Alexander Sergejewitsch Puschkin

IV.

Homme sans mœurs et sans religion! (Aus dem Briefwechsel.)

Lisaweta Iwanowna saß noch immer im Ballkleid ihrem Zimmer. Sie war in Gedanken versunken. Sobald sie nach Hause gekommen war, schickte sie die verschlafene Zofe, die ihr beim Auskleiden behilflich sein wollte, fort und ging bebend in ihr Zimmer, in der Hoffnung, dort Hermann zu treffen, und mit dem Wunsch, ihn nicht zu treffen. Beim ersten Blick sah sie, daß er nicht gekommen war, und dankte dem Schicksal, das ihm irgend ein Hindernis in den Weg gelegt hatte. Sie setzte sich, ohne sich auszukleiden, hin und ließ alle Umstände, die sie in so kurzer Zeit so weit gebracht hatten, Revue passieren. Es waren ja seit jenem Tage, als sie den jungen Mann zum erstenmal im Fenster erblickt hatte, kaum drei Wochen verstrichen, und doch korrespondierte sie mit ihn bereits und hatte ihm sogar ein nächtliches Stelldichein gewährt! Seinen Namen kannte sie nur aus den Unterschriften seiner Briefe; sie hatte mit ihm noch nie gesprochen, kannte selbst den Klang seiner Stimme nicht und hatte – bis zu diesem Abend  – noch nie von ihm sprechen hören. Es hatte sich so sonderbar gefügt! – Tomskij wollte heute auf dem Ball die junge Fürstin Pauline *** ärgern, weil sie diesmal gegen ihre Gewohnheit mit einem andern und nicht mit ihm kokettierte; um sich zu rächen, engagierte er Lisaweta Iwanowna zu einer endlosen Mazurka. Während des Tanzes neckte er sie wegen ihrer Vorliebe für Genieoffiziere und behauptete, viel mehr zu wissen, als sie glaube; einige seiner Scherze waren so geschickt gezielt, daß Lisaweta Iwanowna zu glauben anfing, daß er ihr Geheimnis kenne.

»Von wem wissen Sie das alles?« fragte sie lachend.

»Von den Freunden einer Ihnen wohlbekannten Person,« erwiderte Tomskij, »eines ganz ungewöhnlichen Menschen.«

»Wer ist denn dieser ganz ungewöhnliche Mensch?«

»Er heißt Hermann.«

Lisaweta Iwanowna fand keine Antwort, aber ihre Glieder erstarrten zu Eis...

»Dieser Hermann,« fuhr Tomskij fort, »ist eine echte Romangestalt: er hat das Profil von Napoleon und die Seele eines Mephisto. Ich glaube, daß er mindestens drei Verbrechen auf dem Gewissen hat. Wie blaß Sie geworden sind!...«

»Ich habe Kopfweh... Was hat Ihnen dieser Hermann erzählt ... oder wie heißt er doch?...«

»Hermann ist mit seinem Freund höchst unzufrieden; er sagt, daß er an seiner Stelle anders gehandelt hätte ... Ich glaube übrigens, daß dieser Hermann selbst Absichten auf Sie hat: jedenfalls kann er die Liebesergüsse seines Freundes nicht gleichgültig anhören.«

»Wo hat er mich denn gesehen?«

»Vielleicht in der Kirche ... oder auf der Promenade. Gott weiß wo! Vielleicht auch in Ihrem Zimmer, während Sie schliefen: er ist zu allem fähig.«

In diesem Augenblick traten an sie drei Damen heran mit der Frage: »Oubli ou regret?« So wurde dies Gespräch, welches für Lisaweta Iwanowna so quälend interessant geworden war, unterbrochen.

Die Dame, die sich Tomskij jetzt wählte, war eben die Fürstin Pauline, von der er sich anfangs abgewandt hatte.

Sie tanzte mit ihm eine Extratour und machte wieder alles gut. Als Tomskij auf seinen Platz zurückkehrte, dachte er weder an Lisa, noch an Hermann. Sie wollte durchaus das begonnene Gespräch fortsetzen, aber die Mazurka war schon zu Ende, und die alte Gräfin brach auf.

Die Worte Tomskijs waren nichts mehr als ein gewöhnliches Mazurka-Geschwätz, und doch drangen sie tief in die Seele der jungen Träumerin. Das von Tomskij entworfene Bild stimmte mit dem, das sie sich selbst ausgemalt hatte, überein, und die eigentlich ganz gewöhnliche Gestalt reizte und ängstigte ihre von den neuen Romanen stark beeinflußte Phantasie. Sie saß, die nackten Arme gekreuzt und den noch mit Blumen geschmückten Kopf auf die entblößte Brust gesenkt, als die Tür aufging und Hermann eintrat. Sie erbebte...

»Wo waren Sie?« flüsterte sie ängstlich.

»Im Schlafzimmer der alten Gräfin,« antwortete Hermann, »ich habe sie erst eben verlassen. Die Gräfin ist tot.«

»Mein Gott! ... Was sagen Sie? ...«

»Und ich glaube,« fuhr Hermann fort, »daß ich ihren Tod verschuldet habe.«

Lisaweta Iwanowna sah ihn an und mußte an die Worte Tomskijs denken: dieser Mensch hat mindestens drei Verbrechen auf dem Gewissen! Hermann setzte sich neben sie auf das Fensterbrett und erzählte ihr alles.

Lisaweta Iwanowna hörte ihm zitternd zu. Die leidenschaftlichen Briefe, die ungestümen Forderungen, die frechen hartnäckigen Nachstellungen – dies alles bedeutete also nicht Liebe! Geld! – nur nach Geld lechzte er! Nur Geld, und nicht sie, sollte sein Verlangen stillen und ihn glücklich machen! Die arme Pflegetochter war also nur die blinde Helferin eines Räubers, des Mörders ihrer alten Wohltäterin... Sie weinte bittere Tränen der späten, qualvollen Reue. Hermann sah sie schweigend an: auch er war bestürzt, doch waren es nicht die Tränen des jungen Mädchens und nicht die große Schönheit ihrer Verzweiflung, was ihn so ergriff. Eines quälte ihn nur: der unwiederbringliche Verlust des Geheimnisses, auf das er seine Hoffnung auf Bereicherung gesetzt hatte. »Sie sind ein Ungeheuer!« sagte endlich Lisaweta

»Ich habe ihren Tod nicht gewollt,« erwiderte Hermann. »Die Pistole war ja gar nicht geladen.«

Beide blieben schweigend sitzen.

Der Morgen brach an. Lisaweta Iwanowna blies die niedergebrannte Kerze aus. Das erste blasse Morgenlicht drang ins Zimmer. Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und sah Hermann an. Er saß mit gekreuzten Armen und drohend gerunzelter Stirne auf dem Fensterbrett. In dieser Stellung hatte er große Ähnlichkeit mit Napoleon. Diese .Ähnlichkeit erschütterte Lisaweta Iwanowna. »Wie verlassen Sie nun das Haus?« sagte sie nach einer Pause. »Ich hatte vor, Sie über die geheime Treppe hinunterzuleiten; man muß da aber das Schlafzimmer passieren, und ich habe solche Angst...« »Erklären Sie mir nur, wie ich zu der geheimen Treppe komme; ich finde dann schon selbst hinaus.« Lisaweta Iwanowna stand auf, holte aus der Kommode einen Schlüssel und gab ihn Hermann mit einer genauen Anweisung, wie er zu gehen habe. Hermann drückte ihre kalte leblose Hand, küßte ihren gesenkten Kopf und verließ das Zimmer.

Er ging die Wendeltreppe hinunter und kam wieder ins Schlafzimmer der Gräfin. Die tote Alte saß wie versteinert, ihre Züge drückten tiefen Frieden aus. Hermann blieb vor ihr stehen und sah sie lange an, als ob er sich noch der schrecklichen Wahrheit vergewissern wollte; dann ging er ins Kabinett, wo er tastend eine hinter der Tapete verborgene Tür fand. Er kam auf eine dunkle Treppe. Sonderbare Gedanken gingen ihm durch den Kopf, während er die Stufen hinunterstieg: »Vor sechzig Jahren schlich vielleicht über diese Treppe in dies Schlafzimmer und um diese selbe Stunde ein jungem glücklicher Galan im gestickten Rock, à l'oisea royal frisiert und den Dreimaster ans Herz drückend; er ist längst im Grabe zu Staub zerfallen, das Herz seiner alten Geliebten hat aber erst heute zu schlagen aufgehört...« Unten angelangt, fand Hermann eine Tür, die er mit dem gleichen Schlüssel öffnete, und kam so in einen Korridor, durch den er auf die Straße gelangte.