich später so mit Katzen überschwemmt, daß ich sie wie Ungeziefer oder wilde Thiere tödten und mit aller Anstrengung von meiner Wohnung verscheuchen mußte.

Vom 14. bis zum 26. August fortwährender Regen. Ich konnte nicht ausgehen und suchte mich nur möglichst vor der Nässe zu schützen. In dieser Eingeschlossenheit ging mir die Nahrung auf die Neige; ich wagte mich daher zweimal hinaus, schoß den einen Tag eine Ziege und fand am andern eine große Schildkröte, die mir einen wahren Leckerbissen bot. Meine Mahlzeiten hatte ich jetzt folgendermaßen geregelt: zum Frühstück genoß ich einige Rosinen, als Mittagsessen ein Stück gedörrtes Ziegenfleisch oder etwas geröstete Schildkröte (denn um zu kochen mangelte mir zu meinem großen Bedauern ein taugliches Gefäß). Mein Abendessen bestand regelmäßig aus einigen Schildkröteneiern.

Während jener durch den Regen bewirkten Gefangenschaft arbeitete ich täglich mehre Stunden daran, meine Höhle zu erweitern. Ich gelangte dabei bis zur entgegengesetzten Außenseite des Hügels und legte mir auf dieser eine Thür an, durch die ich nun ein- und ausgehen konnte. Es war mir zwar nicht ganz wohl zu Muthe bei dem Gedanken, so offen und frei dazuliegen. Früher war ich vollkommen abgeschlossen gewesen, während jetzt Alles, was Lust hatte, zu mir gelangen konnte. Jedoch hatte ich bis dahin kein lebendes Wesen auf der Insel bemerkt, das ich zu fürchten brauchte; denn die größten Thiere, die ich bisher hier gesehen, waren die Ziegen gewesen.

Den 30. September. Es war jetzt ein Jahr seit meiner Ankunft vergangen, wenigstens fand ich beim Zusammenzählen der Einschnitte an meinem Pfahl, daß ich bereits 365 Tage auf der Insel gelebt hatte. Ich fastete diesen Jahrestag über und verwendete ihn zu frommen Uebungen. Ich warf mich nieder in aufrichtiger Demuth, bekannte meine Sünden vor Gott, erkannte sie an als gerechtes Gericht über mich und flehte zu ihm, er möge um Jesu Christi willen mir gnädig sein. Nachdem ich zwölf Stunden ohne die geringste Erfrischung geblieben war, verzehrte ich nach Sonnenuntergang ein Stück Zwieback und eine Traube mit getrockneten Beeren und legte mich dann zu Bett, nachdem ich den Tag mit einem Gebete, wie ich ihn begonnen, auch beschlossen hatte. Bisher war nicht ein einziger Sonntag von mir gefeiert worden, da ich anfangs aus Mangel an religiöser Stimmung unterlassen hatte, die Wochen zu bezeichnen, und daher später die Tage nicht mehr zu unterscheiden vermochte. Nun aber theilte ich bei der Berechnung der Tage nachträglich das verflossene Jahr in Wochen und zeichnete den siebenten Tag als Sonntag aus. Bald darauf nahm ich wahr, daß meine Tinte auf die Neige ging, und ich setzte mir daher vor, von nun an nur noch die bemerkenswertesten Ereignisse meines einsamen Lebens aufzuzeichnen.

Jetzt, wo ich allmählich die Regelmäßigkeit im Eintreten der trockenen und nassen Jahreszeit erkannt hatte, war ich auch im Stande, für jede die richtigen Vorkehrungen zu treffen. Wie ich jedoch all meine Erfahrungen theuer erkaufen mußte, war es auch mit derjenigen der Fall, von welcher ich jetzt berichten will, ja sie war eine der entmuthigendsten unter allen.

Wie erwähnt, hatte ich die wenigen so wunderbar aufgesprossenen Gersten- und Reisähren aufbewahrt. Es waren, wenn ich nicht irre, dreißig Reis- und etwa zwanzig Gerstenhalme. Weil ich glaubte, es sei jetzt nach dem Regen, als die Sonne sich südlich von mir entfernte, Zeit, die Körner zu säen, grub ich, so gut es mit meinem hölzernen Spaten gehen wollte, ein Stück Land um und streute das Korn in zwei Abtheilungen darauf. Wegen meiner nicht völligen Sicherheit darüber, ob es die geeignete Zeit sei, verbrauchte ich zunächst nur zwei Drittel des Korns und behielt etwa eine Handvoll von jeder Art zurück. Das gereichte mir später zu großem Trost; denn nicht ein einziges Korn ging auf, da die trockenen Monate folgten, und die Erde des Regens entbehrte, auch kein Düngmittel das Wachsthum unterstützte. Erst in der feuchten Jahreszeit entwickelte sich meine Aussaat, wie wenn sie erst kurz zuvor geschehen sei. Als ich mein Korn nicht wachsen sah, suchte ich eine feuchtere Stelle des Bodens auf, um einen weiteren Versuch zu machen. Ich grub ein Stück Landes in der Nähe meiner Laube um und säete den Rest meines Korns dort im Februar kurz vor dem Frühlingsäquinoctium aus. Da die regnerischen Monate März und April folgten, ging es denn dort auch üppig auf und gab reichlichen Ertrag. Weil ich aber nur wenig Korn gehabt hatte, betrug meine ganze Ernte auch nur eine halbe englische Metze von jeder Art. Doch war ich durch diese Erfahrung gewitzigt, kannte jetzt die zur Aussaat geeigneten Zeiten und wußte, daß ich jährlich zweimal säen und ernten konnte.

Während mein Korn wuchs, machte ich eine kleine Entdeckung, die mir später nützlich wurde. Sobald der Regen vorüber war und das Wetter sich aufheiterte, was gegen den November hin geschah, besuchte ich nämlich meine Laube nach monatelanger Anwesenheit einmal wieder. Ich fand Alles dort, wie ich es verlassen. Die von mir angelegte Doppelhecke war nicht nur fest und unversehrt, sondern es waren auch die Pfähle, die ich von benachbarten Bäumen abgehauen hatte, ausgeschlagen und hatten hohe Zweige getrieben, wie es die Weidenbäume im ersten Jahre, nachdem sie geköpft sind, zu thun pflegen. Die Baumart, von der ich die Pfähle genommen, konnte ich nicht nennen. Ich war sehr angenehm überrascht, die jungen Stämme grünen zu sehen, beschnitt sie und suchte sie zu möglichst gleichmäßiger Höhe zu gestalten. Es ist kaum glaublich, wie schön sie binnen drei Jahren heranwuchsen. Denn wiewohl der Kreis, den sie beschrieben, gegen fünfundzwanzig Ellen im Durchmesser hielt, bedeckten sie ihn doch vollständig und gewährten so viel Schatten, daß ich fast die ganze trockene Jahreszeit hindurch mich unter demselben aufzuhalten pflegte.

Dies veranlaßte mich, weitere Pfähle zu fällen und mir eine ähnliche Umfriedigung auch um meine erste Wohnung anzulegen. Ich schlug die Palissaden etwa acht Ellen entfernt von der früher angelegten Einzäunung und in einer Doppelreihe ein, sie wuchsen prächtig heran und gewährten meiner Wohnung nicht nur Schatten, sondern dienten, wie ich seiner Zeit erzählen werde, mir später auch zur Vertheidigung.

Ich beobachtete, daß das Jahr hier nicht, wie in Europa, in Sommer und Winter, sondern in regnerische und trockene Zeiten zerfiel. Das Verhältniß stellte sich so: die Hälfte des Februar, der März und der halbe April gehörten zur Regenzeit, da dann die Sonne der Tag- und Nachtgleiche nahe war. Der halbe April, der Mai, Juni, Juli und der halbe August, wenn die Sonne nördlich vom Aequator stand, waren trocken. Die zweite Hälfte des August, der September und der halbe Oktober gehörten wieder zur Regenzeit, dagegen zählte zur trockenen Periode: der Rest des Oktober, der November, December, Januar und die erste Hälfte des Februar, wenn die Sonne südlich vom Aequator stand.

Zuweilen dauerte die Regenzeit länger oder kürzer, je nachdem der Wind wehete. Nachdem ich die üblen Wirkungen meiner Ausgänge in der nassen Periode erkannt hatte, trug ich Sorge dafür, mich stets mit den nöthigen Vorräthen zu versehen, um während der regnerischen Monate zu Hause bleiben zu können. Diese Zeit verwendete ich sehr zweckmäßig, um mich mit allerlei Dingen auszurüsten, deren Herstellung nur durch schwere und langwierige Arbeit zu bewirken war. So machte ich namentlich verschiedene Versuche, einen Korb zu Stande zu bringen. Alle Zweige aber, mit denen ich es probirte, waren unbrauchbar wegen ihrer großen Sprödigkeit. Jetzt gereichte es mir sehr zum Vortheil, daß ich als Knabe in meiner Vaterstadt oft mit großem Vergnügen dem Hantieren eines Korbmachers zugeschaut hatte. Ich war damals, wie Jungen pflegen, sehr dienstfertig gewesen, dem Korbflechter zu helfen, und hatte mir daher vollkommene Kenntniß seiner Methode angeeignet, so daß mir jetzt nur das Material fehlte. Da fiel es mir ein, daß die Zweige des Baumes, von welchem ich meine Pfähle geholt, vielleicht so geschmeidig seien wie in England die Weidenruthen. Daher begab ich mich sogleich am nächsten Tag zu meinem sogenannten Landhaus, schnitt einige dünnere Zweige ab und fand sie zu meinem Zweck so geeignet, als ich es nur wünschen konnte. Ich holte mir daher am folgenden Tage, mit dem Beil versehen, eine große Menge derselben, legte sie zum Trocknen innerhalb meiner Einfriedigung nieder und brachte sie, als sie brauchbar waren, in meine Höhle. Hier fertigte ich mir während der nächsten Regenzeit eine Menge von Körben, theils um Erde oder Anderes darin zu tragen, theils um Allerlei darin aufzubewahren. Meine Arbeit gerieth zwar nicht sehr schön, aber ihre Resultate waren doch vollkommen zweckentsprechend. Später trug ich Sorge, immer einen Vorrath von Körben zu haben, und fertigte mir, sobald die früheren abgenutzt waren, eine Anzahl neue. Dabei kam es mir besonders darauf an, die Körbe möglichst stark und tief zu machen, um darin, statt in Säcken, mein Korn aufbewahren zu können, wenn ich davon einmal einen großen Vorrath haben würde.

Nachdem ich diese eine schwierige Aufgabe mit unendlichem Zeitaufwand glücklich gelöst hatte, dachte ich daran, mich mit zwei anderen nöthigen Gegenständen, wenn möglich, zu versehen. Ich besaß nämlich kein Gefäß, um Flüssigkeiten darin aufzubewahren, außer zwei, beinahe noch ganz mit Rum angefüllten Fäßchen und einigen Glasflaschen, die theils die gewöhnliche Form hatten, theils viereckig waren. Zur Benutzung beim Kochen hatte ich nichts als einen aus dem Schiff geretteten großen Kessel, der zur Bereitung von Bouillon und zum Kochen kleiner Stückchen Fleisch zu umfangreich war. Das Zweite, wonach ich großes Verlangen trug, war eine Tabakspfeife. Obschon mir anfangs die Verfertigung einer solchen ganz unmöglich schien, gelang es mir endlich doch, eine zu erfinden. Die Anlegung meiner Doppelreihe von Pfählen und die Korbmacherarbeit beschäftigten mich den ganzen Sommer, das heißt die ganze trockene Jahreszeit hindurch.

Ich sprach schon von meiner großen Lust, die ganze Insel kennen zu lernen, und daß ich schon früher an dem Bache herauf bis an die Stelle, wo ich meine Laube angelegt, und weiterhin, wo ich den Ausblick nach der See auf der anderen Seite der Insel hatte, gekommen war. Jetzt beschloß ich, einmal meinen Weg längs der Seeküste auf jener Seite hin zu nehmen, und machte mich denn auch mit meiner Flinte, einem Beil, meinem Hund und mit einer größeren Quantität von Pulver und Blei als gewöhnlich, sowie mit zwei Zwiebacken und einem großen Bündel Rosinen in meinem Beutel auf die Wanderung. Nachdem ich das Ende des Thals, in welchem sich meine Laube befand, passirt hatte, bekam ich bald das Meer in Sicht. Da es ein außerordentlich heller Tag war, entdeckte ich plötzlich in der Ferne Land, konnte aber nicht unterscheiden, ob es eine Insel oder Festland sei. Es lag hoch und streckte sich von Westen nach Westsüdwesten in langer Ausdehnung hin. Nach meiner Berechnung mußte es mindestens fünfzehn bis zwanzig Meilen von meiner Insel entfernt sein.

Es war mir unbekannt,. was für ein Stück Erde das sein mochte, nur so viel glaubte ich zu wissen, daß es zu Amerika gehöre und allen meinen Beobachtungen nach in der Nähe der spanischen Besitzungen liegen müsse. Vielleicht mochte es von Wilden bewohnt sein, und wenn ich dort ans Land gerathen wäre, hätte ich mich wohl noch in schlimmerer Lage befunden als hier. Dieser Gedanke söhnte mich noch mehr aus mit der Fügung der Vorsehung, die, wie ich jetzt einzusehen begann, Alles aufs Beste ordnet. Meine Seele wurde nun ruhiger und ich quälte mich nicht mehr mit fruchtlosen Wünschen, anderswo zu leben.

Uebrigens sagte ich mir, daß, wenn jenes Land wirklich zur spanischen Küste gehöre, sich früher oder später sicherlich in der Nähe desselben ein Schiff zeigen werde. War das Erstere aber nicht der Fall, so konnte jene Küste nur von den zwischen den spanischen Kolonien und Brasilien hausenden Wilden bewohnt sein, welche die schlimmsten von Allen, nämlich Cannibalen oder Menschenfresser sind und alle menschlichen Geschöpfe, die in ihre Hände fallen, ermorden und verzehren.

Unter solchen Gedanken schritt ich gemächlich weiter. Wie ich bemerkte, war die Inselseite, auf der ich mich jetzt befand, weit anmuthiger als die meinige. Es gab hier blumengeschmückte Savannen oder Wiesen und schönes Gehölz fand sich in Menge. – Ich erblickte eine große Anzahl von Papageien, und es überkam mich stark die Lust, mir einen zu fangen, um ihn zu zähmen und sprechen zu lehren. Nach mehren vergeblichen Versuchen gelang es mir auch, eines jungen Thieres dieser Vogelart habhaft zu werden, das ich mit einem Stock vom Baume schlug und, nachdem es sich erholt hatte, nach Hause trug. Es währte mehre Jahre, bis dieser Papagei sprechen lernte, endlich aber hatte er gelernt, mich ganz verständlich bei meinem Namen zu rufen. Ein Vorfall, der sich hieran knüpfte, soll, obwohl er an sich unbedeutend ist, später zum Ergötzen des Lesers mitgetheilt werden.

Ich war sehr befriedigt von meiner Wanderung. In den Thälern hatte ich Hasen, wenigstens hielt ich einige mir begegnende Thiere für solche, und Füchse angetroffen. Doch unterschieden sie sich wesentlich von denen, die mir anderwärts vorgekommen waren, und lieferten mir auch kein Nahrungsmittel, wiewohl ich einige davon erlegte. Uebrigens litt ich auch in Bezug auf Victualien jetzt keinen Mangel, denn ich war mit solchen von trefflicher Qualität versehen, und zwar besonders mit dreierlei Fleischarten, nämlich dem der Ziegen, Tauben und Schildkröten. Die Rosinen dazu gerechnet, hätte selbst der Markt von Leadenhall wenigstens für einen einzelnen Menschen keine bessern Tafelfreuden liefern können als diese. So hatte ich, wie traurig meine Lage auch sein mochte, doch Grund genug zur Dankbarkeit. Litt ich doch so wenig Mangel an Unterhalt, daß ich eher im Ueberfluß, und zwar sogar an nahrhaften Leckerbissen lebte.

Während meiner Entdeckungsreise machte ich nicht viel über zwei Meilen des Tags, dennoch kehrte ich stets durch viele Umwege, die ich einschlug, um Wahrnehmungen zu machen, müde genug zu dem Platze zurück, den ich ein- und für allemal zu meinem Nachtlager bestimmt hatte. Ich schlief dort entweder auf einem Baum, oder bildete mir eine Einfriedigung, indem ich rings um mich her Pfähle einsteckte, oder solche von einem Baum zum andern legte. So konnten wilde Thiere nicht in meine Nähe kommen, ohne daß ich aufwachte. Wieder an das Meeresufer gelangt, sah ich mit Erstaunen, daß ich auch in Bezug auf dieses mein Quartier auf der ungünstigsten Seite der Insel genommen hatte. Denn hier war der Strand von unzähligen Schildkröten bedeckt, während ich deren auf der anderen Seite binnen anderthalb Jahren nur drei gefunden hatte. Auch eine große Menge von Vögeln gab es hier, von denen mir einige bisher noch nicht zu Gesicht gekommen waren. Manche darunter lieferten leckere Mahlzeiten, dem Namen nach erkannte ich darunter nur die sogenannten Fettgänse. Wiewohl es eine Leichtigkeit gewesen wäre, von diesen so viel mir beliebte zu schießen, begnügte ich mich, da ich mit Pulver und Blei sehr haushälterisch umging, lieber damit, mir eine Ziege zu erlegen, die mir längern Unterhalt gewährte. Obgleich auch von diesen Thieren hier eine Menge, und zwar eine noch größere als auf meiner Inselseite vorhanden war, hielt es doch schwerer als dort, an sie heran zu kommen, da sie wegen der Ebenheit und Flachheit der Gegend mich immer sehr bald bemerkten.

Dieser ganze Theil des Eilandes behagte mir, wie gesagt, weit besser als der, in welchem ich mich niedergelassen hatte. Aber dennoch fühlte ich nicht die geringste Lust, meine Wohnung zu verlassen, denn durch die Gewohnheit war diese mir lieb geworden, und es dünkte mich die ganze Zeit meiner Wanderung hindurch, als ob ich in der Fremde sei. Ich ging an der Küste ungefähr zwölf Meilen ostwärts, pflanzte dort einen großen Pfahl zum Merkzeichen am Strande auf und beschloß dann, heimzukehren. Meinen nächsten Ausflug gedachte ich die andere Seite der Insel entlang zu machen und so in die Runde zu gehen, bis ich wieder an jenem Pfahl ankäme. Diesmal schlug ich einen andern Rückweg an, in der Ueberzeugung, daß ich leicht den Ueberblick über die Insel behalten und nach meiner ersten Wohnung nicht fehl gehen könne. Ich hatte mich jedoch getäuscht, denn nach zwei bis drei Meilen befand ich mich in einem großen, von Wald bedeckten Hügeln umkränzten Thale, so daß ich mich über den einzuschlagenden Weg nur durch die Beobachtung des Sonnenstandes zu orientiren vermochte. Um das Mißgeschick zu steigern, wurde das Wetter während der drei oder vier Tage, die ich in diesem Thale zubrachte, neblig, so daß ich die Sonne nicht zu sehen bekam und so lange mißmuthig herumirrte, bis ich mich nothgedrungener Weise wieder nach der Seeseite hinwendete, meinen Pfahl aufsuchte und dann auf demselben Wege, den ich auf dem Hinweg gekommen war, heimkehrte. Da das Wetter ungemein heiß war und ich an meiner Flinte, dem Schießbedarf und dem Beil schwer zu tragen hatte, legte ich den Weg nach Hause in nur kleinen Tagemärschen zurück.

Auf meiner Heimwanderung fing mein Hund ein Ziegenlamm, das ich, herbeigeeilt, während es noch am Leben war, ihm entriß. Es wandelte mich große Lust an, es mit nach Hause zu nehmen, da ich schon darüber nachgedacht hatte, ob es nicht gelingen könne, ein oder zwei Lämmer zu fangen und mir so für die Zeit, wenn mein Pulver und Blei verbraucht sein würde, eine Zucht von zahmen Ziegen anzulegen. So machte ich denn dem kleinen Geschöpf ein Halsband und führte es an einer Leine, die ich mir aus etwas Taugarn, wovon ich beständig ein wenig bei mir trug, verfertigte, bis zu meiner Laube, wo ich es einschloß und zurückließ. Denn ich brannte vor Ungeduld, nach mehr als einmonatlicher Abwesenheit wieder nach Hause zu kommen.

Ich kann nicht beschreiben, mit welcher Freude ich meine alte Behausung begrüßte und mich in meine Hängematte schlafen legte. Die kleine Reise, auf der ich wie ein Nomade gelebt hatte, war mir so wenig angenehm gewesen, daß mein eignes Haus, wie ich es nannte, mir jetzt als ein wohlgeordnetes Heimwesen erschien. Alles um mich muthete mich so traulich an, daß ich mir vornahm, mich, so lange ich auf der Insel verweilen müßte, nicht wieder auf eine so weite Strecke zu entfernen.

Eine Woche hindurch pflegte ich jetzt der Ruhe, um mich von den Anstrengungen meiner Wanderung zu erholen. Den größten Theil dieser Zeit nahm ein wichtiges Geschäft in Anspruch. Ich fertigte nämlich für mein Papchen, das sich schon wie zu Hause bei mir fühlte und gar gut bekannt mit mir geworden war, einen Käfig an. Dann dachte ich an das arme Ziegenlamm, das ich in meiner kleinen Umfriedigung eingesperrt hatte, und ging, es zu holen und ihm zu fressen zu geben. Zwar fand ich es noch am alten Ort, aber es war halb verhungert. Ich schnitt Zweige von Bäumen und Sträuchern ab, warf sie ihm vor, und nachdem es gefressen, wollte ich es wie früher anbinden, um es nach Hause zu leiten. Aber es war durch den Hunger so zahm geworden, daß es nicht nöthig schien, es zu fesseln, denn es folgte mir von freien Stücken wie ein Hund. Ich fütterte es dann regelmäßig, und das Thierchen wurde so anmuthig, zutraulich und zahm, daß es nun auch zu meiner Familie gehörte und nicht wieder von mir weichen wollte.

Jetzt war wiederum die Regenzeit der herbstlichen Tag- und Nachtgleiche gekommen, und ich beging den 30. September in derselben feierlichen Weise wie früher als den Jahrestag meiner Landung. Zwei Jahre waren seit dieser nun vergangen, und meine Aussicht auf Befreiung schien noch nicht größer als am ersten Tage. Ich verwendete den ganzen 30. September zu demüthiger, dankbarer Erinnerung an die vielen wunderbaren Gnadenerweisungen, die mir in meiner Einsamkeit zu Theil geworden waren und ohne die mein Elend unendlich viel größer gewesen sein würde. Aus tiefstem Herzen dankte ich Gott, daß er mir die Augen darüber geöffnet hatte, wie ich in dieser Einsamkeit sogar glücklicher als inmitten menschlicher Gesellschaft und unter allen Freuden der Welt sein könne; daß er mir die Entbehrungen meiner Lage und den Mangel an menschlichem Verkehr durch seine Gegenwart und durch seine gnädige Offenbarung reichlich ersetzt, mir Hülfe und Trost gewährt und mich ermuthigt hatte, auf seine Vorsehung zu bauen und zu hoffen, daß er allezeit bei mir sein werde.

Allmählich kam mir zum Bewußtsein, um wie viel glücklicher mein jetziges Leben trotz aller seiner betrübsamen Umstände sei als das nichtswürdige verworfene Dasein, das ich in früheren Tagen geführt hatte. Meine Sorgen und Freuden gestalteten sich von Grund aus um, sogar meine Wünsche änderten ihre Natur, meine Neigungen waren wie vertauscht, und ich fand jetzt mein Vergnügen in ganz anderen Dingen als denen, in welchen ich es nach meiner ersten Ankunft, oder wenigstens noch vor zwei Jahren gesucht hatte.

Sonst, wenn ich umher gewandert war, auf der Jagd, oder um das Land kennen zu lernen, hatte oft eine plötzliche Angst meine Seele überfallen und mir das Herz beklemmt. Der Gedanke an die Wälder, die Berge, die Einöde, die mich umgab, und wie ich eingeschlossen sei durch die ewigen Riegel und Schlösser des Oceans, in einer öden Wildniß, ohne Hoffnung auf Erlösung, hatte mich da oft niedergebeugt. Mitten in der ruhigsten Stimmung war es oft wie ein Sturmwind über mein Gemüth gekommen, und mit gerungenen Händen hatte ich oft wie ein Kind weinen müssen. Zuweilen hatte mich's mitten in der Arbeit überfallen, dann hatte ich mich sofort niedergesetzt und stundenlang seufzend auf die Erde geblickt. Und gerade dieser Zustand war der schlimmste, denn wenn mein Kummer sich in Thränen oder Worten Luft machen konnte, pflegte er sich bald zu mildern.